{"id":13302,"date":"2019-10-17T10:41:42","date_gmt":"2019-10-17T08:41:42","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.prif.org\/blindspot-konflikt-der-erste-global-sustainable-development-report-ignoriert-ein-zentrales-querschnittsthema\/"},"modified":"2019-10-17T10:41:42","modified_gmt":"2019-10-17T08:41:42","slug":"blindspot-konflikt-der-erste-global-sustainable-development-report-ignoriert-ein-zentrales-querschnittsthema","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.prif.org\/en\/2019\/10\/17\/blindspot-konflikt-der-erste-global-sustainable-development-report-ignoriert-ein-zentrales-querschnittsthema\/","title":{"rendered":"Blindspot Konflikt: Der erste Global Sustainable Development Report ignoriert ein zentrales Querschnittsthema"},"content":{"rendered":"<p lang=\"de-DE\"><strong>Vor wenigen Wochen wurde in New York der erste Global Sustainable Development Report (GSDR) vorgestellt. Im Auftrag des Generalsekret\u00e4rs der Vereinten Nationen (UN) bewertete eine unabh\u00e4ngige Gruppe von internationalen Wissenschaftler*innen den Umsetzungsstand der Agenda 2030 und der Sustainable Development Goals (SDGs) auf Grundlage aktuellster Forschungsergebnisse. Der Bericht weist allerdings einen gro\u00dfen \u201eblinden Fleck\u201c auf: Politische Konflikte und Gewalt spielen im gesamten Report kaum eine Rolle. Das ist ein Problem, schlie\u00dflich ignoriert der Bericht somit ein zentrales Querschnittsthema, das f\u00fcr die Erreichung aller 17 SDGs eine entscheidende Rolle spielt. Die deutsche Bundesregierung sollte deshalb daf\u00fcr werben, dass bei der anstehenden Nominierung der n\u00e4chsten GSDR-Expertengruppe dieser bisherigen Leerstelle \u2013 auch personell \u2013 Rechnung getragen wird.<\/strong><\/p>\n<p lang=\"de-DE\">Im Jahr 2015 einigten sich die 193 Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen auf ein neues globales Rahmenwerk, die Agenda 2030. Kernst\u00fcck der Agenda ist ein ambitionierter Katalog von 17 Zielen f\u00fcr nachhaltige Entwicklung (<a href=\"https:\/\/sustainabledevelopment.un.org\/?menu=1300\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Sustainable Development Goals<\/a>, kurz SDGs), die eine nachhaltige \u00f6konomische, soziale und \u00f6kologische Entwicklung in allen Mitgliedsl\u00e4ndern bis 2030 sichern sollen. Im Gegensatz zu den vorangegangenen Millenniums-Entwicklungszielen (MDGs) betonen die SDGs dabei st\u00e4rker das Thema Nachhaltigkeit. Aber auch die Vermeidung und Vorbeugung von Gewalt, verankert beispielsweise im SDG 5 (Geschlechtergerechtigkeit) und prominenter noch im SDG 16, spielen eine wichtige Rolle in der vereinbarten Agenda. SDG 16 sieht etwa die F\u00f6rderung friedlicher und inklusiver Gesellschaften, k\u00f6rperliche Unversehrtheit sowie den Schutz durch ein stabiles Rechtssystem vor. Als oberstes Unterziel ist darin die weltweite Reduzierung aller Formen von Gewalt und Todesraten festgehalten. Damit ist der internationalen Gemeinschaft ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung gelungen: Ein solch deutliches <em>commitment<\/em> zur Reduzierung sowohl personeller als auch kollektiver Gewalt gab es unter den MDGs noch nicht. In seiner <a href=\"https:\/\/news.un.org\/en\/story\/2017\/01\/548762-new-un-chief-guterres-pledges-make-2017-year-peace#.WLw3xvk1-M8\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Antrittsrede<\/a> vor den VN setzte der designierte VN-Generalsekret\u00e4r Antonio Guterres das Thema \u201cFrieden\u201d entsprechend sogar an den Anfang aller Ziele der Weltgemeinschaft: \u201cPeace must be our goal and our guide\u201d.<\/p>\n<h2 lang=\"de-DE\">Der Global Sustainable Development Report<\/h2>\n<p lang=\"de-DE\">Im Zuge der Verhandlungen f\u00fcr die Agenda 2030 wurde schnell deutlich, dass der ambitionierte Zielkatalog komplex ist und seine Umsetzung einen interdisziplin\u00e4ren und intersektoralen Ansatz verlangt, der nicht zuletzt einen intensiven Dialog zwischen Wissenschaft und Praxis voraussetzt. Um diesen zu st\u00e4rken und das \u201cSilodenken\u201d in der internationalen Entwicklungszusammenarbeit zu \u00fcberwinden, forderten die Mitgliedstaaten einen alle vier Jahre erscheinenden Bericht, der die Generalversammlung \u00fcber die Fortschritte der SDGs informiert. Dieser sollte von einer vom Generalsekret\u00e4r ernannten unabh\u00e4ngigen Gruppe von 15 Expert*innen aus unterschiedlichen Disziplinen und Institutionen erarbeitet werden. Auf Grundlage der neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse sollte der Report die bisherigen Fort- und R\u00fcckschritte bei der Erreichung der SDGs ermitteln und konkrete Policy-Empfehlungen formulieren. <span lang=\"en-US\">Im September 2019 ist nun der erste Global Sustainable Development Bericht erschienen: <\/span><a href=\"https:\/\/sustainabledevelopment.un.org\/gsdr2019#home\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><span lang=\"en-US\">The Future is Now: Science for Achieving Sustainable Development<\/span><\/a>.<\/p>\n<figure id=\"attachment_3350\" aria-describedby=\"caption-attachment-3350\" style=\"width: 150px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/sustainabledevelopment.un.org\/gsdr2019#homehttp:\/\/\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-thumbnail wp-image-3350\" src=\"https:\/\/blog.prif.org\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/24797GSDR_report_2019-1-150x150.png\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\" srcset=\"https:\/\/blog.prif.org\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/24797GSDR_report_2019-1-150x150.png 150w, https:\/\/blog.prif.org\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/24797GSDR_report_2019-1-60x60.png 60w\" sizes=\"(max-width: 150px) 100vw, 150px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-3350\" class=\"wp-caption-text\">Der Global Sustainable Development Report 2019<\/figcaption><\/figure>\n<p lang=\"de-DE\">Auf \u00fcber 250 Seiten widmet sich dieser erste GSDR aktuellen Entwicklungen in den unterschiedlichsten Feldern: \u201cSustainable Economies\u201d, \u201cFood Systems\u201d, \u201cDecarbonization\u201d, \u201cUrban Development\u201d \u2013 die behandelte Themen-Palette ist breit und vielf\u00e4ltig. Ein wichtiges Thema fehlt jedoch: Politische Konflikte und Gewalt spielen im gesamten Report kaum eine Rolle.<\/p>\n<h2 lang=\"de-DE\">Blindspot Konflikt im aktuellen GSDR<\/h2>\n<p lang=\"de-DE\">So wird Gewalt im Bericht auf interpersonelle Gewalt reduziert, vor allem auf sexuelle Gewalt gegen Frauen und M\u00e4dchen (S. 16), und bleibt in ihrer kollektiven Dimension vage und ohne genauere Kontextualisierung als \u2018sustainable development challenge\u2019 (S.\u00a0115). Auch im Abschnitt zu <em>least developed countries<\/em> (LDCs) wird als gr\u00f6\u00dfte Herausforderung zur \u00dcberwindung der Armut lediglich auf wirtschaftliche Indikatoren verwiesen sowie abstrakt auf weitere Entwicklungshemmnisse wie Krankheiten, physische und sexuelle Gewalt, Zugang zu Schulbildung sowie Anteile von Frauen in F\u00fchrungspositionen. Dass sich jedoch unter genau diesen L\u00e4ndern vor allem jene mit den schwersten gewaltt\u00e4tigen Konflikten der Welt finden lassen (Afghanistan, Yemen, S\u00fcdsudan, Somalia etc.), wird ignoriert.<\/p>\n<p lang=\"de-DE\">Dabei wird in der Zusammenfassung des Berichts durchaus auf diese zentrale Herausforderung bei der Umsetzung der Agenda 2030 hingewiesen: Bis zum Jahr 2030 werden von offenen Konflikten und massiver Gewalt betroffene Staaten 85 Prozent der extrem armen Weltbev\u00f6lkerung beherbergen \u2013 gesch\u00e4tzt 342 Millionen Menschen (S. xxii). Ebenso findet sich im Bericht die zutreffende Feststellung, dass extreme Armut sich zunehmend in Regionen konzentriert, die mit Gewaltkonflikten, schwachen Institutionen und hohem Bev\u00f6lkerungswachstum zu k\u00e4mpfen haben (S. 11). Eine konzeptionelle Verkn\u00fcpfung von Konflikt und Entwicklung \u2013 und eine Antwort auf die Frage, wie sich dies konkret auf die Umsetzung der SDGs auswirkt \u2013 bleibt jedoch aus. Nur bei einigen spezifischen Themen wird oberfl\u00e4chlich auf konfliktversch\u00e4rfende Dynamiken verwiesen, wie beispielsweise im Kapitel zur Landnutzung (S. 89). Lediglich im Kapitel zu Migration werden Gewalt, Konflikt und Fragilit\u00e4t prominent thematisiert und als Ursache f\u00fcr Flucht und Vertreibung benannt. So wird beispielsweise darauf hingewiesen, dass 12 der 15 Staaten, die die meisten Gefl\u00fcchteten aufnehmen, fragil sind (S.\u00a042). Zwar werden somit unter dem Aspekt Migration die Dynamiken von Konflikt und Fragilit\u00e4t ansatzweise hervorgehoben, diese Themen bleiben jedoch allein in der Programmatik \u2018Fluchtursachen bek\u00e4mpfen\u2019 verhaftet.<\/p>\n<p lang=\"de-DE\">Die Frage, welchen Stellenwert Pr\u00e4vention, Konfliktbearbeitung und gesellschaftliche Teilhabe haben, um die SDGs auch in von gewaltt\u00e4tigen Konflikten betroffenen L\u00e4ndern zu erreichen, bleibt somit offen. Konflikt und Fragilit\u00e4t werden im GSDR lediglich als \u2018St\u00f6rfaktoren\u2019 verstanden, die es beispielsweise im Kontext der globalen Ern\u00e4hrungssicherung zu \u00fcberwinden gilt (S.\u00a0129). Der OECD-Bericht \u201e<a href=\"https:\/\/www.oecd-ilibrary.org\/development\/states-of-fragility-2018_9789264302075-en?itemId=\/content\/publication\/9789264302075-en&amp;mimeType=text\/html&amp;_csp_=f05718374d7db8492bca650b796707e5&amp;itemIGO=oecd&amp;itemContentType=book\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">States of fragility 2018<\/a>\u201c bringt hingegen die Relevanz von Fragilit\u00e4t und Gewalt f\u00fcr die Erreichung der SDGs und der Agenda 2030 auf den Punkt: Fragile L\u00e4nder liegen in der Erreichung der SDGs weiter zur\u00fcck als nicht-fragile L\u00e4nder. Fragilit\u00e4t \u2013 und gewaltt\u00e4tiger Konflikt als gravierendste Dimension von Fragilit\u00e4t \u2013 haben somit einen bedeutenden Einfluss auf die Erreichung aller 17 SDGs bis <a href=\"http:\/\/visionofhumanity.org\/app\/uploads\/2017\/06\/GPI-2017-Report-1.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">2030<\/a>.<\/p>\n<h2 lang=\"de-DE\">Warum eine Konflikt-Perspektive dringend notwendig ist<\/h2>\n<p lang=\"de-DE\">Diese Vernachl\u00e4ssigung der Themen Konflikt und Gewalt im Global Sustainable Development Report ist entsprechend ein Problem, denn dadurch ignoriert der Report ein zentrales Querschnittsthema zur Erreichung der SDGs. <span lang=\"en-US\">Damit wird der erste GSDR der <\/span><a href=\"https:\/\/www.un.org\/sustainabledevelopment\/development-agenda\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><span lang=\"en-US\">Agenda 2030<\/span><\/a><span lang=\"en-US\"> nicht gerecht, in deren Pr\u00e4ambel es nicht zuf\u00e4llig hei\u00dft: \u2018\u2018There can be no sustainable development without peace and no peace without sustainable development\u201d. <\/span>Ein Report wie der GSDR, der den Anspruch erhebt, das existierende \u201cSilodenken\u201d zu \u00fcberwinden, sollte deshalb die Diskussionen zu diesem Querschnittsthema umfassender aufarbeiten. Schlie\u00dflich gibt es zu der sogenannten \u201c<a href=\"https:\/\/www.sciencedirect.com\/science\/article\/abs\/pii\/S0305750X19302773\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Nexus-Debatte<\/a>\u201d und der Frage, wie genau Frieden und Entwicklung zusammenh\u00e4ngen bzw. sich gegenseitig bedingen, vielf\u00e4ltige <a href=\"https:\/\/link.springer.com\/chapter\/10.1007%2F978-3-658-23644-1_24\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Forschungsergebnisse<\/a> aus den letzten Jahren und Jahrzehnten.<\/p>\n<h2 lang=\"de-DE\">Der \u201eblinde Fleck\u201c muss behoben werden \u2013 auch personell<\/h2>\n<p lang=\"de-DE\">Dass der erste GSDR trotzdem den beschriebenen \u201cblinden Fleck\u201d aufweist, l\u00e4sst sich sicherlich zu gro\u00dfen Teilen auf die Zusammensetzung der 15-k\u00f6pfigen Expert*innengruppe zur\u00fcckf\u00fchren, die den Report verfasst hat. Zwar vereint das <a href=\"https:\/\/sustainabledevelopment.un.org\/gsdr2019#members\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Team<\/a> tats\u00e4chlich verschiedene Disziplinen und Institutionen, jedoch gibt es niemanden in der Gruppe, der oder die \u00fcber einen politikwissenschaftlichen Background verf\u00fcgt und\/oder eine Friedens- und Konfliktforschungs-Perspektive einbringt. Stattdessen sind \u2013 abgesehen von einem Soziologen \u2013 vor allem naturwissenschaftliche Disziplinen vertreten: Forst- und Landwirtschaft, Biodiversit\u00e4t, Gesundheit, Demographie, Umweltmanagement, Klimatologie, etc. Es ist ganz nat\u00fcrlich, dass die einzelnen Expert*innen ein Augenmerk auf \u201cihre\u201d Themen legen und daf\u00fcr eintreten, dass diese prominent im Report vertreten sind \u2013 entsprechend wenig \u00fcberraschend ist der identifizierte \u201cBlindspot Konflikt\u201d. Soll diese L\u00fccke in Zukunft geschlossen werden, muss man die institutionellen Mechanismen, die zu dieser Lehrstelle f\u00fchrten, adressieren.<\/p>\n<p lang=\"de-DE\">Der n\u00e4chste GSDR wird 2023 von einer g\u00e4nzlich neuen Gruppe von Wissenschaftler*innen erstellt. Das Sekretariat der Vereinten Nationen holt daf\u00fcr momentan die Nominierungen der Mitgliedstaaten ein, aus denen der UN-Generalsekret\u00e4r anschlie\u00dfend die 15 Expert*innen ausw\u00e4hlen wird, die den n\u00e4chsten Bericht erarbeiten werden. In Anbetracht der enormen Bedeutung des Querschnittsthemas Frieden\/Konflikt f\u00fcr die Erreichung der SDGs sollte die deutsche Bundesregierung im Zuge des anstehenden Nominierungs- und Auswahlprozesses eindringlich daf\u00fcr werben, dass sich im n\u00e4chsten GSDR-Team eine Person mit dem entsprechenden Profil wiederfindet und der blinde Fleck entsprechend behoben wird.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor wenigen Wochen wurde in New York der erste Global Sustainable Development Report (GSDR) vorgestellt. Im Auftrag des Generalsekret\u00e4rs der Vereinten Nationen (UN) bewertete eine unabh\u00e4ngige Gruppe von internationalen Wissenschaftler*innen den Umsetzungsstand der Agenda 2030 und der Sustainable Development Goals (SDGs) auf Grundlage aktuellster Forschungsergebnisse. Der Bericht weist allerdings einen gro\u00dfen \u201eblinden Fleck\u201c auf: Politische Konflikte und Gewalt spielen im gesamten Report kaum eine Rolle. 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