{"id":12915,"date":"2023-02-17T08:37:06","date_gmt":"2023-02-17T07:37:06","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.prif.org\/drei-jahre-nach-hanau-wie-inklusiv-ist-die-deutsche-erinnerungskultur\/"},"modified":"2023-02-17T08:37:06","modified_gmt":"2023-02-17T07:37:06","slug":"drei-jahre-nach-hanau-wie-inklusiv-ist-die-deutsche-erinnerungskultur","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.prif.org\/en\/2023\/02\/17\/drei-jahre-nach-hanau-wie-inklusiv-ist-die-deutsche-erinnerungskultur\/","title":{"rendered":"Drei Jahre nach Hanau: Wie inklusiv ist die deutsche Erinnerungskultur?"},"content":{"rendered":"<p><strong>Der rechtsterroristische Anschlag von Hanau, bei dem 2020 neun Menschen mit Migrationsgeschichte aus rassistischen Motiven ermordet wurden, reiht sich in eine Historie rechtsextremer Gewalttaten in Deutschland. Welchen Stellenwert hat diese rassistische Gewalt im kollektiven Ged\u00e4chtnis? Debatten zur \u00d6ffnung deutscher Erinnerungskultur haben vor allem der Frage gegolten, wie die NS-Vergangenheit und deutsche historische Verantwortung in der Migrationsgesellschaft vermittelt werden k\u00f6nnen. Im Gedenken an die Opfer von Hanau ger\u00e4t die Chance einer inklusiven Erinnerungskultur st\u00e4rker in den Blick: Wie k\u00f6nnen die Kontinuit\u00e4ten rechtsextremer Gewalt, die Menschen mit Migrationsgeschichte in Deutschland erfahren, f\u00fcr die deutsche Gesellschaft insgesamt zug\u00e4nglich gemacht und erinnerungskulturell bearbeitet werden? <\/strong><\/p>\n<h2>Deutsche Erinnerungskultur \u2014 Ziele und Anfechtungen<\/h2>\n<p><a href=\"https:\/\/docupedia.de\/zg\/Erinnerungskulturen_Version_2.0_Christoph_Corneli%2525C3%25259Fen\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Erinnerungskultur<\/a> beschreibt die \u00f6ffentlichen Formen des Erinnerns einer Gesellschaft an die eigene kollektive Geschichte. Sie umfasst Erz\u00e4hlungen, Symbole, Gedenkorte und -praktiken und stellt historische Narrationen in einen gemeinschafts- oder identit\u00e4tsstiftenden Zusammenhang. F\u00fcr die deutsche Erinnerungskultur fasste die Kulturwissenschaftlerin <a href=\"https:\/\/www.deutschlandfunkkultur.de\/aleida-und-jan-assmann-ueber-erinnerungskultur-raus-aus-den-100.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Aleida Assmann<\/a> zusammen, dass es nach der NS-Geschichte darum ginge \u201esich als Kollektiv zu erinnern und sich dabei auch auf die Verfehlungen und die Verbrechen der eigenen Geschichte zu beziehen\u201c. Dieses erinnerungspolitische Ziel einer \u201e<a href=\"https:\/\/www.bpb.de\/themen\/erinnerung\/geschichte-und-erinnerung\/39868\/erinnerungskultur-und-zukunftsgedaechtnis\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">historisch-moralischen Bildung<\/a>\u201c kann in vielf\u00e4ltigen Formaten zum Ausdruck kommen, die unterschiedliche Akzente setzen: Denkm\u00e4ler oder Gedenkveranstaltungen k\u00f6nnen beispielsweise spezifischen Ereignissen oder Opfergruppen gelten und unterschiedlichen Zwecke dienen, wie etwa Vers\u00f6hnung oder Wiedergutmachung. An dieser in Deutschland dominierenden Intention setzt die <a href=\"https:\/\/www.bpb.de\/themen\/zeit-kulturgeschichte\/juedischesleben\/332617\/versoehnungstheater-anmerkungen-zur-deutschen-erinnerungskultur\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Kritik des Publizisten Max Czollek<\/a> an. Er kritisiert die bisherige deutsche Erinnerungskultur daf\u00fcr, eine \u201eWiedergutwerdung\u201c vornehmen zu wollen, wo dies nicht m\u00f6glich sei: \u201eErinnerungskultur bedeutet, die Gesellschaft so einzurichten, dass die Geschichte sich nicht wiederholt. Sie bedeutet auch, dass es R\u00e4ume der Untr\u00f6stlichkeit braucht, in denen gilt, was selbstverst\u00e4ndlich sein sollte: es wird nie wieder alles gut.\u201c<\/p>\n<p>In Deutschland bezieht sich Erinnerungskultur vor allem auf das Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus. Damit Erinnern nicht nur in Denkm\u00e4lern eingehegt und auf <a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/politik\/kolumne-erinnern-1.2840316\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Rituale<\/a> reduziert wird, bedarf es jedoch einer fortw\u00e4hrenden Aktualisierung und Bewusstmachung. Der Auftrag, der aus dem Vergangenen an Gegenwart und Zukunft abgeleitet wurde \u2013 \u201enie wieder\u201c \u2013 muss gesellschaftliche Realit\u00e4ten reflektieren. Diese Notwendigkeit wurde immer wieder besonders deutlich, wenn Forderungen nach einem \u201eSchlussstrich\u201c unter das Wachhalten der Erinnerung an die NS-Verbrechen erhoben wurden; sei es im <a href=\"https:\/\/docupedia.de\/zg\/Historikerstreit\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Historikerstreit der 1980er Jahre<\/a> oder in der j\u00fcngeren Zeit durch Vertreter:innen der <a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/kultur\/erinnerungskultur-deutschlands-imperativ-1.3866258-2\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">AFD<\/a>. Dabei gilt es nicht nur, angesichts von Versuchen des Geschichtsrevisionismus die Bedeutung der Erinnerung an die Shoah immer wieder zu vermitteln. Durch Deutschlands Wandel zum Einwanderungsland wurden gesellschaftliche Fragen der Erinnerungskultur auch dahingehend diskutiert, wie beispielsweise <a href=\"https:\/\/www.bpb.de\/themen\/erinnerung\/geschichte-und-erinnerung\/39851\/erinnern-unter-migranten\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Schulunterricht<\/a>, der sich auch an Menschen mit Migrationsgeschichte richtet, die keinen famili\u00e4ren Bezug zum Holocaust haben, die nationalsozialistische <a href=\"https:\/\/www.fritz-bauer-institut.de\/mitteilung\/geschichte-von-gestern\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Judenvernichtung als Verankerungspunkt der deutschen Demokratiegeschichte<\/a> nach 1945 plausibel machen kann. In \u00f6ffentlichen Debatten wurde im migrationsgesellschaftlichen Kontext zudem immer wieder <a href=\"https:\/\/mediendienst-integration.de\/desintegration\/antisemitismus.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Antisemitismus<\/a> unter Muslim:innen als ein besonderes Problem f\u00fcr die historisch-politische Bildung thematisiert.<\/p>\n<p>Ungeachtet der (empirisch strittigen) Frage, ob unter Muslim:innen mehr oder ein anderer Antisemitismus herrscht, bleibt Antisemitismus in der <a href=\"https:\/\/www.zdf.de\/nachrichten\/politik\/antisemitismus-juden-muslime-deutschland-umfrage-100.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">deutschen Gesellschaft<\/a> allgemein ein Problem und speist sich ein Teil des Widerstands gegen die deutsche Erinnerungskultur aus antisemitischen Positionen. Das Erstarken von rechtspopulistischen sowie rechtsextremen Gruppierungen und Narrativen \u00fcber die letzten Jahre verweist grunds\u00e4tzlich auf die Dringlichkeit, an die Opfer rechter Gewalt zu erinnern. Auch die rassistischen Anschl\u00e4ge der vergangenen 30 Jahre sollten dabei st\u00e4rker zum Gegenstand des kollektiven deutschen Ged\u00e4chtnisses werden, damit gesamtgesellschaftlich im Bewusstsein verankert wird, dass rechte Gewalt und mangelnder Wille zu deren Aufarbeitung keine historischen Ph\u00e4nomene sind, sondern eine Kontinuit\u00e4t darstellen und nicht als abgeschlossenes Kapitel der Geschichte eingeordnet werden. Zu nennen sind unter anderem <a href=\"https:\/\/www.bpb.de\/shop\/zeitschriften\/apuz\/rechte-gewalt-in-den-1990er-jahren-2022\/515773\/moelln-solingen-und-die-lange-geschichte-des-rassismus-in-der-bundesrepublik\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">rassistische Anschl\u00e4ge<\/a> in den 1990er Jahren in Hoyerswerda, Rostock-Lichtenhagen, M\u00f6lln und Solingen, die rechtsterroristische Mordserie des NSU, sowie die <a href=\"https:\/\/www.bpb.de\/themen\/rechtsextremismus\/dossier-rechtsextremismus\/324634\/rechtsextreme-gewalt-in-deutschland\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">t\u00f6dlichen rechtsextremistischen Anschl\u00e4ge<\/a> in den letzten Jahren in M\u00fcnchen, Kassel, Halle und Hanau. Hier gibt es bereits aktive Erinnerungsarbeit durch Angeh\u00f6rige und zivilgesellschaftliche Vereinigungen, jedoch fehlt die breite Anbindung bzw. Verschr\u00e4nkung mit der kollektiven Erinnerungskultur.<\/p>\n<h2><strong>Rassistischer Gewalt gedenken \u2013 Ans\u00e4tze f\u00fcr eine inklusive Erinnerungskultur<\/strong><\/h2>\n<p>Betroffenheit und Furcht vor rechter Gewalt und Rassismus sind vor allem bei Menschen mit Migrationsgeschichte in Deutschland hoch. Seit der deutschen Einheit, die unter das Leitmotiv gestellt wurde, dass \u201e<a href=\"https:\/\/www.nd-aktuell.de\/artikel\/918263.ein-satz-und-seine-geschichte.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">jetzt zusammenwachse, was zusammengeh\u00f6re<\/a>\u201c, sahen sie sich noch st\u00e4rker an den Rand gedr\u00e4ngt. Und auch wenn das gesellschaftliche Miteinander vor 1989\/90 nicht <a href=\"https:\/\/link.springer.com\/chapter\/10.1007\/978-3-322-94931-8_14\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">glorifiziert<\/a> werden sollte, ist die Hasskriminalit\u00e4t seit den 1990er Jahren auf erschreckend hohem Niveau. Selbst das BKA z\u00e4hlt mit seiner vergleichsweise engen Definition <a href=\"https:\/\/www.bpb.de\/themen\/rechtsextremismus\/dossier-rechtsextremismus\/324634\/rechtsextreme-gewalt-in-deutschland\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">109 Todesopfer rechter Gewalt seit 1990<\/a>. Die Anschl\u00e4ge der letzten Jahre in M\u00fcnchen, Kassel, Halle und Hanau haben aber auch dazu gef\u00fchrt, dass die Bek\u00e4mpfung von Rechtsextremismus und Rassismus st\u00e4rker auf der <a href=\"https:\/\/www.bpb.de\/kurz-knapp\/hintergrund-aktuell\/505333\/vor-zwei-jahren-anschlag-in-hanau\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">politischen Agenda<\/a> steht. Dadurch werden mehr Gelder f\u00fcr den Wissensaufbau zu Rassismus in Deutschland zur Verf\u00fcgung gestellt. Die Kontinuit\u00e4ten rassistischer Gewalterfahrungen konnten somit systematischer dokumentiert werden. Beispielsweise versucht der <a href=\"https:\/\/afrozensus.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Afrozensus<\/a> die Diskriminierungserfahrungen von Deutschen mit afrikanischer Migrationsgeschichte zu erfassen. Das Projekt <a href=\"https:\/\/www.claim-allianz.de\/aktuelles\/news\/neue-studie-beratungsangebote-fuer-betroffene-von-antimuslimischem-rassismus\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">CLAIM<\/a> erhebt in Umfragen die Diskriminierungserfahrungen von Muslim:innen in Deutschland. In Zivilgesellschaft und Wissenschaft l\u00f6ste die manifeste rechte Gewalt zudem <a href=\"https:\/\/demosmag.de\/miteinander-wir\/erinnerungskultur-postmigrantisch\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Beitr\u00e4ge<\/a> zu inklusiver Erinnerungskultur aus. Dabei ist die Frage zentral, wie die Erfahrungen von marginalisierten Gruppen in der deutschen Mehrheitsgesellschaft bewusst gemacht werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Die Inklusion marginalisierter Teile der Gesellschaft in der deutschen Erinnerungskultur kann zur Sensibilisierung f\u00fcr verdr\u00e4ngte Perspektiven und Akteure der Geschichte beitragen. Konkret geht es z.B. darum, das Bewusstsein f\u00fcr die deutsche Kolonialvergangenheit und ihre Opfer, f\u00fcr Erinnerungsmuster ostdeutscher Identit\u00e4t oder auch den Beitrag von einstigen \u201eGastarbeiter:innen\u201c f\u00fcr den wirtschaftlichen Aufstieg Deutschlands zu st\u00e4rken. Insbesondere bietet eine inklusive Erinnerungskultur jedoch die Chance, Kontinuit\u00e4ten rechtsextremer und rassistischer Gewalt aufzuzeigen. Es sollte gerade nicht eine neue, parallele Erinnerungsstruktur geschaffen werden \u2013 die gibt es ohnehin \u2013 sondern die Verbindung zwischen Gewaltgeschichten ins allgemeine Bewusstsein r\u00fccken. Ein breiter gesellschaftlicher Verst\u00e4ndigungsprozess bietet die M\u00f6glichkeit, im Dialog mehr Anerkennung f\u00fcr marginalisierte Bev\u00f6lkerungsgruppen zu schaffen und dadurch Vertrauen zu st\u00e4rken. Denn, so formuliert es <a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/politik\/kolumne-erinnern-1.2840316\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Carolin Emke<\/a>: \u201eWer wir als Gesellschaft sein wollen, wird sich auch darin zeigen, ob und wie eine solche zeitoffene, vielstimmige Erz\u00e4hlung gelingt.\u201c<\/p>\n<p>Ans\u00e4tze einer inklusiven, <a href=\"https:\/\/www.asf-ev.de\/fileadmin\/Redaktion\/Bilder\/Publikationen\/Zeitschrift_zeichen\/2022\/2022_1\/asf_zeichen_1_2022_online.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">multi-perspektivischen Erinnerungskultur<\/a> existieren bereits: In dem Podcast \u201eTrauer und Turnschuh\u201c spricht Max Czollek mit der Journalistin Hadija Haruna-Oelker dar\u00fcber, wie Fragen der Zugeh\u00f6rigkeit mit erinnerungskulturellen Themen verkn\u00fcpft werden. Durch das <a href=\"https:\/\/trauer-turnschuh.podigee.io\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Format<\/a> sollen Impulse f\u00fcr eine inklusive Erinnerungskultur in die Mehrheitsgesellschaft getragen werden. Eine <a href=\"https:\/\/www.frankfurt-university.de\/de\/newsmodule\/veranstaltungen-der-startseite\/?tx_news_pi1%25255Bnews%25255D=9196&amp;tx_news_pi1%25255Bcontroller%25255D=News&amp;tx_news_pi1%25255Baction%25255D=detail&amp;cHash=c075db0447af6786c5ca3eeb3328c1dd\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Konferenz<\/a> der Bildungsst\u00e4tte Anne Frank gemeinsam mit der Frankfurt UAS hat im vergangenen Jahr Beitr\u00e4ge dazu diskutiert, \u201ewie sich vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte und postmigrantischer Gegenwartsrealit\u00e4ten eine inklusive Erinnerungskultur zu Holocaust und Kolonialismus gestalten l\u00e4sst\u201c. Und Teilnehmer:innen der Jungen Islam Konferenz diskutierten bei den <a href=\"https:\/\/www.junge-islam-konferenz.de\/unsere-formate\/jik-talks\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">JIK-Talks 2022<\/a> dar\u00fcber, wie ein postmigrantisches Erinnern multiperspektivisch aufgebaut werden kann, so dass Erfahrungen von Menschen mit Migrationsgeschichte in Deutschland st\u00e4rker einbezogen werden. Erziehungswissenschaftlich besch\u00e4ftigt sich j\u00fcngst beispielsweise der Sammelband \u201e<a href=\"https:\/\/www.transcript-verlag.de\/978-3-8376-5792-0\/geschichten-im-wandel\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Geschichten im Wandel<\/a>\u201c mit der Frage, wie Bildungsformate postmigrantische Ans\u00e4tze in der deutschen Erinnerungskultur vermitteln k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Die genannten Bestrebungen von Zivilgesellschaft und Wissenschaft k\u00f6nnen, auch vor dem Hintergrund aktueller politischer Bem\u00fchungen, Prozesse des Umdenkens in der Gesellschaft ansto\u00dfen, doch die Tendenz, Opfer rassistischer Gewalt als \u201eAndere\u201c zu betrachten, ist h\u00e4ufig noch un\u00fcbersehbar. Rechtspopulismus stellt in Deutschland eine beharrliche Herausforderung dar, und beim Gedenken an die Opfer von rassistischen Anschl\u00e4gen ist mit entsprechenden Widerst\u00e4nden zu rechnen.<\/p>\n<h2><strong>Gemeinsame Erinnerungsr\u00e4ume? \u2013 Das Gedenken an den Anschlag von Hanau<\/strong><\/h2>\n<p>Inklusive Erinnerungskultur kann nur entstehen, wenn unterschiedliche Akteure in einer Gesellschaft sie langfristig etablieren. Bisher ist vor allem ein starkes Engagement aus der Zivilgesellschaft sichtbar, das unentbehrlich ist. Der rechtsterroristische Anschlag in Hanau kann dazu einen Ansto\u00df geben. Am 19. Februar 2023 j\u00e4hrt sich der Mordanschlag zum dritten Mal, der neun Menschen mit Migrationsgeschichte das Leben kostete: Ferhat Unvar, Mercedes Kierpacz, Sedat G\u00fcrb\u00fcz, G\u00f6khan G\u00fcltekin, Hamza Kurtovi\u0107, Kaloyan Velkov, Vili Viorel P\u0103un, Said Nesar Hashemi und Fatih Sara\u00e7o\u011flu. Angeh\u00f6rige der Opfer gr\u00fcndeten die <a href=\"https:\/\/19feb-hanau.org\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Initiative 19. Februar<\/a> und engagieren sich f\u00fcr das Erinnern und die Aufarbeitung des Anschlags. Einen digitalen Erinnerungsort stellt die Plattform <a href=\"https:\/\/www.hanau-steht-zusammen.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Hanau steht zusammen<\/a> dar. Bereits schnell nach dem Anschlag machte sich au\u00dferdem Hanaus Oberb\u00fcrgermeister Claus Kaminsky f\u00fcr ein Mahnmal zum Gedenken an die Opfer stark. Verschiedene Kontroversen f\u00fchrten allerdings dazu, dass bis heute offen ist, ob und wo ein solches <a href=\"https:\/\/www.hessenschau.de\/gesellschaft\/weiter-streit-um-standort-sieger-entwurf-fuer-hanau-mahnmal-ausgewaehlt,hanau-anschlag-mahnmal-siegerentwurf-100.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Mahnmal<\/a> errichtet werden soll. Nachdem der k\u00fcnstlerische Wettbewerb im vergangenen Jahr abgeschlossen wurde, sorgt die Standortfrage weiterhin f\u00fcr Streit. Bisher wurden lediglich kleinere <a href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/rhein-main\/gedenktafel-fuer-opfer-des-attentats-von-hanau-enthuellt-16961828.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Bausteine des Erinnerns<\/a> geschaffen: auf dem Hanauer Hauptfriedhof, wo drei der neun Anschlagsopfer bestattet sind, auf dem Kurt-Schumacher-Platz und auf dem Heumarkt wurden <a href=\"https:\/\/kinzig.news\/10931\/gedenktafel-enthuellt-die-opfer-waren-eng-verwoben-mit-unserer-stadt\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Gedenktafeln errichtet<\/a>.<\/p>\n<p>Zum zweiten Jahrestag des Anschlags 2022 hatten Angeh\u00f6rige der Ermordeten (erneut) vorgetragen, ein Mahnmal geh\u00f6re auf den Hanauer Marktplatz. Die Stadtverordnetenversammlung sprach sich hingegen f\u00fcr den Freiheits- oder Kanaltorplatz aus. Dort soll ein <a href=\"https:\/\/www.hanau-steht-zusammen.de\/zdv\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Zentrum f\u00fcr Demokratie und Vielfalt (ZDV)<\/a> entstehen, auch um <a href=\"https:\/\/www.demokratie-leben-hanau.de\/projekte\/rememberhanau\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">den Dialog<\/a> zum Umgang mit dem 19. Februar weiterzuf\u00fchren. Die Reaktion der Angeh\u00f6rigen war deutlich: Es sei besser, gar kein Mahnmal aufzustellen, wenn der Marktplatz als Standort nicht mehrheitsf\u00e4hig sei. Diese Absage an die genannten Orte ist aufschlussreich, denn es geht hier erkennbar um den symbolischen Aussagewert in der Stadtgesellschaft und \u00fcber sie hinaus. Sowohl der Freiheits- als auch der Kanaltorplatz sind zentral in Hanau gelegen, aber eben nicht das \u201eVorzeigezimmer\u201c der Stadt, <a href=\"https:\/\/taz.de\/Mahnmal-fuer-die-Opfer-von-Hanau\/!5857051\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">wo stolz auf ber\u00fchmte Pers\u00f6nlichkeiten verwiesen wird<\/a>.<\/p>\n<p>F\u00fcr den Aufbau einer inklusiven Erinnerungskultur h\u00e4lt der Umgang mit dem Anschlag in Hanau wichtige Erkenntnisse sowie das Potenzial eines l\u00e4nger w\u00e4hrenden bundesweiten Gedenkens bereit. Klar ist, dass angesichts der \u00f6ffentlich gegebenen Versprechen des OB, nach dem aufw\u00e4ndigen k\u00fcnstlerischen Wettbewerb und bundesweiter Aufmerksamkeit ein Scheitern der Mahnmal-Initiative gro\u00dfen Schaden anrichten w\u00fcrde. Es werden weitere Schritte n\u00f6tig sein zum offenen Dialog zwischen Politik, Angeh\u00f6rigen und \u00fcbrigen B\u00fcrger:innen in Hanau, um nicht am Ende ein Mahnmal zu schaffen, das \u201ewir\u201c\/\u201esie\u201c-Konfliktlinien zementiert. Stattdessen sollte die Chance zum inklusiven Erinnern auch bundesweit ergriffen werden. In zivilgesellschaftlichen Initiativen passiert das bereits: In <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-zeitung.de\/inhalt.stuttgart-aktivisten-bringen-erneut-illegale-hanau-gedenktafel-am-rathaus-an.073e3cf1-218d-462d-9255-beaa20a36fc2.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Stuttgart<\/a> wurden wiederholt Gedenktafeln f\u00fcr die Hanauer Opfer am Rathaus installiert, denn \u201edie get\u00f6teten Menschen in Hanau stehen stellvertretend f\u00fcr die Opfer rechter Gewalt \u00fcberall\u201c, so eine Aktivistin. Unter Hashtags wie <a href=\"https:\/\/www.demokratie-leben-hanau.de\/component\/cgisotope\/page\/1?Itemid=279\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">#SayTheirNames<\/a> oder <a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/hanauistueberall\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">#HanauIstUeberall<\/a> werden \u00fcberregional Aktionen organisiert, um die allgemeine Bedeutung des Hanauer Mordanschlag ins \u00f6ffentliche Bewusstsein zu r\u00fccken. Ebenso\u00a0 bestehen andernorts Bem\u00fchungen, der Opfer rechter Gewalt in den 1980er und 90er Jahren, etwa in <a href=\"https:\/\/www.bundespraesident.de\/SharedDocs\/Reden\/DE\/Frank-Walter-Steinmeier\/Reden\/2022\/08\/220825-30-Jahre-Rostock-Lichtenhagen.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Rostock-Lichtenhagen<\/a>, <a href=\"https:\/\/www.land.nrw\/pressemitteilung\/gedenken-den-brandanschlag-von-solingen-am-25-jahrestag\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Solingen<\/a> oder <a href=\"https:\/\/gedenkenmoelln1992.wordpress.com\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">M\u00f6lln<\/a> deutlicher zu gedenken. Die Einf\u00fchrung eines bundesweiten Gedenktags f\u00fcr die Opfer rassistischer Gewalt k\u00f6nnte diese Perspektive ebenso st\u00e4rken wie ein Verschr\u00e4nken mit der vorhandenen Erinnerungskultur.<\/p>\n<p>Den gesamtgesellschaftlichen Dialog zu rassistischen Anschl\u00e4gen wie dem in Hanau weiterzuf\u00fchren, ist f\u00fcr die Schaffung eines gemeinsamen Erinnerungsraums in der deutschen Gesellschaft notwendig, und er muss auf verschiedenen Ebenen gef\u00fchrt werden. Es ist insofern ein gutes Beispiel, dass aktuell und noch bis zum 18.3. <a href=\"https:\/\/19feb-hanau.org\/2023\/01\/17\/drei-jahre-erinnerung-und-aufklaerung-hanau-19-februar-2020\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Forensis\/Forensic Architecture<\/a> im Hanauer Rathaus Ergebnisse von Recherchen zum Tatverlauf sowie zum polizeilichen Einsatz vor drei Jahren pr\u00e4sentiert. Diese kamen auf Betreiben der Angeh\u00f6rigen zustande und wurden mit einem Gutachten auch im parlamentarischen Untersuchungsausschuss des Hessischen Landtags eingebracht. Sie dokumentieren Fehler und Vers\u00e4umnisse der Polizei, aus denen bis heute nicht hinreichend Konsequenzen gezogen wurden. Der genaue Blick auf diese Defizite zeigt politische, soziale und institutionelle Ansatzpunkte, um Rassismus abzubauen, in diesem Zuge eine Fehlerkultur zu etablieren und Rechtsextremismus sowie Rechtspopulismus pr\u00e4ventiv entgegenzuwirken. Das Gedenken der Opfer rechter Gewalt und rassistischer Anschl\u00e4ge als Teil deutscher Erinnerungskultur zu begreifen, verlangt schlie\u00dflich auch, dass Rassismus- und Antisemitismuskritik nicht blo\u00df Gegenstand der Geschichtsvermittlung sind, sondern als migrationsgesellschaftliche Perspektiven zum Teil des Alltags werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der rechtsterroristische Anschlag von Hanau, bei dem 2020 neun Menschen mit Migrationsgeschichte aus rassistischen Motiven ermordet wurden, reiht sich in eine Historie rechtsextremer Gewalttaten in Deutschland. Welchen Stellenwert hat diese rassistische Gewalt im kollektiven Ged\u00e4chtnis? Debatten zur \u00d6ffnung deutscher Erinnerungskultur haben vor allem der Frage gegolten, wie die NS-Vergangenheit und deutsche historische Verantwortung in der Migrationsgesellschaft vermittelt werden k\u00f6nnen. Im Gedenken an die Opfer von Hanau ger\u00e4t die Chance einer inklusiven Erinnerungskultur st\u00e4rker in den Blick: Wie k\u00f6nnen die Kontinuit\u00e4ten rechtsextremer Gewalt, die Menschen mit Migrationsgeschichte in Deutschland erfahren, f\u00fcr die deutsche Gesellschaft insgesamt zug\u00e4nglich gemacht und erinnerungskulturell bearbeitet werden?<\/p>\n","protected":false},"author":60,"featured_media":11421,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[1141],"tags":[1126,1235,1204,1229,1195],"coauthors":[350,857,903],"class_list":["post-12915","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-deutsch-en","tag-culture-of-remembrance","tag-racism","tag-right-wing-extremism","tag-terrorism","tag-violence"],"acf":[],"views":444,"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v26.1.1 - https:\/\/yoast.com\/wordpress\/plugins\/seo\/ -->\n<title>Drei Jahre nach Hanau: Wie inklusiv ist die deutsche Erinnerungskultur? - PRIF BLOG<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/blog.prif.org\/en\/2023\/02\/17\/drei-jahre-nach-hanau-wie-inklusiv-ist-die-deutsche-erinnerungskultur\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"en_US\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Drei Jahre nach Hanau: Wie inklusiv ist die deutsche Erinnerungskultur? - PRIF BLOG\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Der rechtsterroristische Anschlag von Hanau, bei dem 2020 neun Menschen mit Migrationsgeschichte aus rassistischen Motiven ermordet wurden, reiht sich in eine Historie rechtsextremer Gewalttaten in Deutschland. 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