{"id":13119,"date":"2021-04-15T14:17:02","date_gmt":"2021-04-15T12:17:02","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.prif.org\/afd-corona-pandemie-und-staedtische-geographien-der-peripherisierung\/"},"modified":"2021-04-15T14:17:02","modified_gmt":"2021-04-15T12:17:02","slug":"afd-corona-pandemie-und-staedtische-geographien-der-peripherisierung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.prif.org\/en\/2021\/04\/15\/afd-corona-pandemie-und-staedtische-geographien-der-peripherisierung\/","title":{"rendered":"AfD, Corona-Pandemie und (st\u00e4dtische) Geographien der Peripherisierung"},"content":{"rendered":"<p><strong>Der Aufstieg der AfD scheint im Superwahljahr 2021 gebremst. Die Verluste in den Landtagswahlen von Baden-W\u00fcrttemberg und Rheinland-Pfalz sind aber kein Zeichen f\u00fcr den Anfang vom Ende der Partei. Bei ihrem Parteitag am vergangenen Wochenende hat die AfD in den Corona-Ma\u00dfnahmen eindeutig ihr neues Feindbild gefunden, dem sie das Narrativ einer vermeintlich heilen Normalit\u00e4t entgegensetzt. Die Verluste sollten ebenso wenig als ein Zeichen daf\u00fcr gedeutet werden, dass die dem Wahlerfolg von 2017 mitunter zugrundeliegenden sozialen Konfliktlagen und Polarisierungen in der Gesellschaft zur\u00fcckgedr\u00e4ngt worden w\u00e4ren. Im Gegenteil: Die Geographie der Pandemie deckt sich erstaunlich stark mit jener des Wahlerfolgs der AfD. Das Konzept der Peripherisierung bietet sich an als Klammer f\u00fcr die beiden Dimensionen, Wahl der AfD und hohe Covid-19-Inzidenzen, und erlaubt es, das Nebeneinander und die Verwobenheit unterschiedlicher sozialer und politischer Ph\u00e4nomene zu beleuchten.<\/strong><\/p>\n<p>Noch im Februar 2020, also kurz bevor die Covid-19-Pandemie auch Deutschland mit voller Wucht erreichte, lag die Alternative f\u00fcr Deutschland (AfD) <a href=\"https:\/\/www.infratest-dimap.de\/umfragen-analysen\/bundesweit\/sonntagsfrage\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">in Umfragen bei 14 %<\/a>. Etwas mehr als ein Jahr sp\u00e4ter, Ende M\u00e4rz 2021, kommt die Rechtsau\u00dfen-Partei auf 11 %, was im Vergleich zu ihrem Wahlergebnis bei den Bundestagswahlen 2017 (nur) ein leichtes Minus von 1,6 % bedeutet. Die starken Einbr\u00fcche bei den Landtagswahlen von Baden-W\u00fcrttemberg (-5,4 % auf 9,7 %) und Rheinland-Pfalz (-4,3 % auf 8,3 %) sowie den Kommunalwahlen in Hessen (gesamt -5,0 % auf 6,9 %) Mitte M\u00e4rz sind mit Blick auf die anstehende Bundestagswahl entsprechend zu relativieren. Dies gilt insbesondere vor dem Hintergrund, dass die AfD gerade in Ostdeutschland weiter starke Umfragewerte verzeichnet. <a href=\"https:\/\/www.fr.de\/politik\/afd-bundestagswahl-2021-corona-wir-erleben-eine-konsolidierung-der-afd-90263270.amp.html?__twitter_impression=true\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Johannes Hillje<\/a> betont: \u201eIch teile also nicht die Deutung vom Anfang vom Ende der AfD. Wir erleben eine Konsolidierung der AfD.\u201c Insgesamt hat die Partei eine stabile Basis etabliert, von der aus sie agieren kann. Angesichts der Schwierigkeiten, mit denen sie zu k\u00e4mpfen hat, ist dies doch bemerkenswert. 2020 war die AfD <a href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/politik\/wutrede-gegen-provokateure-poebler-radikale-afd-chef-meuthen-bringt-parteifreunde-gegen-sich-auf\/26668256.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">konfrontiert mit inneren Konflikten<\/a>, der <a href=\"https:\/\/www.rbb24.de\/politik\/beitrag\/2020\/10\/afd-querdenker-teil-lockdown-corona-krise-brandenburg-berlin.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Suche nach einem neuen Krisennarrativ<\/a>, nachdem in der Pandemie die Erz\u00e4hlung der vermeintlichen Migrationskrise nicht mehr verfing, sowie den Bestrebungen des Verfassungsschutzes, die <a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/politik\/deutschland\/rechtsextremismus-verdachtsfall-verfassungsschutz-beobachtet-afd-nun-bundesweit-a-136d80ce-4549-4a23-8174-19ad70f20643\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Partei zu beobachten<\/a>.<\/p>\n<p>Freude \u00fcber die Verluste bei den Wahlen und Umfragen sind aber auch aus einem zweiten Grund fehl am Platz. W\u00e4hler*innen der AfD konnten in Baden-W\u00fcrttemberg sowie Rheinland-Pfalz kaum von anderen Parteien zur\u00fcckgewonnen werden. Das Gros ging schlicht nicht mehr zur Wahl \u2013 die Menschen sind also nicht verschwunden und wom\u00f6glich lassen sie sich im Herbst wieder zur Wahl mobilisieren. Dies gilt insbesondere dann, wenn die Corona-Krise noch lange anh\u00e4lt und die CDU\/CSU sich weiter in Korruptionsaff\u00e4ren und Machtk\u00e4mpfen verstricken sollte. Beobachter*innen der Partei betonen schon l\u00e4nger, dass die AfD \u201e<a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/2020\/48\/corona-politik-afd-rechtspopulismus-querdenken-positionierung?utm_referrer=https%3A%2F%2Fwww.startpage.com%2F\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">aus dem Widerstand der \u201aQuerdenker\u2018 politisches Kapital zu schlagen<\/a>\u201c versucht. So waren Kader und Abgeordnete der Partei bei den Massendemonstrationen von Corona-Leugner*innen in Berlin, Leipzig und Kassel, aber auch bei kleineren Anl\u00e4ssen verteilt in der Republik pr\u00e4sent. Auch der <a href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/inland\/afd-parteitag-261.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Parteitag am vergangenen Wochenende<\/a> in Dresden verdeutlicht diesen Ann\u00e4herungskurs. Das verabschiedete Wahlprogramm und der zentrale Wahlkampfslogan \u201eDeutschland, aber normal\u201c kokettieren mit dem Bild der heilen und maskenfreien Welt, die mit der AfD wieder hergestellt werden k\u00f6nne. Bespielt wird die klassische populistische Klaviatur der Spaltung zwischen uns hier unten, die angeblich f\u00fcr Freiheit und Demokratie einstehen, versus die da oben, die uns diktatorisch unterdr\u00fcckten. Durchsetzt ist das St\u00fcck, mit der die Partei, so <a href=\"https:\/\/www.boell-bw.de\/de\/2020\/11\/11\/wie-passen-rechts-populismus-und-der-glaube-verschwoerungstheorien-zusammen\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Laura Hammel<\/a>, ihre \u201eRolle als Anti-Establishment-Partei zu festigen\u201c versuche, von antisemitischen, rassistischen und v\u00f6lkischen Kl\u00e4ngen. Die Strategie geht zumindest insofern auf, als unter den Menschen, die sich von Querdenken ansprechen lassen, der Zuspruch zur AfD deutlich steigt (siehe Abbildung 1.).<\/p>\n<figure id=\"attachment_5895\" aria-describedby=\"caption-attachment-5895\" style=\"width: 934px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-5895 size-full\" src=\"https:\/\/blog.prif.org\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/Grafik_Wahlen_Querdenken_Blogbeitrag_DMullis.jpg\" alt=\"\" width=\"934\" height=\"662\" srcset=\"https:\/\/blog.prif.org\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/Grafik_Wahlen_Querdenken_Blogbeitrag_DMullis.jpg 934w, https:\/\/blog.prif.org\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/Grafik_Wahlen_Querdenken_Blogbeitrag_DMullis-300x213.jpg 300w, https:\/\/blog.prif.org\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/Grafik_Wahlen_Querdenken_Blogbeitrag_DMullis-768x544.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 934px) 100vw, 934px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-5895\" class=\"wp-caption-text\">Abbildung 1: Quelle: Nachtwey, Oliver; Rober Sch\u00e4fer &amp; Nadine Frei (2020): Politische Soziologie der Corona-Proteste, S. 10. Eigene Darstellung.<\/figcaption><\/figure>\n<h2>Die Geographie der Pandemie und drei Ebenen der Peripherie<\/h2>\n<p>Noch akzentuierter als in den Jahren zuvor tritt aktuell die r\u00e4umliche Polarisierung des Zuspruchs zur AfD zwischen Ost- und Westdeutschland hervor. <a href=\"https:\/\/www.fr.de\/politik\/afd-bundestagswahl-2021-corona-wir-erleben-eine-konsolidierung-der-afd-90263270.amp.html?__twitter_impression=true\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Hillje betont<\/a>, dass er nicht davon ausgehe, dass die die Partei, \u201eim Westen verschwindet, aber es kann sein, dass sie nach diesem Jahr so etwas wie eine \u201aLega Ost\u2018 mit Repr\u00e4sentanzen im Westen ist\u201c. Wom\u00f6glich wird sich die Wahlgeographie 2021 im Vergleich zu 2017 deutlich ver\u00e4ndern. Die r\u00e4umliche Polarisierung zwischen Ost und West, Stadt und Land sowie in der Tendenz zwischen Innenstadt und Stadtrand, die 2017 zutage traten, sind aber nicht nur hinsichtlich der AfD von Relevanz, vielmehr verdeutlichen sie eine spezifische R\u00e4umlichkeit sozialer Konfliktlagen, Polarisierung und deren politischen Artikulation (siehe <a href=\"https:\/\/www.hsfk.de\/fileadmin\/HSFK\/hsfk_downloads\/PRIF0519.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">PRIF Report 5\/2019<\/a> S. 6-13). Grund zur Sorge ist hierbei, dass sich die r\u00e4umlichen Muster der AfD-Wahl auch in der Geographie der Pandemie wieder finden. So wurde vom <a href=\"https:\/\/twitter.com\/Matthias_Quent\/status\/1335600838149074951?s=20\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">IDZ Jena im Dezember 2020<\/a> f\u00fcr Deutschland eine signifikante Korrelation von hohen AfD-Wahlergebnissen und Corona-Fallzahlen in Ost- und Westdeutschland nachgewiesen.<\/p>\n<blockquote class=\"twitter-tweet\">\n<p dir=\"ltr\" lang=\"de\">&#x2139;&#xfe0f;In den vergangenen Tagen gab es in den Medien und in der Politik Thesen dar\u00fcber, dass Regionen besonders stark von <a href=\"https:\/\/twitter.com\/hashtag\/Corona?src=hash&amp;ref_src=twsrc%5Etfw\">#Corona<\/a> belastet sind, in denen die <a href=\"https:\/\/twitter.com\/hashtag\/AfD?src=hash&amp;ref_src=twsrc%5Etfw\">#AfD<\/a> besonders stark ist. Was ist da dran? Wir haben nachgerechnet. Es folgt ein langer <a href=\"https:\/\/twitter.com\/hashtag\/Thread?src=hash&amp;ref_src=twsrc%5Etfw\">#Thread<\/a> <a href=\"https:\/\/twitter.com\/hashtag\/fehlendermindestabstand?src=hash&amp;ref_src=twsrc%5Etfw\">#fehlendermindestabstand<\/a>&#x2b07;&#xfe0f;<\/p>\n<p>\u2014 Matthias Quent (@Matthias_Quent) <a href=\"https:\/\/twitter.com\/Matthias_Quent\/status\/1335600838149074951?ref_src=twsrc%5Etfw\">December 6, 2020<\/a><\/p><\/blockquote>\n<p><script async src=\"https:\/\/platform.twitter.com\/widgets.js\" charset=\"utf-8\"><\/script><\/p>\n<p>\u00c4hnliche Befunde gibt es auch f\u00fcr die USA, Italien und \u00d6sterreich, wo \u00fcberall Regionen mit hohen Anteilen der (extremen) Rechten st\u00e4rker von Corona-Fallzahlen betroffen sind als andere. Dass die Regionen, in denen die Querdenken-Bewegung einen starken R\u00fcckhalt findet und von wo aus Fahrten zu den gro\u00dfen Demonstrationen organisiert wurden, deutliche Zunahmen der Fallzahlen nach den entsprechenden Reisen verzeichneten, haben <a href=\"http:\/\/ftp.zew.de\/pub\/zew-docs\/dp\/dp21009.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Martin Lange und Ole Monscheuer<\/a> j\u00fcngst nachgewiesen. Das hei\u00dft nat\u00fcrlich nicht, dass die AfD f\u00fcr die hohen Inzidenzen verantwortlich zeichnet; noch nicht einmal, dass AfD-W\u00e4hler*innen eher erkranken. Es ist aber zum einen ein Indiz daf\u00fcr, dass sich die sozialen Gef\u00fcge \u00fcberlagern, in denen die AfD Erfolge feiert und wo das Einhalten der Corona-Schutz-Verordnungen willentlich unterlaufen wird. Zum anderen deutet sich an, dass dieselben strukturellen Merkmale, die den Erfolg der AfD beschreiben, auch mit h\u00f6heren Inzidenzen korrelieren, ohne kausal verbunden zu sein.<\/p>\n<p>Gerade letzteres verdeutlicht, dass der Fokus auf politische Verhaltensweisen, so wichtig die Hinweise auf Einstellungen und Alltagspraxen auch sein m\u00f6gen, in ihrer Erkl\u00e4rungskraft f\u00fcr die Geographie der Pandemie an ihre Grenzen sto\u00dfen. <a href=\"https:\/\/www.tandfonline.com\/doi\/full\/10.1080\/23748834.2020.1788320\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Samantha Biglieri, Lorenzo de Vidovich und Roger Keil<\/a> verdeutlichen dies am Beispiel der Lombardei, Italien, und Toronto, Kanada. Sie gehen den von <a href=\"https:\/\/www.azuremagazine.com\/article\/urban-density-confronting-the-distance-between-desire-and-disparity\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Jay Pitter<\/a> skizzierten \u201evergessenen Dichten\u201c nach und betonen, dass dort, \u201ewo das Virus konzentriert auftritt, das Periphere zu finden ist, in der Stadt und in der Gesellschaft\u201c. Dass dies auch f\u00fcr Deutschland G\u00fcltigkeit hat, belegen Zahlen des <a href=\"https:\/\/www.rki.de\/DE\/Content\/GesundAZ\/S\/Sozialer_Status_Ungleichheit\/Faktenblatt_COVID-19-Sterblichkeit.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">RKI<\/a>, wonach \u201eim Dezember und Januar [..] die COVID-19-Sterblichkeit in sozial stark benachteiligten Regionen um rund 50 bis 70 Prozent h\u00f6her [lag] als in Regionen mit geringer sozialer Benachteiligung\u201c. <a href=\"https:\/\/zeitschrift-suburban.de\/sys\/index.php\/suburban\/announcement\/view\/84\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Roger Keil<\/a> konkretisiert den Ansatz und bestimmt drei Dimensionen der Peripherie:<\/p>\n<p><em>R\u00e4umliche Peripherie<\/em>. Angesprochen sind Orte, die in der kontempor\u00e4ren Gesellschaftsordnung nicht als zentral gelten, etwa Gro\u00dfwohnsiedlungen am Stadtrand oder rurale Regionen. Bedeutsam ist hier, dass diese Muster sehr kleinteilig sein k\u00f6nnen, manchmal trennen Zentrum und Peripherie nur einzelne Stra\u00dfenz\u00fcge.<\/p>\n<p><em>Institutionelle Peripherie<\/em>. Hier geht es um die Organisationsweisen von Gesellschaft; um Prozesse, die Gesellschaft so steuern, dass Menschen an den Rand gedr\u00e4ngt werden. Darunter fallen Praxen der Vergabe von Sozialwohnungen, das Rechtsystem, das Menschen in Gef\u00e4ngnissen externalisiert sowie Gefl\u00fcchtete in Lagern unterbringt, die Etablierung des Niedriglohnsektors, aber auch die Organisation von Pflege und Versorgung in Altenheimen.<\/p>\n<p><em>Soziale Peripherie.<\/em> Damit ist im Wesentlichen die rassistische und identit\u00e4tspolitische Spaltung von Gesellschaft angesprochen. Dabei wird einzelnen Menschen aufgrund von Zuschreibungen von k\u00f6rperlichen Merkmalen der Zugang zur Gesellschaft graduell verwehrt.<\/p>\n<p>Die Fokussierung auf Peripherisierung lenkt den Blick weg von einstellungsbasierten sozialen Praxen hin zu gesellschaftlichen Prozessen, Machtverteilungen und Exklusionsmustern, die die Geographie der Pandemie wom\u00f6glich st\u00e4rker pr\u00e4gen als die erstgenannten Faktoren. \u00dcber die Ursachen f\u00fcr die Wiederholung des Musters der AfD-W\u00e4hler*innenstimmen in den Corona-Fallzahlen wird weitere Forschung hoffentlich vertiefte Einsichten bieten. Deutlich jedoch ist bereits jetzt, dass selbst wenn die AfD 2021 nicht durchweg an ihre Erfolge von 2017 anschlie\u00dfen kann, die Einstellungsmuster, sozialen Konfliktlagen, Polarisierungen und Peripherisierung keinesfalls verschwunden sein werden und in unterschiedlichen (politischen) Feldern manifest werden.<\/p>\n<h2>Peripherisierung und die AfD<\/h2>\n<p>Hinweise darauf, dass der Fokus auf Prozesse der Peripherisierung auch f\u00fcr die Analyse der Geographie der AfD sowie k\u00fcnftiger gesellschaftlicher Polarisierungen produktiv sein kann, gibt es. Ich m\u00f6chte zwei herausgreifen: zum einen die Arbeit von <a href=\"https:\/\/zeitschrift-suburban.de\/sys\/index.php\/suburban\/article\/view\/483\/688\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">F\u00f6rtner et al.<\/a> sowie einen Aufsatz von Jan Lucas Geilen und mir, der j\u00fcngst <a href=\"https:\/\/gh.copernicus.org\/articles\/76\/129\/2021\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">erschienen ist<\/a>. Ausgangspunkt beider Beitr\u00e4ge ist ein gewisses Unbehagen mit der r\u00e4umlichen Fixierung des Erfolges der AfD in l\u00e4ndlichen und ostdeutschen Regionen. Latent geht damit eine Vorstellung einher, wonach die AfD prim\u00e4r an Orten erfolgreich ist, die von R\u00fcckst\u00e4ndigkeit, mangelnder Aufkl\u00e4rung und tradiertem Autoritarismus gepr\u00e4gt sind.<\/p>\n<p>F\u00f6rtner et al. beginnen mit der These, dass die Geographie der AfD anhand \u201eunterschiedlicher Grade der Produktion urbaner und ruraler R\u00e4ume\u201c zu verstehen ist. Es geht ihnen um die ungleiche Entwicklung von Regionen, die in einer urbanisierten Gesellschaft kaum (noch) \u00fcber die Trennung zwischen Stadt und Land zu erfassen sind. Peripherisierung bildet dabei die Klammer, die unterschiedlich manifest wird. Mit dem Begriff der Peripherisierung legen sie den Fokus auf ungleiche Muster der gesellschaftlichen Integration und Exklusion in Demokratie, dem ungleichen Zugang zu sozialen Infrastrukturen, Strukturschw\u00e4che etc. Im Rahmen ihrer empirischen Analyse von drei R\u00e4umen, wo die AfD 2017 stark abschnitt, erkennen sie drei Muster.<\/p>\n<p>Der l\u00e4ndlich gepr\u00e4gte Landkreis Vorpommern-Greifswald wird als ein Fall der <em>umfassenden Peripherisierung<\/em> diskutiert. Hier sind Prozesse der \u00f6konomischen und gesellschaftlichen Exklusionserfahrungen pr\u00e4gend, die nicht zuletzt mit den Mechanismen der deutschen Widervereinigung verkn\u00fcpft sind. Das hochverdichtete Neubauviertel Pforzheim-Haidach, erbaut am Stadtrand auf der \u201egr\u00fcnen Wiese\u201c, wird als <em>peripheres Zentrum<\/em> bestimmt. Hier ist Peripherisierung eng mit der gebauten Umwelt, aber auch der Sozialstruktur des Viertels verbunden. Charakteristisch ist \u201edie Segregation von (Sp\u00e4t-)Aussiedler*innen und die daraus hervorgegan\u00adgenen, dezidiert r\u00e4umlichen Identit\u00e4tskonflikte eine Herausbildung von Differenz.\u201c Den Stadtteil Mannheim-Sch\u00f6nau schlie\u00dflich bestimmen sie als <em>zentrale Peripherie<\/em>. Sch\u00f6nau liege zwar im Zentrum der Stadt, sei aber aufgrund von institutionellen Praxen wie der Vergabe von Sozialwohnungen oder Desinvestition alles andere als zentral.<\/p>\n<p>Der Fokus des eigenen Artikels gemeinsam mit Geilen ist anders gelagert, erlaubt aber auch, Fragen der Peripherisierung zu beleuchten. Wir haben in der jeweils gr\u00f6\u00dften Stadt je Bundesland die Korrelation zwischen dem Zweitstimmenanteil der AfD 2017 mit Indikatoren f\u00fcr sozio-\u00f6konomische Lage, Migration, Zuspruch zur Demokratie und Altersstruktur auf der Ebene von Stadtteilen untersucht. Ziel der Untersuchung ist es, die sonst \u00fcbliche Fokussierung auf Wahlkreise zu \u00fcberwinden und eine kleinteiligere Betrachtung von st\u00e4dtischer Polarisierung zu entwickeln. Es geht uns aber auch darum, die Verkl\u00e4rung von (Gro\u00df)St\u00e4dten als einheitlich progressive Orte zu konfrontieren.<\/p>\n<p>Die Analyse hat deutlich gezeigt, dass der Zuspruch zur AfD in den Stadtteilen je Stadt deutlich auseinanderklafft. Dies gilt f\u00fcr St\u00e4dte in Ost- und Westdeutschland, wenn auch die Gesamtergebnisse in den ostdeutschen St\u00e4dten deutlich h\u00f6her sind als in den westdeutschen. Die Analyse der Korrelationen hat ein heterogenes Bild ergeben, nur sehr eingeschr\u00e4nkt lassen sich Ost-West-Muster beschreiben. Am deutlichsten und praktisch \u00fcber alle St\u00e4dte hinweg, tritt der Zusammenhang zwischen einer niedrigen Wahlbeteiligung und einem hohen Wahlanteil der AfD hervor. Ausgepr\u00e4gt ist auch der Zusammenhang zwischen einem hohen Anteil an Menschen, die Hartz IV beziehen, und einem hohen Stimmenanteil f\u00fcr die AfD. Migrationsbezogene Faktoren sind uneinheitlich, in manchen St\u00e4dten schlagen sie positiv, in anderen negativ aus. \u00dcberrascht hat hingegen der Faktor Alter. Weit st\u00e4rker als der Altersquotient, hat n\u00e4mlich ein hoher Jugendquotient als Pr\u00e4diktor f\u00fcr einen hohen W\u00e4hler*innenanteil der AfD ausgeschlagen. Insgesamt erkennen wir ein Bild, \u201ewonach die AfD in eher marginalisierten Stadtteilen st\u00e4rker abschneidet als in besser gestellten, was aber weder hei\u00dft, dass sie dies in allen marginalisierten Stadtteilen tut, noch dass sie nicht auch in eher wohlhabenden Vierteln gut abschneiden kann\u201c. Dieser Befund l\u00e4sst sich sodann dahingehend deuten, dass in St\u00e4dten selbst Prozesse der Peripherisierung als relevant zu betrachten sind.<\/p>\n<h2>Fazit<\/h2>\n<p>Der Begriff der Peripherisierung ist in dreifacher Weise produktiv: Er erlaubt erstens, staatliche und wirtschaftliche Praxen der Exklusion anzusprechen; zweitens, rassistisch-identit\u00e4tspolitische Praxen der Marginalisierung der vermeintlich Anderen in den Blick zu nehmen; und drittens auch gesellschaftliche periphere bzw. nicht hegemoniale kulturelle Praxen zu fokussieren. Peripherisierung nimmt dabei unterschiedliche Formen an und betrifft unterschiedliche Gruppen in der Gesellschaft auf unterschiedliche Weise. Dies bedeutet, dass die erh\u00f6hten Corona-Fallzahlen in AfD-Hochburgen zugleich Folge von Praxen der Missachtung der Corona-Regeln sowie struktureller und demographischer Peripherisierung sind \u2013 die Prozesse \u00fcberlagern und verst\u00e4rken sich, m\u00fcssen aber nicht verbunden sein. Um den konkreten Ursachen und Wechselverh\u00e4ltnissen auf den Grund zu gehen, bedarf es lokalisierter Forschung vor Ort. Diese Forschung sollte strukturelle Peripherisierungen und gleichzeitig die Wirkm\u00e4chtigkeit rechter Verschw\u00f6rungstheorien und Demagogie der AfD f\u00fcr das Alltagshandeln analysieren. Zumal die AfD nicht nur Stimmungen f\u00fcr ihren Wahlkampf aufnimmt, sondern sie diese mit ihrer Agitation verst\u00e4rkt und multipliziert.<\/p>\n<p>Deutlich ist bereits jetzt, dass peripherisierte und marginalisierte R\u00e4ume mit gesellschaftlichen B\u00fcrden zu ringen haben, die mitunter \u2013 aber keinesfalls zwangsweise \u2013 zu extrem rechten Artikulationen f\u00fchren und Menschen in der Pandemie sterben lassen. Beides ist in einer demokratischen Gesellschaft nicht tragbar. Gef\u00fchle der Entsicherung, der Exklusion und der Desintegration aus der Gesellschaft sind also nicht nur dann problematisch, wenn sie in Stimmen f\u00fcr die AfD umschlagen. Sie minimieren gesellschaftlichen Zusammenhalt, untergraben M\u00f6glichkeiten einer pluralistischen Solidarit\u00e4t und bef\u00f6rdern Vereinzelung.<\/p>\n<p>Dies bedeutet, dass der strukturellen und wirtschaftlichen Peripherisierung st\u00e4rker entgegengewirkt werden muss. \u00d6ffentlicher Nahverkehr, technische Infrastrukturen, Gesundheitsversorgung, Bildungseinrichtungen, Arbeitspl\u00e4tze m\u00fcssen in der Fl\u00e4che entwickelt werden \u2013 dass dies nicht geschieht, h\u00e4ngt auch mit dem Mantra der Schwarzen Null und der Logik der Austerit\u00e4t zusammen. Sozio-\u00f6konomische Inklusion l\u00f6st das Problem extrem rechter Einstellungen nicht allein; aber sie nimmt wom\u00f6glich Druck aus dem Kessel und schafft Zeit, um verst\u00e4rkt an Themen wie Rassismus und Chauvinismus zu arbeiten. Zentral w\u00e4re hierf\u00fcr, gerade auf lokaler Ebene \u2013 dort wo Gestaltungsspielr\u00e4ume und Kollektivit\u00e4t unmittelbar ausgehandelt, erfahren und gelebt werden \u2013 positive Erfahrungen von Demokratie und sozialem Zusammenhalt zu bef\u00f6rdern. Vor Ort muss Rassismus und Antisemitismus klar und deutlich widersprochen werden. Dies bedeutet auch, dass \u00f6ffentliches Personal in Verwaltungen, Schulen und den Sicherheitsbeh\u00f6rden verpflichtend Weiterbildungen und Trainings besuchen m\u00fcsste, um eine antirassistische und soziale inklusive Praxis in der Fl\u00e4che zu verankern. Diversity sollte in der Einstellungspraxis nicht mehr nur Schlagwort, sondern gelebte Praxis sein. Zudem sollte das Engagement progressiver sozialer Bewegungen ernster genommen werden, sonst drohen gerade jene Menschen verloren zu gehen, die sich (noch) f\u00fcr Demokratie und Zusammenhalt einsetzen. Engagement muss sich auch f\u00fcr weniger wohlhabende Menschen lohnen und sollte nicht vornehmlich in bitteren Niederlagen m\u00fcnden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Aufstieg der AfD scheint im Superwahljahr 2021 gebremst. Die Verluste in den Landtagswahlen von Baden-W\u00fcrttemberg und Rheinland-Pfalz sind aber kein Zeichen f\u00fcr den Anfang vom Ende der Partei. Bei ihrem Parteitag am vergangenen Wochenende hat die AfD in den Corona-Ma\u00dfnahmen eindeutig ihr neues Feindbild gefunden, dem sie das Narrativ einer vermeintlich heilen Normalit\u00e4t entgegensetzt. Die Verluste sollten ebenso wenig als ein Zeichen daf\u00fcr gedeutet werden, dass die dem Wahlerfolg von 2017 mitunter zugrundeliegenden sozialen Konfliktlagen und Polarisierungen in der Gesellschaft zur\u00fcckgedr\u00e4ngt worden w\u00e4ren. Im Gegenteil: Die Geographie der Pandemie deckt sich erstaunlich stark mit jener des Wahlerfolgs der AfD. 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