{"id":13255,"date":"2020-05-11T06:53:22","date_gmt":"2020-05-11T04:53:22","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.prif.org\/wenn-das-feld-geschlossen-ist-feld-forschung-als-krisenpraxis-in-zeiten-von-corona\/"},"modified":"2020-05-11T06:53:22","modified_gmt":"2020-05-11T04:53:22","slug":"wenn-das-feld-geschlossen-ist-feld-forschung-als-krisenpraxis-in-zeiten-von-corona","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.prif.org\/en\/2020\/05\/11\/wenn-das-feld-geschlossen-ist-feld-forschung-als-krisenpraxis-in-zeiten-von-corona\/","title":{"rendered":"Wenn das \u201eFeld\u201c geschlossen ist: (Feld-)Forschung als Krisenpraxis in Zeiten von Corona"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die weltweite Ausbreitung der Corona-Pandemie und die damit verbundenen restriktiven Ma\u00dfnahmen gef\u00e4hrden all jene Forschung, f\u00fcr die menschliche Interaktion und Pr\u00e4senz ein wichtiger Bestandteil der Wissensproduktion ist. Anhand unserer eigenen Erfahrungen mit einer abgebrochenen Feldforschung in Burkina Faso diskutieren wir, wie in der aktuellen Krise das Forschen selbst zur Krisenpraxis wird und welche Konsequenzen geschlossene \u201eFelder\u201c und Unplanbarkeiten in Zeiten von Corona f\u00fcr die (Feld-)Forschungspraxis der Friedens- und Konfliktforschung haben.<\/strong><\/p>\n<p>Die Ausbreitung des Coronavirus und die daraus entstehenden sozialen, \u00f6konomischen und politischen Folgen versch\u00e4rfen weltweit <a href=\"https:\/\/blog.prif.org\/2020\/04\/14\/covid-19-als-krisenverstaerker-die-pandemie-und-die-verschaerfung-soziooekonomischer-konflikte-in-der-mena-region\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">bereits existierende Krisen<\/a>, von kaputtgesparten Gesundheitssystemen bis hin zu bewaffneten (Gewalt-)Konflikten. Doch die sogenannte \u201eCorona-Krise\u201c macht nicht nur die Krisenanf\u00e4lligkeit politischer Systeme und einige ihrer Teilbereiche deutlich. Sie f\u00fchrt auch einmal mehr die Abh\u00e4ngigkeit der empirischen Forschung von sozialen Voraussetzungen vor Augen. Das gilt auch f\u00fcr die Friedens- und Konfliktforschung. Zwar mag die Corona-Krise selbst als Gegenstand der Friedens- und Konfliktforschung ein reichhaltiger Pool f\u00fcr neue Erkenntnisse sein, wie es nicht zuletzt auch diese <a href=\"https:\/\/blog.prif.org\/reihen\/corona-krisen\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">HSFK-Blogserie<\/a> vielfach best\u00e4tigt hat. In vielen etablierten Bereichen der Friedens- und Konfliktforschung gef\u00e4hrden allerdings Kontaktsperren, Reiseverbote, Existenz\u00e4ngste und allgemeine Unsicherheit zentrale Forschungspraxen und damit den Fortschritt wissenschaftlicher Erkenntnis.<\/p>\n<p>Dies ist besonders gravierend dort, wo direkte menschliche Interaktion und pers\u00f6nliche Pr\u00e4senz notwendige Bestandteile des wissenschaftlichen Erkenntnisgewinns sind: So etwa in Forschungsprojekten, die auf Forschung \u201evor Ort\u201c oder interaktive Wissensproduktion mit Betroffenen oder anderen Wissenschaftler*innen bauen. F\u00fcr die Friedens- und Konfliktforschung ist diese Art der Forschung besonders wichtig, weil sie in besonderem Ma\u00dfe die gelebten Erfahrungen mit und die multiplen Realit\u00e4ten von Konfliktgeschehen weltweit sichtbar machen kann.<\/p>\n<p>Zweifelsohne ist die Corona-Krise nicht die erste Herausforderung f\u00fcr die Praxis einer feldforschungsbasierten Friedens- und Konfliktforschung. Wer Ursachen, Formen und Folgen gewaltvoller Konflikte untersucht \u2013 oder solche, die noch gewaltvoll werden k\u00f6nnten \u2013 ist permanent damit konfrontiert, dass Gewalt oder gravierende politische Krisen <a href=\"https:\/\/www.routledge.com\/Surviving-Field-Research-Working-in-Violent-and-Difficult-Situations\/Sriram-King-Mertus-Martin-Ortega-Herman\/p\/book\/9780415489355\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Adaption, Kreativit\u00e4t und neue Strategien<\/a> verlangen oder das <a href=\"https:\/\/journals.openedition.org\/anthropodev\/308\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Forschen vor Ort sogar g\u00e4nzlich unm\u00f6glich<\/a> machen. Im Gegensatz zu lokal ausbrechender Gewalt an Feldforschungsorten, oder auch der Ebola-Pandemie 2014-2016 in Westafrika, ist die gegenw\u00e4rtige Corona-Krise entgrenzter, omnipr\u00e4senter und betrifft potenziell einen viel gr\u00f6\u00dferen Teil empirisch geleiteter Friedens- und Konfliktforschung. Sie ist in den meisten F\u00e4llen auch nicht Teil eines zuvor definierten Forschungsgegenstands, sondern ver\u00e4ndert als pl\u00f6tzlich auftretender \u00e4u\u00dferer Faktor den Forschungsgegenstand und die Forschungspraxis grundlegend.<\/p>\n<h3><strong>Von Corona \u00fcberrascht und eingeholt<\/strong><\/h3>\n<p>Im Januar diesen Jahres startete das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gef\u00f6rderte Forschungsprojekt <a href=\"https:\/\/www.hsfk.de\/forschung\/projekt\/lokale-wahrnehmungen-regionaler-interventionen-au-und-ecowas-in-burkina-faso-und-gambia\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">\u201cLokale Wahrnehmungen regionaler Interventionen\u201d<\/a>, in dem wir lokale Perspektiven auf afrikanische Regionalorganisationen und deren Interventionen erforschen. Anhand von zwei Fallstudien, Burkina Faso (2014\/15) und Gambia (2016\/17), untersuchen wir, wie B\u00fcrger*innen in beiden L\u00e4ndern die von der Afrikanischen Union (AU) und der Westafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft (ECOWAS) gef\u00fchrten Interventionen erfahren und wahrgenommen haben. Zudem erforschen wir die konkreten Erwartungen, die B\u00fcrger*innen beider L\u00e4nder an diese Organisationen und ihre Interventionspolitiken formulieren. Zum Projektteam geh\u00f6ren neben uns als Projektleiterin beziehungsweise Doktorandin an der HSFK auch (Nachwuchs-)Wissenschaftler*innen aus beiden L\u00e4ndern, mit denen wir gemeinsam die Feldforschungen durchf\u00fchren und Projektergebnisse ver\u00f6ffentlichen.<\/p>\n<p>Die f\u00fcr drei Monate geplante erste Feldforschungsphase in Burkina Faso verlief zun\u00e4chst nach Plan: Gemeinsam mit einem kleinen Forschungsteam vor Ort wurden erste\u00a0 Fokusgruppendiskussionen und Interviews gef\u00fchrt. Doch nach nur wenigen Wochen wurde der Feldforschungsalltag von der Pandemie eingeholt: Am 9. M\u00e4rz 2020 best\u00e4tigte die Regierung von Burkina Faso die <a href=\"https:\/\/lefaso.net\/spip.php?article95356\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">ersten beiden Infektionsf\u00e4lle<\/a> im Land und ergriff rasch Ma\u00dfnahmen wie die Schlie\u00dfung von Schulen, Kinderg\u00e4rten und Universit\u00e4ten in der Hauptstadt Ouagadougou, das Verbot gr\u00f6\u00dferer Treffen und Veranstaltungen sowie verst\u00e4rkte Gesundheitskontrollen am Flughafen. Dem Versammlungsverbot schlossen sich auch die gr\u00f6\u00dften Religionsgemeinschaften an, und so gelang es, die Ausbreitung des Corona-Virus bereits in den Anf\u00e4ngen zu verlangsamen.<\/p>\n<p>Just in dem Moment, als das Forschungsteam erste Kontakte ins Parlament gekn\u00fcpft hatte, verstarb Rose Marie Compaor\u00e9, Vizepr\u00e4sidentin des Parlaments \u2013 der erste <a href=\"https:\/\/lefaso.net\/spip.php?article95549\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Todesfall <\/a>aufgrund von SARS-Covid-19 in Burkina Faso. In Reaktion darauf suspendierte die Regierung alle Sitzungen der Nationalversammlung bis Anfang April. Innerhalb der darauf folgenden Tage gaben <a href=\"https:\/\/www.aljazeera.com\/news\/2020\/03\/burkina-faso-gov-ministers-test-positive-coronavirus-200322093958271.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">mehrere Minister bekannt<\/a>, ebenfalls positiv auf Covid-19 getestet worden zu sein. F\u00fcr viele Burkinabe \u00fcberraschend, stand Burkina Faso bald weit oben auf der Liste der vom Corona-Virus <a href=\"https:\/\/twitter.com\/AfricaCDC\/status\/1243083655754416129\/photo\/1\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">am meisten betroffenen afrikanischen Staaten<\/a>. Mit steigenden Fallzahlen wurde eine n\u00e4chtliche Ausgangssperre in betroffenen St\u00e4dten verh\u00e4ngt, die <a href=\"https:\/\/lefaso.net\/spip.php?article95767\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Mobilit\u00e4t<\/a> zwischen diesen auf den Transport lebenswichtiger G\u00fcter beschr\u00e4nkt sowie die Landesgrenzen geschlossen. Der f\u00fcr drei Wochen geschlossene gr\u00f6\u00dfte und wichtigste Markt in Ouagadougou durfte unter Einhaltung von Hygienema\u00dfnahmen am <a href=\"https:\/\/lefaso.net\/spip.php?article96310\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">20. April 2020<\/a> wieder \u00f6ffnen. In einem Land, in dem circa 90% der Bev\u00f6lkerung im <a href=\"https:\/\/blog.prif.org\/2020\/05\/07\/it-is-about-structures-not-aid-informal-settlements-and-the-inequality-of-the-pandemic-in-medellin-colombia\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">informellen Sektor<\/a> arbeitet, war diese \u00d6ffnung f\u00fcr viele eine notwendige \u00dcberlebensma\u00dfnahme.<\/p>\n<h3><strong>Wenn Feldforschung nicht mehr m\u00f6glich ist<\/strong><\/h3>\n<p>Noch sensibilisiert durch die letzte Epidemie \u2013 den Ebola-Ausbruch 2014 in Westafrika \u2013reagierte die Regierung in Burkina Faso ebenso wie viele andere afrikanische Staaten <a href=\"https:\/\/blog.prif.org\/2020\/04\/07\/an-island-of-internationalism-the-african-unions-fight-against-corona\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">vergleichsweise schnell auf die Ausbreitung<\/a> des neuartigen Virus. Diese kollektive Erfahrung und Sensibilisierung konnte man auch bei unseren Forschungsteilnehmer*innen bemerken. Um einer Ansteckung vorzubeugen, begr\u00fc\u00dfte man sich nach Bekanntwerden der ersten F\u00e4lle untereinander per Ellbogen statt H\u00e4ndesch\u00fctteln oder anderen sonst \u00fcblichen Begr\u00fc\u00dfungsformen. Eine Fokusgruppendiskussion fand wenige Tage nach Bekanntgabe der ersten beiden F\u00e4lle im Land statt. Vorsorglich stellten wir Hygienegel bereit. Doch das w\u00e4re gar nicht n\u00f6tig gewesen, denn ein Teilnehmer brachte selbst eine gro\u00dfe Flasche Desinfektionsgel f\u00fcr alle an der Diskussion Teilnehmenden mit.<\/p>\n<p>Mit steigenden Fallzahlen und dem Blick auf die Ausma\u00dfe der Pandemie in Europa wuchsen auch in Burkina Faso die Sorgen und \u00c4ngste unserer Forschungsteilnehmer*innen: Interviewanfragen wurden verschoben, statt sie unter Einhaltung von Hygienema\u00dfnahmen anzunehmen. Im Forschungsteam diskutierten wir, wie die begonnene Feldforschung unter diesen besonderen Umst\u00e4nden weitergehen k\u00f6nne. Im Kontext einer solch angespannten, be\u00e4ngstigenden und ungewissen Situation \u00fcber eine vergangene politische \u201eAusnahmesituation\u201c zu sprechen \u2013 die Intervention von AU und ECOWAS w\u00e4hrend der politischen Krise von 2014\/15 in Burkina Faso \u2013 h\u00e4tte nicht nur die Forschungsergebnisse ma\u00dfgeblich beeinflusst, sondern auch in krassem Widerspruch zu den aktuellen Bed\u00fcrfnissen und Interessen der Forschungsteilnehmer*innen selbst gestanden.<\/p>\n<p>Kurze Zeit sp\u00e4ter kamen wir zu dem Schluss, dass es forschungsethisch nicht mehr vertretbar sei, im Kontext einer sich ausbreitenden t\u00f6dlichen Pandemie weiterhin Interviews zu f\u00fchren oder gar Diskussionen in Gruppen zu organisieren \u2013 und damit andere Menschen zu gef\u00e4hrden. Da das Virus nachweislich durch zwei Frankreich-Reisende nach Burkina Faso eingeschleppt wurde und dar\u00fcber hinaus die ersten Infizierten vor allem innerhalb der politischen Elite zu verzeichnen waren, war allseits offensichtlich, dass sich \u2013 zumindest zu Beginn \u2013 das Virus vor allem \u00fcber einige wenige privilegierte Menschen ausgebreitet hatte, die \u00fcber die notwendigen Mittel f\u00fcr interkontinentale Flugreisen verf\u00fcgten. Aus der Perspektive vieler weniger privilegierter Menschen konnten somit auch wir \u2013 als Forschende aus Europa \u2013 leicht mit dem Virus in Verbindung gebracht werden und stellten aufgrund unserer Mobilit\u00e4t eine Gefahr f\u00fcr die Menschen vor Ort dar. Vor diesem Hintergrund, aber auch im Kontext weiter steigender Fallzahlen, war es als (internationales) Forschungsteam umso wichtiger, proaktiv Verantwortung zu zeigen und die Feldforschung kurzfristig und um mehrere Wochen fr\u00fcher als geplant zu beenden.<\/p>\n<p>Zus\u00e4tzlich zur Lage vor Ort machte das angek\u00fcndigte Flugverbot in Europa und die damit verbundene Ungewissheit einer R\u00fcckkehr nach Deutschland die Entscheidung zum vorzeitigen Abbruch der Feldforschung unausweichlich. Zwar steigen auch in Burkina Faso <a href=\"https:\/\/covid19.who.int\/region\/afro\/country\/bf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">die Fallzahlen kontinuierlich an<\/a>, dennoch hat sich die Lage \u2013 bis jetzt \u2013 noch nicht so dramatisch entwickelt wie in Europa. Die Regierung des Landes hat mittlerweile einige der kurzfristig ergriffenen <a href=\"https:\/\/fr.allafrica.com\/stories\/202005050303.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">restriktiven Ma\u00dfnahmen wieder zur\u00fcckgenommen<\/a>. Und auch unsere Projektmitarbeiter*innen berichten, dass sich die Stimmung in der Bev\u00f6lkerung etwas entspannt hat. Aus China, Europa oder den USA wissen wir aber, wie schnell sich eine solche Lage unter Corona ver\u00e4ndern kann. F\u00fcr unser Forschungsprojekt ist deshalb aktuell jegliche Planung f\u00fcr eine Fortsetzung der Feldforschung im Ungewissen.<\/p>\n<h3><strong>Vom Ende der Planbarkeit<\/strong><\/h3>\n<p>Ungewissheiten wie die von uns in der Forschungspraxis erlebten, machen vor allem eines sichtbar: die Zentralit\u00e4t von (scheinbarer) Planbarkeit in der Logik, mit der moderne Wissenschaft und die sie tragenden und f\u00f6rdernden Strukturen funktionieren. Die Unsicherheit einer pl\u00f6tzlich auftretenden Krisensituation wie der aktuellen globalen Corona-Pandemie stellt die Parameter planbarer Projektverl\u00e4ufe, individueller Karrierewege und Forschungskooperationen fundamental in Frage.<\/p>\n<p>Sofern Forschungsprojekte auf Finanzierung durch Dritte angewiesen sind, sind sie auch an eine Projektlogik gebunden, die Planbarkeit annimmt und Projektverantwortliche an Versprechen der Durchf\u00fchrbarkeit bindet. Viele Drittmittelgeber, darunter auch die DFG, haben in der aktuellen Krise sehr schnell f\u00fcr die von ihnen gef\u00f6rderten Projekte eine <a href=\"https:\/\/www.dfg.de\/download\/pdf\/presse\/download\/20200318_schreiben_an_alle_gefoerderten.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">gr\u00f6\u00dfere Flexibilit\u00e4t etwa hinsichtlich der Laufzeit von Projekten<\/a> oder den M\u00f6glichkeiten, zus\u00e4tzliche Mittel zu beantragen, angek\u00fcndigt. Das sind sehr begr\u00fc\u00dfenswerte Schritte, welche allen Gef\u00f6rderten fr\u00fch ein positives Signal gegeben haben. Doch eine durch \u00e4u\u00dfere Umst\u00e4nde erzwungene Forschungsauszeit in Projekten bringt nicht nur zeitliche Verz\u00f6gerungen und finanziellen Mehraufwand mit sich. F\u00fcr zeitkritische Forschung, die etwa auf Teilnahme durch Forschende an bestimmten Ereignissen baut, kann eine solche Auszeit wichtiges empirisches Material f\u00fcr immer unzug\u00e4nglich machen. Das gilt im \u00dcbrigen nicht nur f\u00fcr die Sozialforschung: auch manche Geowissenschaftler*innen und Physiker*innen stehen aktuell vor den selben <a href=\"https:\/\/www.washingtonpost.com\/weather\/2020\/03\/27\/coronavirus-is-wreaking-havoc-scientific-field-work\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Herausforderungen unwiederbringlich geschlossener \u201eFelder\u201c.<\/a><\/p>\n<p>Auch individuelle Karrierewege, vor allem f\u00fcr den sogenannten wissenschaftlichen Nachwuchs, sind in Deutschland in besonderem Ma\u00dfe von der Logik der Planbarkeit abh\u00e4ngig. Feste Vertragslaufzeiten, Vorgaben \u00fcber die Maximaldauer von Promotionen und die Befristungsregeln nach dem Wissenschaftszeitvertragsgesetz bedeuten, dass wissenschaftliche Arbeit immer zeitlich begrenzt gedacht und geplant werden muss. Unterbrechungen sind in dieser Logik ebenso wenig eingeplant wie erzwungene Neuanf\u00e4nge, etwa weil geplante Feldzug\u00e4nge nicht mehr m\u00f6glich sind. In einer Situation wie der aktuellen steigert dies nicht nur <a href=\"https:\/\/www.ral.uni-leipzig.de\/en\/research-academy-leipzig\/news-portal\/newsdetail\/artikel\/auswirkungen-der-coronakrise-auf-promovierende-ergebnisse-der-blitzumfrage-2020-04-22\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">existentielle Sorgen junger Wissenschaftler*innen<\/a>. Es birgt auch die Gefahr, den Druck auf Wissenschaftler*innen zu erh\u00f6hen, die den schnellsten Ertrag \u2013 und nicht den gr\u00f6\u00dften wissenschaftlichen Mehrwert \u2013 verhei\u00dfende Antwort auf die Krise zu w\u00e4hlen.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich sind auch Forschungskooperationen von Planbarkeit und gegenseitiger Erwartungssicherheit abh\u00e4ngig, die in Krisensituationen herausgefordert werden. So hat beispielsweise der abrupte Abbruch der Feldforschung in Burkina Faso f\u00fcr unser Projekt in besonderem Ma\u00dfe unsere Projektmitarbeiter*innen aber auch Forschungsassistent*innen vor Ort getroffen, die finanziell vom Fortgang des Projektes abh\u00e4ngig sind. Zwar konnten wir hier mit viel gegenseitigem Vertrauen schnell f\u00fcr alle Beteiligten gute L\u00f6sungen finden. Dennoch zeigt eine solche Krisensituation einmal mehr, wie sehr strukturelle Ungleichheiten und Machtgef\u00e4lle \u2013 trotz aller Bem\u00fchungen um gleichberechtigte Kooperationspartnerschaften \u2013 weiterhin bestehen. So sind manche noch st\u00e4rker und existentieller als andere vom planm\u00e4\u00dfigen Verlauf von Projekten abh\u00e4ngig.<\/p>\n<p>Die aktuelle Krise zeigt somit nicht nur, wie sehr die Organisation und Finanzierung von Forschung auf Planbarkeit und stetigen Fortschritt bauen, sondern auch, wie dadurch multiple Abh\u00e4ngigkeiten von diesen geschaffen werden, die in vielen F\u00e4llen ohnehin schon strukturell schw\u00e4cher Gestellte in besonderem Ma\u00dfe treffen.<\/p>\n<h3><strong>Krisenpraxis als Moment der Entscheidung<\/strong><\/h3>\n<p>Ungewissheit ist ein zentrales Merkmal von Krisen. Aber ebenso zentral f\u00fcr eine Krise ist das Verlangen nach Entscheidungen. <a href=\"https:\/\/link.springer.com\/chapter\/10.1007\/978-3-658-28571-5_1\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Krisen sind auch Entscheidungsmomente<\/a> mit kurzfristigen und langfristigen Konsequenzen, manchmal sogar mit gro\u00dfem Innovationspotenzial. F\u00fcr Forscher*innen gibt es verschiedene M\u00f6glichkeiten, auf \u201egeschlossene Felder\u201d zu reagieren. Nicht zuletzt kann in solchen Momenten auch vom Erfahrungsschatz vorheriger Krisenpraxis gelernt werden. Manche Interviewforschung etwa kann auf digitale Austauschformate verlegt werden, wenn das direkte Teilnehmen an und Eintauchen in \u201efremde\u201c Kontexte keinen zentralen Stellenwert einnehmen sollen. Wenn Forschung vor Ort dauerhaft unm\u00f6glich sein wird, k\u00f6nnen <a href=\"https:\/\/journals.sagepub.com\/doi\/10.1177\/1525822X08329699\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">digitale \u201eFelder\u201c wie soziale Medien<\/a> einen alternativen, wenn auch im Charakter deutlich anderen Zugang zu empirischem Material bieten. Auch k\u00f6nnen <a href=\"https:\/\/journals.openedition.org\/anthropodev\/308\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Forschungskooperationen weiter ausgebaut<\/a> werden, wenn zum Beispiel Forscher*innen vor Ort der Zugang leichter oder \u00fcberhaupt m\u00f6glich ist. Das h\u00e4tte zudem den positiven Effekt, dass Forschungspartner*innen vor Ort mehr Verantwortung und Handlungsspielraum gegeben und ihre Positionen strukturell gest\u00e4rkt werden k\u00f6nnten. Und nat\u00fcrlich bleibt auch das Abwarten und Aufschieben eine Option, wenn es Hoffnung gibt, dass die Krise \u2013 anders als ein ausgebrochener Gewaltkonflikt \u2013 in einigen Monaten vielleicht schon \u00fcberwunden sein k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Neben dem unmittelbaren Zwang zur Entscheidung f\u00fcr jedes einzelne Forschungsvorhaben k\u00f6nnte die aktuelle Krise aber auch Ansto\u00df f\u00fcr ein sehr viel grundlegenderes Umdenken geben. Ein Umdenken, welches die Zentralit\u00e4t der Planbarkeit in den Strukturen gegenw\u00e4rtiger Forschungsorganisation und -finanzierung und die dadurch entstehenden Abh\u00e4ngigkeiten zu unterlaufen beginnt und die zeitliche und finanzielle Flexibilit\u00e4t als Voraussetzung von Forschung st\u00e4rker anerkennt. Die Friedens- und Konfliktforschung, die in besonderem Ma\u00dfe auf menschliche Erfahrung und Interaktion gest\u00fctzte Forschung braucht, k\u00f6nnte die aktuellen Krisenerfahrungen dazu nutzen, entsprechende Impulse zu setzen. Damit Corona <a href=\"https:\/\/blog.prif.org\/2020\/03\/26\/corona-ist-mehr-als-eine-krise\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">nicht blo\u00df eine Krise bleibt.<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die weltweite Ausbreitung der Corona-Pandemie und die damit verbundenen restriktiven Ma\u00dfnahmen gef\u00e4hrden all jene Forschung, f\u00fcr die menschliche Interaktion und Pr\u00e4senz ein wichtiger Bestandteil der Wissensproduktion ist. 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