{"id":12660,"date":"2024-05-21T13:40:08","date_gmt":"2024-05-21T11:40:08","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.prif.org\/jugend-in-der-krise-ueberforderung-bewaeltigung-und-radikalisierungspotenziale\/"},"modified":"2024-05-21T13:40:08","modified_gmt":"2024-05-21T11:40:08","slug":"jugend-in-der-krise-ueberforderung-bewaeltigung-und-radikalisierungspotenziale","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.prif.org\/en\/2024\/05\/21\/jugend-in-der-krise-ueberforderung-bewaeltigung-und-radikalisierungspotenziale\/","title":{"rendered":"Jugend in der Krise \u2013 \u00dcberforderung, Bew\u00e4ltigung und Radikalisierungspotenziale"},"content":{"rendered":"<p><strong>Jugendliche stehen in dem Ruf, besonders radikal zu sein. Medial erregt derzeit die Studie \u201e<a href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/inland\/gesellschaft\/studie-jugend-100.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Jugend in Deutschland<\/a>\u201c Aufmerksamkeit, in der sich ein Rechtsruck junger Menschen ablesen l\u00e4sst. Auch die Debatten um \u201e<a href=\"https:\/\/www.merkur.de\/welt\/stuttgart-corona-polizei-jugendliche-krawall-alkohol-flaschenwurf-randale-90780761.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Krawalln\u00e4chte<\/a>\u201c, in denen Jugendliche sich zu Hochzeiten der COVID-19 Pandemie eskalative Auseinandersetzungen mit der Polizei lieferten oder <a href=\"https:\/\/www.deutschlandfunk.de\/dschihadismus-und-jugendliche-wenn-die-eigenen-kinder-fuer-100.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Diskurse<\/a> \u00fcber Jugendliche, die ins Ausland reisen, um sich der Terrormiliz \u201eIslamischer Staat\u201c anzuschlie\u00dfen, pr\u00e4gen das Bild einer \u201eradikalen\u201c Adoleszenz. In diesem Beitrag zeichnen wir eine doppelte Belastung aus den allgemeinen Herausforderungen des Heranwachsens und den spezifischen gesellschaftlichen Spannungen f\u00fcr Jugendliche nach. Wir erl\u00e4utern, inwieweit sich aus dieser Doppelbelastung Radikalisierungspotenziale ergeben.<\/strong><\/p>\n<p>Im Folgenden illustrieren wir die These, dass die Phase der Adoleszenz insbesondere unter den aktuellen gesellschaftlichen Bedingungen besonders krisenhaft und damit auch besonders anf\u00e4llig f\u00fcr Radikalisierungsprozesse ist. Zwar beinhaltet die Adoleszenz per Definition bestimmte Entwicklungsaufgaben, die auch als pers\u00f6nliche Krisen erlebt werden k\u00f6nnen. Dennoch ist die Phase immer auch von den aktuellen gesellschaftlichen Bedingungen gepr\u00e4gt, wodurch sich das Krisenerleben auf Entwicklungs- und Gesellschaftsebene wechselseitig verst\u00e4rken kann.<\/p>\n<div class=\"su-box su-box-style-default\" id=\"\" style=\"border-color:#390002;border-radius:3px;\"><div class=\"su-box-title\" style=\"background-color:#6c1135;color:#ffffff;border-top-left-radius:1px;border-top-right-radius:1px\">Krisen<\/div><div class=\"su-box-content su-u-clearfix su-u-trim\" style=\"border-bottom-left-radius:1px;border-bottom-right-radius:1px\">\n<p>Der Begriff \u201eKrise\u201c kann als eine zeitlich begrenzte und nicht intendierte Abweichung vom Normalzustand verstanden werden. Dabei wird der Begriff in diesem Beitrag sowohl f\u00fcr die Beschreibung gesamtgesellschaftlicher Ph\u00e4nomene genutzt (z.B. Coronakrise) als auch in seiner psychologischen Bedeutung als Beschreibung eines <a href=\"https:\/\/www.klett-cotta.de\/produkt\/erik-h-erikson-jugend-und-krise-9783608919257-t-3449\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">innerpsychischen Erlebens<\/a>. Eine psychische Krise zeichnet sich durch ein anhaltendes Gef\u00fchl der \u00dcberforderung durch erh\u00f6hte Anforderungen aus, f\u00fcr welche die eigenen Bew\u00e4ltigungsressourcen nicht auszureichen scheinen. Aufgrund der Wahrnehmung mangelnder Bew\u00e4ltigungskompetenz werden Anforderungen als bedrohlich statt herausfordernd erlebt. Die Quellen dieser wahrgenommenen \u00dcberforderung k\u00f6nnen in den gesellschaftlichen Dynamiken (z.B. politische Polarisierung), dem direkten Umfeld (z.B. Ver\u00e4nderung der Familienbeziehung) oder auch in der Person selbst liegen (z.B. Anspr\u00fcche an die eigene Leistungsf\u00e4higkeit). Wichtig ist jedoch, dass sich diese Ebenen in st\u00e4ndiger Wechselwirkung befinden, da sich gesellschaftliche und individuelle Krisen \u00fcberlagern. <\/div><\/div>\n<p>Wir unterstreichen unsere Kerngedanken mit exemplarischen \u00c4u\u00dferungen aus sechs Gruppendiskussionen, die wir im Zeitraum von M\u00e4rz 2022 bis Oktober 2023 mit jungen Erwachsenen zwischen 18 und 21 Jahren gef\u00fchrt haben. Beispielhaft nennen wir Bew\u00e4ltigungsversuche der jungen Erwachsenen im Umgang mit Problemlagen und zeigen m\u00f6gliche Radikalisierungspotenziale in diesen Bew\u00e4ltigungsversuchen auf. Diese Studie fand im Rahmen des interdisziplin\u00e4ren Forschungsprojekts \u201e<a href=\"https:\/\/projekt-rira.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">RIRA &#8211; Radikaler Islam versus Radikaler Anti-Islam<\/a>\u201c statt, welches die Auswirkungen gesellschaftlicher Polarisierung und wahrgenommener Bedrohungen auf Radikalisierungsprozesse untersucht.<\/p>\n<div class=\"su-box su-box-style-default\" id=\"\" style=\"border-color:#390002;border-radius:3px;\"><div class=\"su-box-title\" style=\"background-color:#6c1135;color:#ffffff;border-top-left-radius:1px;border-top-right-radius:1px\">Radikalisierung \u2212 ein umk\u00e4mpfter Begriff<\/div><div class=\"su-box-content su-u-clearfix su-u-trim\" style=\"border-bottom-left-radius:1px;border-bottom-right-radius:1px\">\n<p>\u201eRadikalisierung\u201c beschreibt einen Prozess, in dem radikale Positionen entwickelt werden. Auch wenn innerhalb der wissenschaftlichen Debatte nach wie vor <a href=\"https:\/\/www.tandfonline.com\/doi\/full\/10.1080\/09546553.2010.491009\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">kein Konsens<\/a> dar\u00fcber besteht, was mit dem Begriff des \u201eRadikalen\u201c genau gemeint ist, so kann doch festgehalten werden, dass es\u00a0eine Gegenkategorie zum Normalen, Moderaten oder (in manchen F\u00e4llen auch) Legalen darstellt. Die Bestimmung des Radikalen bzw. der Radikalisierung ist damit eine normative Frage und setzt eine Normalit\u00e4tsvorstellung als Referenzpunkt voraus, von dem aus dann der <a href=\"https:\/\/www.jstor.org\/stable\/43783789\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Grad der Abweichung (d.h. der Radikalit\u00e4t)<\/a> bestimmt werden kann. Normalit\u00e4tsvorstellungen sowie Vorstellungen von hinreichender Abweichung variieren und sind immer auch das Ergebnis sozialer Aushandlungsprozesse. In liberalen Demokratien werden etwa die Beteiligung am gewaltlosen demokratischen Prozess und Toleranz gegen\u00fcber Andersdenkenden und -gl\u00e4ubigen als Normen gesetzt und hinreichende Abweichungen von diesen Normen folglich als \u201eradikal\u201c definiert.\u00a0 <\/div><\/div>\n<h2><strong>Die Radikalisierungsspirale<\/strong><\/h2>\n<p>Radikalisierungsprozesse gehen mit einer zunehmenden Abschottung der eigenen Position gegen\u00fcber den Normen des gesamtgesellschaftlichen Diskurses und der zunehmenden Hinwendung zu den Normen der eigenen Gruppe <a href=\"https:\/\/link.springer.com\/referenceworkentry\/10.1007\/978-3-658-21570-5_79-1\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">einher<\/a>. Da Gruppen die Funktion haben, eine Ressource der Krisenbew\u00e4ltigung zu sein, wird die Tendenz der Gruppenbindung insbesondere dann verst\u00e4rkt, wenn der wahrgenommene Druck durch Krisen ansteigt und f\u00fcr Einzelpersonen \u00fcberw\u00e4ltigende Formen annimmt. In den letzten Jahren hat sich in Deutschland gesamtgesellschaftlich eine vertiefte Distanz zwischen verschiedenen sozialen Gruppen manifestiert, die sich <a href=\"https:\/\/www.boell-bremen.de\/sites\/default\/files\/importedFiles\/2022\/11\/21\/decker-kiess-heller-braehler-2022-leipziger-autoritarismus-studie-autoritaere-dynamiken-in-unsicheren-zeiten_0.pdf#page=28\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">zunehmend voneinander abgrenzen<\/a>. Diese wachsende Polarisierung spiegelt sich in den Diskurslinien entlang multipler Krisen und Konflikte (z.B. Coronakrise, Klimakrise, Kriege, Inflation) wider, die oft als unvers\u00f6hnlich wahrgenommen und von dem Gef\u00fchl begleitet werden, von der jeweiligen Gegengruppe bedroht zu sein. Vorurteile werden verst\u00e4rkt und die Gr\u00e4ben vertieft. Insbesondere die (gef\u00fchlte) Bedrohung durch den \u201eradikalen Islam\u201c schafft eine Plattform f\u00fcr einen Prozess potenzieller Radikalisierung in der deutschen Gesellschaft, der sich spiralf\u00f6rmig abzeichnet. Je radikaler eine Gruppe (z.B. Islamisten) zu werden scheint, desto bedrohlicher wirkt sie auf andere Gruppen, die sich in Reaktion auf die bedrohliche Gruppe ebenfalls radikalisieren k\u00f6nnen. Auf diese Weise kann ein Teufelskreis der Radikalisierung und Gegenradikalisierung (\u201e<a href=\"https:\/\/link.springer.com\/book\/10.1007\/978-3-658-40559-5\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Co-Radikalisierung<\/a>\u201c) entstehen. Jugendliche sind besonders anf\u00e4llig, in die Radikalisierungsspirale hineingezogen zu werden, da sie sich in einer Lebensphase befinden, die ohnehin anf\u00e4llig f\u00fcr <a href=\"https:\/\/simon-schnetzer.com\/blog\/jugend-in-deutschland-2024-veroeffentlichung-der-trendstudie\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Krisenerleben<\/a> ist.<\/p>\n<h2><strong>Krise als Grundton der Jugend?<\/strong><\/h2>\n<p>Die Jugend ist eine Phase rasanter k\u00f6rperlicher und mentaler Umbr\u00fcche. Der \u00dcbergang zwischen Kindheit und Erwachsenenalter zeichnet sich durch verschiedene Einschnitte und Ver\u00e4nderungen im Leben von Jugendlichen aus. In unseren Gruppendiskussionen stehen dabei h\u00e4ufig Schwierigkeiten im \u00dcbergang von der Schule in die Ausbildung, das Studium und das Arbeitsleben im Fokus. Die schier un\u00fcberschaubare Menge an Optionen, die den jungen Erwachsenen zur Verf\u00fcgung steht, wird einerseits als Chance, andererseits als \u00dcberforderung empfunden. Der gef\u00fchlte Druck, die m\u00f6glichst optimale Wahl zur Selbstverwirklichung und Zukunftssicherung zu treffen, ist hoch. Ein Teilnehmer einer Gruppendiskussion beschreibt die damit einhergehende Gleichzeitigkeit von Freiheit und Orientierungslosigkeit folgenderma\u00dfen:<\/p>\n<blockquote><p><em>\u201eWo wir unseren Abschluss alle gemacht hatten, da wurde man irgendwie gl\u00fccklicherweise in irgendne freie Welt reingeschmissen, wo man nicht wirklich wusste, wo vorne und hinten ist und wo man anfangen soll.\u201c<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Gleichzeitig findet in der Adoleszenz auch ein Abl\u00f6sungsprozess vom Elternhaus statt. Da sich die Jugendlichen zunehmend neue und eigene R\u00e4ume erschlie\u00dfen, erscheint es in geringerem Ma\u00dfe als richtungsweisende Instanz und schutzgebender R\u00fcckzugsort. In den neu erschlossenen R\u00e4umen k\u00f6nnen die Eltern auch deshalb kaum Orientierung anbieten, da die Jugendlichen durch sich rasant ver\u00e4ndernde gesellschaftliche Bedingungen, z.B. fortschreitende Digitalisierung und die wachsende Bedeutung von sozialen Medien, eine andere Lebensweise erwartet als die der Eltern. Das kann Unsicherheitsgef\u00fchle beim Erwachsenwerden weiter verst\u00e4rken.<\/p>\n<h2><strong>Aktuelle gesellschaftliche Krisen<\/strong><\/h2>\n<p>Zus\u00e4tzlich zu dem Krisenerleben, welches sich aus der Entwicklungsaufgabe des Erwachsenwerdens ergibt, zeigte sich in unseren Gruppendiskussionen die gro\u00dfe Relevanz aktueller <a href=\"https:\/\/link.springer.com\/article\/10.1007\/s00787-021-01726-5\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Krisenereignisse<\/a> im (medial vermittelten) Weltgeschehen. Im Erhebungszeitraum wurden besonders h\u00e4ufig die Auswirkungen der Covid-19 Pandemie und des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine thematisiert. Diese globalen Ersch\u00fctterungen werden als konkrete und unmittelbar einschneidende Belastungen des eigenen Lebens benannt. Internationale Krisen scheinen ungebremst bzw. ungefiltert in die eigene Lebenswelt und die pers\u00f6nliche Lebensgestaltung der Jugendlichen hineinzuwirken. Dadurch wird die Planbarkeit, Vorhersehbarkeit und Gestaltbarkeit einer ohnehin herausfordernden \u00dcbergangsphase erschwert, was als Kontrollverlust erlebt werden kann:<\/p>\n<blockquote><p><em>\u201eEs ist halt sehr viel Unsicherheit, die einem so unmittelbar bevorschwebt, also generell so\u2019n bisschen so durchs jetzt Leben zu kommen, ohne direkt diesen Plan zu haben, weil der Plan k\u00f6nnte scheitern, wenn du dir vornimmst, okay, ich mach jetzt diesen Job und dann ist man darauf irgendwie vorbereitet und dann kommt zum Beispiel die Pandemie.\u201c<\/em><\/p><\/blockquote>\n<h2><strong>Versuche der Bew\u00e4ltigung des Krisenerlebens<\/strong><\/h2>\n<p>Der Druck, aus den gesellschaftlichen Freir\u00e4umen das Beste zu machen, die richtigen Entscheidungen zu treffen und das eigene Leben bestm\u00f6glich zu gestalten, l\u00f6st bei Adoleszenten bedrohliche Gef\u00fchle der Unsicherheit und des Kontrollverlustes aus. Dies wird durch die konkrete Krisenerfahrung weiter verst\u00e4rkt. Beim Versuch, diese bedrohlichen Gef\u00fchle zu bew\u00e4ltigen, greifen die Teilnehmer*innen unserer Gruppendiskussionen auf unterschiedliche bewusste und unbewusste Strategien zur\u00fcck, auf die wir im Folgenden kurz eingehen.<\/p>\n<h3>Sehnsucht nach einem Kollektiv<\/h3>\n<p>Ein Motiv, das sich in unserer Analyse besonders herauskristallisierte, ist der Wunsch nach Gemeinschaft und Zusammenhalt. In diesem Wunsch nach Zugeh\u00f6rigkeit zu positiven und stark erlebten Kollektiven dr\u00fcckt sich auch das Bed\u00fcrfnis nach N\u00e4he, Selbstwert, Sicherheit und Handlungsf\u00e4higkeit aus. Krisenzeiten k\u00f6nnen diese Sehnsucht noch verst\u00e4rken. Deutlich wird dies etwa, wenn ein Teilnehmer die Proteste gegen die Rentenreform in Frankreich mit der deutschen Protestkultur vergleicht:<\/p>\n<blockquote><p><em>\u201eWenn du das mit Deutschland vergleichst, ich wei\u00df nicht- das so\u2019n Mentalit\u00e4tsunterschied, so in den letzten Jahren diese Proteste, also da werden Entscheidungen getroffen und das wird irgendwie alles so runtergeschluckt, aber ich finde, dass es in Deutschland wenig Protestkultur gibt in gr\u00f6\u00dferem Umfang. Da [in Frankreich] vereinen sich die Leute in allen Lagern, egal ob links, rechts irgendwas und die protestieren einfach gemeinsam, weil sie ein Problem mit einer Sache ham.\u201c<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Die Sehnsucht nach einem geeinten Kollektiv, welches sich gegen ungerechte Zust\u00e4nde effektiv zur Wehr setzt, steht dem Eindruck von zunehmender Vereinzelung, Isolation und fehlender gegenseitiger Unterst\u00fctzung entgegen.<\/p>\n<h3>R\u00fcckzug oder \u201enach innen gerichtete Bew\u00e4ltigung\u201c<\/h3>\n<p>Eine h\u00e4ufig genannte Reaktionsweise im Umgang mit unangenehmen, bedrohlichen Gef\u00fchlen ist der soziale und mediale R\u00fcckzug und das Meiden von Reizen und Informationen, die diese Gef\u00fchle wieder ausl\u00f6sen k\u00f6nnten. Beispielsweise berichtet eine Teilnehmerin, dass sie sich aufgrund der vielen negativen Nachrichten mittlerweile kaum noch mit dem Ukrainekrieg besch\u00e4ftige:<\/p>\n<blockquote><p><em>\u201eMich macht das halt extrem traurig, wenn ich sowas lese und ich denk\u2019 mir, ich kann ja auch nicht helfen, was soll ich denn machen, also man f\u00fchlt sich halt einfach hilflos und deswegen besch\u00e4ftige ich mich auch nicht mehr so viel damit<\/em>.<em>\u201c<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>R\u00fcckzug und Abschottung in Folge von Ohnmachts- und \u00dcberforderungsgef\u00fchlen wird von unterschiedlichen Teilnehmer*innen im Kontext verschiedener gesellschaftlicher Krisenph\u00e4nomene berichtet.<\/p>\n<p>Die Auseinandersetzung mit dem aktuellen Weltgeschehen wird wiederholt als unl\u00f6sbare Aufgabe und Bedrohung der eigenen psychischen Gesundheit geschildert. Anstatt das innere Unbehagen proaktiv durch Handlungen und Ver\u00e4nderungen in der \u00e4u\u00dferen Welt zu reduzieren, entziehen sich einige Jugendliche den negativen Reizen und schotten sich von den bedrohlich erlebten Aspekten der \u00e4u\u00dferen Realit\u00e4t ab.<\/p>\n<h3>Auseinandersetzung oder \u201enach au\u00dfen gerichtete Bew\u00e4ltigung\u201c<\/h3>\n<p>Dem entgegengesetzt stehen \u201enach au\u00dfen gerichtete Bew\u00e4ltigungsstrategien\u201c, welche die Auseinandersetzung mit den wahrgenommenen Problemlagen intensivieren, um m\u00f6gliche L\u00f6sungswege zu entwickeln. So werden in einer Gruppendiskussion politische L\u00f6sungsans\u00e4tze f\u00fcr verschiedene Problemlagen diskutiert, darunter gesetzlich geregelte Strafen bei ausbleibender Zivilcourage oder ein Tempolimit auf Autobahnen gegen hohen Schadstoffaussto\u00df durch Autofahrer*innen. Dabei imaginieren sich die Teilnehmer*innen in die Position von machtvollen Entscheidungstr\u00e4ger*innen und haben stellenweise gro\u00dfe Freude daran, neue Regeln und dazugeh\u00f6rige Strafen zu diskutieren:<\/p>\n<blockquote><p><em>\u201eWenn man zehn \u00fcber hundertdrei\u00dfig ist, muss man richtig Batzen Geld zahlen, wirklich richtig viel\u201c.<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>An der gegenw\u00e4rtigen politischen Problembearbeitung wird dagegen h\u00e4ufig Kritik ge\u00e4u\u00dfert. So zeigt sich eine Teilnehmerin frustriert dar\u00fcber, dass durch st\u00e4ndige Aushandlung und Kompromissbildung zwischen den Regierungsparteien zu wenig von den urspr\u00fcnglichen Vors\u00e4tzen \u00fcbrigbliebe. Auf diese Weise, so die Teilnehmerin, werde man Krisensituationen mit hohem Handlungsdruck, wie dem Klimawandel, nicht gerecht.<\/p>\n<h2><strong>Krisen und Radikalisierungspotenziale<\/strong><\/h2>\n<p>Wir haben beispielhaft einige Formen des Umgangs mit Ohnmacht, Unsicherheit und dem Gef\u00fchl des Kontrollverlustes in der krisenhaften Phase der gegenw\u00e4rtigen Adoleszenz aufgezeigt. Inwieweit zeigt sich darin ein Radikalisierungspotenzial? Eindeutige Belege f\u00fcr eine beginnende Radikalisierung lassen sich in unseren Gruppendiskussionen nicht finden, wenn wir die Normen liberaler Demokratien als Ma\u00dfstab anlegen. Dennoch lohnt es sich, sowohl den Wunsch nach einem starken Kollektiv, die imaginierte Bestrafung von \u201eRegelbrechern\u201c, die Sehnsucht nach effektiverem Regieren, aber auch die Abschottung und den R\u00fcckzug in eine eigene, \u00fcberschaubare Welt als m\u00f6gliche Potenziale von Radikalisierung zu diskutieren. Zwar k\u00f6nnen die zugrundeliegenden Bed\u00fcrfnisse auch zu einem gewissen Grad im Rahmen wahrgenommener Normen und Normalit\u00e4tsvorstellungen des gesellschaftlichen Mainstreams ausagiert werden und dann, aus Sicht dieses Mainstreams, als nicht radikalisiert gelten. Aber auch radikale Gruppen k\u00f6nnen an diese und \u00e4hnliche Bed\u00fcrfnisse (z.B. nach mehr Best\u00e4tigung, mehr Gewissheit und mehr Kontrolle) andocken. Gleichzeitig sollte der Blick immer auch auf \u201edas Normale\u201c gerichtet werden, das unter krisenhaften gesellschaftlichen Bedingungen einen moderaten Kurs verlassen kann und sich damit \u2013 wenn Radikalisierung nicht nur als Abweichung der Mehrheit, sondern auch als Abweichung vom Moderaten verstanden wird \u2013 radikalisiert.<\/p>\n<h2><strong>Wie radikal darf oder soll Jugend sein?<\/strong><\/h2>\n<p>Die Suche nach Bew\u00e4ltigungsformen f\u00fcr das in diesem Beitrag nachgezeichnete Krisenerleben kann mit einer Infragestellung gesellschaftlicher Normen und demokratischer Aushandlungsprozesse einhergehen, insbesondere wenn diese als nicht zielf\u00fchrend erscheinen und wenn aus der individuellen Ohnmacht in der Hinwendung zu Gruppen mit klaren Feindbildern ein Gef\u00fchl der Erm\u00e4chtigung erw\u00e4chst \u2013 ein Versprechen, das besonders durch rechte und islamistische Gruppen artikuliert wird. Insofern sehen wir in den hier aufgezeigten Bew\u00e4ltigungsstrategien von Jugendlichen im Umgang mit alterstypischen, aber auch gesellschaftlichen Krisen durchaus Ankn\u00fcpfungspunkte f\u00fcr Radikalisierungsprozesse. Gleichzeitig m\u00fcssen gesellschaftliche Normen immer wieder demokratisch ausgehandelt und hinterfragt werden. Demokratisierung sollte ein Prozess der offenen Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Konflikten und unterschiedlichen Interessen sein. In diesem Sinne l\u00e4sst sich <a href=\"https:\/\/www.motra.info\/motra-monitor-2021\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Radikalisierung<\/a> auch als ein Ausdruck der mangelhaften Bearbeitung gesellschaftlicher Konflikte begreifen. Sie verweist auf die Defizite der Normalit\u00e4t. Das f\u00fchrt zu der Frage, ob es nicht an manchen Stellen tats\u00e4chlich eine Bereitschaft zu radikalen Ver\u00e4nderungen braucht (\u201eradikal\u201c hier verstanden als Ver\u00e4nderungen der Normalit\u00e4t mit demokratischen Mitteln), um den Krisenlagen der Welt angemessen und aktiv zu begegnen, und welche gesellschaftlichen und individuellen Voraussetzungen Jugendliche daf\u00fcr brauchen, dass diese Bereitschaft nicht mit Abschottung und Feindbildkonstruktion einhergeht.<\/p>\n<p><em>Dieser Beitrag erscheint im Rahmen der RADIS-Blogserie: Debatten zu islamistischer Extremismus. <\/em><a href=\"https:\/\/blog.prif.org\/reihen\/radis-blogserie-debatten-zu-islamistischem-extremismus\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em>Mehr lesen<\/em><\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0Jugendliche stehen in dem Ruf, besonders radikal zu sein. 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