{"id":13680,"date":"2018-04-30T11:21:55","date_gmt":"2018-04-30T09:21:55","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.prif.org\/warum-wir-nicht-vom-extremismus-reden-sollten\/"},"modified":"2018-04-30T11:21:55","modified_gmt":"2018-04-30T09:21:55","slug":"warum-wir-nicht-vom-extremismus-reden-sollten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.prif.org\/en\/2018\/04\/30\/warum-wir-nicht-vom-extremismus-reden-sollten\/","title":{"rendered":"Warum wir nicht vom \u201eExtremismus\u201c reden sollten"},"content":{"rendered":"<p><strong>In der sozialwissenschaftlichen Debatte \u00fcber Radikalisierung hat es sich \u2013 wie im politischen Raum \u2013 eingeschliffen, von Extremismus und \u00a0Extremist*innen zu reden. Doch gerade wenn es darum geht, Prozesse zu verstehen, die in der Bef\u00fcrwortung von Gewalt und schlie\u00dflich in Gewalthandeln enden, ist die Rede vom Extremismus nicht nur intellektuell unbefriedigend, sondern politisch fatal. Das Extremismuskonzept geht vielen in der Diskussion leicht \u00fcber die Lippen, weil es unterschiedliche Entwicklungen zusammenfasst, die eine offene Gesellschaft in Frage stellen. Es schafft aber keinen Erkenntnisgewinn \u2013 und wirft eine Reihe neuer Probleme auf: die Rede vom Extremismus vernebelt den Blick auf gesellschaftliche Probleme, sie entl\u00e4sst Akteure aus der Verantwortung, die in diese Probleme verstrickt sind und sie distanziert diejenigen, die mit Deradikalisierungsprogrammen erreicht werden m\u00fcssen<\/strong>.<\/p>\n<p>In den Sozialwissenschaften flammt die Diskussion \u00fcber das Konzept des Extremismus immer wieder auf. Insbesondere in der Forschung zum Neonazismus ist es kritisch diskutiert und in der Konsequenz von vielen in der Substanz abgelehnt worden. Auch wenn einige in Forschung und Zivilgesellschaft den Begriff der \u201eextremen Rechte\u201c vorziehen, bleibt der \u201eRechtsextremismus\u201c aber bis heute die dominante Bezeichnung. An dem Verlauf dieser Debatte zeigt sich die intellektuelle Tr\u00e4gheit, die den Gebrauch des Extremismuskonzepts insgesamt auszeichnet. Obwohl die Probleme des Begriffs ausgesprochen und anerkannt sind, wird er weiter verwendet und pr\u00e4gt damit den Blick auf die Welt in einer Weise, die auf mehreren Ebenen problematisch ist.<\/p>\n<h2>Ein vernebelter Blick auf gesellschaftliche Probleme<\/h2>\n<p>Rechtsextremismus, Linksextremismus, islamistischer Extremismus \u2013 die Begriffe schaffen Ordnung im politischen Koordinatensystem. Aber die vermeintliche Klarheit erweist sich bei n\u00e4herer Betrachtung als Illusion. Gerade der genannte Dreiklang vernebelt den Blick auf sehr unterschiedliche gesellschaftliche Konflikte und Probleme. Auch wenn die Extremismusforschung Unterschiede zwischen den der Logik des Verfassungsschutzes folgenden \u201ePh\u00e4nomenbereichen\u201c betont, l\u00e4uft der Alltagsgebrauch allzu h\u00e4ufig auf eine Gleichsetzung hinaus. Dabei sind nicht alle Begriffe gleicherma\u00dfen klar konturiert, so dass deutlich w\u00fcrde, von welchen gesellschaftlichen Akteuren und Problemlagen \u00fcberhaupt die Rede ist. Allein was unter \u201eRechtsextremismus\u201c zu verstehen sei, ist mehr oder weniger konsensf\u00e4hig: das Zusammentreffen von v\u00f6lkischem Nationalismus, Ideologien der Ungleichwertigkeit und der Bejahung von Gewalt. Welche Problemkonstellation mit dem Begriff \u201eislamistischer Extremismus\u201c zu fassen ist und noch mehr, wie der Begriff \u201eLinksextremismus\u201c inhaltlich begr\u00fcndet werden kann, ist kaum befriedigend beantwortet worden. Im letzten Fall ist auf der einen Seite von totalit\u00e4ren Ideologien die Rede, die keine Pluralit\u00e4t zulassen und demokratische Organisationsformen ablehnen. Auf der anderen Seite, wird unter \u201eLinksextremismus\u201c gewaltf\u00f6rmiges Handeln und dessen antikapitalistische und anti-etatistische Legitimation gehandelt. Beides zusammen \u2013 eine Haltung der Einschr\u00e4nkung individueller Rechte und die Bef\u00fcrwortung politischer Gewalt &#8211; ist aber nur in Bruchteilen der radikalen Linken anzutreffen \u2013 trotzdem wird das Label deutlich freigiebiger ausgegeben.<\/p>\n<p>Insbesondere dann, wenn es darum gehen soll, Radikalisierungsprozesse zu verstehen, die in Gewalthandeln enden, ist es geradezu absurd, unterschiedliche Formen und Legitimationen der Gewalt gemeinsam zu verhandeln. Dass dies die politische Konsequenz des Extremismusparadigmas ist, zeigt der Versuch, Ausstiegsprogramme auf die radikale Linke zu \u00fcbertragen \u2013nachgewiesenerma\u00dfen ohne Erfolg. Statt \u00fcber ein Label vermeintlich Klarheit herzustellen, braucht es eine Auseinandersetzung dar\u00fcber, was konkret als problematische Entwicklung gefasst wird. Nur so werden gesellschaftliche Probleme verhandelbar und f\u00fcr Zivilgesellschaft und staatliche Stellen adressierbar.<\/p>\n<h2>Stillstellung gesellschaftlicher Konflikte<\/h2>\n<p>Offene Gesellschaften entwickeln sich in der Aushandlung von Konflikten weiter. Solche Konflikte sind nicht aus der Welt zu r\u00e4umen, sie bleiben in der Regel wegen unterschiedlicher Erfahrungen und Interessen bestehen. Die Formen, in denen solche Auseinandersetzungen verlaufen, sind in gro\u00dfen Teilen einge\u00fcbt, die Akteure beschr\u00e4nken ihre Handlungen dabei in der Regel selbst. Radikalisierung in Gewalthandeln, also die Hinwendung zu einer Form der Auseinandersetzung, die die Selbstbeschr\u00e4nkung aufgibt und die Integrit\u00e4t des Gegen\u00fcbers in Frage stellt, geschieht insbesondere da, wo die \u00f6ffentliche Aushandlung gesellschaftlicher Konflikte verweigert wird.<\/p>\n<p>Die Rede vom Extremismus schl\u00e4gt diese Richtung ein. Sie vermittelt eine bin\u00e4re und statische Vorstellung von gesellschaftlichen Konflikten: auf der einen Seite die Extremist*innen, die es zu bek\u00e4mpfen gilt, auf der anderen die Mitte der Gesellschaft und die freiheitlich-demokratische Grundordnung, die es zu verteidigen gilt. Dass der Streit in Demokratien eine zentrale Qualit\u00e4t ist, geht dabei verloren. Ein Beispiel: Politische Gewalt, vom Steinewerfen bei Demonstrationen bis zum terroristischen Mord, ist tief verwurzelt in m\u00e4nnlicher Dominanzkultur. Wenn man diese Perspektive anerkennt, kommt ein Machtverh\u00e4ltnis in den Blick, das die Gesellschaft insgesamt durchzieht. Misogyne Gewalt, m\u00e4nnliches Anspruchsdenken, sind Alltag; sich dagegen zur Wehr zu setzen, Gewalt sichtbar zu machen und sie rechtlich zu sanktionieren, ist Gegenstand lang andauernder Auseinandersetzungen. Erst der Kampf um die Ahndung h\u00e4uslicher Gewalt hat Schutzmechanismen hervorgebracht, die Betroffenen grundlegende Rechte er\u00f6ffnen. Den Ursprung politischer Gewalt in m\u00e4nnlicher Dominanzkultur zu thematisieren, ist deutlich invasiver, als sie in den Handlungsbereich des Extremismus zu verbannen. Es ruft die Verantwortung jeder und jedes Einzelnen auf.<\/p>\n<h2>Exkulpation der Mitte<\/h2>\n<p>Mit der Verlagerung gesellschaftlicher Probleme ins Au\u00dfen suggeriert das Extremismuskonzept, dass die demokratisch gesinnten B\u00fcrger*innen, die so oft beschworene \u201egesellschaftliche Mitte\u201c und der Verfassungsstaat Opfer der Extremist*innen sind. Diese Vorstellung erweist sich als gef\u00e4hrliche Illusion, denn sie verschleiert, dass Radikalisierungsprozesse wesentlich vom Verhalten staatlicher, \u00f6konomischer und zivilgesellschaftlicher Akteure abh\u00e4ngig sind.<\/p>\n<ul>\n<li>Untersuchungsaussch\u00fcsse, Nebenklageanw\u00e4lt*innen und Rechercheinitiativen haben deutlich gezeigt, dass es das rechtsterroristische Netzwerk \u201eNationalsozialistischer Untergrund\u201c ohne das Verhalten der Verfassungsschutz\u00e4mter nicht in der Form gegeben h\u00e4tte. Der Zusammenschluss konnte so \u00fcber Jahre rauben, bomben und morden.<\/li>\n<li>Bei den G20-Protesten erkl\u00e4rten die politisch Verantwortlichen die Gewalteskalation schnell mit der Durchtriebenheit \u201elinksextremistischer Gewaltt\u00e4ter\u201c \u2013 und verschleierten damit die komplexe Dynamik von einer versammlungsfeindlichen Polizeistrategie, einer stigmatisierenden \u00f6ffentlichen Debatte und der spezifischen Gelegenheitsstruktur zur Legitimation von Gewalthandeln, die sich alles andere als schicksalshaft entwickelte.<\/li>\n<li>Die Radikalisierung der v\u00f6lkischen Protestwelle, die mit den Demonstrationen von Pegida ihren zahlenm\u00e4\u00dfigen H\u00f6hepunkt fand, ist nicht ohne die \u00f6ffentlichen Debatten um die Dresdner Proteste zu verstehen. Die schrillen Reaktionen aus Regierung und Parteien, die \u00dcberh\u00f6hung der Ereignisse durch eine \u00fcberbordende Berichterstattung, haben die v\u00f6lkische Kritik an Medien und Regierung und damit die Stilisierung als Widerstandsbewegung best\u00e4rkt. Gleichzeitig hat der Umgang mit Pegida einen Resonanzraum er\u00f6ffnet, in dem die dort ge\u00e4u\u00dferten Forderungen, etwa die Einschr\u00e4nkung der Rechte von Asylsuchenden, von politisch Verantwortlichen vollstreckt wurden.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Wenn es um die Entwicklung von Gewaltorientierung geht, steht niemand au\u00dferhalb einer gesellschaftlichen Dynamik, die f\u00fcr solche Formen der Radikalisierung den Rahmen bietet. Es gibt in diesem Zusammenhang keine unschuldige Position. Die Rede vom Extremismus spricht aber alle Akteure frei, die nicht mit dem Label belegt werden. Sie entl\u00e4sst sie damit aus der Pflicht, die eigene Verstrickung in gesellschaftliche Konflikte und Machtverh\u00e4ltnisse zu reflektieren.<\/p>\n<h2>Stigmatisierung<\/h2>\n<p>Die Rede vom Extremismus erweist sich auch im praktischen Umgang mit Radikalisierungsdynamiken als kontraproduktiv. Die Bezeichnung \u201eExtremismus\u201c ist eine Feindbestimmung. Mit ihr ist bereits alles gesagt. Damit wird sie zum Teil des Problems: Sie distanziert und \u00e4chtet Zielgruppen, die f\u00fcr Radikalisierung in die Gewalt anf\u00e4llig sind. Deradikalisierungsprojekten wird damit der Zugang zu denen verbaut, die angesprochen werden sollen. Wenn die Beteiligung an einem Programm mit der Zuschreibung als Extremist*in einhergeht, erh\u00f6ht das nicht nur die Schwelle des Einstiegs, es d\u00fcrfte auch die Auseinandersetzung mit der eigenen Verstrickung kaum motivieren.<\/p>\n<p>Die Rede von den \u201eExtremist*innen\u201c suggeriert dar\u00fcber hinaus, dass alle, die so bezeichnet werden, gleicherma\u00dfen eine Gefahr f\u00fcr Demokratie und Menschenrechte sind. Dieses Mantra, das im politischen Raum vor allem von Konservativen reflexhaft zu h\u00f6ren ist, demotiviert und entfremdet insbesondere diejenigen, die sich gegen Rassismus und v\u00f6lkische Ideologie engagieren. Das Stigma Extremismus \u00fcberl\u00e4sst es im Zweifel den Verfassungsschutzberichten, dar\u00fcber zu urteilen, wo die Grenze von Innen und Au\u00dfen verl\u00e4uft. Dass dieses Konzept geradezu grotesk unterkomplex ist, zeigt die Entwicklung der letzten Jahre. Weil rassistische und v\u00f6lkische Ressentiments weniger oder subtiler mit Bezug zum historischen Nationalsozialismus artikuliert werden, sind sie lange als gesellschaftliche Herausforderung untersch\u00e4tzt worden. Die \u201eL\u00fcgenpresse\u201c-Rufe und die rassistischen Attacken auf (vermeintliche) Gefl\u00fcchtete und ihre Unterk\u00fcnfte laufen unterhalb des Radars des Extremismus. In der Logik des Verfassungsschutzes sind nicht die Pegida-Demonstrationen als solche das Beobachtungsobjekt, sondern sie erscheinen als Aktionsfeld von Extremisten. Aus diesem Beispiel l\u00e4sst sich aber auch ableiten, was die Leitplanken in der Aushandlung gesellschaftlicher Konflikte sein sollten. Auf den Demonstrationen von Pegida werden die Grunds\u00e4tze der liberalen Demokratie offensiv in Frage gestellt. In der Auseinandersetzung mit dieser Herausforderung ist die Kategorisierung als extremistisch nicht hilfreich. Der Ma\u00dfstab der Kritik muss immer lauten: Inwiefern schr\u00e4nken Aussagen und Handlungen die Freiheiten und Rechte von Menschen ein? Und inwiefern sind sie orientiert an einer pluralen Demokratie oder an einer autorit\u00e4ren Form politischer Organisation? W\u00fcrden diese Fragen konsequent gestellt, g\u00e4be es einen normativen Nullpunkt, um auf einer gemeinsamen Basis unterschiedliche Wege der Radikalisierung in Gewalt zu diskutieren.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der sozialwissenschaftlichen Debatte \u00fcber Radikalisierung hat es sich \u2013 wie im politischen Raum \u2013 eingeschliffen, von Extremismus und  Extremist*innen zu reden. Doch gerade wenn es darum geht, Prozesse zu verstehen, die in der Bef\u00fcrwortung von Gewalt und schlie\u00dflich in Gewalthandeln enden, ist die Rede vom Extremismus nicht nur intellektuell unbefriedigend, sondern politisch fatal. 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