{"id":13679,"date":"2018-05-02T14:53:23","date_gmt":"2018-05-02T12:53:23","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.prif.org\/alle-krank-die-psychopathologie-individueller-radikalisierung\/"},"modified":"2018-05-02T14:53:23","modified_gmt":"2018-05-02T12:53:23","slug":"alle-krank-die-psychopathologie-individueller-radikalisierung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.prif.org\/en\/2018\/05\/02\/alle-krank-die-psychopathologie-individueller-radikalisierung\/","title":{"rendered":"Alle krank? Die Psycho(patho)logie individueller Radikalisierung"},"content":{"rendered":"<p><strong>Radikalit\u00e4t im Denken und Handeln tritt in vielen gesellschaftlichen Bereichen auf \u2013 bei Sport- und Ern\u00e4hrungsgewohnheiten ebenso wie bei politischen und religi\u00f6sen \u00dcberzeugungen. Doch AusdauersportlerInnen oder Menschen mit veganem Lebensstil w\u00fcrden sicher die wenigsten als \u201ekrank\u201c bezeichnen, w\u00e4hrend islamistische oder rechtsextreme Radikalisierungsprozesse selten ohne entsprechende Zuschreibungen auskommen. Psychologisch betrachtet handelt es sich allerdings um \u00e4hnliche Vorg\u00e4nge, solange Radikalit\u00e4t als nat\u00fcrliches Ergebnis eines Radikalisierungsprozesses verstanden wird. In allen F\u00e4llen wird dabei eine (zu) einfache Pathologisierung weder der Komplexit\u00e4t von Radikalisierungsprozessen noch der gesellschaftlichen Verantwortung im Umgang mit radikalen Einstellungen gerecht \u2013 und zwar unabh\u00e4ngig davon, ob diese nun eine Gewaltbereitschaft beinhalten oder nicht.<\/strong><\/p>\n<h2>Gesund oder Krank? Psychologische Vulnerabilit\u00e4ten<\/h2>\n<p>Die Frage danach, ob radikalisierten, extremistischen Einstellungen und &#8211; in seltenen Einzelf\u00e4llen &#8211; auch darin begr\u00fcndeten Gewalttaten eine gest\u00f6rte psychische Entwicklung zugrunde liegt, steht meist schnell im Raum. Dies ist vor allem deshalb eine intuitiv nachvollziehbare Hypothese, weil sich oftmals die eigenen politischen und\/oder religi\u00f6sen Einstellungen in der Eigenwahrnehmung im moderaten Mittelfeld bewegen; extremistische Handlungen liegen fern der eigenen Vorstellungskraft. Ergo, die Person, die etwa zu ideologisch motivierten (gewaltt\u00e4tigen) Handlungen in der Lage ist, muss krank sein. Besonders zugespitzt l\u00e4sst sich diese Diskussion am Beispiel von <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/gesellschaft\/zeitgeschehen\/2012-04\/breivik-gutachten-zurechnungsfaehig\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Anders Breivik<\/a> abbilden. Die Einsch\u00e4tzung zweier unabh\u00e4ngiger Sachverst\u00e4ndigenb\u00fcros im Verfahren zu den beiden Attentaten in Oslo und auf Utoya bewegten sich zwischen jenen beiden Polen. Ein Gutachten pathologisiert seine rechtsextremen Radikalisierung als Symptom einer schizophrenen und somit schweren psychischen Erkrankung, die Breivik gleichzeitig jede strafrechtliche Verantwortung abspricht. Das andere Gutachten bewertet die Taten als Ergebnis einer politischen Radikalisierung auf Basis einer narzisstischen Pers\u00f6nlichkeit, die sich durch Empathiemangel und Erleben der eigenen Person als grandios auszeichnet.<\/p>\n<p>An einem solchen Fall zeigt sich, dass selbst zwischen diagnostisch geschulten Expertinnen und Experten Uneinigkeit dar\u00fcber bestehen kann, ob es sich bei Radikalisierungsprozessen nun um \u201ekranke\u201c, die <a href=\"https:\/\/www.dimdi.de\/static\/de\/klassi\/icd-10-who\/kodesuche\/onlinefassungen\/htmlamtl2016\/index.htm#V\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">internationalen Kriterien<\/a> f\u00fcr eine Psychopathologie erf\u00fcllende Prozesse mit fehlendem Realit\u00e4tsbezug handelt, oder ob diese durch normal-psychologische Prozesse ebenso zu erkl\u00e4ren sind.<\/p>\n<p>Dazu lohnt es sich, die am meisten verbreiteten individual-psychologischen Theorien und Annahmen zu Radikalisierungsprozessen genauer zu betrachten.<\/p>\n<p>In der psychologischen Literatur wird kategorisch ausgeschlossen, dass es so etwas wie eine, zu extremistischen \u00dcberzeugungen oder gar terroristischen Gewalttaten neigende Pers\u00f6nlichkeit gibt. Vielmehr werden psychologische Vulnerabilit\u00e4ten formuliert, welche die Wahrscheinlichkeit erh\u00f6hen, dass sich Personen extremistischen \u00dcberzeugungen anschlie\u00dfen. \u00abVulnerabilit\u00e4ten\u00bb beschreiben dabei hier, ganz unabh\u00e4ngig von der Frage nach genetischem oder sozialisationsbedingten Ursprung, Pers\u00f6nlichkeitseigenschaften, kognitive Schemata und affektive Zust\u00e4nde, die bei Radikalisierungsprozessen eine Rolle spielen.<\/p>\n<h2>(Wahrgenommener) Bedeutungsverlust<\/h2>\n<p>Ein wichtiges psychologisches Grundkonzept, das bei Radikalisierungsprozessen eine Rolle spielt \u2013 und vielfach im Zusammenhang mit politischer und religi\u00f6ser Radikalisierung untersucht wurde \u2013 ist das Bed\u00fcrfnis nach klaren, abgeschlossenen Antworten, m\u00f6glichst frei von Ambiguit\u00e4ten und Unsicherheiten (das sogenannte <a href=\"https:\/\/www.psychologie-heute.de\/archiv\/detailansicht\/news\/liebe_leserin_lieber_leser-16\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">need for closure<\/a>). Finden sich Personen in Situationen wieder, in denen sie selbst wie auch ihre Stellung und Bedeutung in der Gesellschaft bedroht sind, in denen sie orientierungs- und hilflos sind, kann die Zuspitzung der eigenen Weltanschauung Entlastung liefern und Sicherheit geben. Durch die Annahme radikaler Einstellungen, die sich durch die Negierung von Differenzierungen und Nuancen, durch die eindeutig vorgenommene Einsch\u00e4tzung, was richtig und was falsch, wer gut und wer b\u00f6se ist, auszeichnen, werden Ambiguit\u00e4ten quasi vollst\u00e4ndig ausgeschlossen. Beim Anschluss an eine radikale Gruppe haben gleichzeitig gruppendynamische Prozesse einen sekund\u00e4ren Mehrwert, in dem sie eine sichere, soziale Anbindung bieten.<\/p>\n<p>In experimentellen Untersuchungen zeigte sich, dass \u2013 wenn man bei Personen Unsicherheit erzeugt \u2013 diese sich st\u00e4rker mit st\u00e4rkere sozialen Gruppen \u00fcberhaupt, noch st\u00e4rker aber mit radikalen statt mit moderat ausgerichteten Gruppen identifizieren. Und nicht nur das \u2013 auch eine h\u00f6here Identifikation mit der eigenen nationalen Identit\u00e4t wurde unter diesen Untersuchungsbedingungen deutlich.<\/p>\n<h2>Gef\u00fchlszust\u00e4nde als Katalysatoren f\u00fcr Entwicklungen radikaler Ansichten<\/h2>\n<p>In der psychologischen Trias \u2013 Gedanken, Gef\u00fchle und Verhalten &#8211; gelten des Weiteren die durch die kognitiven Bedrohungssituationen ausgel\u00f6sten, keineswegs pathologisch zu bewertenden Gef\u00fchle, wie \u00c4ngste, Hilflosigkeit, Wut und Aggressionen als zentrale Elemente, Radikalisierungsprozesse wahrscheinlicher machen und als Katalysator f\u00fcr die Annahme radikaler Weltanschauungen zu wirken.<\/p>\n<p>Zus\u00e4tzlich spielen Gef\u00fchle bei Radikalisierungsprozessen dann eine besondere Rolle, wenn sie mit Moralvorstellungen verkn\u00fcpft werden. Die Realita\u0308t von Moralvorstellungen gestaltet sich in komplexen, diversen Gesellschaften durchaus heterogen, sodass Situationen oder Verhaltensweisen anderer Personen, die im eigenen moralischen Referenzsystem als verwerflich gelten, unangenehme emotionale Reaktionen hervorrufen: etwa Gef\u00fchle von Erniedrigung, Hass, \u00c4rger, Wut und Verachtung. Solche Emotionen wiederum k\u00f6nnen Radikalisierungsprozesse bef\u00f6rdern.<\/p>\n<h2>Der Grat zur terroristischen Gewalttat: Legitimation und Bereitschaft<\/h2>\n<p>Nun bedarf es mehr als \u201enur\u201c radikale und extreme Einstellungen, um zu einem terroristischen Attent\u00e4ter zu werden &#8211; zu einer Person, die im \u00f6ffentlichen Raum ein massives, politisch oder religi\u00f6s extremistisch motiviertes Gewaltdelikt begeht. Es braucht in einem ersten Schritt das entscheidende Verst\u00e4ndnis davon, dass die eigene Weltanschauung die Anwendung von Gewalt legitimiert. Mehr noch braucht es in Folge auch die eigene, pers\u00f6nliche Bereitschaft zu gewaltt\u00e4tigem Handeln.<\/p>\n<p>F\u00fcr diese beiden Aspekte wiederum sind andere psychologische Mechanismen relevant, als f\u00fcr die \u201eblo\u00dfe\u201c Aneignung radikaler, extremistischer \u00dcberzeugungen. Gewalt als Mittel zur Durchsetzung eigener Interessen, die fehlende Verankerung sozialer Werte und Normen sind typische Merkmale antisozialer Pers\u00f6nlichkeiten. Nicht umsonst finden sich bei Extremisten h\u00e4ufig Historien fr\u00fcherer Gewalttaten und Gef\u00e4ngnisaufenthalte. Aus denselben Gr\u00fcnden sehen sich Justizvollzugsanstalten in der besonderen Verantwortung, <a href=\"http:\/\/www.krimz.de\/fileadmin\/dateiablage\/E-Publikationen\/BM-Online\/bm-online10.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Programme zur Radikalisierungspr\u00e4vention<\/a> zu realisieren.<\/p>\n<p>Eine weitere wichtige Voraussetzung daf\u00fcr, eine zerst\u00f6rerische Gewalttat zu begehen, ist auch ein Mangel an Empathie, welcher wiederum ein wichtiges Merkmal narzisstischer Pers\u00f6nlichkeiten ist. Es zeigt sich durch einen Mangel an Einf\u00fchlungsverm\u00f6gen in die potentiellen Opfer, auch in die sekund\u00e4r betroffenen, sowie ebenso an der Einsicht in das hervorgerufene Leid gepaart mit dem Erleben der eigenen Person als grandios.<\/p>\n<h2>Vorsicht vor der Vereinfachung durch Pathologisierung<\/h2>\n<p>Dass es sich bei der Suche nach individuellen Faktoren, die bei politischen oder religi\u00f6sen Radikalisierungsprozessen eine Rolle spielen, durchaus um ein komplexes Vorhaben handelt, ist bekannt. Dass einseitige Bedingungsmodelle, welche Risikofaktoren entweder ausschlie\u00dflich in der Person oder in der Umgebung verorten, weder die richtigen Fragen stellen, noch befriedigende Antworten liefern, ist deshalb augenscheinlich. F\u00fcr die individual-psychologischen Prozesse, die f\u00fcr eine Radikalisierung von Werten und Einstellungen verantwortlich sind, ist es unabh\u00e4ngig von den \u2013 weitestgehend wissenschaftlich noch nicht beleuchteten \u2013 Wechselwirkungen mit Umweltfaktoren jedoch unabdingbar festzuhalten, dass sie keineswegs Abbild einer pathologischen psychischen Entwicklung sein m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Jede Person, die (irgend)eine Radikalit\u00e4t in ihrem Denken und Handeln aufweist, als \u201ekrank\u201c zu etikettieren, w\u00fcrde schlussendlich lediglich eine Verschiebung der gesellschaftlichen Verantwortung f\u00fcr die Integration und Ausdifferenzierung von politischen wie religi\u00f6sen Weltanschauungen auf den und die Einzelne bedeuten. Das w\u00e4re falsch.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Radikalit\u00e4t im Denken und Handeln tritt in vielen gesellschaftlichen Bereichen auf \u2013 bei Sport- und Ern\u00e4hrungsgewohnheiten ebenso wie bei politischen und religi\u00f6sen \u00dcberzeugungen. Doch AusdauersportlerInnen oder Menschen mit veganem Lebensstil w\u00fcrden sicher die wenigsten als \u201ekrank\u201c bezeichnen, w\u00e4hrend islamistische oder rechtsextreme Radikalisierungsprozesse selten ohne entsprechende Zuschreibungen auskommen. Psychologisch betrachtet handelt es sich allerdings um \u00e4hnliche Vorg\u00e4nge, solange Radikalit\u00e4t als nat\u00fcrliches Ergebnis eines Radikalisierungsprozesses verstanden wird. 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