{"id":13125,"date":"2021-03-19T08:18:51","date_gmt":"2021-03-19T07:18:51","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.prif.org\/myanmars-veto-coup-2021-ein-interpretationsversuch\/"},"modified":"2021-03-19T08:18:51","modified_gmt":"2021-03-19T07:18:51","slug":"myanmars-veto-coup-2021-ein-interpretationsversuch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.prif.org\/en\/2021\/03\/19\/myanmars-veto-coup-2021-ein-interpretationsversuch\/","title":{"rendered":"Myanmars \u201eVeto-Coup\u201c 2021: ein Interpretationsversuch"},"content":{"rendered":"<p><strong>Milit\u00e4rische \u201eVeto-Coups\u201c kamen in der Vergangenheit in den Staaten \u00f6fters vor, in denen die Streitkr\u00e4fte eine f\u00fchrende gesellschaftliche Rolle einnehmen. In S\u00fcdostasien spielt das Milit\u00e4r diese herausgehobene Rolle in Myanmar und Thailand \u2013 beide Staaten haben Erfahrungen mit Staatsstreichen gemacht. Am 1. Februar 2021 putschte in Myanmar erneut das Milit\u00e4r. Da die Armee des Landes enge und lange zur\u00fcckreichende Verbindungen zur Armee Thailands hat und beide Armeen eine Tendenz zu Putschen haben, stellt sich die Frage, inwiefern der Staatsstreich vom Februar 2021 aus der Geschichte der Putsch(versuche) auf dem s\u00fcdostasiatischen Festland erkl\u00e4rt werden kann. Folgt Myanmar dem thail\u00e4ndischen Vorbild?<\/strong><\/p>\n<p>Der Putsch fand so unerwartet statt, dass er viele Beobachter*innen der Situation in Myanmar vollkommen \u00fcberrumpelte. Der Zeitpunkt wurde durch Numerologie bestimmt: am 1. Februar 2021 um 3 Uhr morgens festgelegt, ergaben diese Zahlen Myanmars Gl\u00fcckszahl neun (0300 am 1.2.21 ergibt 9). Und alles schien so wohlmeinend: General Min Aung Hlaing, Oberbefehlshaber der Streitkr\u00e4fte, erkl\u00e4rte, dass er das Land einfach nur in einen einj\u00e4hrigen Ausnahmezustand bis zu einer n\u00e4chsten Wahl setzen m\u00fcsse. Allerdings war nichts daran rosig. Im Zuge einer Reihe von Durchsuchungen verhafteten Soldaten Regierungsbeamte und Lokalpolitiker*innen sowie Personal der regierenden Partei \u201eNationale Liga f\u00fcr Demokratie\u201c (NLD) inklusive Aung Suu Kyi, Myanmars ewige Ikone der Freiheit. Sie k\u00f6nnte wieder f\u00fcr Jahre in Gefangenschaft geraten. Viele Einwohner*innen des Landes sind untergetaucht. Obwohl seit 2016 eine zivile Regierung an der Macht war, ist die Pseudo-Demokratie des Landes jetzt mit einem Schlag Geschichte. Vor dem Hintergrund, dass Myanmars letzter Putsch 1962 zu Jahrzehnten der direkten Milit\u00e4rherrschaft gef\u00fchrt hat, kann man es den Schwarzmaler*innen nicht vorhalten, dass sie andeuteten, Myanmars <em>Tatmadaw<\/em> (die Streitkr\u00e4fte) w\u00e4ren nun erneut Langzeitherrscher. Warum der Coup von 2021? Wie verhalten sich die Gr\u00fcnde f\u00fcr den Putsch von 1962 zu denen f\u00fcr den Coup 2021?<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.straitstimes.com\/asia\/thailand-and-myanmar-traditional-rivals-now-brothers-in-arms\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Seit langem schon gibt es enge Beziehungen zwischen dem Milit\u00e4r Myanmars und dem Thailands.<\/a> Das Milit\u00e4r Myanmars hat sich \u00fcber viele Jahren davon beeindruckt gezeigt, wie das thail\u00e4ndische Milit\u00e4r seine Macht in Thailand aufrecht erh\u00e4lt. Die Faszination der <em>Tatmadaw<\/em> von den thail\u00e4ndischen Streitkr\u00e4ften legt es nahe, sich auch Coups in Thailand anzusehen, um die in Myanmar besser zu verstehen.<\/p>\n<h2>Der Coup von 1962<\/h2>\n<figure style=\"width: 249px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"\" src=\"https:\/\/blog.prif.org\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/1962_Burmese_coup_detat2_Wikimedia-Commons_Public-Domain.jpg\" alt=\"\" width=\"249\" height=\"416\" \/><figcaption class=\"wp-caption-text\">Coup in Burma am 2. M\u00e4rz 1962 (Foto: <a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:1962_Burmese_coup_d%27%C3%A9tat2.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Wikimedia Commons, Public Domain<\/a>).<\/figcaption><\/figure>\n<p>Seit der Hinrichtung des Unanbh\u00e4ngigkeitsf\u00fchrers Aung San 1947 waren die <em>Tatmadaw<\/em> fast durchgehend die herrschende Macht im Land, aufgrund ihres Gewaltmonopols und ihrem daraus abgeleiteten Privileg, die Gesellschaft dominieren zu d\u00fcrfen. Der Anf\u00fchrer des Coup von 1962, General Ne Win, gab damals an, es sei einer der Hauptgr\u00fcnde f\u00fcr den Putsch gewesen, den wirtschaftlichen, administrativen und politischen Zerfall Burmas aufhalten zu wollen (unter den <em>Tatmadaw<\/em> wurde 1989 der Name des Staates von Burma zu Myanmar ge\u00e4ndert). Leitungsfiguren der <em>Tatmadaw<\/em> empfanden auch Burmas parlamentarisches System als extrem fragil und von korrupten Politikern durchsetzt, w\u00e4hrend Soldaten Blut vergie\u00dfen mussten, um das Land zusammenzuhalten. Sie empfanden sich als die f\u00e4higeren F\u00fchrungsfiguren, nachdem sie das Land aus der Kolonialherrschaft gef\u00fchrt hatten und seit der Unabh\u00e4ngigkeit f\u00fcr die Stabilisierung gek\u00e4mpft hatten. 1962 war der Staat viel staatszentrierter geworden und die <em>Tatmadaw<\/em> wollten ihre b\u00fcrokratischen Interessen sichern.<sup>[1]<\/sup> Tumulte im Parlament und die fortlaufenden Rebellionen im ganzen Land lieferten weitere Vorw\u00e4nde f\u00fcr den Coup.<\/p>\n<h2>Der thail\u00e4ndische Coup von 2006<\/h2>\n<figure style=\"width: 264px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"\" src=\"https:\/\/blog.prif.org\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/Cover-TIMES-Thailand-2006-Time.com_.jpg\" alt=\"\" width=\"264\" height=\"352\" \/><figcaption class=\"wp-caption-text\">Coup in Thailand am 19. September 2006 (Quelle: <a href=\"http:\/\/content.time.com\/time\/covers\/asia\/0,16641,20061002,00.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Time.com<\/a>).<\/figcaption><\/figure>\n<p>Seit 1980 sind die Verh\u00e4ltnisse in Thailand durchgehend von einem autokratischen Arrangement zwischen der Monarchie und dem Milit\u00e4r (letzeres als Juniorpartner in dieser Beziehung) gepr\u00e4gt. Versuche, eine Demokratie zu etablieren, haben sich seither stets als Nebenschaupl\u00e4tze entpuppt. Der Putsch von 2006 fand wohl haupts\u00e4chlich statt, um den Premierminister Thaksin Shinawatra aus dem Amt zu jagen, der bei der armen Landbev\u00f6lkerung enorm beliebt war (und insofern gef\u00e4hrlich f\u00fcr die etablierten Interessen der Eliten), und somit Thailand wieder auf den Pfad einer Dominanz von Monarchie und Milit\u00e4r zu f\u00fchren. Thaksin, 2001 in einem Erdrutschsieg zum Premierminister gew\u00e4hlt, wurde 2005 im Amt best\u00e4tigt, ausgestattet mit einer absoluten Mehrheit der Sitze im Parlament. Er hatte gro\u00dfen Einfluss auf die Polizei und eine gr\u00f6\u00dfer werdende Fraktion innerhalb des Milit\u00e4rs. Selbst die Justiz und viele staatliche Organe waren mit Personen durchsetzt, die er benannt hatte. Der K\u00f6nig hatte sich jedoch seit Anfang des Jahres 2006 von Thaksin abgewendet, und eine Gruppe ehemaliger hoher Milit\u00e4rs begann mit Planungen f\u00fcr den Putsch unter F\u00fchrung des Vorsitzenden des K\u00f6niglichen Geheimrats, Prem Tinsulanonda <sup>[2]<\/sup>. Als der Staatsstreich am 19. September 2006 begann, waren viele Thais hin und hergerissen in ihrer Reaktion auf das Vorgehen \u2013 da der von vielen respektierte K\u00f6nig das Vorgehen unterst\u00fctzte.<\/p>\n<h2>Der Staatsstreich in Thailand von 2014<\/h2>\n<p>Der Putsch 2014 war eine Wiederauff\u00fchrung des Coups von 2006: ausgeheckt, um wiederum eine Regierungskoalition unter F\u00fchrung von Thaksin \u2013 formell unter der seiner Schwester Yingluck (die 2011 nach einem Erdrutschsieg ins Amt gekommen war) \u2013 zu st\u00fcrzen. Ihre Regierung hatte sich von Beginn an daran gemacht, die Verfassungs\u00e4nderungen der Putschisten von 2006 r\u00fcckg\u00e4ngig zu machen. Der Grund f\u00fcr den Putsch war vorgeblich der Schutz der Monarchie, eigentlich aber die Sicherung der Macht des Milit\u00e4rs nach 2006 \u2013 vor allem der Macht ihrer wichtigsten Fraktion \u201eBuraphapayak\u201c. Der drohende Tod des kr\u00e4nklichen alten K\u00f6nigs best\u00e4rkte die f\u00fchrenden Milit\u00e4rs und einigen Aristokraten in ihrer \u00dcberzeugung, dass w\u00e4hrend dieser instabilen Zeit keine pro-Thaksin Regierung im Amt sein solle. Das Chaos verst\u00e4rkte sich noch, als Gegner*innen von Yingluck einige Teile Bangkoks besetzten und somit noch mehr Gr\u00fcnde f\u00fcr das Einschreiten der Putschisten lieferten. <a href=\"https:\/\/www.tandfonline.com\/doi\/full\/10.1080\/00472336.2016.1161060?src=recsys\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Die Thais waren wieder zwiegespalten in der Frage, ob sie den Putsch gut hei\u00dfen sollten.<\/a><\/p>\n<p>Dieser Staatsstreich f\u00fchrte in die f\u00fcnfj\u00e4hrige Regierungszeit einer Junta, die eine ihr gewogene Verfassung einf\u00fchrte. Diese Verfassung etablierte einen von der Junta ernannten Senat und eine neue Wahlformel f\u00fcr Wahlen zum Unterhaus, die eine absolute Mehrheit einer politischen Partei verunm\u00f6glichte. <a href=\"https:\/\/ilaw.or.th\/node\/5004\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Bei den Wahlen 2019, welche von einer durch die Junta ernannten Justiz und Beh\u00f6rden durchgef\u00fchrt wurde, gewann sodann auch die Partei der Junta \u201ePalang Pracharat\u201c an den Urnen (indem sie von der neuen Stimmausz\u00e4hlungs-Formel profitierte).<\/a> Der Anf\u00fchrer des Staatsstreichs von 2014, Prayuth Chan-ocha, trat daraufhin sein Amt an und kann voraussichtlich bis mindestens zur n\u00e4chsten allgemeinen Wahl 2023 regieren.<\/p>\n<p>Derart stellt sich Thailands Modell der gelenkten Demokratie dar, das die <em>Tatmadaw<\/em> sicherlich gerne \u00fcbernehmen w\u00fcrden.<\/p>\n<h2>Der Putsch in Myanmar von 2021<\/h2>\n<p>Die Milit\u00e4rherrschaft in Myanmar dauerte von 1962 bis 2011 an, als eine von den <em>Tatmadaw<\/em> tolerierte hybride Pseudo-Demokratie eingesetzt wurde. Diese \u201eDemokratie\u201c von 2011 bis 2021 war an sich schon eine T\u00e4uschung, da die <em>Tatmadaw<\/em> eine autonome Kontrolle \u00fcber das Gewaltmonopol behielten. Mit der Macht\u00fcbernahme behauptete das Milit\u00e4r, ohne daf\u00fcr Beweise vorzulegen, dass die Wahlen vom November 2020 fehlerhaft waren, und stellte vage in Aussicht, binnen eines Jahres Neuwahlen durchzuf\u00fchren. Wahrscheinlicher steckte hinter dem Putsch allerdings die Einsicht auf Seiten der <em>Tatmadaw<\/em>, dass ihr die politische Dominanz langsam aber sicher zu entgleiten drohte; nach zwei deutlichen Super-Erdrutsch-Siegen von Aung San Suu Kyis <span class=\"bigglyphs__row bigglyphs__row--glyph\">\u201e<\/span>Nationaler Liga f\u00fcr Demokratie<span class=\"bigglyphs__row bigglyphs__row--glyph\">\u201c<\/span>. Tats\u00e4chlich konnten die <em>Tatmadaw<\/em> ihre Befugnisse nur dadurch aufrecht erhalten, dass ihnen nach der Verfassung von 2008 (die die <em>Tatmadaw<\/em> selbst geschaffen hatten) noch 25 Prozent der Sitze in Unter- und Oberhaus zustanden.<\/p>\n<p>Zudem hatte der Oberbefehlshaber der Streitkr\u00e4fte Min Aung Hlaing (der 2011 die Nachfolge seines langj\u00e4hrigen F\u00f6rderers Than Shwe angetreten hatte) verstanden, dass die Zeit nicht auf seiner Seite war. <a href=\"https:\/\/www.eastasiaforum.org\/2021\/02\/05\/myanmars-civil-military-maelstrom\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Er w\u00e4re im Juli 2021 zum R\u00fccktritt gezwungen gewesen, und sein Nachfolger w\u00e4re dann vom zivilen Pr\u00e4sidenten nach Beratungen mit dem Nationalen Sicherheits- und Verteidigungsrat berufen worden.<\/a> Der General hatte bereits versucht, sich 2021 als Pr\u00e4sident in Stellung zu bringen, aber die \u201eUnion Solidarity and Development Party\u201c (USDP), der parlamentarische Arm der <em>Tatmadaw<\/em>, gewann bei den Wahlen nur 33 von 476 m\u00f6glichen Sitzen. Nachdem die <em>Tatmadaw<\/em> androhten, die Wahlergebnisse nicht anzuerkennen, fand der Putsch am Tag der Er\u00f6ffnungssitzung des neuen Parlamentes statt. Warum also dieser Putsch?<\/p>\n<figure style=\"width: 342px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"\" src=\"https:\/\/blog.prif.org\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/Aung_San_Suu_Kyi__Min_Aung_Hlaing_collage.jpg\" alt=\"\" width=\"342\" height=\"207\" \/><figcaption class=\"wp-caption-text\">Aung San Suu Kyi (links) wurde nach dem Putsch in Myanmar im Februar 2021, der vom Kommandeur der Streitkr\u00e4fte, General Min Aung Hlaing (rechts), angef\u00fchrt wurde, von den <em>Tatmadaw<\/em> festgenommen (Foto: <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/2021_Myanmar_coup_d%27%C3%A9tat#\/media\/File:Aung_San_Suu_Kyi_&amp;_Min_Aung_Hlaing_collage.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0<\/a>).<\/figcaption><\/figure>\n<p>Zun\u00e4chst einmal verlor der politisch ambitionierte General Min Aung Hlaing die Wahlen zum Pr\u00e4sidenten. Ohne Wahlamt drohten dem General und seinen milit\u00e4rischen Verb\u00fcndeten aber der Verlust ihrer Immunit\u00e4t f\u00fcr mutma\u00dfliche Kriegsverbrechen gegen burmesische Volksgruppen. Gleichzeitig h\u00e4tte ein Wahlsieg der NLD die Wirtschaftsinteressen der Gener\u00e4le bedroht. General Min Aung Hlaing selbst hat die Kontrolle \u00fcber zwei milit\u00e4rische Firmenkonglomerate: Myanmar Economic Corporation (MEC) und Myanmar Economic Holdings Limited (MEHL). <a href=\"https:\/\/asiatimes.com\/2021\/02\/following-the-money-behind-myanmars-coup\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Sein Sohn, seine Tochter und seine Ehefrau leiten ebenfalls jeweils eigene Unternehmen.<\/a> Andere Gener\u00e4le haben ganz \u00e4hnliche Interessen \u2013 egal ob sie im Ruhestand sind oder im aktiven Dienst. <a href=\"https:\/\/www.bbc.com\/news\/world-asia-34600551\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Die Familie des Generals im Ruhestand Than Shwe, der ehemalige F\u00fchrer der Junta des \u201eState Peace and Development Council\u201c (SPDC), kontrolliert angeblich die gesamte Jadeindustrie Myanmars.<\/a> Ger\u00fcchten zufolge gab Than Shwe, der immer noch enorm einflussreich ist in den <em>Tatmadaw<\/em>, <a href=\"https:\/\/southeastasiaglobe.com\/myanmar-coup-why-now\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">gr\u00fcnes Licht f\u00fcr den Coup am 1. Februar.<\/a><\/p>\n<p>Ganz im Gegensatz zu den Staatsstreichen in Thailand in 2006 und 2014 sind in Myanmar B\u00fcrger*innen gemeinsam gegen den Putsch auf der Stra\u00dfe. Da das burmesische Milit\u00e4r in der Vergangenheit Gewalt angewandt hat, um Protest zu ersticken, steht zu bef\u00fcrchten, dass die <em>Tatmadaw<\/em> auch diesmal auf eine Strategie der Gewalt setzen werden.<\/p>\n<h2>Schlussfolgerungen<\/h2>\n<p>Allen vier Staatsstreichen ist gemeinsam, dass sie als \u201eVeto-Coups\u201c bezeichnet werden k\u00f6nnen \u2013 gem\u00e4\u00df der Definitionen von Huntington (1957) und David (1987). \u201eVeto-Coups\u201c sind Staatsstreiche, die darauf abzielen, massenhafte Teilhabe und soziale Mobilisierung, die Eigentumsrechte bedrohen k\u00f6nnten, zu zerst\u00f6ren.<sup>[3]<\/sup> Solche Putsche k\u00f6nnen sowohl in Thailand als auch in Myanmar relativ leicht passieren, da beide Staaten als \u201epr\u00e4torianisch\u201c klassifiziert werden k\u00f6nnen, da \u201edas Milit\u00e4r dazu tendiert, einzugreifen und das politische System dominieren k\u00f6nnte\u201c.<sup>[4]<\/sup> Beide Staaten unterscheiden sich darin, dass sich das Offizierskorps in den <em>Tatmadaw<\/em> als eine privilegierte \u00f6konomische Klasse in und f\u00fcr sich selbst herausgebildet hat \u2013 zudem noch zur m\u00e4chtigsten im Land. <sup>[5]<\/sup> Mit Ausnahme von Aung San Suu Kyi haben zivile Politiker*innen nicht gen\u00fcgend Popularit\u00e4t, um diese Macht der <em>Tatmadaw<\/em> in Frage stellen zu k\u00f6nnen. Wenn die obersten Leitfiguren dieser Klasse (Than Shwe, Min Aung Hlaing) es f\u00fcr notwendig erachten, eine schw\u00e4chliche zivile Regierung zu st\u00fcrzen, k\u00f6nnen und werden sie dies tun.<\/p>\n<p>In Thailand wiederum ist das Milit\u00e4r Tr\u00e4gerin des Gewaltmonopols und zieht einen Teil seiner St\u00e4rke auch aus der Legitimit\u00e4t, die es als W\u00e4chter der Monarchie erlangt hat \u2013 besonders unter dem von vielen Thais geliebten ehemaligen K\u00f6nig Rama IX, Vater des gegenw\u00e4rtigen K\u00f6nigs. Die letzten beiden Putsche wurden au\u00dferdem dadurch erleichtert, dass Thais \u00fcber die Frage der Unterst\u00fctzung von Thaksin gespalten sind.<\/p>\n<p>Die <em>Tatmadaw<\/em> w\u00fcrden gerne die Erfolge der thail\u00e4ndischen Junta zwischen 2014\u20132019 in Bezug auf die Zementierung des milit\u00e4rischen Einflusses im gesamten Land auch in Myanmar erreicht sehen. Allerdings wird es ungleich schwerer sein, in Myanmar \u00e4hnlich den Erfolgen des thail\u00e4ndischen Milit\u00e4rs eine politische Partei zu etablieren, mit entsprechenden Verfassungsregeln und einem Justizapparat, der darauf zugeschnitten ist, die Dominanz des k\u00f6nigstreuen Milit\u00e4rs zu sichern. Schlie\u00dflich hatte die thail\u00e4ndische Junta f\u00fcr den Aufbau von \u201ePalang Pracharat\u201c diverse Gruppierungen (und Netzwerke f\u00fcr den Stimmenfang) von politischen Gr\u00f6\u00dfen, die \u00fcber mehrere Wahlen gegeneinander angetreten waren, \u00fcberredet oder gekauft. In Myanmar gibt es dagegen \u00fcberhaupt keine j\u00fcngere Geschichte an Wahlvorg\u00e4ngen, bei denen ein politischer Arm der <em>Tatmadaw<\/em> \u00fcberhaupt Elemente zusammenbringen k\u00f6nnte, um eine politische Partei aufzubauen. Insofern k\u00f6nnte sich dies als eine schwierige Aufgabe erweisen, so gerne sich die Gener\u00e4le Myanmars eine Scheibe von Thailand abschneiden w\u00fcrden, was den Kauf von Unterst\u00fctzung f\u00fcr die Sicherung einer \u201edisziplinierten Demokratie\u201c anbelangt. <a href=\"https:\/\/coconuts.co\/bangkok\/news\/myanmar-junta-chief-asks-former-thai-junta-chief-for-help-with-democratic-process\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Aber wie um das Verlangen der <em>Tatmadaw<\/em> nach einer Nachahmung der thail\u00e4ndischen Verh\u00e4ltnisse einer milit\u00e4risch dominierten Demokratie zu bekr\u00e4ftigen, erhielt der thail\u00e4ndische Ministerpr\u00e4sident Prayuth Mitte Februar 2021 einen Brief des Junta-F\u00fchrers Min Aung Hlaing, der darin den ehemaligen Chef der thail\u00e4ndischen Junta um Hilfe f\u00fcr Myanmars eigenen \u201edemokratischen Prozess\u201c bat.<\/a><\/p>\n<p>Sollte der politische Arm der <em>Tatmadaw<\/em> keine solche Pseudo-Demokratie etablieren k\u00f6nnen, ist zu bef\u00fcrchten, dass das Land zu einer mehrj\u00e4hrigen Milit\u00e4rherrschaft zur\u00fcckkehrt. Das ist der dunkle Tunnel der Autokratie, in dem Myanmars Vergangenheit auch seine Zukunft werden k\u00f6nnte.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Literatur<\/strong><\/p>\n[1] Callahan, M. (2004): Making Enemies: War and State Building in Burma, Ithaca, New York: Cornell University Press, S. 205.<\/p>\n[2] Siehe Chambers, P. (2013): A Short History of Military Influence in Thailand. In: Chambers, P. (Hrsg.): Knights of the Realm: Thailand\u2019s Military and Police, Then and Now, Bangkok: White Lotus Press, Kapitel 2.<\/p>\n[3] Huntington, S. (1957): The Soldier and the State. The Theory and Politics of Civil-Military Relations, Cambridge, MA: Harvard University Press; David, S. R. (1987): Third World Coups d\u2019Etat, Baltimore, MD: Johns Hopkins University Press.<\/p>\n[4] Perlmutter, A. (1969): The Praetorian State and the Praetorian Army: Toward a Taxonomy of Civil-Military Relations in Developing Polities. Comparative Politics 1(3), S. 383.<\/p>\n[5] Siehe Crouch, M. (2019): The Constitution of Burma: A Contextual Analysis, Oxford: Hart Publishing, Kapitel 3.<\/p>\n<hr \/>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.prif.org\/2021\/02\/11\/interpreting-myanmars-2021-veto-coup-detat\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Der Beitrag ist bereits in englischer Fassung auf dem PRIF Blog erschienen.<\/a><\/p>\n<p>Die \u00dcbersetzung wurde von <a href=\"https:\/\/www.wissenschaft-und-frieden.de\/index.php?pid=3&amp;sub=1\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">David Scheuing<\/a> angefertigt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Milit\u00e4rische \u201eVeto-Coups\u201c kamen in der Vergangenheit in den Staaten \u00f6fters vor, in denen die Streitkr\u00e4fte eine f\u00fchrende gesellschaftliche Rolle einnehmen. In S\u00fcdostasien spielt das Milit\u00e4r diese herausgehobene Rolle in Myanmar und Thailand \u2013 beide Staaten haben Erfahrungen mit Staatsstreichen gemacht. Am 1. Februar 2021 putschte in Myanmar erneut das Milit\u00e4r. 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