{"id":13262,"date":"2020-04-23T10:11:52","date_gmt":"2020-04-23T08:11:52","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.prif.org\/eine-frage-der-reichweite-zum-stellenwert-von-migration-und-mobilitaet-in-der-corona-krise\/"},"modified":"2020-04-23T10:11:52","modified_gmt":"2020-04-23T08:11:52","slug":"eine-frage-der-reichweite-zum-stellenwert-von-migration-und-mobilitaet-in-der-corona-krise","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.prif.org\/en\/2020\/04\/23\/eine-frage-der-reichweite-zum-stellenwert-von-migration-und-mobilitaet-in-der-corona-krise\/","title":{"rendered":"Eine Frage der Reichweite \u2013 zum Stellenwert von Migration und Mobilit\u00e4t in der Corona-Krise"},"content":{"rendered":"<p><strong>In Zeiten von COVID-19 wird noch deutlicher, was sonst auch gilt: Migration ist unmittelbarer Teil r\u00e4umlicher Definitionsmacht \u2013 f\u00fcr das Individuum und f\u00fcr staatliches Handeln. Immer deutlicher pr\u00e4sentieren sich deshalb auch die Auswirkungen der COVID-19-Pandemie als Seismograph bereits vorhandener sozialr\u00e4umlicher Ungleichheiten auf verschiedenen Ma\u00dfstabsebenen (lokal, regional, national sowie trans- und subnational). Sichtbar werden diese Ungleichheiten zurzeit vor allem in den St\u00e4dten, die in den letzten Jahren Treiber und zugleich Schauplatz ver\u00e4nderter Migrationsmuster und Mobilit\u00e4ten waren.\u00a0 Dort manifestieren sich die in Migrationsprozessen eingeschriebenen gesellschaftlichen Hierarchisierungen zwischen denen, die sich bewegen d\u00fcrfen und k\u00f6nnen und denen, die sich bewegen m\u00fcssen, am st\u00e4rksten. <\/strong><\/p>\n<p>In einer ersten Phase der Corona-Krise waren au\u00dferhalb Chinas vor allem prosperierende St\u00e4dte wie Mailand, Barcelona, Madrid, Paris und London besonders betroffen, weil sie die Exponenten dieser beschleunigten Mobilit\u00e4tsmuster der letzten zwei Jahrzehnte waren \u2013 sie sind eingebunden in weltumspannende Mobilit\u00e4tskorridore. Kontr\u00e4r dazu stehen die Entwicklungen in den St\u00e4dten im Globalen S\u00fcden der Welt. Aller <a href=\"https:\/\/www.iied.org\/dealing-covid-19-towns-cities-global-south\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Voraussicht<\/a> nach werden sie in einer zweiten Phase noch weit st\u00e4rker unter der Pandemie leiden. Hier ist Mobilit\u00e4t f\u00fcr die Menschen eine unmittelbare Existenzgrundlage, und zwar geht es in der Regel um kleinr\u00e4umige Binnenmigration, die schwer steuerbar ist. \u00a0In der Corona-Krise wird damit die Interaktion zwischen verschiedenen Stakeholdern, insbesondere die Kommunikation zwischen staatlichen Institutionen und der Zivilgesellschaft, zur Steuerung von Mobilit\u00e4t zum Z\u00fcnglein an der Waage. Der Beitrag beleuchtet die Governance-Krise von Migration und Mobilit\u00e4t und konzentriert sich auf die Situation in den St\u00e4dten. \u201eAbgekapselte Mobile\u201c entpuppen sich als besondere Risikogruppe: am einen Ende des Mobilit\u00e4tsspektrums befinden sich die Kreuzfahrttouristen in Quarant\u00e4ne, am anderen Ende die tausenden MigrantInnen, die in Fl\u00fcchtlingslagern verharren oder massenweise im Transit an den Grenzen festsitzen. Sie k\u00f6nnten zuk\u00fcnftig zu einem Gesundheitsrisiko f\u00fcr die Gesamtgesellschaft werden. Wie die Pandemie bew\u00e4ltigt werden kann, hat daher viel damit zu tun, welche Aufmerksamkeit wir diesem Aspekt der unterschiedlichen Migrationsmuster und -formen in unserer Krisen-Analyse schenken und welchen Stellenwert wir dem Umgang mit Migration und MigrantInnen in der Praxis dann zukommen lassen werden. <a href=\"https:\/\/shop.arl-net.de\/media\/direct\/pdf\/rur\/77-2019-6\/01_hillmann_calbet.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Unsere Untersuchungen<\/a> zum allgemeinen Umgang von St\u00e4dten mit Migration am IRS zeigen, dass es je nach Stadt ganz unterschiedliche formelle und informelle Instrumente gibt, um mit migrationsbezogenen krisenhaften Situationen umzugehen und auf Ungleichheiten zu reagieren.<\/p>\n<h2>I: Gro\u00dfe Reichweiten: Hochmobile verbreiten das Virus<\/h2>\n<p>Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass das Virus nicht von den vielen internen Migranten in die gro\u00dfen St\u00e4dte verbreitet wurde, sondern durch die Hochmobilen, die st\u00e4ndig unterwegs sind, sei es als Touristen oder als Gesch\u00e4ftsreisende. Anders als bei SARS vor 17 Jahren erreichte das Virus in China vor allem pittoreske und touristisch attraktive Gegenden. Hochmobile k\u00f6nnten damit \u00a0die wichtigsten \u00dcbertr\u00e4ger des Virus gewesen sein \u2013 <a href=\"https:\/\/www.peak-urban.org\/blog\/human-mobility-spreads-covid-19-whose-mobility\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">so vermuten Qiuje Shi und Tao Liu von PEAK Urban (Oxford)<\/a>. F\u00fcr diese These spricht, dass in Europa Mailand und Venedig Hotspots von Corona sind. Mailand und Umland sind die Wirtschaftsmetropole schlechthin, in der zugleich knapp ein Viertel aller 2019 in Italien gemeldeten Chinesen (ca. 300.000) lebt. Venedig ist der wichtigste Touristenhotspot in Norditalien und gerade die Touristen aus China sind eine wachsende Gruppe. Beides hat wenig mit der nationalen Herkunft zu tun, aber viel mit dem Grad des transnationalen Austausches, der zwischen den L\u00e4ndern besteht. So sind von der Corona-Krise in dieser ersten Phase die <em>Global Cities<\/em> am st\u00e4rksten betroffen.<\/p>\n<p>Der intensive Austausch zwischen den globalen Metropolen wurde durch den Ausbau der Migrationsarchitektur (Hochgeschwindigkeitsverbindungen, Schiffsterminals und Flugh\u00e4fen) vorangetrieben; <a href=\"https:\/\/blog.prif.org\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/TO_108_FH.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">internationale Mobilit\u00e4t war und ist wichtiger Teil der Leitbilder der st\u00e4dtischen Regenerierung<\/a> (<a href=\"https:\/\/www.toposmagazine.com\/zeitschriften\/topos-108-displacement\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">aus TOPOS 108: \u201eDisplacement&#8221;<\/a>). Transnationale Verbindungen entstanden dort zus\u00e4tzlich durch die gelebte Diversit\u00e4t der transnationalen Communities. Sie sind Gesch\u00e4fts- und Touristenhochburgen, Ziele der Wissensindustrie zugleich und hier scheint zu gelten: je schneller die St\u00e4dte getaktet sind, desto anf\u00e4lliger sind sie f\u00fcr das Virus. New York City und London sind Spitzenreiter. Die StadtforscherInnen Shi und Liu von PEAK Urban (Oxford) <a href=\"https:\/\/www.peak-urban.org\/blog\/human-mobility-spreads-covid-19-whose-mobility\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">weisen nach<\/a>, dass in London gentrifizierte und florierende Gegenden wie Westminster, Lambeth, Kensington und Chelsea am st\u00e4rksten von COVID-19-F\u00e4llen betroffen sind. Die Autoren f\u00fchren dies auf die allgemein gestiegene Mobilit\u00e4t zur\u00fcck, insbesondere dem etwa dem seit 15 Jahren um 137 Prozent angestiegenen Flugverkehr.<\/p>\n<h2>II: Kleine Reichweiten: Immobile m\u00fcssen mit dem Virus umgehen<\/h2>\n<p>Abzusehen ist seit Ende Februar, dass sich die Infektionskrankheit COVID-19 in einer zweiten Phase schnell in den St\u00e4dten des Globalen S\u00fcdens ausbreiten wird und von dort aus in die l\u00e4ndlichen Gebiete \u00fcberspringt. Man hat bislang nur Teileinsichten in diese Krisenverl\u00e4ufe. So berichtet das DIIS (<em>Danish Institute for International Studies<\/em>) \u00fcber eine Verbreitung in Mogadischu, doch das Gesundheitsministerium hat keine Zahlen. Massenbegr\u00e4bnisse in den letzten Tagen lassen jedoch das Schlimmste bef\u00fcrchten. Ganz Westafrika hatte am 17.04.2020 3.202 registrierte COVID-19-F\u00e4lle. Die Einbindung der lokalen Communities wird von der UN-affiliierten <em>International Organisation for Migration<\/em> (IOM) als einer der wichtigsten Faktoren zur Eind\u00e4mmung von COVID-19 <a href=\"https:\/\/www.iom.int\/news\/migrant-returnees-lead-community-outreach-covid-19-west-africa?\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">angesehen<\/a>. In Sierra Leone behilft man sich gerade mit einem Song der von zur\u00fcckgekehrten Migranten entworfen wurde, um die Ausbreitung des Virus in der Bev\u00f6lkerung einzud\u00e4mmen: \u201eThe virus is real\u201c. Weitere Ma\u00dfnahmen sprechen die mobile Bev\u00f6lkerung direkt digital durch Nachrichten zum Virus \u00fcber Whatsapp und Twitterkan\u00e4le an. <a href=\"https:\/\/blog.prif.org\/2020\/04\/07\/an-island-of-internationalism-the-african-unions-fight-against-corona\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">(Mehr zur Corona-Krise auf dem afrikanischen Kontinent)<\/a><\/p>\n<p>Internationale ExpertInnen der Entwicklungszusammenarbeit gehen schon seit Anfang M\u00e4rz \u00a0davon aus, dass das Auftreten von COVID-19 in den armen L\u00e4ndern die \u201ewicked problems\u201c der Stadtplanung \u00a0\u2013 die ineinander verschachtelten und interdependenten Wirkungsgef\u00fcge \u2013 noch versch\u00e4rfen wird. Die dortigen Planungssysteme sind auf eine solche massive Krise nicht eingestellt \u2013 auch weil viele humanit\u00e4re Organisationen erst seit einigen Jahren die St\u00e4dte (und nicht den l\u00e4ndlichen Raum) im Visier ihrer Aktivit\u00e4ten haben. Nicht einmal zu \u201aNormalzeiten\u2018 gibt es daher ein Monitoring \u00fcber das Ausma\u00df der informellen Siedlungen, geschweige denn einen \u00dcberblick \u00fcber die Bewohnerstruktur und damit etwaige Hochrisikogebiete. Es gibt aber gemeinsame Merkmale der Stadtstruktur: In den \u00fcberf\u00fcllten Stadtteilen gibt es keinen Platz f\u00fcr Stra\u00dfen oder Durchfahrten. In den St\u00e4dten Sub-Sahara-Afrikas hat sich zudem der Zugang zu Leitungswasser zwischen 1990 und 2015 verringert. Selbst dann, wenn die Infrastruktur in den Armutsgebieten vorhanden ist, k\u00f6nnen daher in Normalsituationen die von der WHO empfohlenen 50 Liter Wasser am Tag nicht bereitgestellt werden. Die Empfehlungen des Globalen Nordens, H\u00e4ndewaschen und Social Distancing, sind in den Marginalvierteln der Megacities praktisch nicht durchsetzbar. Auch eine 14-t\u00e4gige Selbstquarant\u00e4ne ist f\u00fcr die <em>urban poor<\/em> keine Option. Wenn jemand krank wird, pflegen Angeh\u00f6rige ihn oder sie und werden zu potentiellen \u00dcbertr\u00e4gern des Virus ist.<\/p>\n<p>Der springende Punkt ist: In diesen St\u00e4dten ist die kleinr\u00e4umige Mobilit\u00e4t eine Grundbedingung der eigenen, individuellen Existenz. Jeder Versuch, diese Mobilit\u00e4t zu kontrollieren, wird noch unendlich viel schwieriger sein als in den St\u00e4dten des globalen Nordens. Der Staat kann die \u00f6ffentlichen Verkehrsmittel stilllegen, doch nicht die Menschen davon abhalten, sich auf den M\u00e4rkten zu versorgen. Diesen Staaten fehlt zudem die M\u00f6glichkeit, ad hoc national finanzielle Notprogramme aufzulegen. Zu erwarten sind Aufst\u00e4nde, sobald sich die \u00f6konomischen Bedingungen und der Gesundheitszustand der Menschen durch Mangelern\u00e4hrung verschlechtern.<\/p>\n<p>Die Experten f\u00fcr Urbanisierung und Ern\u00e4herungssicherung \u00a0Eric F\u00e8vre und Cecilia Tacoli vom IIED (<em>International Institute for Environment and Development<\/em>) <a href=\"https:\/\/www.iied.org\/coronavirus-threat-looms-large-for-low-income-cities\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">bef\u00fcrchteten<\/a> bereits Ende Februar, dass sich in dieser Krise in vielen St\u00e4dten eine militarisierte Antwort auf COVID-19 durchsetzen k\u00f6nnte und ein Top-down Durchgriff an die Stelle der in den letzten Jahren \u00a0erprobten und nachhaltigeren Planungsans\u00e4tze tritt. \u00a0Die herrschende Konfusion und Desinformation droht auch die in \u00a0den letzten Jahren gestarteten Netzwerke wie <a href=\"https:\/\/knowyourcity.info\/who-is-sdi\/about-us\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><em>Shack\/Slum Dwellers International<\/em> (SDI)<\/a>, die gemeinsam mit den f\u00fcr die informellen Siedlungen zust\u00e4ndigen Beh\u00f6rden entwickelt wurden, wieder in sich zusammenfallen zu lassen. Andrerseits k\u00f6nnten bereits entwickelte digitale Tools wie das <a href=\"https:\/\/knowyourcity.info\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><em>KnowYourCity data collection programme<\/em><\/a> mit der Gesundheitsversorgung vernetzt werden. Effektive \u00a0Partnerships zwischen den Stakeholdern auf verschiedenen nationalen Ebenen sollten besser verzahnt werden, so fordern es die WissenschaftlerInnen, um \u00a0technische Unterst\u00fctzung bereitzustellen und finanzielle Hilfen anzubieten, insbesondere die verschiedenen Netzwerke der Community-Leader sollten aktiv eingebunden werden. Kurz: Die WissenschaftlerInnen pl\u00e4dieren daf\u00fcr, die bestehenden lokalen Erm\u00e4chtigungsstrategien in den St\u00e4dten in der Krise mutiger aufzugreifen anstelle eines bef\u00fcrchteten \u201eDurchregierens\u201c von oben im Krisenmodus. Ein solches Durchregieren ist in Form von Zwangsquarant\u00e4nen f\u00fcr st\u00e4dtische Armutssiedlungen unter Polizeiaufsicht in \u00c4thiopien, Kenia, Liberia und S\u00fcdafrika schon <a href=\"https:\/\/www.thenewhumanitarian.org\/interview\/2020\/04\/01\/coronavirus-cities-urban-poor\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Realit\u00e4t<\/a> \u2013 so Robert Muggah, der mit der WHO zur Kartierung von Pandemien zusammenarbeitete und Forschungsdirektor des Igarap\u00e9-Institutes in Rio de Janeiro ist.<\/p>\n<h2>III: Im Zwischenreich von Drinnen und Drau\u00dfen: abgekapselte Mobile<\/h2>\n<p>Am Anfang der Corona-Krise gingen die Bilder eines Kreuzfahrtschiffes, das vor Fremantle s\u00fcdlich von Perth lagerte, durch die Medien. Nach zwei Wochen Quarant\u00e4ne sticht das Schiff nun wieder in See. F\u00fcr die, die mobil sein k\u00f6nnen, geht es also weiter. Ganz anders sieht es f\u00fcr die aus, die mobil sein m\u00fcssen. Und hier trifft es den globalen S\u00fcden und Norden gleicherma\u00dfen: Jetzt schon festzustellen ist eine weitere Vulnerabilisierung von Migratinnen und Migranten. Sie sind besonders oft separiert von der Ankunftsgesellschaft untergebracht und werden so in zunehmend prek\u00e4re Situationen gezwungen. Die IOM bef\u00fcrchtet zum Beispiel, dass MigrantInnen und die Millionen Binnenvertriebenen in Lagern von COVID-19 noch st\u00e4rker gef\u00e4hrdet sein werden als die Wohnbev\u00f6lkerung in den St\u00e4dten. Gestern meldete IOM den Ausbruch von COVID-19 bei 150 Personen im \u00dcbergangslager Porto Heli in S\u00fcdgriechenland, obwohl nach dem Bekanntwerden des ersten Falles vorige Woche <a href=\"https:\/\/mailchi.mp\/6ee02fbc7c5c\/greece-iom-responding-to-new-covid-19-outbreak?e=20713fe5a4\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">strenge Sicherheitsma\u00dfnahmen eingeleitet wurden<\/a>.\u00a0 Diese internationalen Organisationen bereiten sich zurzeit mit Hilfsma\u00dfnahmen\u00a0 auf eine Verschlechterung der Lebenssituation dieser vulnerablen Gruppe vor, und zwar in den Herkunftsregionen und in den Ziel- bzw. Transitorten. In den Herkunftsregionen macht sich die Corona-Krise durch die fehlenden R\u00fcck\u00fcberweisungen der MigrantInnen im globalen Norden sofort bemerkbar. Millionen Familien in den gro\u00dfen St\u00e4dten sind von diesen \u00dcberweisungen abh\u00e4ngig, um Nahrung zu kaufen, f\u00fcr Medikamente oder \u2013 im Falle von COVID-19 \u2013 f\u00fcr Masken und damit zum Schutze aller. Immer mehr Menschen m\u00fcssen zudem im Transit verharren. Allein in Panama sitzen seit diesem Wochenende Tausende Migranten an den Grenzen zu den L\u00e4ndern des Globalen Nordens fest, nachdem sie Monate unterwegs waren und entkr\u00e4ftet sind \u2013 ein Hochrisikogebiet <a href=\"https:\/\/www.iom.int\/news\/iom-panama-prepare-covid-19-response-2500-migrants-stranded-borders?\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">entsteht<\/a>. Die restriktiven Migrationspolitiken versch\u00e4rfen die Krise, so IOM, auch dadurch, dass Migrationsbewegungen unterbrochen werden.<\/p>\n<figure id=\"attachment_4009\" aria-describedby=\"caption-attachment-4009\" style=\"width: 512px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-4009\" src=\"https:\/\/blog.prif.org\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/refugee_camp_Lesvos_2020-300x225.jpg\" alt=\"\" width=\"512\" height=\"384\" srcset=\"https:\/\/blog.prif.org\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/refugee_camp_Lesvos_2020-300x225.jpg 300w, https:\/\/blog.prif.org\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/refugee_camp_Lesvos_2020-768x576.jpg 768w, https:\/\/blog.prif.org\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/refugee_camp_Lesvos_2020.jpg 1000w\" sizes=\"(max-width: 512px) 100vw, 512px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-4009\" class=\"wp-caption-text\">Olive Grove-Moria Camp auf Lesbos im Februar 2020 | Foto: \u00a9 Febe Viviane<\/figcaption><\/figure>\n<p><a href=\"https:\/\/www.taylorfrancis.com\/books\/e\/9781351119665\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">In unseren Forschungen<\/a> zur Ver\u00e4nderung der Position der MigrantInnen im\u00a0 transnationalen Raum Europas haben wir uns \u2013 angesichts eines fehlenden europ\u00e4ischen rechtlichen Rahmens und fehlender Kenntnisse auf Seiten der MigrantInnen \u00fcber die europ\u00e4ischen demokratischen Systeme \u2013 mit der Bedeutsamkeit von <em>soft power<\/em> f\u00fcr die Governance von Migration in Europa besch\u00e4ftigt. Wir richteten den Fokus auf die \u00a0von MigrantInnen im Transit nach Europa, weil wir verstehen wollten, wie sich diese Menschen \u00fcberhaupt in einem rechtlich und institutionell fragmentiertem Europa und ohne legale Zug\u00e4nge mit Ausnahme des Asyls und der Arbeit in ausgew\u00e4hlten Sektoren bewegen. Deutlich wurde: Je weniger klare Reglementierung besteht, desto st\u00e4rker wirken im Migrationsprozess kulturelle Normen, Narrative, Mythen und Glaubenssysteme auf die eigene Handlungsweise ein. An verschiedenen Fallbeispielen konnten wir au\u00dferdem zeigen, dass f\u00fcr viele Migranten der einzige Weg aus der t\u00e4glichen Krise noch mehr Mobilit\u00e4t war. Auff\u00e4llig war zugleich, wie stark diese MigrantInnen untereinander, entlang ihrer Migrationsrouten und nach Hause digital vernetzt waren.<\/p>\n<p>F\u00fcr Europa k\u00f6nnte dies in der COVID-19-Krise zu einer zus\u00e4tzlichen Verbreitung des Virus bedeuten. Denn Migrantinnen und Migranten sind dadurch, dass sie in den von der COVID-19-Krise am st\u00e4rksten betroffenen prek\u00e4ren Sektoren arbeiten und oft keinen Zugang zu Gesundheitsversorgung und Sozialleistungen haben, vielerorts in Europas in einer besonders schwierigen Situation. F\u00fcr Italien gibt es erste Beobachtungen und Studien, wie sich die Krise auswirkt. Trotz \u00a0der Corona-Krise bestehen die ausbeuterischen und von der Mafia kontrollierten Arbeitsbedingungen der migrantischen Feldarbeiter, auch <em>capolarato<\/em> genannt, einfach fort und werden so zu einer Gefahr f\u00fcr die Gesamtgesellschaft. Mitte M\u00e4rz berichtete die Repubblica von 25 Landarbeitern, die in der N\u00e4he von Terracina in einem Lieferwagen zusammengepfercht waren und f\u00fcr die keinerlei Sicherheitsvorkehrungen getroffen wurden.\u00a0 Die Feldarbeiter leben in S\u00fcditalien in ghettoartigen Unterk\u00fcnften unter <a href=\"https:\/\/roma.repubblica.it\/cronaca\/2020\/03\/19\/news\/coronavirus_bloccato_furgone_con_25_braccianti_a_terracina_allarme_sindacati_caporalato_aumenta_rischio_-251730130\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">miserablen hygienischen Bedingungen<\/a>.<\/p>\n<p>Einmal abgesehen von dem offensichtlichen Elend in den \u00fcberf\u00fcllten Fl\u00fcchtlingslagern auf den griechischen <a href=\"https:\/\/time.com\/5781936\/lesbos-greece-refugee-camps-dangerous\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Inseln<\/a>, wo sich die Krise durch die dort untereinander rivalisierenden vulnerablen Gruppen noch versch\u00e4rfen wird, existieren aber auch \u00a0in Gro\u00dfst\u00e4dten wie Rom seit Jahren segregierte Armutsgebiete, sogenannte <em>Baraccopoli<\/em>. \u00dcberwiegend werden sie von einzelnen ethnischen, mobilen Gruppen bewohnt. Die Ausgangsbeschr\u00e4nkungen f\u00fchren in diesen Quartieren dazu, dass die Einwohner der <em>Baraccopoli<\/em> den Supermarkt in drei Kilometer Entfernung nicht mehr erreichen k\u00f6nnen. Es gibt nur rationiertes, kein flie\u00dfend Wasser von der Kommune, keine Schutzmasken f\u00fcr alle. Die Kinder gehen nicht zur Schule und sind digital abgeh\u00e4ngt, die Erwachsenen finden keine Arbeit au\u00dferhalb des Camps mehr und die Versorgung der Alten funktioniert kaum. Durch die jetzt fehlende Pr\u00e4senz ehrenamtlicher Helfer werden die <em>Baraccopoli <\/em>bereits zum Ziel xenophober Angriffe und von Stigmatisierung <a href=\"https:\/\/spire.sciencespo.fr\/notice\/2441\/1an4k05vs88j3p60av6otg58k1\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">(Stassola und Vitale, im Erscheinen)<\/a>. Auch hier k\u00f6nnte die abgekapselte Mobilit\u00e4t zu einer Gefahr f\u00fcr die Gesamtstadt werden. Die bestehenden Ambivalenzen im st\u00e4dtischen Umgang mit Migration schreiben sich also in dieser Krise fort. Vielfach gibt es in Italien kaum kodifizierte lokale Politiken, doch eben auch eine <a href=\"https:\/\/umap.openstreetmap.fr\/it\/map\/reti-e-pratiche-solidali-nellemergenza_435368?fbclid=IwAR0iJi-#11\/40.9630\/14.3008\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">starke Zivilgesellschaft<\/a> mit humanit\u00e4ren Aktionen, die in der Krise aktiv geworden sind und diese abfedern. Wie die MigrantInnen greifen auch die zivilgesellschaftlichen Akteure in der Krise noch st\u00e4rker auf die zuvor bereits vorhandene digitale Vernetzung zur\u00fcck.<\/p>\n<h2>IV Fazit<\/h2>\n<p>Erkennen l\u00e4sst sich, dass Hochmobile zun\u00e4chst das Virus verbreitet haben, Immobile bzw. solche mit einer kleinen Reichweite sich nun in einer n\u00e4chsten Phase lokal auf engstem Raum irgendwie gegen das Virus abschirmen m\u00fcssen. Die enormen Unterschiede zwischen denen, die wandern m\u00fcssen und denen die d\u00fcrfen,\u00a0 diese Hierarchien innerhalb von Migration und Mobilit\u00e4t strukturierten \u00a0im Kontext der Globalisierung und Transnationalisierung der St\u00e4dte neu. In der Krise pr\u00e4sentieren sie sich nun in einer neuen Qualit\u00e4t von \u00a0Ungleichheiten. Ein Lockdown, das Home Office, das Social Distancing, das alles sind Ma\u00dfnahmen, die sich nur die digital ge\u00fcbte und mit einem funktionierenden Sozialstaat ausgestatteten und gut organisierten Stadtbewohner leisten k\u00f6nnen. Kreuzfahrttouristen setzen ihre Reise einfach fort. Doch in all den St\u00e4dten und Orten, in denen Menschen mobil sein m\u00fcssen, um zu \u00fcberleben, birgt der Lockdown auch \u00a0die Gefahr einer Beschleunigung der Krise \u2013 f\u00fcr das Individuum, das sich nicht mehr bewegen kann und so in eine aussichtslose Situation geraten kann, das keinen Zugang zu Nahrung und Gesundheitsversorgung mehr hat, und f\u00fcr die Gemeinschaft, die Angst vor den \u201eAbgekapselten\u201c entwickelt. Wo nun\u00a0 durch die Krise auch die demokratisch stabilisierenden Bottom-up-Aktivit\u00e4ten wegfallen und stattdessen Top-down durchregiert wird, sind mehr Spannungen zwischen einzelnen Gruppen oder sogar gewaltsame Aufst\u00e4nde zu bef\u00fcrchten \u2013 \u00fcberall auf der Welt. Wer in einem Lager ausharren muss, ist dem Virus ausgeliefert. Deshalb sollte denen, die wandern m\u00fcssen, denen mit kleiner Reichweite, in dieser Krise mehr Aufmerksamkeit in Forschung und Praxis zukommen: den Gefl\u00fcchteten, Prek\u00e4ren und den Abgeschotteten. Aus Humanit\u00e4t, aber auch aus Selbstschutz: Sie k\u00f6nnten schnell zu einer Gefahr f\u00fcr die Gesamtgesellschaft werden. Gleichzeitig sollte man sich gut \u00fcberlegen, wie man die digitalen Kompetenzen, die unter MigrantInnen und bei den zivilgesellschaftlichen Akteuren in den St\u00e4dten oft besonders weit entwickelt sind, gezielter in die Krisenbek\u00e4mpfung einbinden k\u00f6nnte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Zeiten von COVID-19 wird noch deutlicher, was sonst auch gilt: Migration ist unmittelbarer Teil r\u00e4umlicher Definitionsmacht \u2013 f\u00fcr das Individuum und f\u00fcr staatliches Handeln. Immer deutlicher pr\u00e4sentieren sich deshalb auch die Auswirkungen der COVID-19-Pandemie als Seismograph bereits vorhandener sozialr\u00e4umlicher Ungleichheiten auf verschiedenen Ma\u00dfstabsebenen (lokal, regional, national sowie trans- und subnational). 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