{"id":13686,"date":"2018-04-23T14:47:38","date_gmt":"2018-04-23T12:47:38","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.prif.org\/ein-plaedoyer-fuer-gegenstandsangemessene-evaluationsforschung\/"},"modified":"2018-04-23T14:47:38","modified_gmt":"2018-04-23T12:47:38","slug":"ein-plaedoyer-fuer-gegenstandsangemessene-evaluationsforschung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.prif.org\/en\/2018\/04\/23\/ein-plaedoyer-fuer-gegenstandsangemessene-evaluationsforschung\/","title":{"rendered":"Ein Pl\u00e4doyer f\u00fcr gegenstandsangemessene Evaluationsforschung"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die Herausforderungen durch den islamistischen und rechtsextremistischen Terrorismus f\u00fchren nicht nur zu verst\u00e4rkten Bem\u00fchungen im Bereich der Radikalisierungspr\u00e4vention. Damit einher gehen auch Anforderungen an die Evaluationsforschung, die Wirksamkeit von Projekten der Radikalisierungspr\u00e4vention systematisch zu \u00fcberpr\u00fcfen, Wirksamkeitsnachweise zu liefern und evidenzbasiert \u2013 so zumindest die Idee \u2013 wirksame von unwirksamen Projekten sauber zu trennen. Die komplexe Realit\u00e4t schl\u00e4gt jedoch solchen Vorstellungen \u2013 wie so oft \u2013 ein Schnippchen.<\/strong><\/p>\n<p>Der gesellschaftliche und politische Bedarf nach eindeutigen Wirkungsaussagen ist dabei \u00e4u\u00dferst verst\u00e4ndlich: Islamistische Anschl\u00e4ge wie der auf den Berliner Weihnachtsmarkt (2016) und auf die Redaktion der Satirezeitschrift <em>Charlie Hebdo<\/em> in Paris (2015) oder die verschiedenen rechtsradikalen Terroranschl\u00e4ge wie die der sogenannten \u201eGruppe Freital\u201c seit 2015 verdeutlichen eine wachsende Gefahr durch terroristische Gruppen und Einzelakteure. Sicherheitsbeh\u00f6rden und Politik stehen unter erheblichem Druck, diese Gefahren im Vorfeld zu erkennen und m\u00f6glichst zu verhindern. Eine wachsende Bedeutung kommt dabei auch Ma\u00dfnahmen, Projekten und Programmen der Radikalisierungspr\u00e4vention zu. Jene reichen von eher universell ausgerichteter Demokratief\u00f6rderung hin zu sehr spezifischen Angeboten indizierter oder selektiver Pr\u00e4vention, wie sie beispielsweise in der Arbeit mit bereits in Radikalisierungs- und Hinwendungsprozessen begriffenen Jugendlicher erfolgt.<\/p>\n<h2><strong>Das Dilemma zwischen Vielfalt der Pr\u00e4ventionsans\u00e4tze und dem Wunsch nach einheitlicher Wirkungsmessung<\/strong><\/h2>\n<p>Mit einigem Recht erwartet die Gesellschaft auch, dass solche Pr\u00e4ventionsbem\u00fchungen m\u00f6glichst schnelle und nachhaltige Effekte zeigen und beispielsweise die Anzahl der als radikalisiert geltenden Personen reduziert. Bereits ein Blick auf die Vielzahl der unter das Label \u201eRadikalisierungspr\u00e4vention\u201c fallenden Angebote und Ma\u00dfnahmen macht jedoch deutlich, dass einheitliche Indikatoren zur Wirksamkeitsmessung teilweise an Grenzen sto\u00dfen: zu nennen sind hier beispielsweise Ma\u00dfnahmen mit einer hochspezifischen, bereits straff\u00e4llig gewordenen Klientel in Strafvollzug und Bew\u00e4hrungshilfe, Ausstiegshilfen f\u00fcr bereits in Hinwendung zu Strukturen radikaler Gruppen befindliche Jugendliche; Beratungs- und Unterst\u00fctzungsangebote f\u00fcr deren Freunde und Angeh\u00f6rige; Unterst\u00fctzungs- und Aufkl\u00e4rungsangebote f\u00fcr Jugendliche, die erste Zeichen von Hinwendungsprozessen aufweisen; oder auch eine \u201eBreitbandstrategie\u201c im Rahmen von Demokratief\u00f6rderung und politischer Bildung, die beispielsweise Kindern und Jugendlichen eine kritische Sicht auf <em>Hate Speech<\/em> und Propaganda im Netz erm\u00f6glichen will. Dementsprechend vielf\u00e4ltig sind auch die angewendeten und zum Einsatz kommenden Mittel: sie reichen von einer breit aufgestellten Demokratiebildung \u00fcber die aufsuchende Jugendarbeit mit sozialr\u00e4umlichem Fokus, eine sozialp\u00e4dagogische Einzelfallarbeit, in der Psychologen, Sozialarbeiter und Fachkr\u00e4fte der Radikalisierungspr\u00e4vention mit gef\u00e4hrdeten Jugendlichen arbeiten, bis hin zu systemischen Ans\u00e4tzen, die Familie, Peergroups und Ideologie einbeziehen. In ihrer \u00fcberwiegenden Zahl sind Pr\u00e4ventionsma\u00dfnahmen und -angebote (sozial-) p\u00e4dagogisch ausgerichtet.<\/p>\n<p>Der Wunsch nach Vergleichbarkeit und einfachen kausalen Wirksamkeitsvorstellungen hat deshalb oft wenig mit der notwendigerweise vielf\u00e4ltigen Praxis der Deradikalisierungs- und Pr\u00e4ventionsarbeit zu tun. Denn die Forderung nach schnellen und messbaren Wirkungen geht nun \u2013 idealtypisch gesprochen \u2013 oftmals davon aus, dass entsprechende Ans\u00e4tze nach einem einzigen einfachen kausalen Basismodell funktionieren: ein Ausgangszustand (z.B. \u201egef\u00e4hrdeter Heranwachsender\u201c) wird durch ein \u201eTreatment\u201c (z.B. Teilnahme an einem Projekt der Radikalisierungspr\u00e4vention) in einen Endzustand (\u201enachhaltig deradikalisierter bzw. immunisierter Jugendlicher\u201c) \u00fcberf\u00fchrt. Evaluationsforschung verf\u00fcgt nun \u00fcber ein ausdifferenziertes Set an Methoden, Wirkungen festzustellen. Sogenannte quasi-experimentelle Designs vergleichen \u201enat\u00fcrliche Gruppen\u201c (wie z.B. Schulklassen, Jugendgruppen), ob eine bestimmte Intervention eine Wirkung zeitigt oder nicht. Indikator hierf\u00fcr ist beispielsweise eine ver\u00e4nderte Einstellung zu rechtsradikaler oder islamistischer Ideologie, die sich bei der Versuchsgruppe zeigt, bei einer Kontrollgruppe jedoch nicht. Solche quasi-experimentellen Wirkungsuntersuchungen sind voraussetzungsreich, da sie beispielsweise eine systematische Kontrolle von Einfluss- bzw. \u201eSt\u00f6rfaktoren\u201c voraussetzen. Auch die eingesetzte Intervention m\u00fcsste, um die Vergleichbarkeit zwischen verschiedenen Gruppen herzustellen und Zufallseffekte auszuschlie\u00dfen, <em>manualisierbar<\/em>, d.h. auf strikt standardisierte Weise durchf\u00fchrbar sein.<\/p>\n<h2><strong>Grenzen quasi-experimenteller Wirkungsuntersuchungen<\/strong><\/h2>\n<p>Solche Bedingungen f\u00fcr quasi-experimentelle Wirkungsuntersuchungen sind nun allerdings in (sozial-)p\u00e4dagogischen Settings, den Praxisfeldern der Sozialen Arbeit und der Kinder- und Jugendhilfe kaum vorzufinden und auch nur schwer anzun\u00e4hern. Jene Settings zeichnen sich vielmehr durch eine hohe Kontextabh\u00e4ngigkeit, individuelle Problemlagen und Lebensweltbezogenheit der Ans\u00e4tze und Interventionen aus. Eine standardisierte Wirkungsmessung ist (nicht nur) gegen\u00fcber einem solchen Forschungs- bzw. Evaluationsgegenstand kein \u201eneutrales\u201c Instrument, sondern w\u00fcrde in der Herstellung der Messgrundlage quasi <em>en passant<\/em> den sozialp\u00e4dagogischen Charakter der Intervention beeinflussen, im schlimmsten Fall gar zerst\u00f6ren. In der turbulenten sozialen Wirklichkeit erweisen sich einfache Kausalit\u00e4tsannahmen oftmals als unterkomplex, denn \u201ejede kausale Analyse sozialen Handelns muss ber\u00fccksichtigen, dass Akteure sich in lokalen Kontexten bewegen, dort nach Regeln handeln und auf Wissensvorr\u00e4te zur\u00fcckgreifen, die Forschern <em>prima vista<\/em> nicht bekannt sind und dass sie oft ihre Handlungsziele auf Wegen verfolgen, die die Forscher nicht antizipieren k\u00f6nnen\u201c (Kelle 2006, S. 133). Insofern sind auch Evidenzen nicht naturgegeben so <a href=\"https:\/\/link.springer.com\/chapter\/10.1007\/978-3-531-93296-5_1\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Bellmann und M\u00fcller (2011)<\/a>. Man k\u00f6nnte das <em>bonmot<\/em> von Elsbeth Stern \u00fcber Intelligenztests entsprechend umformulieren: Evidenz ist das, was die evidenzbasierte Forschung misst. Trifft man methodische Vorkehrungen, um die gesellschaftliche Komplexit\u00e4t angemessener einzufangen, so stellen sich auch Evidenzen und Kausalit\u00e4ten ganz anders dar, wie Kelle und Erzberger (2006) f\u00fcr den Bereich der Kinder- und Jugendhilfeargumentieren. In der Radikalisierungspr\u00e4vention k\u00f6nnten beispielsweise Wirkungen eines Anti-Aggressionstrainings in einer standardisierten Erhebung kausal auf die <em>Inhalte<\/em> dieses Trainings zur\u00fcckf\u00fchrbar sein \u2013 in einem flankierenden teilstandardisierten Interview stellt sich dann jedoch heraus, das die vor und nach dem eigentlichen Training ablaufende <em>Beziehungsarbeit<\/em> der gef\u00e4hrdeten Jugendlichen mit dem Sozialarbeiter der eigentliche Wirkfaktor ist. Dies w\u00e4re ohne eine \u2013 auch methodisch umgesetzte \u2013 Offenheit f\u00fcr neue Erkenntnisse nicht m\u00f6glich gewesen. So k\u00f6nnen sich beim methodisch komplexen und mehrdimensionalen Blick manche Kausalit\u00e4ten als Scheinkausalit\u00e4ten herausstellen.<\/p>\n<h2><strong>Die Notwendigkeit komplexer Evaluationsdesigns<\/strong><\/h2>\n<p>Diese \u00dcberlegungen sprechen allerdings <em>nicht<\/em> dagegen, f\u00fcr Projekte und Ans\u00e4tze der Radikalisierungspr\u00e4vention Wirksamkeit zu fordern und Wirkungen festzustellen. Entsprechende Projekte und Ma\u00dfnahmen kommen nicht umhin, sich selbst, der Gesellschaft und auch der Evaluationsforschung Auskunft dar\u00fcber zu geben, ob Ziele erreicht wurden, Effekte feststellbar sind oder Zielgruppen angesprochen werden konnten. Jedoch sollte deutlich geworden sein, dass auch die eingesetzten Evaluationsmethoden sich die Frage gefallen lassen m\u00fcssen, ob sie ein sinnvolles und gegenstandsangemessenes Vorgehen an den Tag legen. So verlangt die Vielfalt der Ans\u00e4tze im Feld der Radikalisierungspr\u00e4vention nach methodologischen Reflexionen und methodischen Designs, die eben dieser Vielfalt gerecht werden.<\/p>\n<p>Die Evaluation einer Intervention, die sich auf die Distanzierung Jugendlicher von radikalen Gruppen und Ideologien richtet, erfordert eine andere methodische Herangehensweise, als die Evaluation einer Informationsveranstaltung zu Mobilisierungsstrategien salafistischer Gruppen, die auf einen kurzfristigen Wissensgewinn von Jugendlichen setzt. W\u00e4hrend letzterer noch relativ einfach zu ermitteln ist (wobei auch hier Herausforderungen warten: wann handelt es sich um tats\u00e4chlich verstandenes und reflektiertes Wissen, wann um blo\u00dfe Wiederholung von Geh\u00f6rtem?), sind Distanzierungsprozesse vielschichtig und langfristig. Sie betreffen \u201eformale\u201c Gruppenzugeh\u00f6rigkeiten ebenso wie emotionale Bindungen und ideologische Weltbilder. Ab wann k\u00f6nnen in dieser Hinsicht Gruppen oder Einzelpersonen als \u201ederadikalisiert\u201c gelten? Wann hat eine Pr\u00e4ventionsma\u00dfnahme Radikalisierung verhindert?<\/p>\n<p>Die Komplexit\u00e4t dieser Fragestellungen macht deutlich, dass Evaluationsforschung auch die Aufgabe hat, Praktikern und Projekten mit komplexen Evaluationsdesigns methodisch gerecht zu werden, ihre Erwartungen, Annahmen und Expertise einzubeziehen, ohne in ein <em>anything goes<\/em> zu verfallen oder auf eine externe Beurteilung zu verzichten. Mixed Methods Designs, die gegenstandsangemessene Kombination von standardisierten, teil- und unstandardisierten Methoden wie auch die Erforschung spezifischer Projekt- und Pr\u00e4ventionslogiken geh\u00f6ren insofern zu einer an Feld und Adressaten orientierten Evaluation und Wirkungsforschung, da nur so die Vielfalt von Perspektiven, Kontexten und Entwicklungen empirisch erfassbar ist und ein komplexes Bild \u00fcber das Feld der Radikalisierungspr\u00e4vention entstehen kann. Evaluationen sollten also m\u00f6glichst standardisierte Methoden um eine teil- oder unstandardisierte Erhebung der Binnensichten von Praktikern und Adressaten erweitern und Theorien und Annahmen der Akteure \u00fcber ihr Feld explizieren, beispielsweise mit sogenannten \u201elogischen Modellen\u201c, in die die Wirkannahmen der Akteure einflie\u00dfen. Solche Evaluationen ben\u00f6tigen Zeit, Finanzierung, entsprechend gut ausgebildetes wissenschaftliches Personal und einen engen, reflexiven und vertrauensvollen Austausch aller Akteure. Effekte und Kausalit\u00e4ten k\u00f6nnen so in einer die Komplexit\u00e4t der sozialen Wirklichkeit besser abbildenden Weise erforscht und Interventionen nicht nur angemessener evaluiert, sondern auch die Wirksamkeit von Radikalisierungspr\u00e4vention erh\u00f6ht werden.<\/p>\n<p><em>Literatur<\/em><\/p>\n<p>Kelle, Udo 2006: Qualitative Evaluationsforschung und das Kausalit\u00e4tsparadigma. In Flick, Uwe (Hrsg.), Qualitative Evaluationsforschung. Konzepte, Methoden, Umsetzungen. Reinbek: Rowohlt, S. 117-133.<\/p>\n<p>Kelle, Udo\/Erzberger, Christian 2006: St\u00e4rken und Probleme qualitativer Evaluationsstudien \u2013 ein empirisches Beispiel aus der Jugendhilfeforschung. In Flick, Uwe (Hrsg.), Qualitative Evaluationsforschung. Konzepte, Methoden, Umsetzungen. Reinbek: Rowohlt, \u00a0S. 284-301.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Herausforderungen durch den islamistischen und rechtsextremistischen Terrorismus f\u00fchren nicht nur zu verst\u00e4rkten Bem\u00fchungen im Bereich der Radikalisierungspr\u00e4vention. Damit einher gehen auch Anforderungen an die Evaluationsforschung, die Wirksamkeit von Projekten der Radikalisierungspr\u00e4vention systematisch zu \u00fcberpr\u00fcfen, Wirksamkeitsnachweise zu liefern und evidenzbasiert \u2013 so zumindest die Idee \u2013 wirksame von unwirksamen Projekten sauber zu trennen. 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