{"id":14990,"date":"2026-01-27T11:33:14","date_gmt":"2026-01-27T10:33:14","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.prif.org\/?p=14990"},"modified":"2026-01-27T14:08:09","modified_gmt":"2026-01-27T13:08:09","slug":"post-hegemoniale-koalitionsbildung-was-uns-ib-und-verhandlungstheorien-ueber-die-zukunft-europaeischer-sicherheit-verraten-koennen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.prif.org\/en\/2026\/01\/27\/post-hegemoniale-koalitionsbildung-was-uns-ib-und-verhandlungstheorien-ueber-die-zukunft-europaeischer-sicherheit-verraten-koennen\/","title":{"rendered":"(Post-)hegemoniale Koalitionsbildung: Was uns IB- und Verhandlungstheorien \u00fcber die Zukunft europ\u00e4ischer Sicherheit verraten k\u00f6nnen"},"content":{"rendered":"<p><strong>Der russische Angriffskrieg auf die Ukraine und der beschleunigte <a href=\"https:\/\/blog.prif.org\/2025\/12\/19\/the-new-us-national-security-strategy-a-blog-analysis-and-commentaries\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Fokus der USA auf die eigene Hemisph\u00e4re<\/a> haben die europ\u00e4ische Sicherheits- und Verteidigungspolitik grundlegend umgew\u00e4lzt. Die wissenschaftlichen Disziplinen, die sich damit besch\u00e4ftigen, sind <a href=\"https:\/\/www.inlibra.com\/de\/document\/view\/detail\/uuid\/a90c76de-dd2b-326a-819f-852094ad7fb5\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">verunsichert<\/a>. Dabei k\u00f6nnen uns die Theorien der Internationalen Beziehungen sowie Konzepte der Verhandlungsforschung helfen zu sehen, wo wir stehen und wie es nach der sich abzeichnenden Kl\u00e4rung der geopolitischen Demarkationslinien Europas weitergehen kann.<\/strong><\/p>\n<p>Putins Invasion der Ukraine am 24. Februar 2022 <a href=\"https:\/\/d-nb.info\/1345991703\/34#page=110\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u00fcberraschte Expert*innen<\/a> und entbl\u00f6\u00dfte die Schw\u00e4chen sozialwissenschaftlicher Prognostik. Der Wiedereinzug von US-Pr\u00e4sident Donald Trump und seinem MAGA-Umfeld ins Wei\u00dfe Haus riss den unter Sicherheitsexpert*innen dominanten Beschw\u00f6rern der Wiedergeburt der NATO und des Westens nicht minder den Boden unter den F\u00fc\u00dfen weg. Ihre Pr\u00e4missen, fachlich-politischen Netzwerke und Informationsquellen verloren an Relevanz. Mit dem Eklat bei Selenskyjs Besuch im Oval Office, dem US-Zollkrieg gegen Alliierte und seinen Gr\u00f6nland-Annexionsdrohungen sendete Trump Schockwellen aus, die das Welt- und Selbstbild der sicherheitspolitischen Fachcommunity ersch\u00fctterten. Washington will uns nicht mehr besch\u00fctzen. Im Kontext der Waffenstillstands- und Friedensverhandlungen mit Russland und der Ukraine in Abu Dhabi (!) hat das Pentagon nun die k\u00fcnftige amerikanische konventionelle R\u00fcckversicherung f\u00fcr den europ\u00e4ischen Kontinent <a href=\"https:\/\/media.defense.gov\/2026\/Jan\/23\/2003864773\/-1\/-1\/0\/2026-NATIONAL-DEFENSE-STRATEGY.PDF\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">in weiten Teilen einkassiert<\/a>.<\/p>\n<p>Europas sicherheitspolitische Kreise suchen Orientierung. Hierzu bedarf es der Vogelperspektive, mittels Distanznahme und analytischem Blickwinkel. Genau dies leistet die wegweisende <a href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wirtschaft\/wef-2026-in-davos-rede-von-kanadas-premierminister-mark-carney-im-wortlaut-200460807.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Davos-Rede des kanadischen Premiers Mark Carney<\/a> mit ihrer ehrlichen, theoretisch fundierten Bestandsaufnahme des Zusammenbruchs der liberalen Weltordnung, die auf amerikanischer Macht und Doppelstandards basiert. Zugleich weist sie mit strategischer Kompetenz den Weg nach vorne: Mehr und flexible Kooperation von Mittelm\u00e4chten, die sich mit Pragmatismus und gemeinsamen Prinzipien \u2013 also auf Grundlage des V\u00f6lkerrechts \u2013 vereinigen und anschlussf\u00e4hig machen.<\/p>\n<h2>Comeback und R\u00fcckzug des wohlwollenden amerikanischen Hegemonen<\/h2>\n<p>Doch bevor wir nach vorne blicken, greifen wir zun\u00e4chst in die theoretische Toolbox unserer Zunft, um die wichtigsten Ver\u00e4nderungen der europ\u00e4ischen Sicherheitsordnung w\u00e4hrend der vergangenen vier Jahre grob zu rekonstruieren. Der <a href=\"https:\/\/www.bundesregierung.de\/resource\/blob\/975954\/2008580\/b7348ec7b88380164f7873453c7b6758\/25-2-bk-reg-erkl--data.pdf?download=1\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Ausruf der Zeitwende<\/a> am 27. Februar 2022 durch Bundeskanzler Olaf Scholz und die daran ankn\u00fcpfende Renaissance der transatlantischen Partnerschaft lassen sich mit <strong><em>realistischen Ans\u00e4tzen <\/em><\/strong>recht gut fassen. Diese stellen das Machtstreben von Staaten, die Bedeutung von Abschreckung und das Sicherheitsdilemma, das mit den daraus resultierenden Aufr\u00fcstungsdynamiken verbunden ist, ins analytische Zentrum. Unter US-Pr\u00e4sident Joe Biden erlebte Europa ein rasantes Comeback des <strong><em>wohlwollenden amerikanischen Hegemons<\/em><\/strong>, der seine F\u00e4higkeiten und F\u00fchrung f\u00fcr die Bereitstellung des Kollektivguts europ\u00e4ischer Sicherheit umfangreich zur Verf\u00fcgung stellte. Im Schrecken \u00fcber den russischen \u00dcberfall lie\u00dfen sich die europ\u00e4ischen Staaten ins hegemoniale Gravitationszentrum der USA absorbieren. Die NATO schaltete ganz auf B\u00fcndnisverteidigung um, die Sicherung der territorialen Integrit\u00e4t von alliierten Staaten und EU-Mitgliedsl\u00e4ndern verdr\u00e4ngte alle weiteren Aufgaben der Allianz. Um eine gr\u00f6\u00dftm\u00f6gliche sicherheitspolitische Koh\u00e4sion im transatlantischen Raum zu gew\u00e4hrleisten, bekr\u00e4ftigte der Rat der EU 2022 mit dem <a href=\"https:\/\/www.eeas.europa.eu\/sites\/default\/files\/documents\/strategic_compass_en3_web.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">strategischen Kompass<\/a> die bestehende Zusammenarbeit und Arbeitsteilung zwischen EU und NATO. Damit wurde die Zust\u00e4ndigkeit des US-gef\u00fchrten Nordatlantikpakts f\u00fcr die kollektive Verteidigung Europas formalisiert. Zugleich <a href=\"https:\/\/www.sipri.org\/media\/press-release\/2025\/unprecedented-rise-global-military-expenditure-european-and-middle-east-spending-surges\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">explodierten die Milit\u00e4rausgaben der Europ\u00e4er<\/a>, nicht zuletzt aufgrund der steigenden Waffenlieferungen f\u00fcr die Ukraine. Jedoch setzten die meisten europ\u00e4ischen L\u00e4nder bei der Beschaffung vor allem auf US-Waffensysteme. Die milit\u00e4rische Abh\u00e4ngigkeit von Washington vertiefte sich, insbesondere in den Bereichen <a href=\"https:\/\/www.bruegel.org\/policy-brief\/europes-dependence-us-foreign-military-sales-and-what-do-about-it\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Luftabwehr, Raketen und Kampfflugzeuge<\/a> (<a href=\"https:\/\/defence-blog.com\/germany-plans-to-buy-15-more-f-35-fighter-jets\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">F35-Beschaffungen<\/a>, <a href=\"https:\/\/www.reservistenverband.de\/magazin-die-reserve\/european-sky-shield-renaissance-der-europaeischen-luftabwehr\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">European Sky Shield Initiative<\/a>, <a href=\"https:\/\/www.ifsh.de\/file\/publication\/Policy_Brief\/IFSH_Policy-Brief_0424_web.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">US-Mittelstreckensysteme in Deutschland<\/a>) sowie <a href=\"https:\/\/warontherocks.com\/2025\/04\/modernizing-military-decision-making-transforming-european-command\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">C4I (Command, Control, Communications, Computers, and Intelligence)<\/a>. Auch im Eskalationsmanagement ordnete sich Europa amerikanischer Regie unter und entwickelte <a href=\"https:\/\/blog.prif.org\/2025\/01\/07\/reducing-nuclear-threats-why-talks-on-ending-the-war-in-ukraine-should-include-agreements-on-nuclear-risk-reduction\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">keine eigenen Arrangements f\u00fcr Risikoreduzierung und R\u00fcstungskontrolle<\/a>.<\/p>\n<p>Die blinde Hingabe Europas an die amerikanische Potenz wurde dem Kontinent sp\u00e4testens nach den US-Pr\u00e4sidentschaftswahlen im November 2024 zum Verh\u00e4ngnis. Wenn auch in unterschiedlicher Ausformung und Dimension, liefen die au\u00dfenpolitischen Programme der Republikaner und Demokraten darauf hinaus, dass die USA ihre Rolle als hegemoniale Schutzmacht in Europa reduzieren. Das erste Amtsjahr in Trumps zweiter Regierungszeit beschleunigte diese hinl\u00e4nglich bekannte Makro-Entwicklung und m\u00fcndete in der <a href=\"https:\/\/www.whitehouse.gov\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/2025-National-Security-Strategy.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Nationalen Sicherheitsstrategie 2025<\/a>, die an die Tradition der Monroe-Doktrin ankn\u00fcpft. Mit der Verschiebung der strategischen Interessen Washingtons in den Indo-Pazifik und seiner erkennbar werdenden Bereitschaft, die Welt in regionale Einflusszonen aufzuteilen, entsteht in Europa ein heikles Machtvakuum. Auf dem Kontinent gibt es keine einzelne hegemoniale Macht, welche die milit\u00e4rischen und strategischen F\u00e4higkeiten und Ressourcen der USA ersetzen und mit der NATO vergleichbare Strukturen aufbauen k\u00f6nnte.<\/p>\n<h2>Grenzen des funktionalen Institutionalismus in Europa<\/h2>\n<p><strong><em>Institutionalistische Ans\u00e4tze<\/em><\/strong> bieten keine plausible Antwort darauf, wie die europ\u00e4ische Sicherheitsordnung in einer <a href=\"https:\/\/press.princeton.edu\/books\/paperback\/9780691122489\/after-hegemony?srsltid=AfmBOooNpWxzVrQGS7yzs7gsADKzzibb7y00nuj4-Uq3G-OOK74-jW2J\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">post-hegemonialen \u00c4ra<\/a> aufrechterhalten werden kann. Die etablierten <strong><em>Institutionen und Regime<\/em><\/strong> scheinen keine ad\u00e4quate sicherheitspolitische Kooperation gew\u00e4hrleisten zu k\u00f6nnen. Zwar wurde die Integration der EU durch eine zunehmende funktionale Delegation von Aufgaben in verschiedenen Politikfeldern vorangetrieben, sodass ihre Organe, Einrichtungen und Agenturen l\u00e4ngst eigene <a href=\"https:\/\/academic.oup.com\/book\/10502\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Agency und Agenda-Setting-Kompetenz<\/a> besitzen. Doch das Ringen um <a href=\"https:\/\/www.routledge.com\/International-Organizations-and-Military-Affairs\/Dijkstra\/p\/book\/9781138065093\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">nationalstaatliche Kontrolle in milit\u00e4rischen Angelegenheiten<\/a> verhinderte mehr supranationale Delegation oder eine den Anforderungen gewachsene institutionalisierte multilaterale Kooperation in Fragen europ\u00e4ischer Sicherheit und Verteidigung. Nicht einmal bei der Beschaffung, der Integration der Verteidigungsindustrie oder gr\u00f6\u00dferen multilateralen R\u00fcstungsprojekten konnte sich die EU als zentrale Koordinationsplattform durchsetzen, und das trotz ihrer ausgepr\u00e4gten Befugnisse \u00fcber Wirtschaft und Binnenmarkt. Immerhin bewies sie bei der Schaffung von Investitionsanreizen ein nicht unerhebliches Ma\u00df an institutioneller Agency. So gelang ihr der Ausbau der <a href=\"https:\/\/www.consilium.europa.eu\/de\/policies\/european-peace-facility\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Europ\u00e4ischen Friedensfaszilit\u00e4t (EFF)<\/a> zur Finanzierung milit\u00e4rischer Ausr\u00fcstung und von Waffenlieferungen f\u00fcr die Ukraine. Mit dem <a href=\"https:\/\/www.europarl.europa.eu\/RegData\/etudes\/BRIE\/2025\/769566\/EPRS_BRI(2025)769566_EN.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">ReArm Europe Plan<\/a>, dem <a href=\"https:\/\/defence-industry-space.ec.europa.eu\/eu-defence-industry\/safe-security-action-europe_en\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">SAFE-<\/a>Programm (Security Action for Europe) und <a href=\"https:\/\/www.consilium.europa.eu\/en\/policies\/defence-industry-programme\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">EDIP<\/a> (European Defense Industry Programme) f\u00f6rdert sie R\u00fcstungsinvestitionen und -kooperationen und hat dar\u00fcber hinaus eine <a href=\"https:\/\/www.consilium.europa.eu\/de\/press\/press-releases\/2025\/07\/08\/council-activates-flexibility-in-eu-fiscal-rules-for-15-member-states-to-increase-defence-spending\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Ausnahmeregelung<\/a> f\u00fcr das gem\u00e4\u00df Wirtschafts- und Stabilit\u00e4tspakt erlaubte Haushaltdefizit eingef\u00fchrt, um unionseurop\u00e4ische H\u00fcrden f\u00fcr die Erh\u00f6hung der Verteidigungsausgaben zu beseitigen.<\/p>\n<p>Wie kann es also nach dem Wegfall des amerikanischen Hegemonen als Anker der europ\u00e4ischen Sicherheitsordnung weiter gehen, wenn uns \u2013 in den Worten Carneys \u2013 rituelle Bekenntnisse zur regelbasierten liberalen internationalen Ordnung, zur St\u00e4rke von EU und NATO, nicht weiterhelfen? Wie k\u00f6nnen wir, wie der franz\u00f6sische Pr\u00e4sident Emmanuel Macron seit seiner <a href=\"https:\/\/www.elysee.fr\/emmanuel-macron\/2017\/09\/26\/initiative-pour-l-europe-discours-d-emmanuel-macron-pour-une-europe-souveraine-unie-democratique\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Sorbonne-Rede 2017<\/a> ostentativ <a href=\"https:\/\/www.elysee.fr\/emmanuel-macron\/2025\/07\/13\/discours-aux-armees-depuis-lhotel-de-brienne\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">wiederholt<\/a>, europ\u00e4ische Handlungs- und Steuerungsf\u00e4higkeit, strategische Souver\u00e4nit\u00e4t in der Sicherheits- und Verteidigungspolitik erreichen? Mangels eines f\u00e4higen Hegemonen oder einer verteidigungspolitisch funktionst\u00fcchtigen internationalen Institution r\u00fccken B\u00fcndnisse sicherheitspolitisch wirkm\u00e4chtiger europ\u00e4ischer Staaten in den Vordergrund.<\/p>\n<h2>Auftreten hegemonialer Koalition\u00e4re<\/h2>\n<p>Als F\u00fchrungs<em>gruppe<\/em> bzw. <strong><em>hegemoniale Koalition\u00e4re<\/em><\/strong> scheinen wichtige Staaten wie das Weimarer Dreieck aus Deutschland, Frankreich und Polen am ehesten zu mehr strategischer Souver\u00e4nit\u00e4t verhelfen zu k\u00f6nnen, sei es durch von ihnen ausgehende zwischenstaatliche oder supranationale Initiativen. Sie repr\u00e4sentieren nahezu das gesamte Spektrum sicherheitspolitischer und strategischer Positionen, Traditionen und Denkweisen innerhalb der EU-Mitgliedsstaaten, weshalb eine Einigung unter ihnen hohe Anschlussf\u00e4higkeit und Bindungskraft entfalten kann. In erweiterter Form k\u00f6nnte die hegemoniale Koalition auch die sieben Staaten umfassen, die mit ihrer <a href=\"https:\/\/www.bundesregierung.de\/resource\/blob\/2196306\/2401690\/d5b8f33a6b78cda9e2abc3ccb6b2f243\/2026-01-06-erklaerung-groenland-data.pdf?download=1\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">gemeinsamen Erkl\u00e4rung zum Gr\u00f6nlandkonflikt<\/a> den USA die Stirn geboten haben, einschlie\u00dflich der gegenw\u00e4rtigen Br\u00fcckenmacht Italien. Dies h\u00e4tte den Vorteil, dass auch die milit\u00e4risch starken nordischen Staaten und die Mittelmacht Gro\u00dfbritannien eingebunden w\u00e4ren (Frankreich, Deutschland, Italien, Polen, Spanien, Vereinigtes K\u00f6nigreich, D\u00e4nemark). Solche europ\u00e4ischen Kerngruppen k\u00f6nnten zu spezifischen sicherheitspolitischen Problemstellungen flexibel erweiterte Formationen bilden, die f\u00fcr begrenzte Zeit zu gemeinsamen Anliegen kollaborieren, wie etwa im Ukrainekrieg die <a href=\"https:\/\/ec.europa.eu\/commission\/presscorner\/detail\/da\/statement_26_45\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Coalition of the Willing<\/a>, die auch au\u00dfereurop\u00e4ische Staaten wie die T\u00fcrkei, Kanada oder Japan miteinschlie\u00dfen k\u00f6nnen.<\/p>\n<h2>Strategische Souver\u00e4nit\u00e4t wird Verhandlungssache<\/h2>\n<p>Die B\u00fcndelung europ\u00e4ischer Kr\u00e4fte in \u201ehegemonialen Koalitionen\u201c wird erschwert durch heterogene und teilweise kontr\u00e4re sicherheitspolitische und strategische Positionen, Traditionen und Denkweisen potenzieller Koalition\u00e4re. Statt dass eine F\u00fchrungsnation die Richtung vorgibt, m\u00fcssen sich mehrere Schwergewichte auf eine Strategie und ein gemeinsames Vorgehen <em>einigen<\/em>. <strong><em>Die Schaffung europ\u00e4ischer strategischer Souver\u00e4nit\u00e4t wird somit zum<\/em><\/strong><em> <strong>Verhandlungsgegenstand<\/strong><\/em><strong>.<\/strong> Sowohl das deutsch-franz\u00f6sische Tandem, als auch das Weimarer Dreieck oder die Gruppe der Sieben bringen dabei g\u00e4nzlich unterschiedliche Erfahrungen, Wahrnehmungen von Bedrohungen und Priorisierung von F\u00e4higkeiten mit an den Verhandlungstisch. Die <strong><em>Verhandlungsforschung<\/em><\/strong> liefert konzeptionell <a href=\"https:\/\/unesdoc.unesco.org\/ark:\/48223\/pf0000066888\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">ausgereifte und empirisch ges\u00e4ttigte Erkenntnisse<\/a> f\u00fcr die Untersuchung und Weiterentwicklung von Verhandlungstechniken unter solch schwierigen und komplexen Voraussetzungen. Dabei spielen M\u00f6glichkeiten zur Identifikation und Manipulation der<em> best alternative to a negotiated agreement (BATNA) <\/em>sowie der <em>zone of possible agreement (ZOPA)<\/em> eine herausgehobene Rolle. <a href=\"https:\/\/www.pearson.de\/the-mind-and-heart-of-the-negotiator-ebook-global-edition-9781292399447\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Zwei grunds\u00e4tzlich unterschiedliche Strategien<\/a> k\u00f6nnen hierf\u00fcr zum Einsatz kommen. Bei <em>distributiven<\/em> Verhandlungen geht es darum, eine abgesteckte Verhandlungsmasse aufzuteilen und dabei den eigenen Gewinn zu maximieren (<em>claiming value<\/em>). Auch Faktoren wie <a href=\"https:\/\/www.academia.edu\/87842067\/Distributive_Justice_A_Social_Psychological_Perspective\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">distributive Gerechtigkeit<\/a> und <a href=\"https:\/\/www.sciencedirect.com\/science\/article\/abs\/pii\/S0022103197913408\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Kosten- und Nutzenausgleich<\/a> kommen ins Spiel. Der deutsche Ausdruck des Kuhhandels umschreibt verbreitete Erscheinungsformen dieser Verhandlungspraxis ganz gut. Bei <em>integrativen<\/em> Verhandlungen geht es dagegen darum, die Verhandlungsmasse und damit den Kuchen (ZOPA) so zu vergr\u00f6\u00dfern, dass sich auch der Gewinn f\u00fcr alle Verhandlungspartner mehrt (<em>creating value<\/em>). W\u00e4hrend sich also distributive Verhandlungen darauf konzentrieren, Ressourcen zu teilen, liegt der Fokus integrativer Verhandlungen auf der Sch\u00f6pfung von Ressourcen, die am Ende als <em>win-win<\/em>-Outcome aufgeteilt werden k\u00f6nnen. Dies bedeutet umgekehrt, dass beide Verhandlungsmethoden oft parallel und komplement\u00e4r angewendet werden. Um integrativ zu verhandeln, ist essentiell, von den Positionen auf die dahinter liegenden Interessen vorzusto\u00dfen und den Raum gemeinsamer Interessen (neu) zu vermessen und zu expandieren. Somit liegt ein wichtiger Schl\u00fcssel zum Verhandlungserfolg in der F\u00e4higkeit zum <a href=\"https:\/\/www.semanticscholar.org\/paper\/Perspective-taking-as-a-means-to-overcome-barriers-Tr%C3%B6tschel-H%C3%BCffmeier\/1bf057ac77caf75c12bc9dcc5803a2e15e5189af\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Perspektivwechsel<\/a> und zur Mobilisierung von <a href=\"https:\/\/willmaddux.web.unc.edu\/wp-content\/uploads\/sites\/15846\/2019\/01\/Psych-Science-PT-Negotiations.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Empathie<\/a>.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend Verhandlungen und die dabei zum Einsatz kommenden Strategien im Kontext von virulenten bewaffneten Konflikten, ihrer Deeskalation, Schlichtung, Beilegung oder L\u00f6sung, <a href=\"https:\/\/sk.sagepub.com\/hnbk\/edvol\/hdbk_conflictresolution\/toc\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">intensiv erforscht<\/a> und auch Erfolge und Misserfolge in Fallstudien untersucht wurden, sind verhandlungstheoretisch informierte Analysen der Entstehung gemeinsamer Sicherheitspolitiken oder einer neuen Sicherheitsordnung rar. Insbesondere die f\u00fcr die Schaffung europ\u00e4ischer strategischer Souver\u00e4nit\u00e4t entscheidende Frage, welche Schnittmengen und welches <em>win-win<\/em>-Potential in ihrer Aushandlung unter \u201ehegemonialen Koalition\u00e4ren\u201c stecken und wie divergierende Positionen und unterschiedliche strategische Kulturen \u00fcberwunden werden k\u00f6nnen, ist abgesehen von generischen Autosuggestionen zum \u201evereinten Europa\u201c unbekannt. Ausgangspunkt einer solchen Analyse m\u00fcsste das systematische Mapping von Positionen und Interessen in zentralen strategischen Bereichen sein: Die milit\u00e4rische Abschreckung und Verteidigungsf\u00e4higkeit (Integration der Streitkr\u00e4fte, R\u00fcstungspolitik &amp; -industrie), \u00a0die Weiterentwicklung und das Zusammenspiel bereits existierender sicherheitspolitischer Strukturen (EU, NATO, OSZE, insbes. Verh\u00e4ltnis EU-NATO); sowie nicht zuletzt die Einbettung der europ\u00e4ischen Sicherheitspolitik in erweiterte (<em>ad hoc)<\/em> Allianzformationen (<em>Coalition of the Willing<\/em>), die internationale globale Ordnung und ihre multilateralen Institutionen (UN, Beziehungen zu Organisationen und Foren anderer Regionen wie die AU, ASEAN, CELAC). Auf dieser Grundlage k\u00f6nnten die <em>zone of possible agreement (ZOPA)<\/em> \u00a0und <em>best alternative to a negotiated agreement (BATNA)<\/em> ermessen und Expansionsm\u00f6glichkeiten f\u00fcr gemeinsame Handlungsfelder aufgezeigt werden. Als Analyserahmen bietet sich die <a href=\"https:\/\/www.rhetoricinstitute.edu.gr\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/fisher-getting-to-yes.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Harvard Method of Principled Negotiation<\/a>, mit der basierend auf geteilten Interessen Verbindendes und neue Werte identifiziert und generiert werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<h2>Diplomatische Gelegenheit zur Emanzipation Europas ergreifen<\/h2>\n<p>Die Zukunft europ\u00e4ischer Sicherheit und Wahrung des Friedens in Europa werden verhandelt werden m\u00fcssen. Unsere Disziplin stellt die n\u00f6tigen Theorien zum Verst\u00e4ndnis und bew\u00e4hrte Methoden zur Verwirklichung bereit. Europa hat die <a href=\"https:\/\/www.welt.de\/debatte\/plus255538012\/Ukraine-Europas-diplomatisches-Versagen.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">diplomatische Gelegenheit<\/a>, seine geopolitischen Demarkationslinien und ihre Absicherung bei den seit einem Jahr laufenden Ukraineverhandlungen mitzubestimmen, aus dogmatischen Gr\u00fcnden vers\u00e4umt. Seine zweite Chance, die sich nun mit dem amerikanischen R\u00fcckzug vom Kontinent er\u00f6ffnet, sollte es nicht verpassen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der russische Angriffskrieg auf die Ukraine und der beschleunigte Fokus der USA auf die eigene Hemisph\u00e4re haben die europ\u00e4ische Sicherheits- und Verteidigungspolitik grundlegend umgew\u00e4lzt. Die wissenschaftlichen Disziplinen, die sich damit besch\u00e4ftigen, sind verunsichert. 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