{"id":13690,"date":"2018-04-10T12:03:45","date_gmt":"2018-04-10T10:03:45","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.prif.org\/warum-wir-einen-weiten-begriff-von-radikalisierung-brauchen\/"},"modified":"2018-04-10T12:03:45","modified_gmt":"2018-04-10T10:03:45","slug":"warum-wir-einen-weiten-begriff-von-radikalisierung-brauchen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.prif.org\/en\/2018\/04\/10\/warum-wir-einen-weiten-begriff-von-radikalisierung-brauchen\/","title":{"rendered":"Warum wir einen weiten Begriff von Radikalisierung brauchen"},"content":{"rendered":"<p><strong>Radikalit\u00e4t und Radikalisierung werden heutzutage als zentrale Kennzeichen einer globalen politischen Krise angesehen. Der h\u00e4ufige Bezug auf den Begriff der Radikalisierung in \u00f6ffentlichen Debatten t\u00e4uscht jedoch \u00a0dar\u00fcber hinweg, wie umstritten der Begriff ist, sowohl in der Frage, auf welche Ph\u00e4nomene er zugreift, als auch mit Blick auf seine normative Bewertung. Heute wird Radikalisierung vorwiegend als Hinwendung zur politischen Gewaltaus\u00fcbung im Kontext von Terrorismus und Extremismus verstanden. Das hat f\u00fcr die Forschung und f\u00fcr die politische Praxis allerdings problematische Konsequenzen. Wir pl\u00e4dieren daher f\u00fcr einen weiten Begriff von Radikalisierung, der die zunehmende grundlegende Infragestellung der Legitimation einer normativen Ordnung und\/oder die zunehmende Bereitschaft umfasst, die institutionellen Strukturen dieser Ordnung zu bek\u00e4mpfen<em>.<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Im \u00f6ffentlichen Diskurs umfasst Radikalisierung so unterschiedliche Ph\u00e4nomene wie Fremdenfeindlichkeit auf der einen und k\u00f6rperliche Selbstoptimierung oder Veganismus auf der anderen Seite, die zumeist als individuelle Reaktionen auf gesellschaftliche Ungewissheiten gedeutet werden. Zumeist wird der Begriff gegenw\u00e4rtig aber auf die zunehmende Bereitschaft junger Musliminnen und Muslime verengt, sich dem Dschihadismus zuzuwenden und im Namen des Islams Terroranschl\u00e4ge zu ver\u00fcben. Die Verengung des Radikalisierungsbegriffs auf die Hinwendung zur politischen Gewalt und mehr noch auf den (religi\u00f6sen) Fundamentalismus oder schlicht Terrorismus setzte sp\u00e4testens mit den Anschl\u00e4gen von Madrid (2004) und London (2005) ein. Dieses gewaltgebundene Verst\u00e4ndnis von Radikalisierung hat sich inzwischen verfestigt und zeitigt konkrete Probleme in der Forschung zu und im politischen Umgang mit Radikalisierung. In empirisch-analytischer Hinsicht verhindert es, dass wir die Mechanismen von Radikalisierung besser verstehen, weil wir einen Teil des Ph\u00e4nomens (n\u00e4mlich gewaltfreie Radikalisierungsprozesse) von vornherein aus der Analyse ausschlie\u00dfen. In normativ-praktischer Hinsicht geraten damit auch potenziell emanzipatorische Prozesse in den politischen Sog einer Sicherheitsdebatte, die ihnen ihre Legitimit\u00e4t abspricht.<\/p>\n<p>Das war keineswegs immer so. Im Europa des 19. und fr\u00fchen 20. Jahrhunderts waren es die Anh\u00e4ngerinnen und Anh\u00e4nger des politischen Liberalismus bzw. der Demokratie, die als Radikale bezeichnet wurden, und bis vor Kurzem galt Radikalismus als politischer Richtungsbegriff einer b\u00fcrgerlichen Linken. Dass heute Radikalit\u00e4t, das hei\u00dft die Absicht, politische Probleme \u201ean der Wurzel zu packen\u201c, haupts\u00e4chlich mit links- und rechtsextremen Positionen, religi\u00f6sem Fanatismus und politischer Gewalt in Verbindung gebracht wird, sagt viel \u00fcber die Krisenwahrnehmung unserer Zeit aus: Liberale Gesellschaften sehen ihre normative Ordnung vielf\u00e4ltigen Bedrohungen ausgesetzt und reagieren mitunter mit Abschottungs- und Exklusionsma\u00dfnahmen, die bis an die Aufweichung oder gar Aufgabe liberaler Grundwerte reichen. Angesichts politischer Radikalisierungstendenzen radikalisiert sich auch der gesellschaftliche Diskurs \u00fcber Radikalisierung und der Begriff wird politisch vereinnahmt.<\/p>\n<h2>Zur Abgrenzung des Radikalisierungsbegriffs<\/h2>\n<p>Die Gleichsetzung von Radikalisierung und politischer Gewaltanwendung im Kontext von Terrorismus und Extremismus findet sich freilich nicht nur im allt\u00e4glichen Sprachgebrauch in Politik und Medien; auch in der Radikalisierungsforschung ist sie anzutreffen. So stellen Stufenmodelle der Radikalisierung, die Radikalisierungsprozesse als Ablaufsequenzen mit verschiedenen Stationen betrachten, einen direkten Zusammenhang zwischen Radikalisierung und Terrorismus her. Gewaltanwendung wird dann als logischer Endpunkt von Radikalisierung verstanden, es sei denn, der Radikalisierungsprozess bricht vorher bereits ab. Dieser Abbruch wird aber oftmals nicht mit derselben Stringenz ausbuchstabiert. Im Gegenteil: Oftmals wird eine Art Automatismus hin zur Gewaltanwendung unterstellt.<\/p>\n<p>Diese analytisch-empirische Verengung des Radikalisierungsbegriffs ger\u00e4t schnell zur Legitimationsfolie f\u00fcr manch unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfige Gegenma\u00dfnahme, wie etwa fl\u00e4chendeckende \u00dcberwachungsma\u00dfnahmen im \u00f6ffentlichen Raum. Terrorismus kann als ein m\u00f6gliches Ergebnis von Radikalisierung verstanden werden, keineswegs jedoch mit Radikalisierung gleichgesetzt werden. Ganz \u00e4hnliche Problematiken entstehen durch die synonyme Verwendung von Extremismus und Radikalisierung. Nicht nur beschreibt Extremismus, anders als Radikalisierung, einen Zustand, aber keinen Prozess. Dar\u00fcber hinaus wird von Extremismus zumindest im wissenschaftlichen Diskurs prim\u00e4r im Kontext demokratischer Gesellschaften gesprochen. Extremismus wird als Ablehnung des demokratischen Verfassungsstaates, seiner Grundwerte und Verhaltensregeln verstanden, w\u00e4hrend Radikalisierung unabh\u00e4ngig von politischen Systemen als Form einer zunehmenden Infragestellung geltender Ordnungen gedacht werden kann.<\/p>\n<h2>Vorschlag eines weiten Radikalisierungsbegriffs<\/h2>\n<p>Um dem Ph\u00e4nomen Radikalisierung gerecht zu werden, ist es aus unserer Sicht unerl\u00e4sslich, \u00fcber die Prozesse der Radikalisierung in die Gewalt hinaus zu gehen und, empirisch wie auch theoretisch, den Blick auf Radikalisierungsprozesse unabh\u00e4ngig von Gewalt einerseits \u00a0und Radikalisierungsprozesse in der Anwendung von Gewaltandererseits auszuweiten. Wir pl\u00e4dieren daher f\u00fcr einen weiten Radikalisierungsbegriff und verstehen unter Radikalisierung die zunehmende grundlegende Infragestellung der Legitimation einer normativen Ordnung und\/oder die zunehmende Bereitschaft, die institutionellen Strukturen dieser Ordnung zu bek\u00e4mpfen<em>.<\/em><\/p>\n<p>Damit verbinden wir drei wesentliche Vorteile: Ein weiter Radikalisierungsbegriff wird, erstens, dem Prozesscharakter von Radikalisierung gerechter und erlaubt eine analytische Durchdringung seiner Start- und Ausstiegspunkte. Ob Radikalisierung zu Gewaltanwendung f\u00fchrt, ist letztlich eine empirische Frage. Sie muss im Einzelfall gekl\u00e4rt und als ein m\u00f6glicher Kausalpfad mithilfe vergleichender Forschung theoretisiert werden. Radikalisierung als Prozessbegriff fasst durch die Betonung von Zeitlichkeit oder Geschwindigkeit auch verschiedene Formen der \u201eEntradikalisierung\u201c analytisch klarer. Radikalisierung so verstanden l\u00e4sst, zweitens, die Verbindung Rhetorik und Handlung als Ausdruck von Radikalisierungsprozessen zu, aber auch ihre analytische Trennung. Das Verh\u00e4ltnis von Handlung und Diskurs wird somit ebenfalls zur empirischen Frage. Drittens schlagen wir mit dieser Definition vor, von der Infragestellung normativer und nicht nur politischer Ordnungen auszugehen. Radikalisierung kann sich auch auf gesellschaftliche Zusammenh\u00e4nge richten, die die politische Ordnung nicht oder nur am Rande betreffen \u2013 sie kann auch gesellschaftlich, wirtschaftlich, religi\u00f6s oder anders ausgerichtet sein kann. Entscheidend ist, dass diese Ordnung durch Normen und Institutionen Erwartungen erzeugt, die Menschen nicht l\u00e4nger bereit sind zu erf\u00fcllen, zunehmend ablehnen und Bereitschaft zeigen, diese zu bek\u00e4mpfen.<\/p>\n<p>Der hier vertretene Radikalisierungsbegriff unterscheidet mithin drei Grundformen von Radikalisierung mit Bezug auf die Gewaltfrage: (A) Radikalisierung in die Gewalt, (B) Radikalisierung in der Gewalt und (C) Radikalisierung ohne Gewalt. Radikalisierung in die Gewalt verbindet rhetorische wie handlungsorientierte Elemente der Radikalisierung. W\u00e4hrend bei Radikalisierung ohne Gewalt, das diskursive Element unserer Definition im Vordergrund steht, ist es bei Radikalisierung in der Gewalt eher die Handlungseskalation als solche.<\/p>\n<h2>Implikationen f\u00fcr Wissenschaft und Praxis<\/h2>\n<p>Aus dem engen Verst\u00e4ndnis von Radikalisierung ergeben sich Konsequenzen f\u00fcr Wissenschaft ebenso wie f\u00fcr die, vereinfacht gesprochen, Praxis in Politik, Verwaltung, Zivilgesellschaft und Medien. Die Verengung des Radikalisierungsbegriffs auf die Gewaltfrage tendiert dazu, einige Fragen der Urspr\u00fcnge von Radikalisierung und der gewaltlosen Radikalit\u00e4t aus dem Blick zu verlieren. Eine Erweiterung des Ph\u00e4nomenbereichs f\u00fchrt aber auch zu neuen Herausforderungen und Handlungsoptionen.<\/p>\n<p>Ein weites Verst\u00e4ndnis von Radikalisierung erm\u00f6glicht es, grundlegende Faktoren von Radikalisierung zu erkennen und mithilfe dieser Erkenntnisse fr\u00fchzeitige Interventionsstrategien zu entwicklen. Ein weites Begriffsverst\u00e4ndnis von Radikalisierung gibt deshalb Raum zur Identifizierung und Evaluation breiter angelegter Pra\u0308ventionsma\u00dfnahmen (und dies schlie\u00dft als sogenannte terti\u00e4re Pr\u00e4vention Deradikalisierungsma\u00dfnahmen mit allen schwierigen rechtsstaatlichen Abw\u00e4gungen, ob lediglich ein Zur\u00fcckfahren oder gar Verlassen von Gewaltmitteln schon einen Deradikalisierungserfolg darstellen, mit ein) und nicht lediglich zur Verhinderung oder Aufkl\u00e4rung von Gewalttaten. Eine auf einem solch breiten Radikalisierungsbegriff aufbauende Forschungsagenda muss aber bereit sein, disziplin\u00e4re Grenzen zu \u00fcberschreiten. Sie muss interdisziplin\u00e4r und, aufgrund des transnationalen Charakters des Ph\u00e4nomens, auch international angelegt sein.<\/p>\n<p>Dies stellt die Akteure in der politischen, beh\u00f6rdlichen, zivilgesellschaftlichen und medialen Praxis vor (teils gravierende) Herausforderungen. Politik und Medien stehen vor dem Dilemma, dass ein neutraler, weiterer Radikalisierungsbegriff vermutlich weniger Aufmerksamkeit auf sich zieht, aber er w\u00fcrde dem Ph\u00e4nomen Radikalisierung wirksamer entgegentreten. Eine Pr\u00e4ventionsagenda muss umfassend sein, sie muss fr\u00fch ansetzen, sie muss eine Vielzahl von Akteuren aus dem Bildungssektor wie auch aus dem sicherheitsbeh\u00f6rdlichen Bereich und der Sozialarbeit miteinander verschr\u00e4nken. Sie muss dies nachhaltig bewerkstelligen und nicht auf der Basis kurzfristiger, fragmentierter Projekte. Sie muss eine gewisse Fehlertoleranz haben, um eine Vielzahl von Zug\u00e4ngen gleicherma\u00dfen zu erm\u00f6glichen, zu evaluieren und auszutesten. Sie muss zudem verhindern, dass auch die demokratie-inh\u00e4rente emanzipatorische und gewaltfreie Radikalisierung, die auch selbst Pr\u00e4ventionswirkungen entfalten kann, in Bausch und Bogen abgelehnt wird \u2013 hier bedarf es Differenzierung. Dies alles mag nicht ganz so einfach in klare Botschaften zu verpacken sein, die Resultate m\u00f6gen nur langfristig beobachtbar und Wirkungsweisen nur schwer messbar sein und der Mitteleinsatz mag ungleich h\u00f6her sein. Der prozesshaften Natur von Radikalisierung und der langfristigen Stabilit\u00e4t einer liberalen Gesellschaftsordnung wird ein solch breiter Zugriff aber deutlich gerechter.<code><\/code><\/p>\n<div class=\"su-box su-box-style-default\" id=\"\" style=\"border-color:#003333;border-radius:2px;\"><div class=\"su-box-title\" style=\"background-color:#006666;color:#FFFFFF;border-top-left-radius:0px;border-top-right-radius:0px\">PRIF Report<\/div><div class=\"su-box-content su-u-clearfix su-u-trim\" style=\"border-bottom-left-radius:0px;border-bottom-right-radius:0px\">Dieser Blogbeitrag ist die Zusammenfassung eines im Sommer 2018 erscheinenden PRIF Reports, der sich ausf\u00fchrlich mit dem Literaturstand der Radikalisierungsforschung auseinandersetzt und die Vorteile sowie Herausforderungen eines weiten Radikalisierungsbegriffs detailliert aufschl\u00fcsselt. Die Autorinnen und Autoren des Reports sind Hande Abay Gaspar, Christopher Daase, Nicole Deitelhoff, Julian Junk und Manjana Sold.<\/div><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Radikalit\u00e4t und Radikalisierung werden heutzutage als zentrale Kennzeichen einer globalen politischen Krise angesehen. Der h\u00e4ufige Bezug auf den Begriff der Radikalisierung in \u00f6ffentlichen Debatten t\u00e4uscht jedoch  dar\u00fcber hinweg, wie umstritten der Begriff ist, sowohl in der Frage, auf welche Ph\u00e4nomene er zugreift, als auch mit Blick auf seine normative Bewertung. Heute wird Radikalisierung vorwiegend als Hinwendung zur politischen Gewaltaus\u00fcbung im Kontext von Terrorismus und Extremismus verstanden. Das hat f\u00fcr die Forschung und f\u00fcr die politische Praxis allerdings problematische Konsequenzen. 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