{"id":13689,"date":"2018-04-12T14:19:20","date_gmt":"2018-04-12T12:19:20","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.prif.org\/wir-brauchen-einen-weiteren-begriff-von-radikalisierung-aber-nicht-immer-und-ueberall\/"},"modified":"2018-04-12T14:19:20","modified_gmt":"2018-04-12T12:19:20","slug":"wir-brauchen-einen-weiteren-begriff-von-radikalisierung-aber-nicht-immer-und-ueberall","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.prif.org\/en\/2018\/04\/12\/wir-brauchen-einen-weiteren-begriff-von-radikalisierung-aber-nicht-immer-und-ueberall\/","title":{"rendered":"Wir brauchen einen weiteren Begriff von Radikalisierung \u2013 aber nicht immer und \u00fcberall!"},"content":{"rendered":"<p><strong>Eine der zentralen Debatten in der Radikalisierungsforschung besch\u00e4ftigt sich mit der Definition des Begriffs. Ob man ein enges oder breites Begriffsverst\u00e4ndnis anlegt, hat Auswirkungen darauf, welche Gesichtspunkte in den Vordergrund treten und welche ins Hintertreffen geraten. Eine Replik auf Deitelhoff\/Junk et al.<br \/>\n<\/strong><\/p>\n<h2>Dimensionen der Definitionen<\/h2>\n<p>Geht es darum einen Begriff logisch zu fassen, so ist die tautologische Definition eine vollkommen wahre \u2013 wenn auch wenig aussagekr\u00e4ftige. Dann ist Radikalit\u00e4t also Radikalit\u00e4t und Radikalisierung ist Radikalisierung. Definitionen, die nicht tautologisch sind, gehen gezwungenerma\u00dfen mit einem gewissen Reibungsverlust und einer Konzentration auf einen oder mehrere bestimmte Aspekte einher. Zum einen kann eine Sache durch eine andere Sache nicht vollkommen zum Ausdruck kommen und zum anderen werden einzelne Kriterien der zu beschreibenden Sache hervorgehoben, wohingegen andere Dimensionen in den Hintergrund r\u00fccken. Dieser kurze philosophische Exkurs verdeutlicht, dass jede Definition au\u00dferhalb der Logik der Tautologie also ein gewisses Framing mit sich bringt \u2013 sprich eine Rahmung, welche die jeweiligen Autor*Innen setzen. Deitelhoff\/Junk et al. <a href=\"https:\/\/blog.prif.org\/2018\/04\/10\/warum-wir-einen-weiten-begriff-von-radikalisierung-brauchen\/\">pl\u00e4dieren im ersten Beitrag dieser Reihe<\/a> f\u00fcr einen weiten Radikalisierungsbegriff. Doch Radikalisierung bezieht sich vor allem im au\u00dferwissenschaftlichen Diskurs zunehmend auf Menschen, die sich im Namen des Islamismus und\/oder Dschihadismus terroristischer Gewalt zuwenden. Deitelhoff\/Junk et al. schlagen vor, das Ph\u00e4nomen wie folgt zu fassen: Radikalisierung ist die zunehmende grundlegende Infragestellung der Legitimation einer normativen Ordnung und\/oder die zunehmende Bereitschaft, die institutionellen Strukturen dieser Ordnung zu bek\u00e4mpfen.<\/p>\n<p>Ihre Argumentation wendet sich dabei vor allem gegen die Verengung des Begriffs hinsichtlich der Betonung der Prozesshaftigkeit bspw. von einer konformen zu einer radikalen Geisteshaltung oder Rhetorik sowie von einer konformen zu einer radikalen Handlungsweise. Dar\u00fcber hinaus will die Definition die Implikation des Politischen aus dem Konzept der Radikalisierung l\u00f6sen, denn die infrage gestellte herrschende Ordnung ist nicht lediglich eine politische Struktur, sondern kann gleichfalls eine moralische Werteordnung, eine Wirtschaftsordnung, eine Struktur des Sozialen, eine Kultur der Geschm\u00e4cker, eine Hierarchie der Identit\u00e4ten und der gesellschaftlichen Rollen usw. sein. Diese radikale Infragestellung der herrschenden Ordnung kann durchaus positive Formen annehmen, zumindest wenn bspw. die Einf\u00fchrung eines allgemeinen Arbeitsrechts, die Gleichstellung von Frau und Mann, die Akzeptanz von diversen Lebensentw\u00fcrfen u.\u00e4. als normativ gut betrachtet wird. Daher r\u00fchrt auch der Gedanke des Emanzipatorischen im Radikalen, den Deitelhoff\/Junk et al. mit Bezug auf den historischen Liberalismus und die Demokratisierungsbewegungen des 19. und fr\u00fchen 20. Jahrhunderts betonen. Doch was bringt eine solche Weitung des Radikalisierungsbegriffs und welche Fallstricke wirft dies auf?<\/p>\n<h2>Effekte einer breiten Definition<\/h2>\n<p>Zun\u00e4chst einmal f\u00fchrt eine breite Definition des Begriffs zu einer erh\u00f6hten Fallzahl der damit gefassten Ph\u00e4nomene. F\u00fcr die wissenschaftliche Besch\u00e4ftigung mit dem Thema wird es damit m\u00f6glich, Vergleichbarkeiten anzustellen und aus ihnen Schl\u00fcsse zu ziehen, um soziale Trends oder gar Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten heraus zu arbeiten \u2013 quasi um die Form des Ph\u00e4nomens bei wechselnden Inhalten zu greifen. Denn es geraten neben islamistischen auch rechtsradikale und linksradikale Milieus, separatistische Bewegungen, antiimperialistische Str\u00f6mungen, fundamentalistische Sektierer, anarchistische Gruppierungen und Kommunen, die versuchen autark zu leben und sich dem &#8216;System&#8217; zu entziehen, in den Fokus der Betrachtung. Eine Hinwendung zum Allgemeinen des Ph\u00e4nomens birgt jedoch zugleich eine Unsch\u00e4rfe f\u00fcr die spezifischen Merkmale der jeweiligen radikalen Str\u00f6mungen, da salopp gesprochen alle \u00fcber einen Kamm geschert werden. Daher gilt es, die Entscheidung, wannn eine Breite der Perspektive im Gegensatz zu einer Tiefe der Betrachtung Sinn macht, sehr bedacht abzuw\u00e4gen.<\/p>\n<p>Gemessen an dem derzeitigen Politisierungsgrad des Islam \u2013 &#8216;dem Kampf gegen die drohende Islamisierung des Abendlandes&#8217; \u2013 und nicht blo\u00df des Islamismus im gesellschaftlichen Diskurs, macht es hinsichtlich des gesellschaftlichen Friedens durchaus Sinn, in der Betrachtung einen Schritt zur\u00fcck zu treten, um das Gesamtbild zu fassen. \u00a0Denn s\u00e4mtliche radikale Bewegungen stellen die Grundordnung der Post- bzw. Sp\u00e4tmoderne in Frage. Auch bez\u00fcglichder Organisation der staatlichen Institutionen ist es klug, im Sinne der Pr\u00e4misse der Inklusion Konzepte und Konstrukte zu entwickeln, die den radikalen Ans\u00e4tzen jeglicher Couleur einerseits durch die Attraktivit\u00e4t des bestehenden Systems den Wind aus den Segeln nehmen und andererseits die berechtigte radikale Kritik in ein zukunftsf\u00e4higes Gesellschaftsmodell aufnehmen und diese zur Transformation nutzen So hat etwa die Sozialkritik oder die K\u00fcnstler*Innenkritik Eingang gefunden in die Konstruktion der heutigen Arbeitswelt. Eine breite Definition des Radikalen er\u00f6ffnet somit die M\u00f6glichkeit, den Gedanken des Fortschritts und der Entwicklung aus dem Radikalen auszusieben und sie fruchtbar zu machen.<\/p>\n<h2>Konsequenzen einer engen Definition<\/h2>\n<p>Eine enge Definition des Radikalen ist vor allem dann notwendig, wenn dies nicht auf eine breite \u00f6ffentliche Debatte abzielt, sondern im Konkreten nach einer Anwendung verlangt. Dies ist beispielsweise besonders hinsichtlich der Sicherheitskonstruktion der Fall. Denn geht es um die Bewahrung der Ordnung aus sicherheitspolitischer Perspektive, so ist es f\u00fcr die entsprechenden Kr\u00e4fte notwendig, mit den spezifischen Merkmalen der radikalen Gruppen vertraut zu sein, um im Falle der Gef\u00e4hrdung fr\u00fchzeitig reagieren zu k\u00f6nnen, ohne gleichzeitig ganze Gesellschaftsgruppen zu stigmatisieren. Hier macht Klarheit Sinn. Dies dient der Einengung des Kreises der Verd\u00e4chtigen, ebenso wie der Bestimmung der Mittel, Methoden und Strategien zur Eind\u00e4mmung der Radikalit\u00e4t, wenn sie denn illegitim den Status Quo in Frage stellt und sich ebenso unlauterer Ma\u00dfnahmen bedient. Dennoch kann diese, durch die Sicherheitsperspektive bestimmte enge Definition des Radikalisierungsbegriffs nicht ma\u00dfgeblich f\u00fcr den gesamten Diskurs sein, denn dadurch wird ihre emanzipatorische Wurzel abgetrennt. Eine Versicherheitlichung des gesamten politischen, \u00f6ffentlichen und wissenschaftlichen Diskurses birgt somit die Gefahr, in einem statischen Gesellschaftssystem zu verharren, welches unkritisch und unreflektiert die bestehende Ordnung verteidigen will. Au\u00dferdem ist eine enge Definition in einem breiten Diskurs kaum zu halten, denn logischerweise verwischt diese quasi automatisch mit der Anzahl der Akteur*Innen, welche den Diskurs mitf\u00fchren. Damit wird zugleich der Vorteil der engen Definition, n\u00e4mlich einer Stigmatisierung vorzubeugen, in sein Gegenteil umgekehrt. Steigen die Dimensionen des Diskurses, steigen ebenso die Perspektiven des Gegenstandes, welcher debattiert wird. Eine enge Definition wird somit der Vielf\u00e4ltigkeit ihrer Nutzung nicht gerecht. Der Sicherheitsaspekt ist von grundlegender Bedeutung, jedoch vor allem hinsichtlich der sicherheitspolitischen Aspekte und nicht hinsichtlich der Sozialisierung der Jugend, der Inklusion verschiedener Gesellschaftsgruppen, dem Disput um Werte der Gesellschaft, u.\u00e4.<\/p>\n<h2>Gewalt als dehnbarer Begriff<\/h2>\n<p>In Bezug auf den Vorschlag von Deitelhoff und Junk,den Radikalisierungsbegriff nicht nur an der physischen Gewaltanwendung festzumachen, stellt sich die Frage, wann es Sinn macht diese Dimensionen der Definition zu betonen und wann nicht. Zentral ist in ihrer Argumentation, dass es irrsinnig ist den Punkt, an dem es im Radikalisierungsprozess ggf. zur Gewaltanwendung kommt, zu sehr in den Mittelpunkt zu r\u00fccken und somit die komplexe Dramaturgie der Entwicklung der Radikalisierung lediglich zur Nebenhandlung zu degradieren. Auch die negative Komponente der Radikalisierung erf\u00e4hrt hierbei eine zu starke Betonung, w\u00e4hrend ihr sch\u00f6pferisches Potenzial in der Kopplung mit der Brutalit\u00e4t der abzulehnenden physischen Gewalt grundlegend verkn\u00fcpft wird. Die vorgenommene Unterscheidung einer Radikalisierung in die Gewalt, in der Gewalt und ohne Gewalt scheint realit\u00e4tsn\u00e4her und schafft untersuchbare Kategorien. Dennoch bleibt zu hinterfragen, inwiefern der Begriff der Gewalt hier zu eng gefasst wird, denn gemeint ist vor allem die direkte Anwendung gewaltt\u00e4tiger Mittel gegen\u00fcber anderen. Wird diese Definition beispielsweise um das Konzept von Johan Galtung, einem der wesentlichen Begr\u00fcnder der Friedens- und Konfliktforschung, erweitert, so kann Gewalt auch als kulturell oder strukturell verstanden werden. Strukturelle Gewalt \u2013 man k\u00f6nnte auch von systemischer Gewalt sprechen \u2013 meint hierbei indirekte Aus\u00fcbung von Gewalt, welche von Gruppen getragen wird, w\u00e4hrend kulturelle Gewalt eher einen diskursiven Charakter besitzt und vor allem in der Sprache stattfindet. \u00c4ndert sich der Parameter der Gewalt, so \u00e4ndert sich auch das Ergebnis hinsichtlich der Frage, ob Radikalisierung mit Gewalt verbunden ist oder nicht. Dr\u00fcckt sich also die Radikalisierung zentraler Teile der Gesamtgesellschaft verst\u00e4rkt in struktureller Gewalt aus? Wird direkte physische Gewalt eher zum Mittel marginalisierter Gruppen? Wie radikal ist der mediale Diskurs, und \u00fcbt er eine Form der kulturellen Gewalt aus? Ver\u00e4ndern wir also das Verst\u00e4ndnis \u00fcber das, was wir als Gewalt betrachten, so \u00e4ndern sich auch die Fragen, die wir stellen k\u00f6nnen. Gleichzeitig mehrt sich das Wissen, welches grundlegend ist, um \u00fcber den eigenen Tellerrand hinaus zu blicken.<\/p>\n<h2>Res\u00fcmee<\/h2>\n<p>Es l\u00e4sst sich zusammenfassen, dass Definitionen bestimmte Dimensionen einer Sache hervorheben und andere in den Hintergrund dr\u00e4ngen, wenn sie nicht tautologisch sein wollen. In Bezug auf den Begriff der Radikalit\u00e4t und den der Radikalisierung macht das Pl\u00e4doyer f\u00fcr einen weiten Radikalisierungsbegriff von Deitelhoff\/Junk et al. \u00a0besonders hinsichtlich breiter Betrachtungen durchaus Sinn: In der vergleichenden Soziologie oder der vergleichenden Politikwissenschaft und auch in der \u00f6ffentlichen sowie politischen Auseinandersetzung. Ein enges, spezifisches Verst\u00e4ndnis aber wird dann gehaltvoll und gar notwendig, wenn es sich um enge, klare Bereiche handelt, in denen klare Definitionen bestimmter Dimensionen des Radikalisierungsbegriffs konkrete Handlungsoptionen fordern und Stigmatisierungen vorbeugen, wie beispielsweise bei sicherheitsrelevanten Fragen. Gleichzeitig besteht das Risiko, die Perspektive der Sicherheit zur einzig ma\u00dfgeblichen zu machen, womit die Vollst\u00e4ndigkeit der Idee beschnitten wird \u2013 bspw. hinsichtlich der emanzipatorischen Wurzel der radikalen Kritik, welche zur Entwicklung und Transformation von Gesellschaftsformen grundlegend ist. \u00c4hnlich verh\u00e4lt es sich mit dem Begriff der Gewalt, welcher je nach Verlauf des Radikalisierungsprozesses in Verbindung gebracht wird oder auch nicht. Eine \u00c4nderung der Parameter und des Rahmens der Definition ist sinnvoll in Anlehnung an seine spezifische Nutzung. Daher pl\u00e4diert dieser Beitrag dazu, Definitionen schablonenartig zu verwenden und ein fundiertes Verst\u00e4ndnis daf\u00fcr zu entwickeln, wann, wo und in welchem Zusammenhang welcher Aspekt der Idee der Radikalisierung und Radikalit\u00e4t sinnvoll als analytische Kategorie Anwendung finden sollte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine der zentralen Debatten in der Radikalisierungsforschung besch\u00e4ftigt sich mit der Definition des Begriffs. 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