{"id":13114,"date":"2021-05-31T09:16:41","date_gmt":"2021-05-31T07:16:41","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.prif.org\/lernen-aus-afghanistan-aufstandsbekaempfung-und-zivile-opfer\/"},"modified":"2021-05-31T09:16:41","modified_gmt":"2021-05-31T07:16:41","slug":"lernen-aus-afghanistan-aufstandsbekaempfung-und-zivile-opfer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.prif.org\/en\/2021\/05\/31\/lernen-aus-afghanistan-aufstandsbekaempfung-und-zivile-opfer\/","title":{"rendered":"Lernen aus Afghanistan: Aufstandsbek\u00e4mpfung und zivile Opfer"},"content":{"rendered":"<p><strong>Westliche Regierungen sprechen von einem planm\u00e4\u00dfigen Abzug aus Afghanistan und den vielen Erfolgen der vergangenen 20 Jahre. Es handelt sich aber um eine milit\u00e4rische Niederlage. Nach Gro\u00dfbritannien und der Sowjetunion unterlag nun auch ein NATO-gef\u00fchrtes B\u00fcndnis afghanischen Guerillak\u00e4mpfern. Doch nicht nur f\u00fcr westliche Demokratien ist die Bilanz der Aufstandsbek\u00e4mpfung (bei der asymmetrisch operierende Guerillas konventionell \u00fcberlegene Streitkr\u00e4fte \u00fcberlisten) d\u00fcster: die Hauptopfer des Krieges sind Zivilisten in Afghanistan. Eine zentrale Lehre aus Afghanistan ist, dass zivile Opfer in asymmetrischen Kriegen unvermeidlich sind. Zumindest aus ethischen Gr\u00fcnden sollten Staaten, die sich dem Schutz von Menschenrechten verschrieben haben, solche Kriege daher nicht k\u00e4mpfen.<\/strong><\/p>\n<p>Was k\u00f6nnen westliche Demokratien aus dem verlorenen Krieg in Afghanistan lernen? Debatten \u00fcber das Debakel gleichen wie schon zuvor einer Nabelschau, bei der M\u00e4ngel etwa bei der milit\u00e4rischen Ausr\u00fcstung oder der Ressortzusammenarbeit im Vordergrund stehen. W\u00e4hrenddessen bem\u00fchen sich westliche Regierungen, die vergangenen 20 Jahre zu legimitieren, indem sie auf Erfolge, etwa beim Aufbau der afghanischen Streitkr\u00e4fte, hinweisen. Sollte es jedoch so kommen, dass afghanische Streitkr\u00e4fte bald nicht mal mehr die St\u00e4dte gegen Regierungsgegner halten k\u00f6nnen (wie kurz nach dem Ende der sowjetisch\/russischen Unterst\u00fctzung Anfang der 1990er Jahre geschehen) und Afghanistan wieder von den Taliban regiert wird, d\u00fcrfte die offizielle Linie westlicher Regierungen lauten: wir haben alles versucht, aber Afghanistan ist eben nicht zu helfen.<\/p>\n<p>Solche Diskurse ignorieren aber die Hauptbetroffenen der westlichen Intervention nach 2001: die afghanische Bev\u00f6lkerung. Die NATO-gef\u00fchrte Allianz ist f\u00fcr viele zivile Opfer in Afghanistan verantwortlich oder mit verantwortlich, obwohl Demokratien sich ethisch zum Schutz von Menschenrechten bekennen und \u201epopulation-centric counterinsurgency\u201c unter US-F\u00fchrung sogar als Voraussetzung f\u00fcr milit\u00e4rischen Erfolg deklariert wurde. Der Krieg in Afghanistan (wie auch der im Irak nach 2003) zeigt jedoch, dass Zivilisten unweigerlich unter Aufstandsbek\u00e4mpfung leiden. Es gilt daher, solche Kriege in Zukunft zu vermeiden.<\/p>\n<p>Aus der Erfahrung von Afghanistan lassen sich sechs Mechanismen ableiten, wie eine internationale milit\u00e4rische Pr\u00e4senz das Risiko f\u00fcr Zivilisten, verwundet oder get\u00f6tet zu werden, erh\u00f6hen kann.<\/p>\n<h2><strong>Wie internationale Truppen Zivilisten gef\u00e4hrden<\/strong><\/h2>\n<p>Erstens haben westliche Demokratien keine strategische Geduld. Beispielsweise erh\u00f6hte US-Pr\u00e4sident Obama 2009 zwar die Zahl an US-Truppen, gab aber gleichzeitig einen Termin f\u00fcr einen Teilabzug bekannt. Ein Abzug ist eine akute Gefahr insbesondere f\u00fcr diejenigen Zivilisten, die mit internationalen Akteuren zusammengearbeitet haben. Die Taliban und andere Regierungsgegner haben unz\u00e4hlige \u201eKollaborateure\u201c umgebracht \u2013 selbst wenn diese internationalen Truppen nur Brot verkauft haben.<\/p>\n<p>Zweitens k\u00f6nnen internationale Truppen, selbst wenn sie l\u00e4nger an einem Ort bleiben, Gebiete kaum vollst\u00e4ndig kontrollieren. Viele Gebiete bleiben umk\u00e4mpft, und unter den asymmetrischen Taktiken der Aufst\u00e4ndischen wie Selbstmordanschl\u00e4gen oder Sprengfallen leiden insbesondere Zivilisten. Es ist daher verst\u00e4ndlich, dass die afghanische Bev\u00f6lkerung internationale Truppen h\u00e4ufig bat, ihre Gegenden zu verlassen; sie wollten nicht \u201egesch\u00fctzt\u201c werden.<\/p>\n<p>Drittens fehlt es Ausl\u00e4ndern, die nur f\u00fcr kurze Zeit im Land sind, an Kontextwissen. Die damaligen Offiziere von Kolonialm\u00e4chten wie Gro\u00dfbritannien oder Frankreich beherrschten meistens die lokale Sprache und kannten die lokalen Netzwerke in ihren Kolonien. Soldaten heutiger Demokratien sind dagegen zwar an Menschenrechte gebunden, aber sehr viel mehr auf Berater, Dolmetscher und die lokale Bev\u00f6lkerung angewiesen. Sie werden dadurch leichter manipuliert, etwa wenn Afghanen ihre eigenen Kontrahenten als Aufst\u00e4ndische denunzierten, um sie zum Ziel internationaler Luftschl\u00e4ge oder n\u00e4chtlicher Razzien zu machen.<\/p>\n<p>Viertens f\u00fchren fehlendes Kontextwissen, wie auch kurze Stehzeiten und institutionelle Anreize, schnelle Erfolge vorzuweisen, zu problematischen Allianzen. Viele Afghanen sahen erschrocken zu, wie internationale Akteure korrupte Politiker und Kriegsf\u00fcrsten politisch, milit\u00e4risch und finanziell unterst\u00fctzten. Diese Allianzen versprachen nur eine Schein-Stabilit\u00e4t, weil sie das Vertrauen vieler Afghanen in die Legitimit\u00e4t afghanischer und internationaler Institutionen unterh\u00f6hlten, und weil Machthaber inklusive ihrer brutalen Milizen dazu tendierten, pragmatisch die Seiten zu wechseln.<\/p>\n<p>F\u00fcnftens f\u00fchren milit\u00e4rische Eigendynamiken dazu, dass internationale Truppen direkt zivile Opfer verursachen. Ich war im Rahmen eines Forschungsaufenthaltes bei einem Briefing im Kabuler ISAF-Hauptquartier 2010 erstaunt, als General David Petraeus, Oberkommandierender internationaler Truppen in Afghanistan und Gallionsfigur moderner Aufstandsbek\u00e4mpfung, Rekordzahlen bei Operationen gegen Aufst\u00e4ndische als zentralen Indikator von Fortschritt pr\u00e4sentierte. Dabei sollten \u201ebody counts\u201c doch eben <em>nicht<\/em> das Ziel sein. Schlie\u00dflich kann dadurch der Aufstand Zulauf bekommen und radikalisiert werden, und es besteht das Risiko, Zivilisten zu treffen, da der Gegner keine Uniformen tr\u00e4gt und \u201eactionable intelligence\u201c h\u00e4ufig d\u00fcrftig ist.<\/p>\n<p>Sechstens erh\u00f6ht die Aversion von Demokratien gegen eigene Opfer das Risiko ziviler Opfer. Von 2009 bis 2017, als ich an der HSFK arbeitete und unter anderem zum Afghanistan-Einsatz forschte, klingelte immer dann das Pressetelefon, wenn Bundeswehrsoldaten verletzt oder get\u00f6tet worden waren. Das \u00f6ffentliche Interesse am Wohl der Soldaten ist beruhigend. Beunruhigend ist, dass die Telefone still blieben, wenn Afghanen get\u00f6tet wurden. Die gro\u00dfe Ausnahme war der Kunduz-Luftschlag von 2009, von einem Bundeswehr-Oberst (jetzt General) befohlen. Dieser zeigt allerdings auch exemplarisch, dass westliche Offiziere dazu tendieren, das Risiko f\u00fcr eigene Soldaten auf Kosten von Zivilisten zu verringern.<\/p>\n<h2><strong>Keine Aufstandsbek\u00e4mpfung mehr<\/strong><\/h2>\n<p>Wenn nun westliche Regierungen trotzdem argumentieren, die internationale Pr\u00e4senz h\u00e4tte viele Afghanen gesch\u00fctzt, so ist dies problematisch. Diese Argumentation ignoriert die vielen Opfer, die es ohne die internationale Intervention nicht gegeben h\u00e4tte. Ebenso problematisch ist der Einwand, die Gesamtrechnung sei positiv, weil mehr Afghanen profitiert als gelitten h\u00e4tten. Dieses Argument ist \u2013 da auf einer kontrafaktischen Argumentation basierend \u2013 nicht \u00fcberpr\u00fcfbar, und es basiert auf der gef\u00e4hrlichen Annahme, Menschenleben gegeneinander aufrechnen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Der Fall Afghanistan zeigt exemplarisch, dass Demokratien keine Aufstandsbek\u00e4mpfung betreiben sollen, da die Kriegf\u00fchrung unweigerlich viel menschliches Leid verursacht. Nat\u00fcrlich ist der Schutz der Bev\u00f6lkerung nicht der einzige \u2013 und oftmals nicht der zentrale \u2013 Bestimmungsfaktor f\u00fcr Interventionsentscheidungen, die Art der Kriegf\u00fchrung und Evaluationen. Die direkten und indirekten Auswirkungen auf Zivilisten sollten aber im Zentrum von Interventionsdebatten und -praktiken stehen, zumindest wenn Demokratien ihrem Anspruch gerecht werden wollen, Menschenrechte zu sch\u00fctzen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Westliche Regierungen sprechen von einem planm\u00e4\u00dfigen Abzug aus Afghanistan und den vielen Erfolgen der vergangenen 20 Jahre. Es handelt sich aber um eine milit\u00e4rische Niederlage. Nach Gro\u00dfbritannien und der Sowjetunion unterlag nun auch ein NATO-gef\u00fchrtes B\u00fcndnis afghanischen Guerillak\u00e4mpfern. Doch nicht nur f\u00fcr westliche Demokratien ist die Bilanz der Aufstandsbek\u00e4mpfung (bei der asymmetrisch operierende Guerillas konventionell \u00fcberlegene Streitkr\u00e4fte \u00fcberlisten) d\u00fcster: die Hauptopfer des Krieges sind Zivilisten in Afghanistan. Eine zentrale Lehre aus Afghanistan ist, dass zivile Opfer in asymmetrischen Kriegen unvermeidlich sind. 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