{"id":13210,"date":"2020-09-30T16:44:02","date_gmt":"2020-09-30T14:44:02","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.prif.org\/bergkarabach-vom-kalten-frieden-zum-heissen-krieg\/"},"modified":"2020-09-30T16:44:02","modified_gmt":"2020-09-30T14:44:02","slug":"bergkarabach-vom-kalten-frieden-zum-heissen-krieg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.prif.org\/en\/2020\/09\/30\/bergkarabach-vom-kalten-frieden-zum-heissen-krieg\/","title":{"rendered":"Bergkarabach \u2013 vom kalten Frieden zum hei\u00dfen Krieg"},"content":{"rendered":"<p><strong>Nun ist es also passiert, was die nicht eben zahlreichen Beobachter des Konflikts um Bergkarabach seit Jahren prognostiziert haben: Ohne einen ernsthaften Verhandlungsprozess wird es fr\u00fcher oder sp\u00e4ter zu einem neuen Krieg zwischen Armenien und Aserbaidschan kommen. Dass dieser lange Jahre \u201eeingefrorene\u201c Konflikt dauerhaft ruhiggestellt werden k\u00f6nnte, war und ist eine gro\u00dfe Selbstt\u00e4uschung \u2013 der Armenier, aber auch der drei Vorsitzenden der sogenannten Minsker OSZE-Verhandlungsgruppe Russland, USA und Frankreich.<\/strong><\/p>\n<p>Verwundern kann dies nicht. Seit vor 15 Jahren die \u00d6l- und Gaseinnahmen zu sprudeln und Aserbaidschan in gro\u00dfem Stil aufzur\u00fcsten begann und seit im Zuge einiger taktischer Erfolge beim ersten gr\u00f6\u00dferen Waffengang nach Abschluss des Waffenstillstands 1994 \u2013 dem Viertagekrieg im April 2016 \u2013 auch das Selbstbewusstsein Aserbaidschans gewachsen ist, war es nur eine Frage der Zeit, wann die F\u00fchrung in Baku den Drohungen, Bergkarabach im Zweifel auch milit\u00e4risch zur\u00fcckgewinnen zu wollen, Taten folgen lassen w\u00fcrde. Jetzt scheint es so weit zu sein, denn anders als die letzten Scharm\u00fctzel im Juli diesen Jahres, in die beide Seiten eher hineingestolpert waren, haben wir es aktuell mit offensiven Kampfhandlungen zu tun, in denen Aserbaidschan ohne Zweifel der aktivere Teil ist. Ob diese wie 2016 durch internationale Appelle und durch Vermittlung Russlands beendet werden k\u00f6nnen, l\u00e4sst sich am vierten Tag ihres Ausbruchs schwer beurteilen, ist aber angesichts der Generalmobilmachung in Armenien und der Verh\u00e4ngung des Kriegszustands in Aserbaidschan fraglich.<\/p>\n<h2>Bergkarabach: Ein Konflikt mit langer Vorgeschichte<\/h2>\n<p>Der aktuell ausgetragene Konflikt um Bergkarabach <a href=\"https:\/\/www.springer.com\/gp\/book\/9783658251987\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">reicht bis in das Jahr 1988 und damit in die turbulente Endphase der Sowjetunion zur\u00fcck<\/a>, die in den 1920er Jahren diese zu etwa 70% mehrheitlich armenisch besiedelte Bergregion gegen heftigen Protest aus Eriwan als autonomes Gebiet der Aserbaidschanischen Sowjetrepublik zugeordnet hatte. Damals entstand in Bergkarabach eine Sezessionsbewegung, die den Anschluss an Armenien forderte. Der Konflikt eskalierte schnell und m\u00fcndete nach der einseitigen Unabh\u00e4ngigkeitserkl\u00e4rung Bergkarabachs 1992 in einen offenen Krieg der beiden Nachbarl\u00e4nder, den erst ein von Russland vermittelter Waffenstillstand im Mai 1994 beendete. Er forderte mehr als 30.000 Menschenleben und etwa eine Million Vertriebene, \u00fcberwiegend Aseris, von denen der Gro\u00dfteil aus jenen die Exklave Bergkarabach umgebenden sieben Rajons stammte, die die armenischen Streitkr\u00e4fte eroberten \u2013 und bis heute besetzt halten.<\/p>\n<p>Schon vor dem Waffenstillstand hatte die Organisation f\u00fcr Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE, damals noch KSZE) eine Vermittlungsmission gestartet, aus der 1997 die <a href=\"https:\/\/www.osce.org\/mg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Minsk-Gruppe<\/a> unter dem gemeinsamen Vorsitz jener drei M\u00e4chte (Russland, Frankreich, USA) hervorging, die weltweit die gr\u00f6\u00dfte armenische Diaspora beheimaten und daher ein ausgepr\u00e4gtes Interesse an einer friedlichen Beilegung des Konflikts demonstrierten. Im Laufe der Jahre initiierten sie zahllose Gespr\u00e4chs- und Verhandlungsrunden und unterbreiteten ebenso viele Kompromissvorschl\u00e4ge, die wechselweise von einer der beiden Konfliktparteien zur\u00fcckgewiesen wurden. Sie bewegten sich zwischen umfassenden Paketl\u00f6sungen und Vorschl\u00e4gen zu einem graduellen Vorgehen. Dabei war, ist und bleibt das Kernproblem der k\u00fcnftige Status Bergkarabachs, den Armenien vor jeglichen weiteren Konzessionen (etwa mit Blick auf die besetzten angrenzenden Rajons) durch ein Referendum der dortigen Bewohner kl\u00e4ren lassen m\u00f6chte, Aserbaidschan hingegen durch ein Referendum der Gesamtbev\u00f6lkerung des Landes &#8211; jeweils mit dem vorhersehbaren gew\u00fcnschten Ergebnis.<\/p>\n<h2>Ethno-territoriale Konfliktmuster und H\u00fcrden einer langfristigen Konfliktregulierung<\/h2>\n<p>All dies sind vertraute Muster in ethno-territorialen Konflikten, bei denen es gar nicht darum geht, ob die Troph\u00e4e den Einsatz wert ist \u2013 bei Bergkarabach etwa handelt es sich um eine nicht \u00fcberm\u00e4\u00dfig attraktive Bergregion ohne nennenswerte Bodensch\u00e4tze oder touristische Highlights, mit gerade einmal 145.000 Einwohnern. Von au\u00dfen betrachtet sind solche Konflikte daher oft wenig nachvollziehbar, f\u00fcr die Akteure vor Ort geht es dagegen buchst\u00e4blich um Leben und Tod in einem <a href=\"https:\/\/www.hsfk.de\/publikationen\/publikationssuche\/publikation\/grenzen-rationalistischer-erklaerungen-fuer-krieg\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Identit\u00e4tskonflikt, der sich rationaler Abw\u00e4gung ebenso entzieht wie n\u00fcchternen Verhandlungen<\/a>. Aus diesem Grund auch k\u00f6nnen <a href=\"https:\/\/www.hsfk.de\/publikationen\/publikationssuche\/publikation\/hindernisse-auf-dem-weg-zu-friedensschluessen-in-buergerkriegen\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">ethno-territoriale Konflikte nicht \u201egel\u00f6st\u201c werden; sie bleiben latent bestehen, k\u00f6nnen aber moderiert und reguliert werden<\/a>, um sukzessive so etwas wie Normalit\u00e4t oder einen friedens\u00e4hnlichen Zustand entstehen zu lassen. Daf\u00fcr gibt es eine ganze Reihe praktischer Beispiele von den Aland-Inseln in der Ostsee \u00fcber S\u00fcdtirol bis zu Bosnien-Herzegowina.<\/p>\n<p>Zwar k\u00f6nnen solche Konflikte auch von den beteiligten Parteien selbst erfolgreich bearbeitet werden, doch sind die H\u00fcrden enorm hoch, nicht zuletzt nach kriegerischen Auseinandersetzungen. Das Beispiel Bosnien-Herzegowina zeigt daher, wie externe M\u00e4chte intervenieren k\u00f6nnen \u2013 und dass dies unter den auch im S\u00fcdkaukasus obwaltenden Umst\u00e4nden wohl der einzige erfolgversprechende Weg ist. Nun v<a href=\"https:\/\/news.un.org\/en\/story\/2020\/09\/1073992\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">erweisen die internationalen Appelle erneut auf die Minsker OSZE-Gruppe<\/a>, die sich indes als wenig wirksam erwiesen hat. Vielversprechender erscheint eine \u201epower mediation\u201c durch Russland, nach dem Vorbild der Bosnien-Verhandlungen unter US-Kuratel in Dayton. Es steht allerdings dahin, ob Russland dazu willens und in der Lage ist, denn so wie sich Armenien unter der Pr\u00e4misse, dass Verhandlungen seine Position nur schw\u00e4chen k\u00f6nnen, mit dem Status quo angefreundet hat, so sieht auch Russland darin durchaus Vorteile &#8211; vorausgesetzt, der Konflikt bleibt eingefroren. Denn dann kann es weiter f\u00fcr gutes Geld Waffen an Aserbaidschan verkaufen (die es dann mit seinem Beistandsversprechen f\u00fcr Armenien wieder neutralisiert) und zugleich sicherstellen, dass keine der beiden M\u00e4chte sich wie Georgien auf den Weg nach Westen macht.<\/p>\n<p>Es ist, wie angesprochen, gegenw\u00e4rtig offen, ob es bei zeitlich und r\u00e4umlich begrenzten Kampfhandlungen bleibt, oder ob diese zum umfassenden Krieg eskalieren, der im <em>worst case<\/em> erstmals auch in eine Konfrontation zwischen der T\u00fcrkei und Russland m\u00fcnden k\u00f6nnte. Erstere spielt an der Seite Aserbaidschans jedenfalls eine deutlich aktivere Rolle als in der Vergangenheit. Es gibt folglich erhebliche Risiken und bereits jetzt auch eine gro\u00dfe Zahl von Opfern. Wenn es im Lichte dessen eine positive Botschaft gibt, dann die, dass die internationale Gemeinschaft endlich die Dringlichkeit einer konstruktiven Konfliktbearbeitung erkennt und daf\u00fcr auch die notwendige Aufmerksamkeit und Ressourcen bereitstellt.<\/p>\n<hr \/>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-4687 alignleft\" src=\"https:\/\/blog.prif.org\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/Naghorno-Deadlock.jpg\" alt=\"Cover des Buches &quot;The Nagorno-Karabakh deadlock Insights from successful conflict settlements&quot;\" width=\"212\" height=\"300\" \/><\/p>\n<p>Eine Detaillierte Analyse des Konflikts um Bergkarabach gibt es in <em>The <\/em><em>Nagorno-Karabakh<\/em><em> deadlock: Insights from successful conflict settlements\u00a0<\/em>von Aser Babajew, Bruno Schoch und Hans-Joachim Spanger.<\/p>\n<p>Das Buch ist im <a href=\"https:\/\/www.springer.com\/de\/book\/9783658251987\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Springer Verlag<\/a> erschienen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<hr \/>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nun ist es also passiert, was die nicht eben zahlreichen Beobachter des Konflikts um Bergkarabach seit Jahren prognostiziert haben: Ohne einen ernsthaften Verhandlungsprozess wird es fr\u00fcher oder sp\u00e4ter zu einem neuen Krieg zwischen Armenien und Aserbaidschan kommen. 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