{"id":13261,"date":"2020-04-29T11:17:00","date_gmt":"2020-04-29T09:17:00","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.prif.org\/was-die-covid-19-pandemie-mit-biowaffenkontrolle-und-biosicherheit-zu-tun-hat\/"},"modified":"2020-04-29T11:17:00","modified_gmt":"2020-04-29T09:17:00","slug":"was-die-covid-19-pandemie-mit-biowaffenkontrolle-und-biosicherheit-zu-tun-hat","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.prif.org\/en\/2020\/04\/29\/was-die-covid-19-pandemie-mit-biowaffenkontrolle-und-biosicherheit-zu-tun-hat\/","title":{"rendered":"Was die Covid-19-Pandemie mit Biowaffenkontrolle und Biosicherheit zu tun hat"},"content":{"rendered":"<p><strong>Das neuartige Coronavirus SARS-CoV-2 ist keine Biowaffe. Es stammt h\u00f6chstwahrscheinlich auch nicht aus einem Forschungslabor. Trotzdem wirft die Covid-19-Pandemie ein Schlaglicht auf bekannte und bisher ungel\u00f6ste Probleme im Bereich der biologischen Abr\u00fcstung und Biosicherheit. Spekulationen \u00fcber geheime Biowaffenprogramme werden durch die mangelnde Transparenz in zivilen und milit\u00e4rischen biologischen Forschungsprogrammen erleichtert. Und fehlende internationale Vereinbarungen zur Biosicherheit bedeuten ein geringeres Vertrauen in den sicheren Umgang mit denjenigen Forschungen, die zwar n\u00fctzliche Ziele verfolgen, aber dabei selbst Risiken f\u00fcr Mensch und Umwelt bergen. Bisher bleiben die Vorw\u00fcrfe, Covid-19 sei das Resultat eines Biowaffeneinsatzes, auf Einzelf\u00e4lle beschr\u00e4nkt. Und dem Verdacht, es k\u00f6nne sich um einen Laborunfall gehandelt haben, stehen wissenschaftliche Studien entgegen, die einen nat\u00fcrlichen Krankheitsausbruch nahelegen. Trotzdem k\u00f6nnten solche Verd\u00e4chtigungen in der ohnehin angespannten weltpolitischen Lage Krisen versch\u00e4rfen. Wie lie\u00dfe sich gegebenenfalls einer politischen Eskalation entgegenwirken? Welche Lehren lassen sich aus der Pandemie f\u00fcr die internationale Biowaffenkontrolle und Biosicherheit ziehen? Und welche Chancen ergeben sich vielleicht sogar aus dieser Krise?<\/strong><\/p>\n<h2>Coronavirus aus dem Biowaffenlabor? Die Vorw\u00fcrfe und ihre m\u00f6glichen Folgen<\/h2>\n<p>Die Covid-19-Pandemie, die derzeit die Welt in Atem h\u00e4lt, ist nicht auf den Einsatz einer biologischen Waffe zur\u00fcckzuf\u00fchren. Es halten sich aber Theorien, das neuartige Corona-Virus SARS-CoV-2 sei <a href=\"https:\/\/thebulletin.org\/2020\/03\/why-do-politicians-keep-breathing-life-into-the-false-conspiracy-theory-that-the-coronavirus-is-a-bioweapon\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">absichtlich<\/a> oder fahrl\u00e4ssig freigesetzt worden. Chinesische und US-amerikanische Politiker warfen dem jeweils anderen Staat vor, f\u00fcr den Ausbruch verantwortlich zu sein: So sollen etwa US-Soldaten das aus einem US-Milit\u00e4rlabor entwichene Virus <a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/politik\/china-coronavirus-xi-jinping-1.4844980\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">nach China eingeschleppt<\/a> haben, oder es soll aus einem <a href=\"https:\/\/www.reuters.com\/article\/us-health-coronavirus-trump-china\/trump-says-us-investigating-whether-virus-came-from-wuhan-lab-idUSKCN21Y01B\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">chinesischen Labor<\/a> stammen. Der iranische Revolutionsf\u00fchrer <a href=\"https:\/\/www.aljazeera.com\/news\/2020\/03\/iran-leader-refuses-cites-coronavirus-conspiracy-theory-200322145122752.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Chamenei<\/a> hat den Ausbruch als US-amerikanischen Biowaffeneinsatz dargestellt, und die EU wirft <a href=\"https:\/\/www.reuters.com\/article\/us-health-coronavirus-disinformation-idUSKBN21518F\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Russland<\/a> vor, in russischen Medien ebenfalls entsprechende Meldungen zu verbreiten. Dar\u00fcber hinaus kursieren in den sozialen Medien diverse <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Falschinformationen_zur_COVID-19-Pandemie#Angebliche_Ursachen_und_Zwecke\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Verschw\u00f6rungstheorien<\/a> zum Ursprung der Pandemie, bei denen ebenfalls der Einsatz einer biologischen Waffe durch die USA, China oder nicht n\u00e4her benannte Akteure oder auch ein Entweichen aus einem entsprechenden Forschungsprogramm unterstellt werden.<\/p>\n<p>In Krisen einen S\u00fcndenbock f\u00fcr erfahrenes Unheil zu benennen ist ein uraltes menschliches Muster \u2013 sei es zur Ablenkung vom eigenen schlechten Krisenmanagement oder anderen innenpolitischen Problemen, sei es, um durch die Schuldzuweisung das schwer Ertr\u00e4gliche aushaltbarer zu machen. Wie so oft ist dieses Muster hier aus mehreren Gr\u00fcnden fatal, und entsprechenden Versuchen sollte fr\u00fchzeitig und entschieden begegnet werden. In einer Pandemie dieses Ausma\u00dfes ist internationale Kooperation auf allen Ebenen essenziell. Haltlose Anschuldigungen, es seien Biowaffen im Spiel, k\u00f6nnen aber Spannungen versch\u00e4rfen und die Zusammenarbeit unn\u00f6tig erschweren. Zudem sch\u00fcrt eine Kriegsrhetorik die ohnehin vorhandenen \u00c4ngste der Bev\u00f6lkerungen weiter, suggeriert sie doch einen feindlichen Angriff, der sich jederzeit wiederholen k\u00f6nnte. Schlie\u00dflich k\u00f6nnten solche anhaltenden Verd\u00e4chtigungen langfristig ein biologisches Wettr\u00fcsten bef\u00f6rdern, wenn auf f\u00e4lschlich unterstellte offensive Biowaffenkapazit\u00e4ten mit dem Ausbau eigener defensiver Kapazit\u00e4ten geantwortet w\u00fcrde. Da es bei vielen Forschungsaktivit\u00e4ten schwierig ist, zwischen erlaubten defensiven und verbotenen offensiven Absichten zu unterscheiden (Dual-Use-Problematik), birgt das wiederum das Risiko weiterer Fehlwahrnehmungen. Theoretisch w\u00e4re als Folge gar ein offensives biologisches Wettr\u00fcsten denkbar. Allerdings steht dem ein \u00e4u\u00dferst starkes Tabu gegen die biologische Kriegf\u00fchrung und den Besitz biologischer Waffen entgegen.<\/p>\n<h2>SARS-CoV-2: Als biologische Waffe ungeeignet<\/h2>\n<p>Dieses Tabu ist im <a href=\"https:\/\/www.un.org\/disarmament\/wmd\/bio\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Biowaffen-\u00dcbereinkommen (BW\u00dc)<\/a> festgeschrieben, dessen Inkrafttreten sich am 26. M\u00e4rz 2020 zum 45. Mal j\u00e4hrte. Der Vertrag verbietet seinen aktuell <a href=\"http:\/\/disarmament.un.org\/treaties\/t\/bwc\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">183 Mitgliedern<\/a> ausnahmslos Herstellung, Besitz und Weitergabe von biologischen Waffen und verpflichtet sie zur Abr\u00fcstung bestehender Arsenale. Potenzielle biologische Waffen sind krankheitserregende Mikroorganismen, Toxine oder andere biologische Agenzien sowie Ausbringungsmittel, die f\u00fcr unfriedliche Zwecke verwendet werden. Das Verbot deckt auch neue technologische Entwicklungen ab. Allerdings enth\u00e4lt der Vertrag keine M\u00f6glichkeiten, seine Einhaltung zu \u00fcberpr\u00fcfen, und auch die Transparenzma\u00dfnahmen, die das Vertrauen in die Vertragstreue der Mitglieder erh\u00f6hen sollten, sind zu schwach.<\/p>\n<p>Von etwa <a href=\"https:\/\/www.tandfonline.com\/doi\/full\/10.1080\/10736700.2017.1385765\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">20 Staaten<\/a> wei\u00df oder vermutet man, dass sie einmal an Biowaffen forschten. Die meisten beendeten ihre Aktivit\u00e4ten bereits vor dem Abschluss des BW\u00dc im Jahr 1972; die \u00fcbrigen best\u00e4tigten Programme etwa in S\u00fcdafrika und Irak wurden seitdem eingestellt. Heute wird noch in <a href=\"https:\/\/www.nti.org\/learn\/countries\/north-korea\/biological\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Nordkorea<\/a> ein offensives Programm vermutet. Laut <a href=\"https:\/\/www.tandfonline.com\/doi\/full\/10.1080\/10736700.2017.1385765\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">einiger Quellen<\/a> l\u00e4sst sich zudem bei \u00c4gypten, China, Israel, Russland und Syrien nicht mit Sicherheit sagen, ob die bekannten oder angenommenen fr\u00fcheren Bem\u00fchungen um biologische Waffen vollst\u00e4ndig eingestellt wurden. Kein Staat bekennt sich aber offen zu entsprechenden Aktivit\u00e4ten, und in den Milit\u00e4rdoktrinen der allermeisten Staaten haben Biowaffen keinen Platz mehr. Ihr Einsatz ist weltweit und uneingeschr\u00e4nkt v\u00f6lkerrechtlich verboten.<\/p>\n<p>Selbst wenn man diese Beschr\u00e4nkungen au\u00dfer Acht l\u00e4sst, w\u00e4re SARS-CoV-2 keine geeignete Biowaffe. Agenzien f\u00fcr die biologische Kriegf\u00fchrung waren traditionell solche, die entweder gar nicht von Mensch zu Mensch \u00fcbertragbar sind (wie z.B. Milzbrand, Rizin oder Botulinustoxin) oder gegen die es M\u00f6glichkeiten des Eigenschutzes wie Impfungen oder erprobte Medikamente gibt (wie z.B. gegen Pest, Pocken oder Tular\u00e4mie). Nur so k\u00f6nnten Angreifer sicherstellen, dass nicht ihre eigenen Truppen und Bev\u00f6lkerungen ebenso gesch\u00e4digt werden wie die gegnerischen. Nun ist aber SARS-CoV-2 bekanntlich sehr leicht von Mensch zu Mensch \u00fcbertragbar, und es gibt bisher weder sicher wirkende Medikamente noch Impfstoffe. Bei einer absichtlichen Freisetzung h\u00e4tte ein Angreifer also wissentlich riskiert, seine eigene Bev\u00f6lkerung einem immensen Infektionsrisiko auszusetzen. Auch das gesellschaftlich und wirtschaftlich disruptive Potenzial eines Covid-19-Ausbruchs l\u00e4sst sich kaum kontrollieren; angesichts der engen globalen \u00f6konomischen Verflechtungen k\u00f6nnten sich Volkswirtschaften auch dagegen nicht immunisieren. F\u00fcr staatliche Akteure widerspr\u00e4che es daher jeder Logik, SARS-CoV-2 absichtlich freizusetzen.<\/p>\n<p>Nichtstaatliche Akteure m\u00fcssten immense technologische H\u00fcrden \u00fcberwinden, um einen bislang unbekannten Erreger so zu manipulieren, dass er die Eigenschaften von SARS-CoV-2 aufweist. Selbst wenn sich Terroristen Zugang zu diesem oder \u00e4hnlichen Krankheitserregern mit Pandemiepotenzial verschaffen k\u00f6nnten, wovor VN-Generalsekret\u00e4r Guterres k\u00fcrzlich warnte, w\u00e4re der Einsatz nur dann eine (theoretische) Option, wenn die T\u00e4ter keine R\u00fccksicht auf eine eigene Rekrutierungs- und Unterst\u00fctzungsbasis nehmen m\u00fcssten \u2013 die ja von der Verbreitung der Krankheit ebenso betroffen w\u00e4re wie die \u201eZiele\u201c des Anschlags. Die absichtliche Freisetzung eines eigens konstruierten Virus von der Art des SARS-CoV-2 ist somit h\u00f6chst unwahrscheinlich.<\/p>\n<h2>Laborunfall als Ursache der Covid-19-Pandemie?<\/h2>\n<p>Nicht ganz so bestimmt ist auszuschlie\u00dfen, dass es sich um einen <a href=\"https:\/\/thebulletin.org\/2020\/03\/experts-know-the-new-coronavirus-is-not-a-bioweapon-they-disagree-on-whether-it-could-have-leaked-from-a-research-lab\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Laborunfall<\/a>, also eine versehentliche Freisetzung, gehandelt haben k\u00f6nnte. Dass es in China Laboratorien gibt, die an Coronaviren forschen, sollte kaum \u00fcberraschen \u2013 hat China doch schmerzhafte Erfahrungen mit der <a href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/inland\/sars-101.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">SARS-Pandemie von 2003<\/a> gemacht und gelten diverse respiratorische Viren, d.h. Viren, die Atemwegsinfekte ausl\u00f6sen, schon l\u00e4nger als <a href=\"https:\/\/www.centerforhealthsecurity.org\/our-work\/pubs_archive\/pubs-pdfs\/2018\/180510-pandemic-pathogens-report.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">gro\u00dfes Gesundheitsrisiko<\/a>. Forschungen an Coronaviren und anderen hochinfekti\u00f6sen Erregern sind also zun\u00e4chst legitim und aus gesundheitspolitischer Sicht sogar geboten.<\/p>\n<p>Problematisch wird es, wenn Experimente mit Krankheitserregern in die Kategorie \u201edual-use research of concern\u201c (DURC) bzw. \u201esicherheitsrelevante Forschung\u201c fallen \u2013 Forschungen also, die bei aller legitimen Absicht erhebliche Sicherheitsrisiken bergen. Dies ist zum Beispiel der Fall, wenn bei Erregern von Infektionskrankheiten durch Genmanipulation zus\u00e4tzliche gef\u00e4hrliche Eigenschaften hinzugef\u00fcgt oder vorhandene verst\u00e4rkt werden (\u201eGain of Function\u201c-Forschungen). Meist geschieht dies in vorbeugender Absicht, um etwa Gegenmittel zu entwickeln, relevante nat\u00fcrliche Mutationen fr\u00fchzeitig zu erkennen oder die krankmachenden Mechanismen besser zu verstehen. Bei einem versehentlichen Entweichen oder absichtlichen Ausbringen eines solchen Erregers best\u00fcnde aber ein erhebliches <a href=\"https:\/\/thebulletin.org\/2014\/08\/making-viruses-in-the-lab-deadlier-and-more-able-to-spread-an-accident-waiting-to-happen\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Gesundheitsrisiko<\/a>, wenn dadurch eine Epidemie ausgel\u00f6st w\u00fcrde. Weltweit gab es bereits <a href=\"https:\/\/thebulletin.org\/2014\/03\/threatened-pandemics-and-laboratory-escapes-self-fulfilling-prophecies\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">einige<\/a> <a href=\"https:\/\/academic.oup.com\/femsle\/article\/362\/1\/1\/2467558\">Zwischenf\u00e4lle<\/a> in biologischen Hochsicherheitslabors, die zum Gl\u00fcck keine gr\u00f6\u00dferen Infektionswellen zur Folge hatten. Auch <a href=\"https:\/\/www.the-scientist.com\/news-analysis\/sars-escaped-beijing-lab-twice-50137\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">lokale SARS-Ausbr\u00fcche in China<\/a> 2004 waren auf Laborunf\u00e4lle zur\u00fcckzuf\u00fchren. Die unmittelbare N\u00e4he zweier Forschungslabore zum angenommenen Ursprungsort des SARS-CoV-2-Ausbruchs in China, dem <em>Huanan seafood market <\/em>in Wuhan, bef\u00f6rderten <a href=\"https:\/\/www.snopes.com\/news\/2020\/04\/01\/covid-19-bioweapon\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Vermutungen<\/a>, es k\u00f6nne sich auch hier um einen Laborunfall gehandelt haben. Inzwischen mehren sich die <a href=\"https:\/\/www.reuters.com\/article\/us-health-coronavirus-australia\/australia-says-all-who-members-should-back-coronavirus-inquiry-idUSKCN225041\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Stimmen<\/a>, die eine internationale Untersuchung des Ursprungs der Pandemie fordern. Eine <a href=\"https:\/\/www.nature.com\/articles\/s41591-020-0820-9?utm_source=sn&amp;utm_medium=referral&amp;utm_content=RMarketing&amp;utm_campaign=BSLB_4_CA01_GL_BSLB_USG_CA01_GL_LSGR_PubH_Coronavirus_LandingPage\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Studie<\/a>, die das Genom des Virus auf sein Entstehen untersuchte, ergab allerdings, dass SARS-CoV-2 nicht in einem <a href=\"https:\/\/www.npr.org\/sections\/goatsandsoda\/2020\/04\/23\/841729646\/virus-researchers-cast-doubt-on-theory-of-coronavirus-lab-accident\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Labor bearbeitet<\/a> wurde. Viele <a href=\"https:\/\/www.thelancet.com\/journals\/lancet\/article\/PIIS0140-6736(20)30418-9\/fulltext\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Forscherinnen und Forscher<\/a> gehen vielmehr von einer <a href=\"https:\/\/blog.prif.org\/2020\/04\/20\/sars-cov-2-pandemic-is-an-alert-environment-related-root-causes-of-animal-borne-diseases-need-to-be-addressed\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">nat\u00fcrlichen<\/a> Mutation aus.<\/p>\n<h2>Den Vorw\u00fcrfen begegnen: Internationale Untersuchung und gr\u00f6\u00dfere Transparenz im BW\u00dc<\/h2>\n<p>Sollten sich aus den bisher eher sporadischen Anschuldigungen eines Biowaffeneinsatzes ernstere internationale Spannungen ergeben, k\u00f6nnte eine unabh\u00e4ngige Untersuchung der Vorw\u00fcrfe m\u00f6glicherweise die n\u00f6tige Klarheit bringen. Der VN-Generalsekret\u00e4r verf\u00fcgt seit den 1980er Jahren \u00fcber einen <a href=\"https:\/\/www.un.org\/disarmament\/wmd\/secretary-general-mechanism\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Untersuchungsmechanismus<\/a> f\u00fcr vermutete Bio- und Chemiewaffeneins\u00e4tze, der zuletzt 2013 in Syrien angewendet wurde und theoretisch auch in diesem Fall aktiviert werden k\u00f6nnte. Aktuell ist dies jedoch kein sehr wahrscheinliches Szenario \u2013 zu schwach ist die sachliche Grundlage der Anschuldigungen, und zu sehr stehen andere Aspekte der Corona-Krise im Vordergrund.<\/p>\n<p>Dass Vorw\u00fcrfe eines Biowaffenbezugs nicht entschiedener entkr\u00e4ftet werden k\u00f6nnen, ist auch das Resultat einer Krise der multilateralen Biowaffenkontrolle: Die Weiterentwicklung des BW\u00dc stagniert seit Jahren, die politischen Gr\u00e4ben sind tief und die bestehenden Defizite konnten nicht beseitigt werden. Dazu z\u00e4hlen reformbed\u00fcrftige Transparenzma\u00dfnahmen und Konsultationsprozeduren sowie das Fehlen eines Verifikationssystems, aber auch die fehlende M\u00f6glichkeit, wissenschaftliche und technologische Entwicklungen systematisch auf ihre Relevanz f\u00fcr das BW\u00dc zu screenen. Um falschen Anschuldigungen wie aktuell bez\u00fcglich SARS-CoV-2 den Boden zu entziehen und Unsicherheiten auszur\u00e4umen, m\u00fcssten die Vertragsstaaten mehr Transparenz in ihre (erlaubten) Bioabwehrforschungen, auch die milit\u00e4rischen, bringen. Dazu k\u00f6nnten z.B. die Vertrauensbildenden Ma\u00dfnahmen des BW\u00dc inhaltlich und prozedural reformiert und verbindlicher gemacht werden. Die BW\u00dc-Mitglieder m\u00fcssten au\u00dferdem innovative Verifikationsma\u00dfnahmen vereinbaren, die f\u00fcr heutige Gegebenheiten und Anforderungen ad\u00e4quat sind. Dies k\u00f6nnte in \u00e4hnlichen Situationen den Raum f\u00fcr Spekulationen und Verd\u00e4chtigungen verkleinern und auch das Risiko einer biologischen R\u00fcstungsspirale eind\u00e4mmen. Eine Chance f\u00fcr entsprechende Reformen b\u00f6te sich 2021 bei der 8. \u00dcberpr\u00fcfungskonferenz des BW\u00dc. Bisher scheiterten entsprechende Vorst\u00f6\u00dfe immer an den weit auseinanderklaffenden Positionen zentraler Akteure, und auch jetzt d\u00fcrfte \u00fcbergro\u00dfer Optimismus fehl am Platz sein. Doch vielleicht sind durch die Erfahrungen dieser Krise immerhin erste Fortschritte m\u00f6glich.<\/p>\n<h2>Freisetzungsrisiken minimieren: Dialog Gesundheit-Sicherheit und <em>Biosecurity Summit<\/em><\/h2>\n<p>Schlie\u00dflich tritt das Spannungsfeld der sicherheitsrelevanten Forschung durch die aktuelle Pandemie besonders deutlich zutage. Obwohl der H\u00f6hepunkt der Pandemie wohl noch nicht erreicht ist, wird klar, wie berechtigt die Mahnungen von Expertinnen und Experten waren, die globale Gesundheitsvorsorge und Pandemiepr\u00e4vention zu st\u00e4rken. Forschungen zur Verh\u00fctung und Eind\u00e4mmung von Infektionskrankheiten spielen hier eine wichtige Rolle. Gleichzeitig zeigt sich eindr\u00fccklich, welch katastrophalen Folgen es haben k\u00f6nnte, sollte ein Erreger mit Pandemiepotenzial im Rahmen solcher Forschungen versehentlich oder in krimineller Absicht freigesetzt werden. Das Problem ist schon lange <a href=\"https:\/\/www.theatlantic.com\/magazine\/archive\/2002\/07\/designer-bugs\/378484\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">bekannt<\/a>: Bereits 2001 alarmierte ein <a href=\"https:\/\/www.newscientist.com\/article\/dn311-killer-mousepox-virus-raises-bioterror-fears\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Experiment mit dem M\u00e4usepocken-Erreger<\/a> die Fachwelt, in dem versehentlich der Impfschutz der M\u00e4use gegen diesen mit dem menschlichen Pockenvirus verwandten Erreger praktisch au\u00dfer Kraft gesetzt wurde. Sp\u00e4testens seit dem Bekanntwerden von <a href=\"https:\/\/www.asil.org\/insights\/volume\/16\/issue\/2\/risky-research-and-human-health-influenza-h5n1-research-controversy-and\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Gain-of-Function-Forschungen an einem Grippevirus (H5N1)<\/a> im Jahr 2011 wird das Thema sowohl in Gesundheits- als auch in Sicherheitskreisen intensiv diskutiert.<\/p>\n<p>Gerade vor dem Hintergrund der realen Pandemie-Erfahrung und unabh\u00e4ngig von ihrem tats\u00e4chlichen Ursprung sollte der Dialog zwischen diesen Communities intensiviert werden. Idealerweise sollte dies in einen breiteren politischen Dialog \u00fcber Biosicherheit eingebettet sein. Bisher gibt es weder international einheitliche Standards daf\u00fcr, auf welchen Sicherheitsstufen Laboratorien mit hochpathogen Krankheitserregern arbeiten, noch allgemeing\u00fcltige Definitionen und Kriterien f\u00fcr sicherheitsrelevante Forschung und den Umgang damit. Auch fehlen internationale Mechanismen \u2013 \u00fcber die epidemiologischen Untersuchungen der WHO hinaus \u2013 zum Umgang mit der Frage, ob ein Krankheitsausbruch mit internationalen Folgen auf einen Laborunfall oder eine nat\u00fcrliche Ursache zur\u00fcckzuf\u00fchren ist und welche Konsequenzen sich daraus ergeben. Diese und weitere Fragen m\u00fcssten dringend pragmatisch, zielorientiert und interdisziplin\u00e4r bearbeitet werden. Auch in diesem Bereich gilt, dass mit verbindlicheren Regelungen und gr\u00f6\u00dferer Transparenz vielen Versuchen der Desinformation, wie wir sie auch heute sehen, die Grundlage entzogen werden k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Im Rahmen des BW\u00dc wird das Thema Biosicherheit \u2013 im Sinne des Schutzes von Laboratorien vor Unf\u00e4llen und unbefugtem Zugriff \u2013 schon seit vielen Jahren diskutiert, ohne dass allerdings konkrete verbindliche Ergebnisse produziert wurden. Es w\u00e4re nun an der Zeit, den Austausch in einem eigens daf\u00fcr angelegten Forum weiterzuf\u00fchren. Schon 2002 schlug Jonathan Tucker vor, eine \u201e<a href=\"http:\/\/acronym.org.uk\/old\/archive\/dd\/dd66\/66op2.htm\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><em>Biosecurity Convention<\/em><\/a><em>\u201c<\/em> auszuhandeln, die internationale Standards setzen und den physischen Schutz von Laboratorien gew\u00e4hrleisten sollte. Im Jahr 2014 sahen Tatyana Novossiolova und Malcolm Dando in der \u201eAsilomar-Konferenz\u201c von 1975 zu Risiken, sozialen und ethischen Implikationen der Gentechnik ein <a href=\"https:\/\/thebulletin.org\/2014\/08\/making-viruses-in-the-lab-deadlier-and-more-able-to-spread-an-accident-waiting-to-happen\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Modell<\/a> f\u00fcr Diskussionen dar\u00fcber, wie heute effektive Pandemiepr\u00e4vention mit h\u00f6chsten Sicherheitsstandards zu vereinbaren w\u00e4re. Filippa Lentzos propagierte 2018 die Idee f\u00fcr einen <a href=\"https:\/\/thebulletin.org\/2018\/07\/strengthen-the-taboo-against-biological-and-chemical-weapons\/?utm_source=Twitter&amp;utm_medium=TwitterPost&amp;utm_campaign=Taboo_July26\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">\u201e<em>high-level summit on science and security\u201c<\/em><\/a>, bei dem sich Regierungsvertreterinnen und -vertreter auf die verantwortungsvolle Nutzung von Wissenschaft und Technologie verpflichten sollten und ein Expertennetzwerk zu \u201e<em>science security<\/em>\u201c auf den Weg bringen k\u00f6nnten. Ein breiter angelegter \u201eBiosicherheits-Gipfel\u201c (\u201e<em>Biosecurity Summit\u201c<\/em>) k\u00f6nnte \u2013 in Anlehnung an die <a href=\"https:\/\/www.armscontrol.org\/factsheets\/NuclearSecuritySummit\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><em>Nuclear Security Summits<\/em><\/a><em> \u2013 <\/em>dem Thema zun\u00e4chst gr\u00f6\u00dfere und fokussierte Aufmerksamkeit verschaffen. Dort k\u00f6nnten auf h\u00f6chster politischer Ebene Risikoeinsch\u00e4tzungen ausgetauscht werden. Zudem k\u00f6nnten konkrete Schritte angesto\u00dfen werden zur Verbesserung der biologischen Sicherheit weltweit, zur Vereinheitlichung von Regeln, Standards und Definitionen und somit zur Verh\u00fctung k\u00fcnftiger biologischer Katastrophen \u2013 wie die aktuelle Covid-19-Pandemie eine ist.<\/p>\n<p>Diese Pandemie stellt zun\u00e4chst eine gesundheitspolitische Herausforderung dar. Sie wirkt als Krise aber in die unterschiedlichsten Bereiche hinein und l\u00e4sst auch die biologische R\u00fcstungskontrolle und Biosicherheit nicht unber\u00fchrt. Die Probleme, die die Pandemie hier offenlegt, sind bekannt. Ebenso bekannt sind die politischen Differenzen, die bisher einer L\u00f6sung dieser Probleme im Wege standen. Gleichzeitig zeigt die Covid-19-Pandemie schon jetzt, dass Foren multilateraler Zusammenarbeit dringender denn je ben\u00f6tigt werden. Mit der 8. BW\u00dc-\u00dcberpr\u00fcfungskonferenz 2021 steht f\u00fcr die biologische R\u00fcstungskontrolle bereits eins zur Verf\u00fcgung; f\u00fcr den Bereich Biosicherheit k\u00f6nnte ein <em>Biosecurity Summit<\/em> ein weiteres Forum sein. Zwar d\u00fcrften viele politische Differenzen auch nach der Pandemie weiterbestehen. Aber vielleicht tr\u00e4gt die reale Krisenerfahrung dazu bei, dass die eine oder andere Baustelle \u2013 Transparenz und Verifikation im BW\u00dc; international harmonisierte Standards, Definitionen und Untersuchungsm\u00f6glichkeiten in der Biosicherheit \u2013 in einem solchen Rahmen pragmatischer, ergebnisorientierter und effizienter als bisher bearbeitet werden kann.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das neuartige Coronavirus SARS-CoV-2 ist keine Biowaffe. Es stammt h\u00f6chstwahrscheinlich auch nicht aus einem Forschungslabor. Trotzdem wirft die Covid-19-Pandemie ein Schlaglicht auf bekannte und bisher ungel\u00f6ste Probleme im Bereich der biologischen Abr\u00fcstung und Biosicherheit. Spekulationen \u00fcber geheime Biowaffenprogramme werden durch die mangelnde Transparenz in zivilen und milit\u00e4rischen biologischen Forschungsprogrammen erleichtert. Und fehlende internationale Vereinbarungen zur Biosicherheit bedeuten ein geringeres Vertrauen in den sicheren Umgang mit denjenigen Forschungen, die zwar n\u00fctzliche Ziele verfolgen, aber dabei selbst Risiken f\u00fcr Mensch und Umwelt bergen. Bisher bleiben die Vorw\u00fcrfe, Covid-19 sei das Resultat eines Biowaffeneinsatzes, auf Einzelf\u00e4lle beschr\u00e4nkt. Und dem Verdacht, es k\u00f6nne sich um einen Laborunfall gehandelt haben, stehen wissenschaftliche Studien entgegen, die einen nat\u00fcrlichen Krankheitsausbruch nahelegen. Trotzdem k\u00f6nnten solche Verd\u00e4chtigungen in der ohnehin angespannten weltpolitischen Lage Krisen versch\u00e4rfen. Wie lie\u00dfe sich gegebenenfalls einer politischen Eskalation entgegenwirken? Welche Lehren lassen sich aus der Pandemie f\u00fcr die internationale Biowaffenkontrolle und Biosicherheit ziehen? 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