{"id":13721,"date":"2017-11-06T11:21:34","date_gmt":"2017-11-06T10:21:34","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.prif.org\/warum-werden-frauen-terroristinnen-wider-eine-stereotype-betrachtung-des-weiblichen-terrorismus\/"},"modified":"2017-11-06T11:21:34","modified_gmt":"2017-11-06T10:21:34","slug":"warum-werden-frauen-terroristinnen-wider-eine-stereotype-betrachtung-des-weiblichen-terrorismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.prif.org\/en\/2017\/11\/06\/warum-werden-frauen-terroristinnen-wider-eine-stereotype-betrachtung-des-weiblichen-terrorismus\/","title":{"rendered":"Warum werden Frauen Terroristinnen? Wider eine stereotype Betrachtung des weiblichen Terrorismus"},"content":{"rendered":"<p><strong>Punk-Band Frontfrau, Ex-Katholikin, Kosmetikverk\u00e4uferin \u2013 f\u00fcr die meisten klingt das nicht nach der Biographie einer der aktivsten Anh\u00e4ngerinnen des sogenannten Islamischen Staates (IS). Und doch: Bis Sally Jones j\u00fcngst bei einem US-Drohnenangriff ums Leben gekommen ist, war die Britin f\u00fcr mehr als vier Jahre <em>das<\/em> weibliche Gesicht des IS. Die Geschichte von Jones wirft eine grundlegende Frage auf: Wieso werden Frauen Terroristinnen? Ein Blick auf das breite Spektrum und die Geschichte des weiblichen Terrorismus zeigt, dass Terroristinnen weder neu noch selten, weder vor allem Opfer noch rein pers\u00f6nlich motiviert sind. Wenn an solchen Stereotypen festgehalten wird, steht dies nicht nur einer umfassenden Analyse der Gr\u00fcnde, sondern auch der Pr\u00e4vention von weiblichem Terrorismus im Wege. \u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Sally Jones Tod im Juni wurde erst vor Kurzem bekannt, und eine letztg\u00fcltige Best\u00e4tigung steht noch aus \u2013 genauso wie die Antwort auf die Frage, ob der Drohnenangriff legal war, da angeblich auch ihr 12-j\u00e4hriger Sohn get\u00f6tet wurde. So wie Sally Jones m\u00f6glicherweise posthum als <a href=\"https:\/\/www.theguardian.com\/world\/2017\/oct\/12\/sally-jones-the-uk-punk-singer-who-became-isiss-white-widow\/\">erstes explizit weibliches Ziel<\/a> eines solchen Angriffs Prominenz erlangen k\u00f6nnte, gibt ihre Person der regelm\u00e4\u00dfig wiederkehrenden \u00f6ffentlichen wie wissenschaftlichen Diskussion \u00fcber die Gr\u00fcnde f\u00fcr weiblichen Terrorismus neue Nahrung. In dieser Debatte sind Antworten auf die Frage, ob Frauen \u201eauch\u201c Terroristinnen sein k\u00f6nnen, inzwischen zu einem Dickicht aus Stereotypen und Fantasien mutiert. Wird Religion \u2013 <em>vulgo<\/em> Islam \u2013 dieser Mischung hinzugef\u00fcgt, begibt sich die Diskussion oft vollends auf Abwege. Von den vielen Argumenten, die dabei angef\u00fchrt werden, halten sich drei mit besonderer Vehemenz: Weiblicher Terrorismus sei erstens ein <em>neues<\/em> und <em>seltenes<\/em> Ph\u00e4nomen; Frauen seien zweitens in der Regel <em>Opfer<\/em>; und drittens h\u00e4tten Terroristinnen \u2013 im Gegensatz zu ihren m\u00e4nnlichen Counterparts \u2013 in der Regel <em>pers\u00f6nliche Motive<\/em>. Die beiden ersten Argumente sind schlicht falsch und das dritte greift entschieden zu kurz. Es lohnt also, ein paar Breschen in das Dickicht zu schlagen.<\/p>\n<h2>Weiblicher Terrorismus: Weder neu noch selten<\/h2>\n<p>Erstens, ganz gleich, was manche Medienberichte besagen: Frauen sind in terroristischen Gruppierungen weder rar noch neu. Hier nur eine kurze Liste (ohne Anspruch auf Vollst\u00e4ndigkeit), in die sich Sally Jones einreiht und die auf die Beteiligung von Frauen mit unterschiedlicher Motivlage, aller Glaubensrichtungen, vieler Kulturen und Regionen dieser Welt verweist:<\/p>\n<ul>\n<li>Reem Riyashi ver\u00fcbte im Namen der Hamas und der Al-Aqsa M\u00e4rtyrer Brigade in 2004 ein Selbstmordattentat,<\/li>\n<li>Samantha Lewthwaite, die \u201ewei\u00dfe Witwe\u201d (in Reminiszenz der schwarzen Witwen aus Tschetschenien), ist angeblich Mitglied der Al-Shabaab Miliz in Somalia, sie ist wie Jones britische Staatsb\u00fcrgerin,<\/li>\n<li>Ulrike Meinhof und Gudrun Ensslin waren Teil der F\u00fchrungsriege der Rote Armee Fraktion,<\/li>\n<li>Shigenobu Fusako war Mitbegr\u00fcnderin und geh\u00f6rte zur F\u00fchrung der Japanischen Rote Armee Fraktion,<\/li>\n<li>Nathalie M\u00e9nigon war Teil der F\u00fchrungsriege der franz\u00f6sischen Gruppe <em>Action Directe.<\/em><\/li>\n<\/ul>\n<h2>Jenseits der Opferrolle von Terroristinnen<\/h2>\n<p>Zweitens wird gerne vermutet, dass Frauen nicht auf ihre eigene Initiative hin aktiv werden. Gerade im Fall des IS wird davon ausgegangen, dass sie entweder durch die Aussicht auf Heirat und als Mutter der n\u00e4chsten Generation von K\u00e4mpfern gelockt werden oder sich schlicht auf etwas einlassen, das \u201eeine Nummer zu gro\u00df\u201c f\u00fcr sie ist. Die Forschung (vor allem zu Linksterroristinnen der 1970er Jahre) hat jedoch gezeigt, dass die stereotypische Annahme, Frauen seien nur Opfer oder Beute der \u201eechten\u201c Terroristen \u2013 und so auch nicht vollst\u00e4ndig verantwortlich f\u00fcr ihre Taten \u2013 in dieser Simplizit\u00e4t nicht zutrifft. Vielmehr zeigt sich, dass Frauen ebenso eigenst\u00e4ndig motiviert sind, sich terroristischen Gruppen anzuschlie\u00dfen, nicht anders als M\u00e4nner. Und die kurze \u00dcbersicht von oben zeigt, dass Frauen in terroristischen Organisationen weder nur als Wassertr\u00e4gerinnen dienen, sondern aktive F\u00fchrungsrollen \u00fcbernommen haben.<\/p>\n<h2>Mehr als pers\u00f6nliche Gr\u00fcnde<\/h2>\n<p>Das f\u00fchrt zum dritten Argument, dem zu den Gr\u00fcnden f\u00fcr weibliche Beteiligung. Und hier wird die Sache kompliziert. In zeitgen\u00f6ssischen Medienberichten, aber auch in Teilen der Forschung zu religi\u00f6sem Terrorismus, wird von einem historisch und anthropologisch begr\u00fcndeten Unterschied zwischen M\u00e4nnern und Frauen ausgegangen. Irgendwie gebe es demnach spezifisch weibliche Bedingungen, die erkl\u00e4ren, warum Frauen gewaltsam werden. Diese Bedingungen, so die h\u00e4ufige Annahme, seien in pers\u00f6nlichen Gr\u00fcnden zu suchen. Eine solche Erkl\u00e4rung hat vor allem im Fall von Musliminnen gro\u00dfe Aufmerksamkeit erfahren. Unhinterfragt wird angenommen, dass angesichts ihrer durch den Islam begr\u00fcndeten Rolle andere denn pers\u00f6nliche Gr\u00fcnde auch gar nicht relevant seien k\u00f6nnten. Eine Frau wie Wafa Idris, die sich als eine ersten Pal\u00e4stinenserinnen in die Luft sprengte, tat dies nach dieser Logik, weil sie von ihrem Mann aufgrund ihrer Unfruchtbarkeit geschieden worden war. Und Sally Jones ging demnach ebenfalls nicht aus eigenem Antrieb nach Syrien, sondern nur, weil sie ihrem zweiten Mann dorthin folgte.<\/p>\n<p>Wer so denkt, macht es sich jedoch zu einfach. Die Frage nach den Gr\u00fcnden ist entschieden komplexer. Initial m\u00f6gen Frauen aus pers\u00f6nlichen Gr\u00fcnden motiviert sein, sich Terrorgruppen anzuschlie\u00dfen; aber darin ihre einzige Motivation zu sehen, greift entschieden zu kurz (nicht zuletzt, weil eine Beteiligung aus pers\u00f6nlichen Gr\u00fcnden gleicherma\u00dfen f\u00fcr M\u00e4nner gilt). Im Falle der Frauen ist das gleiche B\u00fcndel aus politischen, \u00f6konomischen, pers\u00f6nlichen, gesellschaftlichen, ideologischen\/religi\u00f6sen usw. Gr\u00fcnden anzulegen, das zur Erkl\u00e4rung von m\u00e4nnlicher Beteiligung und Gewaltbereitschaft wie -aus\u00fcbung herangezogen werden kann. Hier sollte kein Unterschied des Geschlechts wegen gemacht werden. <a href=\"http:\/\/www.grin.com\/de\/e-book\/323733\/frauen-und-der-linksterrorismus-wie-aus-der-journalistin-ulrike-meinhof\">Studien zu linksextremistischen Terroristinnen der 1970er Jahre<\/a> wie auch die von <a href=\"http:\/\/www.southeastern.edu\/acad_research\/depts\/hist_ps\/faculty\/bio\/gonzalez-perez.html\">Margaret Gonzalez-Perez<\/a> haben bspw. gezeigt, dass Frauen durch ideologische Gr\u00fcnde oder extreme Menschenrechtsverletzungen, die ihrer Gemeinschaft, Ethnie oder Gruppe zugef\u00fcgt wurden (also nicht zwingend ihnen pers\u00f6nlich!), zu politischer Gewalt griffen. Oder um patriarchale Herrschaftsstrukturen zu ver\u00e4ndern und die Gleichberechtigung der Geschlechter zu erzwingen. Oder f\u00fcr bessere Lebensbedingungen oder schlicht aus Idealismus. Und mit Blick auf die Frage der Gewalt von Musliminnen verweist ein Statement wie das von Umayma Hassan Ahmed Muhammad Hassan, Frau von Al-Qai\u00adda Chef Ayman al-Zawahiri, auf die Komplexit\u00e4t der Motivationslage von Terroristinnen. In einem <a href=\"http:\/\/news.siteintelgroup.com\/blog\/index.php\/about-us\/21-jihad\/227-translated-message-from-zawahiris-wife-to-muslim-women\">Brief<\/a> an \u201eihre muslimischen Schwestern\u201c schrieb sie:<\/p>\n<blockquote><p>Jihad is an individual obligation on every Muslim man and woman, but the path of combat is not easy for a woman. \u2026 However, we must support our religion in many ways \u2026 even with martyrdom-seeking acts.<\/p><\/blockquote>\n<p>Ohne allzu viel hineinzuinterpretieren, l\u00e4sst sich festhalten, dass sie Frauen im Allgemeinen von einer aktiven Rolle im Dschihad \u00e0 la Al-Qai\u00adda abr\u00e4t. Aber sie sagt auch, dass es Situationen geben kann, in denen Frauen zu M\u00e4rtyrerinnen werden, also zu Gewalt greifen m\u00fcssen, um der Sache zu dienen.<\/p>\n<h2>Warum eine stereotype Diskussion in eine Sackgasse f\u00fchrt<\/h2>\n<p>Es ist nat\u00fcrlich richtig, dass es geschlechtsspezifische Gr\u00fcnde f\u00fcr terroristische Organisationen gibt, Frauen zu rekrutieren \u2013 strategische \u00dcberlegungen wie das \u00dcberraschungsmoment sind nur ein Vorteil unter mehreren. Auch, dass mit der zunehmenden Zahl von Frauen in den eigenen Reihen die Attraktivit\u00e4t f\u00fcr neue weibliche Mitglieder steigt. <a href=\"https:\/\/www.counterextremism.com\/extremists\/sally-jones\">Davon zeugt die enorme Pr\u00e4senz von Sally Jones auf Twitter<\/a>, wo sie unter st\u00e4ndig wechselnden Accounts und mit unterschiedlichen Namen Propaganda f\u00fcr den IS betrieb. Interessant ist hier, wie Frauen rekrutiert werden \u2013 und wer sich Tweets von Sally Jones durchliest, den beschleicht das Gef\u00fchl, dass es hier <em>eben gerade nicht<\/em> ausschlie\u00dflich darum ging, nur die pers\u00f6nliche Motivation neuer Rekrutinnen zu stimulieren. Nein, neben pers\u00f6nlichen \u00c4u\u00dferungen \u00fcber die Liebe zu ihrem Mann, den IS-K\u00e4mpfer und sp\u00e4teren M\u00e4rtyrer, finden sich dar\u00fcber hinaus sowohl gewaltverherrlichende Statements als auch ideologische Positionen der britischen Konvertitin.<\/p>\n<p>Es ist wichtig, sich diese Komplexit\u00e4t der Motivationslage und die Tatsache, dass Frauen in terroristischen Organisationen weder selten noch neu oder reine Opfer sind, immer wieder vor Augen zu f\u00fchren, um nicht in eine stereotype Argumentation zu verfallen. So w\u00fcrden der Diskussion wichtige Punkte entgehen. Um abschlie\u00dfend einige anzudeuten: Wer ergebnisoffen analysiert, welche Motive Frauen zu politischer Gewalt greifen l\u00e4sst, kann den Blick weiten und fragen, wie die Frauen die geschlechtsspezifischen Hierarchien in terroristischen Gruppen ver\u00e4ndern (k\u00f6nnen). Oder wie Gruppen die Beteiligung von Frauen \u2013 vor allem als Selbstmordattent\u00e4terinnen \u2013 ideologisch rechtfertigen. Oder inwieweit eine stereotype Diskussion Radikalisierungspotenzial produzieren kann. Oder welche Konsequenzen f\u00fcr die Vorbeugung und Bek\u00e4mpfung des Terrorismus daraus folgen. Stereotype Repr\u00e4sentationen vermeintlich typisch weiblicher Motive und Rollen in terroristischen Organisationen behindern das Verst\u00e4ndnis und vor allem die Pr\u00e4vention. Schlimmer noch, sie \u00fcberlassen Frauen wie Sally Jones die Diskursmacht. Das kann nicht unser Ziel sein.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Punk-Band Frontfrau, Ex-Katholikin, Kosmetikverk\u00e4uferin \u2013 f\u00fcr die meisten klingt das nicht nach der Biographie einer der aktivsten Anh\u00e4ngerinnen des sogenannten Islamischen Staates (IS). Und doch: Bis Sally Jones j\u00fcngst bei einem US-Drohnenangriff ums Leben gekommen ist, war die Britin f\u00fcr mehr als vier Jahre das weibliche Gesicht des IS. Die Geschichte von Jones wirft eine grundlegende Frage auf: Wieso werden Frauen Terroristinnen? Ein Blick auf das breite Spektrum und die Geschichte des weiblichen Terrorismus zeigt, dass Terroristinnen weder neu noch selten, weder vor allem Opfer noch rein pers\u00f6nlich motiviert sind. 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