{"id":13126,"date":"2021-03-22T11:50:49","date_gmt":"2021-03-22T10:50:49","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.prif.org\/im-dialog-mit-hessischen-schuelerinnen-und-schuelern\/"},"modified":"2021-03-22T11:50:49","modified_gmt":"2021-03-22T10:50:49","slug":"im-dialog-mit-hessischen-schuelerinnen-und-schuelern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.prif.org\/en\/2021\/03\/22\/im-dialog-mit-hessischen-schuelerinnen-und-schuelern\/","title":{"rendered":"Im Dialog mit hessischen Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fclern"},"content":{"rendered":"<p><strong>Zwei Schulkurse und drei Wissenschaftlerinnen der HSFK <\/strong><strong>sind bei den <em><a href=\"https:\/\/www.hsfk.de\/veranstaltungen\/frankfurter-ideen-fuer-den-frieden-2020\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Frankfurter Ideen f\u00fcr den Frieden<\/a><\/em> im Dezember 2020 in den gemeinsamen Dialog zu Themen der Friedens- und Konfliktforschung getreten, die im Schulunterricht der gymnasialen Oberstufe diskutiert werden, aber gleichzeitig von hoher Aktualit\u00e4t sind und auch die Jugendlichen in ihrem Alltag besch\u00e4ftigen.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Eineinhalb Stunden lang standen <a href=\"https:\/\/www.hsfk.de\/team\/mitarbeiter\/melanie-coni-zimmer\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Melanie Coni-Zimmer<\/a>, <a href=\"https:\/\/www.hsfk.de\/team\/mitarbeiter\/nicole-deitelhoff\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Nicole Deitelhoff<\/a> und <a href=\"https:\/\/www.hsfk.de\/team\/mitarbeiter\/hanna-pfeifer\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Hanna Pfeifer<\/a> Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fclern zu den vier Themenfeldern Zukunft der transatlantischen Beziehungen, Populismus und Demokratie, Internationaler Terrorismus und 75 Jahre Vereinte Nationen Rede und Antwort. Ein Ausschnitt des umfassenden Dialogs kann hier nachgelesen werden.<\/strong><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Die Kurse des Friedrich-Dessauer-Gymnasiums Frankfurt und des Gymnasiums Philippinum Weilburg hatten sich im Vorfeld mit den vier Themenfeldern im Unterricht vertraut gemacht. Anhand von ausgew\u00e4hlten Zeitungsartikeln etwa zum <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/gesellschaft\/zeitgeschehen\/2020-11\/globaler-terrorismus-index-rechtsextremismus-angriffe-tote-taliban\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Globalen Terrorismusindex<\/a> oder zu <a href=\"https:\/\/www.fr.de\/meinung\/gastbeitraege\/investitionen-in-den-frieden-90074005.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Herausforderungen f\u00fcr die Vereinten Nationen<\/a> von Gregor Hofmann, einen <a href=\"https:\/\/blog.prif.org\/2020\/11\/23\/handwerker-in-chief-auf-joe-biden-warten-schwierige-reparaturarbeiten-im-multilateralen-haus\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Beitrag aus der PRIF-Blogreihe zur US-Wahl 2020<\/a> von Caroline Fehl und einer Episode des TonspurWissen-Podcasts zur <a href=\"https:\/\/tonspurwissen.podigee.io\/52-warum-populismus-die-demokratie-zerstoren-kann\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Gefahr des Populismus<\/a> f\u00fcr Demokratien mit Nicole Deitelhoff konnten sich die Sch\u00fcler:innen in die Themen einarbeiten.<\/p>\n<h2>Themen\u00fcbersicht:<span style=\"color: #ff0000;\"><br \/>\n<\/span><\/h2>\n<p><a href=\"#anker1\">(1) Au\u00dfenpolitik: Deutschland, die EU und die US-Wahlen \u2013 die Zukunft der transatlantischen Beziehungen (Nicole Deitelhoff)<\/a><\/p>\n<p><a href=\"#anker2\">(2) Warum Populismus die Demokratie zerst\u00f6ren kann (Nicole Deitelhoff)<\/a><\/p>\n<p><a href=\"#anker3\">(3) Internationaler Terrorismus (Hanna Pfeifer)<\/a><\/p>\n<p><a href=\"#anker4\">(4) 75 Jahre Vereinte Nationen: Was ist ihre Rolle und wie k\u00f6nnen die UN trotz des derzeitigen Widerstands gegen den Multilateralismus gest\u00e4rkt werden? (Melanie Coni-Zimmer)<\/a><\/p>\n<h2 id=\"anker1\">(1) Au\u00dfenpolitik: Deutschland, die EU und die US-Wahlen \u2013 die Zukunft der transatlantischen Beziehungen<\/h2>\n<p><strong>Sch\u00fcler:in:<\/strong> Wie sollen sich die Vereinigten Staaten Ihrer Ansicht nach gegen\u00fcber der russischen Blockadehaltung im Sicherheitsrat um die Luftangriffe in Syrien verhalten?<\/p>\n<p><strong>Nicole Deitelhoff:<\/strong> Da muss man vielleicht noch ein paar Sachen in Erinnerung rufen. Das eine ist, wir haben im UN-Sicherheitsrat die f\u00fcnf st\u00e4ndigen Sicherheitsratsmitglieder \u2013 China, Russland, die USA, Frankreich und Gro\u00dfbritannien \u2013, die ein Vetorecht haben. Das hei\u00dft f\u00fcr Resolutionen nach Kapitel VII beispielsweise \u2013 also Entscheidungen, die in die inneren Angelegenheiten eines Staates eingreifen oder mit denen Zwangsma\u00dfnahmen verh\u00e4ngt werden \u2013 ist ihre Zustimmung erforderlich und sie k\u00f6nnen Resolutionen blockieren, wenn sie ein Veto einlegen. Wir haben gerade in den letzten f\u00fcnf bis sechs Jahren mehr Vetos im Sicherheitsrat gesehen als in der ganzen Zeit seit der Beendigung des Kalten Krieges. Das ist eine sehr dramatische Entwicklung, denn das hei\u00dft, dass das zentrale Organ, das wir international haben, um f\u00fcr Frieden und Sicherheit zu sorgen, h\u00e4ufig blockiert ist. (&#8230;) Dies h\u00e4ngt damit zusammen, dass wir es derzeit mit einer Phase zu tun haben, in der die Rivalit\u00e4t zwischen den Gro\u00dfm\u00e4chten wieder stark zugenommen hat. (\u2026)<\/p>\n<p>Wie kann man mit der russischen Blockadehaltung im UN-Sicherheitsrat umgehen? Da gibt es im Sicherheitsrat selbst gar nicht so viel zu tun. Man kann immer versuchen, jenseits des Sicherheitsrates \u00fcber andere Bereiche der UN-Charta zu gehen, in denen das Veto keine Rolle spielt und dar\u00fcber Verbesserungen zu schaffen. Mit Blick auf Syrien beispielsweise eher im Bereich von Kapitel VI zu operieren, also mit der Zustimmung der dortigen Regierung, oder \u00fcber die Generalversammlung alternative Koalitionen zusammenzustellen, die dann eigene Ma\u00dfnahmen ergreifen k\u00f6nnen. Das ist alles sehr aufwendig und ist momentan sehr schwierig, weil wir auch in der UN-Generalversammlung ein gr\u00f6\u00dferes Konfliktpotential erleben. Es ist aber auch schon gelungen: Im Jahr 2016 hat die UN-Generalversammlung einen sog. Untersuchungsmechanismus f\u00fcr Syrien eingerichtet, \u00fcber den Beweise f\u00fcr Verbrechen w\u00e4hrend des syrischen B\u00fcrgerkrieges gesammelt werden sollen, um sie f\u00fcr zuk\u00fcnftige Gerichtsprozesse zu sichern. Das ist das eine.<\/p>\n<p>Das zweite ist, dass die USA auch au\u00dferhalb der Vereinten Nationen wieder mehr investieren k\u00f6nnen, in alte B\u00fcndnisse. Alte B\u00fcndnisse sind beispielsweise \u201cWir\u201d &#8211; also Europa &#8211; das transatlantische Verh\u00e4ltnis. Dar\u00fcber kann man auch nochmal versuchen, alternative Konfliktl\u00f6sungsmechanismen in Gang zu setzen. Da geht es insbesondere auch darum, schwierige Partner wieder kooperativer zu stimmen, wie die T\u00fcrkei. Die T\u00fcrkei ist ein wichtiger NATO-Akteur, der auch im Syrienkonflikt leider eine nicht so gute Rolle spielt. (\u2026) Da geht es um steinharte Interessen, wie bei der T\u00fcrkei etwa, um die Frage, ob sie von den USA das lang ersehnte Raketenabwehrsystem kaufen k\u00f6nnen, das sie haben m\u00f6chten. Wenn man hier zu Zugest\u00e4ndnissen kommen w\u00fcrde, w\u00fcrde sich die T\u00fcrkei auch nicht mehr so stark an Russland orientieren, wie sie das momentan tut und h\u00e4tte vielleicht auch wieder ein offenes Ohr f\u00fcr W\u00fcnsche der USA und Europas, was im Syrienkonflikt passieren soll und was nicht passieren soll.<\/p>\n<p><strong>Sch\u00fcler:in:<\/strong> Ihre letzte Erkl\u00e4rung habe ich so verstanden, dass sich die T\u00fcrkei eher von der NATO abwendet und eher an Russland orientiert. Die T\u00fcrkei ist seit vielen Jahren in der NATO und eine wichtige Nation, gerade f\u00fcr den Syrienkonflikt und generell f\u00fcr den osteurop\u00e4ischen Raum. Wie ist die Entwicklung der T\u00fcrkei innerhalb der NATO zu bewerten?<\/p>\n<p><strong>Nicole Deitelhoff:<\/strong> Ich w\u00fcrde nicht so weit gehen, zu sagen, dass die T\u00fcrkei sich von der NATO abwendet. Die T\u00fcrkei ist nach wie vor NATO-Mitglied, sie hat auch, wenn ich das richtig sehe, nicht explizit angek\u00fcndigt \u00fcber diese Mitgliedschaft nachzudenken. Aber in den letzten Jahren haben sich verschiedene Konflikte ergeben, die die T\u00fcrkei massiv involviert haben und die T\u00fcrkei auch in Konfrontation mit den anderen NATO-Mitgliedern gebracht haben. Ein wesentlicher Konfliktherd ist die Frage des Ankaufs eines Raketenabwehrsystems (\u2026). Sie m\u00f6chte ein US-basiertes Abwehrsystem kaufen und die USA genehmigen das aus verschiedenen Gr\u00fcnden nicht. Nachdem das \u00fcber Jahre gehangen hat, hat sich die T\u00fcrkei an Russland gewandt und m\u00f6chte ein russisches System kaufen. Das Problem dabei ist, dass die USA nun wiederum sagen: \u201eWenn dieses russische System von der T\u00fcrkei gekauft wird, dann gibt es ein nachrichtendienstliches Problem, weil damit auch gemeinsame Man\u00f6ver und die Technologie, die f\u00fcr gemeinsame Man\u00f6ver genutzt wird, von Russland ausgespielt werden k\u00f6nnten\u201d. Deswegen stehen nach wie vor Sanktionen der USA gegen die T\u00fcrkei im Raum. Es ist ein relativ festgefahrener Konflikt.<\/p>\n<p>Ein anderer Konflikt, um den es geht, ist beispielsweise das Verhalten der T\u00fcrkei in Syrien, auch das war mit der NATO nicht abgesprochen. Es gab zwischenzeitlich Bef\u00fcrchtungen, dass die T\u00fcrkei durch das eigene Verhalten im Syrienkonflikt einen Beistandsfall herbeif\u00fchren k\u00f6nnte, es ist dann aber nicht dazu gekommen. Dann gab es zuletzt (\u2026) den Konflikt zwischen der T\u00fcrkei und Griechenland, da geht es um die Gasvorkommen.<\/p>\n<p>Sie haben vollkommen Recht, die T\u00fcrkei ist ein ganz zentrales Land, insbesondere in der Schwarzmeerregion. Die ist leider auch durch zahlreiche Konfliktlinien charakterisiert. Deswegen ist es auch wirklich wichtig, dass man die T\u00fcrkei in der NATO und auch in ihrem Verh\u00e4ltnis zu Europ\u00e4ischen Union stabilisieren kann. (\u2026) Eine Frage, an der man ansetzen sollte, w\u00e4re nochmal \u00fcber das US-Raketenabwehrsystem bzw. \u00fcber gangbare Alternativen nachzudenken, wie man die T\u00fcrkei hieraus mit einem berechtigten Interesse in die Lage versetzen kann, die entsprechende Ausr\u00fcstung bei den NATO-Partnern zu kaufen und nicht bei Russland. Aber insgesamt, um das einfach mal zu sagen, ist die T\u00fcrkei eigentlich ein ganz stabiler NATO-Partner gewesen. Es gibt gerade in den letzten Jahren Instabilit\u00e4ten und das h\u00e4ngt auch mit einer au\u00dfenpolitischen Agenda-Setzung von Erdogan zusammen, der versucht eine regionale Machtstellung aufzubauen und deswegen durchaus so einige Abenteuer in seinen Nachbarstaaten begonnen hat, Syrien ist einer davon.<strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<h2 id=\"anker2\">(2) Warum Populismus die Demokratie zerst\u00f6ren kann<\/h2>\n<p><strong>Sch\u00fcler:in:<\/strong> Was ist linker Populismus? Was ist rechter Populismus? K\u00f6nnten Sie das differenzieren?<\/p>\n<p><strong>Nicole Deitelhoff:<\/strong> Populismus ist vollkommen unabh\u00e4ngig von der politischen Richtung, das hei\u00dft, ein linker Populismus hat andere Themeninhalte und andere Forderungen, aber er verkauft sie auf die gleiche Art und Weise. Auch in einem linken Populismus, dem es darum geht, dass man Privatbesitz einschr\u00e4nken soll, oder dass man zu bestimmten Kollektivierungsma\u00dfnahmen in der Wirtschaft greifen sollte, oder generell gr\u00f6\u00dfere Umverteilungspolitiken fordert, w\u00fcrde das auf die gleiche Art und Weise propagieren, wie das ein Rechtspopulismus tut. Er w\u00fcrde auch f\u00fcr sich reklamieren, f\u00fcr das Volk zu sprechen, f\u00fcr das \u201eeinzig wahre Volk\u201c. Er w\u00fcrde ganz \u00e4hnlich eine Elitenfeindlichkeit an den Tag stellen, auch die Agenda bef\u00f6rdern, dass man selber dem eigentlichen Volk die Macht aus den H\u00e4nden korrumpierter Eliten zur\u00fcckerlangt. All diese Motive finden sie im Links- als auch Rechtspopulismus, es sind wirklich nur die inhaltlichen Forderungen, die sich ver\u00e4ndern.<\/p>\n<blockquote><p>Die Fragen an die Expertin haben wir im Kurs auf Grundlage der Podcast Folge \u00fcber Populismus von \u201eTonspur Wissen\u201c zusammengetragen. Ich finde es gut, dass verschiedene Schulen an der Veranstaltung beteiligt waren. Somit konnten die Experten auf mehrere Themenbereiche eingehen.<\/p>\n<p>Amin, 17, Gymnasium Philippinum Weilburg<\/p><\/blockquote>\n<p><strong>Sch\u00fcler:in:<\/strong> Sie haben in dem <a href=\"https:\/\/tonspurwissen.podigee.io\/52-warum-populismus-die-demokratie-zerstoren-kann\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Podcast<\/a>, den wir zur Vorbereitung geh\u00f6rt haben, auch \u00fcber die lateinamerikanischen L\u00e4nder gesprochen, dass da Populismus anders aufgefasst wird und wir haben uns gefragt: F\u00fchrt die Umverteilung am Beispiel Morales in Bolivien, die \u2013 so wie ich Sie verstanden habe \u2013 gerechterweise geschehen ist, nicht zur Ungerechtigkeiten auf der anderen Seite, also auf der, die enteignet wird?<\/p>\n<p><strong>Nicole Deitelhoff:<\/strong> Mir ging es in dem Podcast ja darum, auch deutlich zu machen, dass Populismus kurzfristig durchaus sehr belebend sein kann, und auch f\u00fcr eine Demokratie sehr belebend sein kann, weil er Themen in einer Art und Weise popularisiert, dass sie wieder der Auseinandersetzung offenstehen. Das erleben wir auch immer, wenn populistische Bewegungen st\u00e4rker werden, dann sehen wir erstmal ein N\u00e4hren der Auseinandersetzung. Das empfinden wir manchmal als unangenehm, aber grunds\u00e4tzlich ist das etwas sehr Gesundes f\u00fcr eine Demokratie. Wir sollen uns ja miteinander \u00fcber die Grundlagen des Zusammenlebens auseinandersetzen.<\/p>\n<p>Mittelfristig, und das ist das Problem mit dem Populismus, f\u00e4ngt er aber an, genau an diesen Grundlagen anzugreifen und diese nach und nach zu zersetzen. Und das k\u00f6nnen Sie tats\u00e4chlich auch immer wieder in Latein- und S\u00fcdamerika beobachten, wo wir insbesondere im linkspopulistischen Spektrum Bewegungen sehen, die dann einerseits alte verkrustete Strukturen, Macht und Eigentumsstrukturen in den jeweiligen L\u00e4ndern angegriffen haben, was zur Umverteilung gef\u00fchrt hat. Aber andererseits ist es diesen Bewegungen h\u00e4ufig nicht gelungen, dies in ein stabiles demokratisches Institutionensystem zu \u00fcberf\u00fchren, sondern in neue klientilistische Beziehungen. (\u2026) Das f\u00fchrt dann mittelfristig wieder zu Gegenbewegungen und dem Ausbruch von weiteren Aufst\u00e4nden oder Unruhen.<\/p>\n<blockquote><p>Mit der Demokratie in Deutschland und Europa haben wir uns in unserem PoWi-Kurs sehr oft besch\u00e4ftigt. Weniger war jedoch der Populismus im Vordergrund. Daher war die Fragerunde der HSFK eine gute M\u00f6glichkeit f\u00fcr uns, auch dieses Thema kennenzulernen.<\/p>\n<p>Die Vortr\u00e4ge und die Antworten waren interessant und neu f\u00fcr uns. \u00dcber die M\u00f6glichkeit und das Angebot haben wir uns sehr gefreut, sch\u00f6ner w\u00e4re aber ein pers\u00f6nliches Interview gewesen.<\/p>\n<p>Hatice, 18, Gymnasium Philippinum Weilburg<\/p><\/blockquote>\n<h2 id=\"anker3\">(3) Internationaler Terrorismus<\/h2>\n<p><strong>Sch\u00fcler:in: <\/strong>Eine Frage, die nat\u00fcrlich auch immer wieder aufkommt, gerade im Hinblick auf terroristische Attentate: Kann die Regierung da etwas unternehmen? Wie kann die Regierung solchen Attentaten vielleicht vorbeugen oder mutma\u00dfliche T\u00e4ter fr\u00fchzeitig identifizieren? Reichen da sch\u00e4rfere Einreisekontrollen oder hat die Politik \u00fcberhaupt eine Chance?<\/p>\n<p><strong>Hanna Pfeifer:<\/strong> Das ist eine wichtige Frage, auf die es leider keine einfachen Antworten gibt. Ich w\u00fcrde damit anfangen wollen, dass wir nat\u00fcrlich ganz unterschiedliche Arten von terroristischen Ph\u00e4nomenen haben. Ich m\u00f6chte zun\u00e4chst darauf verweisen, dass in den westlichen Staaten, also Nordamerika, in Europa aber auch in Australien und Neuseeland in den letzten 10-15 Jahren vor allem der rechte Terrorismus zugenommen hat. (\u2026) Jetzt handelt es sich bei dieser Art von Terrorismus um eine ganz andere Form als beispielsweise das, was wir in den Medien oft als islamistischen Terrorismus bezeichnet sehen. Dabei handelt es sich also um zwei unterschiedliche Problemlagen.<\/p>\n<p>Sie hatten sch\u00e4rfere Einreisekontrollen vorgeschlagen: (\u2026) Es hei\u00dft ja auch ganz gerne \u201aglobale Terrornetzwerke\u2018; wenn man aber genauer auf die Hintergr\u00fcnde der Attent\u00e4ter schaut, stellt man oft fest, dass es gar keine richtige Verbindung ins Ausland gibt. Es gibt so etwas wie eine gemeinsame Ideologie, die transnational funktioniert \u2013 also \u00fcber Grenzen hinweg \u2013 bei der die Radikalisierung beispielsweise online stattfindet. Da kann man davon sprechen, dass es internationale Ideen gibt, die herumgeistern, aber es gibt nicht immer eine direkte Verbindung zu Gruppen ins Ausland. Einfach Grenzen zu zumachen, w\u00fcrde uns in diesem Sinne, aus meiner Sicht, gar nicht weiterhelfen. (\u2026)<\/p>\n<p>Wenn wir weiter dar\u00fcber reden, was die Politik machen kann, glaube ich, dann ist es ganz wichtig (\u2026) zu beobachten: Wo entstehen in der Gesellschaft Bruchlinien, in denen zunehmend extremere Positionen eingenommen werden und wo dann die Gefahr besteht, dass es auch eine Radikalisierung in die Gewalt gibt. Zum Beispiel (\u2026) der Rechtsextremismus, der zunimmt und eben auch die rechtsterroristischen Anschl\u00e4ge, die zunehmen. Das muss man im Kontext von gr\u00f6\u00dferen gesellschaftlichen Entwicklungen und auch in der Entwicklung des rechtspopulistischen Milieus sehen. Es w\u00e4re ein Ansatzpunkt, schon fr\u00fch zu erkennen, dass sich hier neue Diskurse entwickeln, (\u2026) die dazu neigen, Leute aufzuheizen. Zum Beispiel, wenn wir \u00fcber die \u201eFl\u00fcchtlingswelle\u201c reden und gar nicht mehr nachfragen, was danach wirklich passiert ist. Das ist einhergegangen mit einer massiven Ausl\u00e4nderfeindlichkeit, mit einer massiven Feindlichkeit gegen\u00fcber Muslimen, wir sprechen von Islamophobie als neuem Ph\u00e4nomen. Ich glaube, so etwas muss man im Blick behalten: Bevor es zur Gewalt kommt, gibt es schon gesellschaftliche Entwicklungen, die tendenziell dazu neigen k\u00f6nnen, Gewalt zu bef\u00f6rdern. Ein wichtiger Raum, wo so etwas stattfindet, das gilt jetzt auch f\u00fcr die unterschiedlichen ideologischen Hintergr\u00fcnde, die Terrorismus haben kann, sind die sozialen Medien, das Internet. (\u2026) Ich denke da sollte die Politik noch ein bisschen nachlegen, was die Regulierung von diesem Raum angeht.<\/p>\n<p><strong>Sch\u00fcler:in:<\/strong> Haben Sie vielleicht eine Vermutung, warum sich gerade jetzt in letzter Zeit solche m\u00f6rderischen Anschl\u00e4ge h\u00e4ufen?<\/p>\n<p><strong>Hanna Pfeifer:<\/strong> (\u2026) Manchmal hat man auch nur den Eindruck einer H\u00e4ufung, daf\u00fcr ist es immer ganz gut, wenn man sich Langzeitstatistiken anschaut, wo dann wirklich \u00fcber mehrere Jahre und Jahrzehnte geschaut wird: Wie stark entwickelt sich eigentlich ein Ph\u00e4nomen, nimmt es in der Summe wirklich zu oder nimmt es nicht zu? Es war in den Medien immer mal wieder die Frage: \u201eGibt es die R\u00fcckkehr des islamistischen Terrorismus?\u201c In der Tat haben wir innerhalb von wenigen Wochen Anschl\u00e4ge an verschiedenen Orten in Europa gesehen. Auch da m\u00fcsste man jetzt wieder genauer hinschauen: (\u2026) Wer von diesen Personen ist tats\u00e4chlich in dem Sinne ein islamistischer Terrorist (\u2026)? Es gibt beispielsweise die interessante Frage, ab wann wir von einem terroristischen Anschlag sprechen und wann im Gegensatz dazu von einem Amoklauf?<\/p>\n<p>In der Wissenschaft w\u00fcrde man unterscheiden, dass bei einem Amoklauf individuelle, psychologische Gr\u00fcnde im Vordergrund stehen, in Bezug auf einen terroristischen Anschlag muss es immer um politische Ziele gehen. Das ist auch das, was mit Ideologie gemeint ist, die dahintersteht. Wenn man dieses Kriterium anwendet, w\u00fcrde man f\u00fcr die F\u00e4lle, die wir gesehen haben, zu sehr unterschiedlichen Urteilen kommen. (\u2026) Was bedeutet es, zum \u201eIslamischen Staat\u201c zu geh\u00f6ren, wenn man gar keinen Kontakt dahin hat? Welche Ziele sind mit dem Handeln verbunden? Handelt es sich nicht doch eher um eine gest\u00f6rte Pers\u00f6nlichkeit, die eine Gewalttat begeht oder ist es wirklich politisch motiviert? Ich glaube, das ist ganz wichtig, wenn wir uns die F\u00e4lle anschauen und ich denke, dass wir gerade in den j\u00fcngeren Anschlagsf\u00e4llen zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen kommen und das relativiert dann wieder den Eindruck, dass es jetzt wieder eine neue Welle von Terrorismus gibt.<\/p>\n<p>Eine andere Sache: Bei dem Text, den ich Ihnen auch zur Verf\u00fcgung gestellt hatte, <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/gesellschaft\/zeitgeschehen\/2020-11\/globaler-terrorismus-index-rechtsextremismus-angriffe-tote-taliban\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">zum Globalen Terrorismus-Index<\/a>, lohnt es sich, wenn Sie im Nachhinein noch einmal Lust haben, sich das anzuschauen, sich wirklich die Entwicklung \u00fcber die Zeit anzusehen. (\u2026) Relativ gesehen nimmt der rechtsextreme Terrorismus in unseren Gesellschaften zu, und im Verh\u00e4ltnis dazu der islamistische Terrorismus ab, aber macht gleichzeitig noch den gr\u00f6\u00dften Anteil im globalen Geschehen aus. Das ist ein wichtiger Punkt, denn die meisten Anschl\u00e4ge, die als islamistischer Terrorismus einsortiert werden, passieren gar nicht bei uns, sondern in Konfliktgebieten, allen voran Afghanistan, aber auch Syrien und Irak, Jemen, in vielen L\u00e4ndern des subsaharischen Afrikas. Insofern ist das immer relativ zu sehen. Da beharren wir in der Wissenschaft gerne darauf, dass wir genau unterscheiden m\u00fcssen, welches Ph\u00e4nomen wir hier gerade sehen und dann relativieren sich auch manchmal solche Eindr\u00fccke, wenn wir das in den Kontext setzen und etwas genauer hinschauen.<\/p>\n<blockquote><p>Aus meiner Sicht war es sinnvoll, dass diese Veranstaltung stattgefunden hat. Ich und meine Mitsch\u00fcler wurden dadurch wieder an den Extremismus in Deutschland erinnert und konnten mit Fragen einen tieferen Blick in die Thematik bekommen.<\/p>\n<p>Erik, 17, Gymnasium Philippinum Weilburg<strong><br \/>\n<\/strong><\/p><\/blockquote>\n<h2 id=\"anker4\">(4) 75 Jahre Vereinte Nationen: Was ist ihre Rolle und wie k\u00f6nnen die UN trotz des derzeitigen Widerstands gegen den Multilateralismus gest\u00e4rkt werden?<\/h2>\n<p><strong>Sch\u00fcler:in: <\/strong>Welche Missst\u00e4nde herrschen insgesamt in der UN? Sie hatten jetzt die UN-Friedenmissionen genannt, aber es gibt nat\u00fcrlich auch weitere dunkle Seiten. Was sagen Sie dazu?<\/p>\n<p><strong>Melanie Coni-Zimmer: <\/strong>Die Frage nach den Missst\u00e4nden ist eine gro\u00dfe und l\u00e4sst sich auf ganz unterschiedlichen Ebenen beantworten. Nicole Deitelhoff hat ja eben schon (\u2026) auf die zunehmende Machtpolitik in den Vereinten Nationen (United Nations, UN) hingewiesen, also auf die Auseinandersetzung zwischen verschiedenen einflussreichen Staaten. Wenn Sie beispielsweise wieder auf den UN-Sicherheitsrat schauen, zeigt sich die zunehmende Machtpolitik von Staaten etwa in Vetos der st\u00e4ndigen Mitglieder. Die Vereinten Nationen sind in gewisser Weise &#8211; das ist nat\u00fcrlich ein Allgemeinsatz, den man immer mal wieder h\u00f6rt &#8211; nur so gut, wie ihre Mitgliedsstaaten. Wenn die Mitgliedsstaaten in den Vereinten Nationen Machtpolitik betreiben, dann f\u00fchrt das die Institution zunehmend in eine Krise, in Handlungsunf\u00e4higkeit in gewissen Bereichen. Wir haben das zum Beispiel im Jahr 2020 massiv gesehen, als es um die Reaktionen auf die Covid-19 Pandemie ging. UN-Generalsekret\u00e4r Guterres hatte sehr fr\u00fch eine Initiative f\u00fcr einen humanit\u00e4ren Waffenstillstand gestartet. Die Idee war, einen Waffenstillstand in bewaffneten Konflikten zu erreichen, damit diese L\u00e4nder M\u00f6glichkeiten und Kapazit\u00e4ten haben, sich auf die Pandemie vorzubereiten. Der UN-Sicherheitsrat hat monatelang dar\u00fcber gestritten, diesen Appell zu unterst\u00fctzen (\u2026). Das lag an Konflikten und Schuldzuweisungen zwischen USA und China. Erst Anfang Juli konnte der Sicherheitsrat eine entsprechende Resolution verabschieden.<\/p>\n<p>Dann ist ein weiterer gro\u00dfer Bereich ein Missstand: die Unterfinanzierung bzw. Finanzierung der Vereinten Nationen. Das Budget der Vereinten Nationen ist nicht riesig gro\u00df, wenn man das mit dem Budget von gro\u00dfen St\u00e4dten, wie etwa New York, oder mit dem Haushalt eines Landes wie Baden-W\u00fcrttemberg vergleicht. Sehr viele Mittel sind zweckgebunden, sehr viele Staaten zahlen ihre Beitr\u00e4ge an die Vereinten Nationen nicht regelm\u00e4\u00dfig. All das f\u00fchrt dazu, dass diese Organisation oft an den Rand der Handlungsunf\u00e4higkeit ger\u00e4t.<\/p>\n<p>Die Vereinten Nationen sind eine riesige B\u00fcrokratie, wie ein riesiges Ministerium, nur eben auf internationaler Ebene. Es gibt innerhalb der Vereinten Nationen auch Konkurrenz zwischen verschiedenen S\u00e4ulen, verschiedenen Bereichen, die nicht gut zusammenarbeiten. Wenn man sich noch einmal konkret Friedensmissionen anschaut, haben viele der Friedensmissionen mittlerweile ein extrem breites Mandat. Also sie sind nicht nur da, um zum Beispiel Waffenstillst\u00e4nde zu \u00fcberwachen, sondern haben auch andere robuste Aufgaben, wie zum Beispiel den Schutz von Zivilist:innen. (\u2026) Gleichzeitig gibt es den Finanzmangel und es gibt Probleme bei der Bereitstellung der entsprechenden Friedenstruppen. Die Vereinten Nationen haben selbst keine Einsatzkr\u00e4fte, keine Armee. UN-Truppen kommen von den Mitgliedsstaaten, werden aber oft nur in unzureichendem Umfang bereitgestellt. Die, die bereitgestellt werden \u2013 das\u00a0 ist oft kontraintuitiv \u2013 kommen vor allem aus Staaten aus dem Globalen S\u00fcden und das bringt auch wieder ganz eigene Probleme mit sich. (\u2026)<\/p>\n<p><strong>Sch\u00fcler:in: <\/strong>Wie kann man das M\u00e4chteungleichgewicht im UN-Sicherheitsrat besser ausbalancieren?<\/p>\n<p><strong>Melanie Coni-Zimmer: <\/strong>Es ist so, dass die Vereinten Nationen nach Ende des Zweiten Weltkrieges gegr\u00fcndet wurden. Der Sicherheitsrat spiegelt auch heute noch das M\u00e4chtegleichgewicht nach dem Zweiten Weltkrieg wider (\u2026). Nat\u00fcrlich hat sich die Welt zwischenzeitlich ver\u00e4ndert. Sie haben bestimmt auch in den Medien schon zur Reform der Vereinten Nationen geh\u00f6rt. Mit Blick auf den UN-Sicherheitsrat wird nicht erst seit Jahren, sondern seit Jahrzehnten die Frage der Reform immer wieder diskutiert. Dabei geht es zum Beispiel einmal um das Vetoprinzip, das nicht mehr zeitgem\u00e4\u00df ist, zum anderen aber auch darum, dass bestimmte Weltregionen unterrepr\u00e4sentiert sind. Unter anderem Afrika, aber auch Lateinamerika, haben keine eigenen st\u00e4ndigen Sitze im UN-Sicherheitsrat. Auch Deutschland hat immer wieder den Anspruch formuliert, mit einen st\u00e4ndigen Sitz im Sicherheitsrat vertreten sein zu wollen.<\/p>\n<p>Es gibt verschiedene Vorschl\u00e4ge, wie man den UN-Sicherheitsrat reformieren k\u00f6nnte. Ich habe gerade gestern eine Online-Diskussion mit jemandem aus New York verfolgt, der von einem ziemlich renommiertem Think Tank kommt und er wurde auch gefragt, wie sind denn die Aussichten f\u00fcr so eine Reform (\u2026)? Und er antwortete, dass die Aussichten f\u00fcr eine Erweiterung des Kreises der st\u00e4ndigen Mitglieder quasi nicht existent sind (\u2026), weil die H\u00fcrden einer Reform so gro\u00df sind und die jetzigen Vetom\u00e4chte dem nicht zustimmen werden. Trotzdem gibt es aber Bem\u00fchungen auf kleinen Wegen, den UN-Sicherheitsrat besser zu machen, etwa indem man bestimmte Arbeitsweisen reformiert, um zum Beispiel nicht-staatlichen Akteuren wie NGOs, der Zivilgesellschaft eine gr\u00f6\u00dfere Stimme zu geben. (\u2026) Solche niedrigschwelligeren Reformen gibt es schon, aber das M\u00e4chteungleichgewicht ist ein strukturelles Problem, das nicht so einfach zu beheben sein wird.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0Zwei Schulkurse und drei Wissenschaftlerinnen der HSFK sind bei den Frankfurter Ideen f\u00fcr den Frieden im Dezember 2020 in den gemeinsamen Dialog zu Themen der Friedens- und Konfliktforschung getreten, die im Schulunterricht der gymnasialen Oberstufe diskutiert werden, aber gleichzeitig von hoher Aktualit\u00e4t sind und auch die Jugendlichen in ihrem Alltag besch\u00e4ftigen. Eineinhalb Stunden lang standen Melanie Coni-Zimmer, Nicole Deitelhoff und Hanna Pfeifer Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fclern zu den vier Themenfeldern Zukunft der transatlantischen Beziehungen, Populismus und Demokratie, Internationaler Terrorismus und 75 Jahre Vereinte Nationen Rede und Antwort. 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