{"id":13751,"date":"2017-07-05T10:01:30","date_gmt":"2017-07-05T08:01:30","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.prif.org\/eu-sicherheitspolitik-und-brexit-das-hung-parliament-als-chance\/"},"modified":"2017-07-05T10:01:30","modified_gmt":"2017-07-05T08:01:30","slug":"eu-sicherheitspolitik-und-brexit-das-hung-parliament-als-chance","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.prif.org\/en\/2017\/07\/05\/eu-sicherheitspolitik-und-brexit-das-hung-parliament-als-chance\/","title":{"rendered":"EU-Sicherheitspolitik und Brexit: Das &#8220;hung parliament&#8221; als Chance"},"content":{"rendered":"<p><strong>In den Brexit-Verhandlungen ist die Europ\u00e4ische Union gut beraten, eine enge Anbindung Gro\u00dfbritanniens an die EU zu erhalten, gerade in der Au\u00dfen- und Sicherheitspolitik. Nach der schwierigen Regierungsbildung in London er\u00f6ffnen sich f\u00fcr dieses Ziel Chancen und Risiken. Es gilt, die Chancen zu nutzen: Die EU sollte einen Konfrontationskurs mit Gro\u00dfbritannien vermeiden und die Brexit-Verhandlungen pragmatisch f\u00fchren. In der Au\u00dfen- und Sicherheitspolitik sollte sie der britischen Regierung konkrete Angebote f\u00fcr eine institutionalisierte Zusammenarbeit unterbreiten.<\/strong><\/p>\n<p>Mitte Juni haben die Brexit-Verhandlungen zwischen der EU und Gro\u00dfbritannien begonnen. Die Au\u00dfen- und Sicherheitspolitik spielt darin kaum eine Rolle. Die <a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/news\/politik\/eu-versoehnlicher-auftakt-fahrplan-fuer-brexit-gespraeche-steht-dpa.urn-newsml-dpa-com-20090101-170618-99-897062\">Verhandlungen sollen in zwei Phasen verlaufen<\/a> und in beiden geht es vorrangig um andere Themen: zun\u00e4chst um Grundsatzfragen wie die Rechte der EU-B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger in Gro\u00dfbritannien und der Britinnen und Briten in EU-Staaten, um die finanziellen Verpflichtungen Gro\u00dfbritanniens gegen\u00fcber der EU und um die Grenze zwischen Irland und Nordirland. Voraussichtlich ab Anfang 2018 soll dann vor allem \u00fcber die k\u00fcnftigen Handelsbeziehungen zwischen Gro\u00dfbritannien und der EU verhandelt werden.<\/p>\n<h2>Au\u00dfen- und Sicherheitspolitik in den Brexit-Verhandlungen<\/h2>\n<p>Doch mit dem Austritt aus der EU scheidet Gro\u00dfbritannien auch aus der <a href=\"http:\/\/www.bpb.de\/nachschlagen\/lexika\/177001\/gemeinsame-aussen-und-sicherheitspolitik-gasp\">Gemeinsamen Au\u00dfen-, Sicherheits-<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.bpb.de\/nachschlagen\/lexika\/177003\/gemeinsame-sicherheits-und-verteidigungspolitik-gsvp\">Verteidigungspolitik<\/a> der EU aus. Die EU-Staaten beziehen gemeinsam Position zu au\u00dfenpolitischen Fragen, sie beschlie\u00dfen gemeinsame Sanktionen, intervenieren mit zivilen oder milit\u00e4rischen Mitteln in Konflikte und bem\u00fchen sich um Kooperation in R\u00fcstungsfragen. Ein harter Brexit w\u00fcrde bedeuten, dass Gro\u00dfbritannien nicht mehr an solchen gemeinsamen Entscheidungen und Eins\u00e4tzen teilnimmt und auch von der <a href=\"https:\/\/europa.eu\/european-union\/topics\/justice-home-affairs_de\">Zusammenarbeit in der inneren Sicherheit<\/a> ausgeschlossen w\u00e4re.<\/p>\n<p>Beide Seiten w\u00e4ren gut beraten, es darauf nicht ankommen zu lassen. Die EU kann au\u00dfenpolitisch von der st\u00e4ndigen Mitgliedschaft Gro\u00dfbritanniens im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen profitieren, von seiner engen Beziehung zu den USA und seinen den meisten anderen EU-Staaten \u00fcberlegenen milit\u00e4rischen F\u00e4higkeiten. Umgekehrt hilft es Gro\u00dfbritannien, wenn es seine Interessen nicht alleine vertreten muss, sondern 28 Staaten mit einer Stimme sprechen. Zudem verhindert die Zusammenarbeit mit der EU, dass Gro\u00dfbritannien einseitig von den USA abh\u00e4ngig wird &#8211; ein wichtiger Vorteil auch angesichts der schwer berechenbaren Trump-Administration.<\/p>\n<p>Eine enge Anbindung nach dem Austritt Gro\u00dfbritanniens ist daher im Interesse beider Seiten. Doch wie kann sie erreicht werden? Die Neuwahlen und die Bildung einer Minderheitsregierung in London haben daf\u00fcr neue Spielr\u00e4ume er\u00f6ffnet.<\/p>\n<h2>Minderheitsregierung als Chance und Risiko<\/h2>\n<p>Urspr\u00fcnglich hatte Theresa May, was die zuk\u00fcnftige au\u00dfen- und sicherheitspolitische Zusammenarbeit angeht, eine harte Linie verfolgen wollen. Kaum verh\u00fcllt <a href=\"https:\/\/www.theguardian.com\/politics\/2017\/mar\/29\/brexit-eu-condemns-mays-blackmail-over-security-cooperation\">drohte sie, die Kooperation in der Au\u00dfen- und Sicherheitspolitik als Verhandlungsmasse einzusetzen<\/a>, um Zugest\u00e4ndnisse in anderen Politikbereichen zu erreichen. Die Neuwahlen vom 8. Juni wollte sie nutzen, um ihre Position weiter zu st\u00e4rken. Gegen\u00fcber der EU sollte ihr ein \u00fcberzeugendes Wahlergebnis mehr Durchsetzungskraft verschaffen, gegen\u00fcber dem Parlament eine komfortablere Mehrheit f\u00fcr freie Hand sorgen. Doch die Neuwahlen haben den Briten ein &#8220;hung parliament&#8221; beschert, in dem es keine eindeutigen Mehrheiten gibt. May musste eine Minderheitsregierung bilden, die <a href=\"https:\/\/blog.prif.org\/2017\/06\/27\/risiko-und-nebenwirkung-der-preis-fuer-eine-mehrheit-im-britischen-unterhaus\/\">in einer heiklen Allianz<\/a> von der nordirischen DUP geduldet wird.<\/p>\n<p>Das macht die Brexit-Verhandlungen erheblich komplizierter, weil die Mehrheitsbeschaffung f\u00fcr ein Verhandlungsergebnis in Br\u00fcssel nun nicht mehr selbstverst\u00e4ndlich ist. Es er\u00f6ffnet aber auch Spielr\u00e4ume daf\u00fcr, einen weniger konfrontativen Kurs einzuschlagen und die Zusammenarbeit in der Au\u00dfen- und Sicherheitspolitik weitgehend zu erhalten.<\/p>\n<p>Entscheidend wird sein, wie die Premierministerin mit dieser Situation umgeht. Zwei grundlegende Szenarien sind denkbar:<\/p>\n<ul>\n<li>Erstens kann May sich darauf konzentrieren, die Konservativen im Unterhaus zusammenzuhalten, die DUP mit Zahlungen f\u00fcr Nordirland zufriedenzustellen und auf diese Weise ihre knappe Mehrheit zu sichern. Dies hat sie <a href=\"http:\/\/www.bbc.com\/news\/uk-politics-40448814\">in ihrer ersten Vertauensabstimmung \u00fcber die Kronrede<\/a> erfolgreich getan. Dann bleibt sie jedoch auf jede Stimme aus den Reihen der Tories angewiesen, auch auf die der Hardliner. Die erbitterten Auseinandersetzungen innerhalb der Fraktion \u00fcber die EU-Mitgliedschaft drohen dann in neuer Gestalt zur\u00fcckzukehren: als Konflikte dar\u00fcber, wie viele Zugest\u00e4ndnisse in den Brexit-Verhandlungen gemacht werden k\u00f6nnen.<\/li>\n<li>Zweitens kann May bei ihrer Mehrheitsbeschaffung f\u00fcr ein Brexit-Paket auch \u00fcber die Fraktionsgrenzen hinausdenken. Vor dem Referendum war eine Mehrheit aller Abgeordneten gegen den Brexit und auch im neugew\u00e4hlten Unterhaus sind die <a href=\"https:\/\/www.nytimes.com\/2017\/06\/16\/world\/europe\/britain-brexit-theresa-may.html\">Gegner eines harten Brexits im Vorteil<\/a>. Mit politischem Geschick <a href=\"http:\/\/blogs.lse.ac.uk\/brexit\/2017\/06\/19\/we-should-now-look-to-parliamentary-moderates-to-craft-a-soft-brexit\/\">sollte sich eine Mehrheit unter Einbeziehung von Abgeordneten aus anderen Fraktionen organisieren lassen<\/a>, die die harten Brexit-Bef\u00fcrworter isoliert.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Welches dieser Szenarien mittelfristig Wirklichkeit wird, ist keineswegs ausgemachte Sache. Viele Faktoren werden eine Rolle spielen. Da ist zun\u00e4chst das Schicksal von Theresa May als Premierministerin. Bleibt sie bis zum Abschluss der Verhandlungen im Amt, ist die Zusammenarbeit mit Abgeordneten anderer Fraktionen unwahrscheinlich. Doch Mays Position ist nach den Neuwahlen besch\u00e4digt und ein kompromissbereiterer Nachfolger k\u00f6nnte andere Wege gehen. Auch die Entwicklung der britischen Wirtschaftslage wird wichtig daf\u00fcr sein, wie attraktiv ein harter Brexit Regierung und Bev\u00f6lkerung erscheint. Au\u00dferdem wird der Verlauf der Verhandlungen von Bedeutung sein. Und hier kommt die EU ins Spiel.<\/p>\n<h2>Neue Wege der Zusammenarbeit in Au\u00dfen- und Sicherheitspolitik<\/h2>\n<p>Je konfrontativer die Brexit-Verhandlungen insgesamt gef\u00fchrt werden, desto geringer wird die Bereitschaft werden, nach dem Austritt Gro\u00dfbritanniens dennoch weiter in der Au\u00dfen- und Sicherheitspolitik zusammenzuarbeiten. Die Verhandlungsf\u00fchrung der EU muss im Auge behalten, dass sie mitverantwortlich daf\u00fcr ist, wie leicht die britische Regierung Kompromisse innenpolitisch verkaufen kann. Eine &#8220;Dem\u00fctigung&#8221; der Briten w\u00e4re nichts als eine kontraproduktive Trotzreaktion. Will man nach dem Brexit die Zusammenarbeit zwischen Gro\u00dfbritannien und der EU in der Au\u00dfen- und Sicherheitspolitik erhalten, dann gilt es schon jetzt in den Verhandlungen auch in anderen Politikbereichen Br\u00fccken zu bauen. Nur so kann ein Klima geschaffen werden, in dem zuk\u00fcnftige au\u00dfen- und sicherheitspolitische Zusammenarbeit f\u00fcr beide Seiten attraktiv ist und die Bef\u00fcrworter einer Anlehnung an die EU im britischen Unterhaus gest\u00e4rkt werden.<\/p>\n<p>Ist das richtige Klima erst einmal geschaffen, wie kann dann das Angebot f\u00fcr eine solche au\u00dfen- und sicherheitspolitische Zusammenarbeit nach dem Brexit aussehen?<\/p>\n<p>An milit\u00e4rischen und zivilen Eins\u00e4tzen der EU im Ausland k\u00f6nnen Nicht-Mitglieder sich auch heute schon beteiligen und diese M\u00f6glichkeit wird auch Gro\u00dfbritannien offenstehen. Es sollte aber nach Wegen gesucht werden, Gro\u00dfbritannien st\u00e4rkeren Einfluss auf diese Operationen zu geben, um im Gegenzug auf die besonderen milit\u00e4rischen F\u00e4higkeiten des Landes zur\u00fcckgreifen zu k\u00f6nnen. Denkbar w\u00e4re zum Beispiel, Nicht-Mitgliedern, die bestimmte Schl\u00fcsselkapazit\u00e4ten zur Verf\u00fcgung stellen, gr\u00f6\u00dferen Einfluss schon in der Planungsphase von EU-Eins\u00e4tzen zu geben.<\/p>\n<p>F\u00fcr die generelle au\u00dfenpolitische Zusammenarbeit zwischen Gro\u00dfbritannien und der EU sollte ein Format gefunden werden, das die regelm\u00e4\u00dfige Abstimmung zwischen den beiden Seiten m\u00f6glich macht: ein britisch-europ\u00e4isches Gremium, das auf Arbeitsebene regelm\u00e4\u00dfig zusammentritt, um au\u00dfenpolitische Fragen zu diskutieren und Positionen zu koordinieren. Denkbar w\u00e4re au\u00dferdem, am Rande von EU-Gipfeln oder von Au\u00dfenministertreffen auch die britischen Partner zu konsultieren, eine Abstimmung in wichtigen au\u00dfen- und sicherheitspolitischen Fragen anzustreben und die Hohe Repr\u00e4sentantin Federica Mogherini damit zu betrauen, diese Koordination dauerhaft sicherzustellen.<\/p>\n<p>Die Vorteile einer Koordinierung in der Au\u00dfen- und Sicherheitspolitik auch nach dem Austritt Gro\u00dfbritanniens liegen f\u00fcr beide Seiten auf der Hand. In den Brexit-Verhandlungen werden andere Fragen im Mittelpunkt stehen und tats\u00e4chlich kann die weitere au\u00dfenpolitische Zusammenarbeit auch nach dem Austritt Gro\u00dfbritanniens noch auf den Weg gebracht werden. Aber jetzt werden die Grundlagen daf\u00fcr gelegt, dass eine solche Zusammenarbeit in Zukunft auch noch m\u00f6glich ist. Nun kommt es darauf an, die Verhandlungen sachlich zu f\u00fchren, Zugest\u00e4ndnisse zu signalisieren und die Verhandlungsmacht der EU nicht r\u00fccksichtslos auszuspielen. So tr\u00e4gt man von EU-Seite aus dazu bei, die Mehrheitsbeschaffung im &#8220;hung parliament&#8221; zu erleichtern. Das kann der EU auf lange Sicht nur nutzen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In den Brexit-Verhandlungen ist die Europ\u00e4ische Union gut beraten, eine enge Anbindung Gro\u00dfbritanniens an die EU zu erhalten, gerade in der Au\u00dfen- und Sicherheitspolitik. Nach der schwierigen Regierungsbildung in London er\u00f6ffnen sich f\u00fcr dieses Ziel Chancen und Risiken. Es gilt, die Chancen zu nutzen: Die EU sollte einen Konfrontationskurs mit Gro\u00dfbritannien vermeiden und die Brexit-Verhandlungen pragmatisch f\u00fchren. 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