{"id":15312,"date":"2026-03-16T09:53:00","date_gmt":"2026-03-16T08:53:00","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.prif.org\/?p=15312"},"modified":"2026-03-16T09:53:02","modified_gmt":"2026-03-16T08:53:02","slug":"sicherheit-die-uns-unsicher-macht-die-neue-selbstverstaendlichkeit-der-machtpolitik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.prif.org\/en\/2026\/03\/16\/sicherheit-die-uns-unsicher-macht-die-neue-selbstverstaendlichkeit-der-machtpolitik\/","title":{"rendered":"Sicherheit, die uns unsicher macht: Die neue Selbstverst\u00e4ndlichkeit der Machtpolitik"},"content":{"rendered":"<p><strong>Nach Jahren der Globalisierung scheint die Welt in die Logik der Macht zur\u00fcckzufallen. Die Kritik an \u201enaiver\u201c Globalisierungspolitik hat Hochkonjunktur. Zunehmend wird auf n\u00fcchterne Machtpolitik gesetzt, auf Unabh\u00e4ngigkeit und milit\u00e4rische St\u00e4rke statt auf Vernetzung und internationale Organisation. Doch die Hinwendung zur Machtpolitik droht die Fehler der Globalisierungspolitik unter anderen Vorzeichen zu wiederholen. Im sicheren Glauben die Welt nun verstanden zu haben, wird \u201ealternativlose\u201c Politik betrieben, die ihre eigenen Risiken \u00fcbersieht und die Welt so auf Dauer unsicherer zu machen droht.<\/strong><\/p>\n<p>In Politik, Medien und Wissenschaft herrscht heute weitgehende Einigkeit, dass sich die internationale Politik in den letzten Jahren grundlegend ver\u00e4ndert hat: Nicht mehr Multilateralismus, Recht und offener Handel charakterisieren die Weltpolitik, sondern die Logik von Macht und St\u00e4rke. Diese Ver\u00e4nderungen werden oft als eine R\u00fcckkehr zu den eigentlich schon immer geltenden Mustern der internationalen Politik gedeutet, als habe das Zeitalter der Globalisierung und Verrechtlichung sie nur zeitweise \u00fcberdeckt. In diesem Verst\u00e4ndnis werden wir Zeugen einer \u201eR\u00fcckkehr der <a href=\"https:\/\/www.eeas.europa.eu\/sites\/default\/files\/documents\/strategic_compass_en3_web.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Machtpolitik\u201c<sup>1<\/sup>,<\/a> \u201eR\u00fcckkehr der Geo\u00f6konomie\u201c<a href=\"https:\/\/www.blog-bpoe.com\/2022\/04\/11\/saxergeooekonomie\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><sup>2<\/sup><\/a>, \u201eR\u00fcckkehr der Realpolitik\u201c<a href=\"https:\/\/www.prif.org\/spotlight0426-fn\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><sup>3<\/sup><\/a> oder \u201eR\u00fcckkehr der Geopolitik\u201c<a href=\"https:\/\/www.prif.org\/spotlight0426-fn\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><sup>4<\/sup><\/a>.<\/p>\n<p>Aufs \u00e4u\u00dferste zugespitzt hat diese Sichtweise j\u00fcngst Trump-Berater Stephen Miller nach der US-Intervention in Venezuela: \u201eWir leben in einer Welt, in der realen Welt, die von St\u00e4rke beherrscht wird, die von Gewalt beherrscht wird, die von Macht beherrscht wird. Das sind die ehernen Gesetze der Welt, die seit Anbeginn der Zeit bestehen.\u201c<a href=\"https:\/\/transcripts.cnn.com\/show\/cg\/date\/2026-01-05\/segment\/01\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><sup>5<\/sup><\/a><\/p>\n<p>Aus dieser Perspektive erscheint Macht vor allem als F\u00e4higkeit, sich unmittelbar gegen andere durchzusetzen, notfalls mit Gewalt. Andere Formen von Macht, zum Beispiel durch die Gestaltung von Regeln, durch wirtschaftliche oder kulturelle Anziehungskraft oder die F\u00e4higkeit zur Koalitionsbildung geraten in den Hintergrund. Wer am Ende nicht zum Spielball anderer werden will, muss sich gegen sie r\u00fcsten, durch m\u00f6glichst gro\u00dfe Unabh\u00e4ngigkeit und Ausbau der eigenen Durchsetzungsf\u00e4higkeit. Milit\u00e4rische Handlungsf\u00e4higkeit und strategische Autonomie werden so zu Leitmotiven der Sicherheits-, Au\u00dfen- und Wirtschaftspolitik.<\/p>\n<div class=\"su-box su-box-style-default\" id=\"\" style=\"border-color:#144565;border-radius:3px;\"><div class=\"su-box-title\" style=\"background-color:#477898;color:#fefefe;border-top-left-radius:1px;border-top-right-radius:1px\">Internationale Gewalt und Entwicklung nach dem Ende des Ost-West-Konflikts<\/div><div class=\"su-box-content su-u-clearfix su-u-trim\" style=\"border-bottom-left-radius:1px;border-bottom-right-radius:1px\">Nach dem Ende des Kalten Krieges fiel die Zahl der Toten in milit\u00e4rischen Konflikten mit staatlicher Beteiligung deutlich ab und blieb \u00fcber Jahrzehnte (bis 2011) stabil auf vergleichsweise niedrigem Niveau.<a href=\"https:\/\/www.prif.org\/spotlight0426-fn\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><sup>6<\/sup><\/a> Parallel verbesserten sich global Lebenserwartung, Bildung und Lebensstandards, wie sie im Human Development Index (HDI) des UN-Entwicklungsprogramms (UNDP) abgebildet werden von 1990 bis 2019 kontinuierlich.<a href=\"https:\/\/hdr.undp.org\/data-center\/human-development-index\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><sup>7<\/sup><\/a><\/p>\n<figure id=\"attachment_15300\" aria-describedby=\"caption-attachment-15300\" style=\"width: 1024px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-15300\" src=\"https:\/\/blog.prif.org\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Blog1.jpg\" alt=\"Liniendiagramm, das Todesopfer durch Kampfhandlungen in Konflikten auf einer Skala von 0 bis 650.000 von vor 1950 bis nach 2020 zeigt. Zu Beginn gibt es einen hohen Ausschlag zwischen 600.000 und 650.000 und dann mehrere weitere Spitzen um ca. 1970 und 1990. Zwischen 1990 und 2010 ist die Linie durchgehend sehr niedrig, erst danach steigt sie wieder an und erreicht kurz nach 2020 wieder fast 300.000.\" width=\"1024\" height=\"663\" srcset=\"https:\/\/blog.prif.org\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Blog1.jpg 1024w, https:\/\/blog.prif.org\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Blog1-300x194.jpg 300w, https:\/\/blog.prif.org\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Blog1-768x497.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-15300\" class=\"wp-caption-text\">Todesopfer durch Kampfhandlungen in Konflikten, an denen mindestens eine staatliche Partei beteiligt ist. Quelle: PRIO Battledeaths Dataset 3.1 (bis 1988)<a href=\"https:\/\/www.prif.org\/spotlight0426-fn\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><sup>8<\/sup><\/a> und UCDP Battle-related Deaths Dataset 25.1 (ab 1989)<a href=\"https:\/\/www.prif.org\/spotlight0426-fn\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><sup>9<\/sup><\/a>.<\/figcaption><\/figure>\n<figure id=\"attachment_15302\" aria-describedby=\"caption-attachment-15302\" style=\"width: 1024px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-15302\" src=\"https:\/\/blog.prif.org\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Blog2.jpg\" alt=\"Liniendiagramm, ads den Human Development Index global zwischen 1990 und 2023 zeigt. Die Linie beginnt 1990 bei 0,6 und steigt dann kontinuierlich an, bis sie zum Ende hin bei circa. 0,75 liegt.\" width=\"1024\" height=\"663\" srcset=\"https:\/\/blog.prif.org\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Blog2.jpg 1024w, https:\/\/blog.prif.org\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Blog2-300x194.jpg 300w, https:\/\/blog.prif.org\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Blog2-768x497.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-15302\" class=\"wp-caption-text\">Human Development Index global, 1990\u20132023. Datenquelle: UNDP: Human Development Reports, <a href=\"https:\/\/hdr.undp.org\/data-center\/documentation-\u00adand-downloads\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/hdr.undp.org\/data-center\/documentation-\u00adand-downloads<\/a><\/figcaption><\/figure>\n<\/div><\/div>\n<h2>Die Kritik an der \u201emachtvergessenen\u201c Globalisierung<\/h2>\n<p>Verbunden ist diese Diagnose meist mit einer Kritik an der Politik der vergangenen Jahrzehnte, einer Politik, die auf immer engere internationale Vernetzung setzte: durch die Globalisierung der Wirtschaft, die \u00d6ffnung von Grenzen sowie die Ausweitung und St\u00e4rkung internationaler Regeln und Organisationen.<br \/>\nDiese Politik, so der Vorwurf, sei ein Irrweg gewesen, weil sie eben die ehernen Gesetze internationaler Politik \u2013 die Bedeutung von Macht und den Vorrang nationaler Interessen \u2013 verkannt habe. Der Glaube, dass immer mehr Vernetzung zu immer mehr Frieden und Wohlstand beitrage, sei \u201esehr naiv\u201c und beispielsweise im Hinblick auf Russland ein \u201eschrecklicher Fehler\u201c gewesen.<a href=\"https:\/\/ip-quarterly.com\/en\/meaning-geopolitical-europe-response-hans-kundnani\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><sup>10<\/sup><\/a> Die Devise \u201eWandel durch Handel\u201c habe sich zwar als \u201ebequem\u201c, aber letztlich als \u201eepochale[r] Irrtum\u201c erwiesen.<a href=\"https:\/\/www.welt.de\/wirtschaft\/plus237781839\/Wandel-durch-Handel-Wie-Deutschland-der-epochale-Irrtum-trifft.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><sup>11<\/sup><\/a><\/p>\n<p>Die Verfechterinnen und Verfechter internationaler Verflechtung sind zwar keineswegs verschwunden. Doch sie geraten zunehmend in die Defensive. Daf\u00fcr gibt es naheliegende Gr\u00fcnde: Der Krieg gegen die Ukraine ist tats\u00e4chlich ein R\u00fcckfall in dunkle Zeiten europ\u00e4ischer Gewaltpolitik. Offen r\u00fccksichtslos auftretende Machtpolitiker wie Wladimir Putin und Donald Trump dominieren die \u00f6ffentliche Aufmerksamkeit. Dagegen muss die Hoffnung auf eine friedliche Welt, in der f\u00fcr alle verbindliche Regeln herrschen, schnell naiv aussehen.<\/p>\n<h2>Die Ambivalenz der Globalisierungspolitik<\/h2>\n<p>Doch die Kritik an der Verflechtungspolitik macht es sich zu leicht. Denn diese Politik lebt nicht einfach von einer vagen Hoffnung und purer Naivit\u00e4t. Ideengeschichte und Forschung st\u00fctzen sie. Dass Verflechtung, Interdependenz und regelm\u00e4\u00dfige Zusammenarbeit die Chance auf dauerhaften Frieden erh\u00f6hen, hat schon Immanuel Kant hervorgehoben.<a href=\"https:\/\/www.prif.org\/spotlight0426-fn\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><sup>12<\/sup><\/a> Und die Forschung hat gezeigt, dass Handel und \u00f6konomische Interdependenz tats\u00e4chlich Frieden beg\u00fcnstigen, besonders wenn die Handel treibenden Staaten in gemeinsame internationale Institutionen eingebettet sind.<sup><a href=\"https:\/\/www.prif.org\/spotlight0426-fn\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">13<\/a><\/sup><\/p>\n<p>Die Strategie der 1990er-Jahre, immer mehr Staaten in das Geflecht internationaler Handelsbeziehungen und internationaler Organisationen einzubeziehen, hat zudem beeindruckende Erfolge vorzuweisen. Alleine schon, dass das Ende des Kalten Krieges nicht wie andere Epochenbr\u00fcche zu einem gro\u00dffl\u00e4chigen Krieg f\u00fchrte (wenn es auch nicht ganz ohne Gewalt abgelaufen ist), hat viel damit zu tun, dass ein dichtes Geflecht internationaler Organisationen existierte, das durch Regeln, wirtschaftliche \u00d6ffnung und institutionelle Einbindung die Anreize f\u00fcr Gewalt zwischen den Gro\u00dfm\u00e4chten entscheidend reduzierte. Als Erfolg verbuchen kann diese Strategie auch einen R\u00fcckgang internationaler Gewalt und Fortschritte bei Wohlstand und Entwicklung bis in die 2010er-Jahre (s. Infokasten).<\/p>\n<p>Zu einem zentralen Problem wurde allerdings, dass diese Strategie zunehmend ihre eigene Ambivalenz und die Offenheit der Zukunft aus dem Blick verlor und darauf setzte, dass Demokratie, Frieden und Wohlstand sich ungebrochen ausbreiten w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Dass Interdependenz zwei Seiten hat und nicht zwangsl\u00e4ufig zu Frieden f\u00fchrt, hat die Forschung aber schon in den 1970er-Jahren ausf\u00fchrlich diskutiert. Verflechtung f\u00fchrt Staaten nicht nur n\u00e4her aneinander heran und macht Krieg kostspielig. Sie schafft auch Abh\u00e4ngigkeiten, die ausgenutzt werden k\u00f6nnen. Interdependenz schafft Macht nicht ab, sondern ver\u00e4ndert ihre Funktionsweise.<a href=\"https:\/\/www.prif.org\/spotlight0426-fn\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><sup>14<\/sup><\/a><\/p>\n<p>Au\u00dferdem wurde in den 1990er-Jahren offensichtlich die demokratisierende Kraft internationaler Verflechtung \u00fcbersch\u00e4tzt. Die Einbindung der mittel- und osteurop\u00e4ischen Staaten in die EU oder Russlands und Chinas in die WTO war eine Wette auf eine Zukunft, in der diese Staaten sich durch ihre Einbindung zu liberalen Demokratien entwickeln und der Frieden zwischen Demokratien sich damit immer weiter ausbreiten w\u00fcrde. Sie war auch eine Wette darauf, dass die westlichen Demokratien weiterhin der liberalen Demokratie verpflichtet bleiben und das V\u00f6lkerrecht st\u00fctzen w\u00fcrden. Wie jede Wette war auch diese mit Risiken verbunden. Was vers\u00e4umt wurde, war diese Risiken abzusichern.<\/p>\n<p>Aus dieser Sicht wurden also nicht naiv eherne Gesetze der Politik ignoriert, sondern Risiken untersch\u00e4tzt. Entscheidend ist daher nicht, dass auf Kooperation und Verflechtung gesetzt wurde, sondern dass die damit verbundenen Risiken kaum ber\u00fccksichtigt wurden.<\/p>\n<p>Doch genau diesen Fehler wiederholt nun die aktuelle Hinwendung zur Machtpolitik: Sie nimmt an, dass sich die aktuellen Entwicklungen ungebrochen in die Zukunft fortsetzen werden. Doch im Fall der Machtpolitik ist das besonders gef\u00e4hrlich. Denn was wie kluge Zukunftsvorsorge aussehen mag, verst\u00e4rkt die problematischen Trends der Gegenwart nur weiter. So droht eine Politik, die Sicherheit verspricht, die Welt nicht stabiler, sondern auf Dauer gef\u00e4hrlicher zu machen.<\/p>\n<h2>Die Ambivalenz der Machtpolitik<\/h2>\n<p>Zwei grundlegende Probleme erzeugt die Hinwendung zur Machtpolitik. Zum einen kann eine Strategie der Aufr\u00fcstung und Verringerung von Abh\u00e4ngigkeiten, selbst wenn sie defensiv gemeint ist, vom Gegen\u00fcber leicht als offensive Vorbereitung auf einen Konflikt verstanden werden. Wenn mein Gegen\u00fcber sich sichtbar auf den Ernstfall vorbereitet und zugleich die eigenen Kosten eines Konflikts reduziert, bin ich dann nicht gut beraten, ebenfalls aufzur\u00fcsten und mich unabh\u00e4ngig zu machen? Wer die \u201eSprache der Macht\u201c (Friedrich Merz)<a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=wpjeNHd9tSQ\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><sup>15<\/sup><\/a> spricht, tr\u00e4gt dazu bei, dass auch in dieser Sprache geantwortet wird.<\/p>\n<p>Zum anderen ver\u00e4ndert diese Politik auch die sozialen Beziehungen zwischen den Betroffenen. Wenn Staaten Beziehungen abbrechen oder zur\u00fcckbauen, dann ruft dies Ablehnung unter den fr\u00fcheren Partnern hervor und s\u00e4t Misstrauen. Dazu muss sich der betreffende Staat nicht einmal so offen gegen seine fr\u00fcheren Partner stellen, wie das zum Beispiel die USA unter Donald Trump tun. Schon der Wunsch Gro\u00dfbritanniens aus der EU auszutreten, f\u00fchrte zu einer merklichen Abk\u00fchlung in den Beziehungen der EU zu Gro\u00dfbritannien, \u00e4hnlich wie bei jemandem, dessen Ehepartner einseitig die Scheidungspapiere einreicht.<\/p>\n<p>Beides kann leicht zu Abw\u00e4rtsspiralen in den Beziehungen f\u00fchren. Vorsorge erzeugt Misstrauen, Misstrauen verlangt weitere Vorsorge. So breitet sich Misstrauen aus und verst\u00e4rkt sich, wenn nicht aktiv gegengesteuert wird. In einer Welt aber, die von wechselseitigem Misstrauen gepr\u00e4gt ist und davon, dass alle sich auf den schlimmsten Fall vorbereiten, sind letztlich alle unsicherer als in einer Welt, die von Kooperation gepr\u00e4gt ist.<\/p>\n<p>So werden beide Strategien, Vernetzungs- und Machtpolitik, zum Problem, wenn sie absolut gesetzt werden und ihre eigenen Ambivalenzen nicht ber\u00fccksichtigen: Vernetzungspolitik muss das Risiko im Blick behalten, dass Vernetzung auch ausgebeutet werden kann; Machtpolitik muss das Risiko im Blick behalten, dass sie Spiralen des Misstrauens f\u00f6rdert, die dauerhaft Beziehungen zerst\u00f6ren und dass sie so die kriegerische Welt heraufbeschw\u00f6rt, gegen die sie sich abzusichern sucht.<\/p>\n<p>Was bedeutet das f\u00fcr die politische Praxis?<\/p>\n<h2>Pl\u00e4doyer f\u00fcr eine risikobewusste Politik<\/h2>\n<p>Wichtig w\u00e4re vor allem, dass beide Strategien sich nicht nur an den Risiken der anderen Strategie abarbeiten, sondern dass sie die eigenen Risiken mitdenken und politisch bearbeiten.<\/p>\n<p>Das beginnt schon in der Rhetorik. Globalisierung w\u00e4re dann beispielsweise nicht als \u201eNaturgewalt\u201c (Bill Clinton) zu bezeichnen<a href=\"https:\/\/www.presidency.ucsb.edu\/documents\/remarks-vietnam-national-university-hanoi-vietnam\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><sup>16<\/sup><\/a>, sondern als politische und wirtschaftliche Strategie. Das Risiko, dass St\u00e4rkere sich r\u00fccksichtslos auf Kosten der Schw\u00e4cheren durchsetzen, w\u00e4re ebenso kein \u201eehernes Gesetz\u201c, sondern ein Ph\u00e4nomen, das prinzipiell auch \u00fcberwindbar ist.<\/p>\n<p>Wer politische Strategien so nicht als Folge unver\u00e4nderlicher Gesetze, sondern als Entscheidungen unter Unsicherheit beschreibt, nimmt ihnen den Anschein der Alternativlosigkeit. Erst dann werden die Nebenfolgen der eigenen Politik \u2013 etwa die Risiken von Machtpolitik f\u00fcr Vertrauen und Kooperation \u2013 \u00fcberhaupt politisch verhandelbar.<\/p>\n<p>Risiken der eigenen Strategie ernst zu nehmen, setzt sich in der Substanz der Politik fort. Risikobewusste Politik setzt nicht alles auf eine Karte.<\/p>\n<p>In diesem Sinne w\u00e4re eine multilaterale Politik beispielsweise nicht mehr auf eine Vision einer notwendig immer mehr nach westlichen Vorstellungen gestalteten Welt ausgerichtet. Sie k\u00f6nnte einen d\u00fcnneren Multilateralismus schaffen, der zuerst fragt, wo in der internationalen Politik grundlegende gemeinsame Interessen bestehen, aber offen bleibt f\u00fcr potentielle Interessendivergenzen in anderen Fragen.<a href=\"https:\/\/www.prif.org\/spotlight0426-fn\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><sup>17<\/sup><\/a> Ein solcher \u201ed\u00fcnner\u201c Multilateralismus w\u00fcrde zum Beispiel die Erwartungen an Konvergenz begrenzen und damit das Risiko verringern, dass Entt\u00e4uschungen \u00fcber ausbleibende Anpassung in politische Konflikte umschlagen.<\/p>\n<p>Eine st\u00e4rker machtpolitisch orientierte Strategie m\u00fcsste das Risiko von Misstrauensspiralen ernst nehmen. Hier m\u00fcsste zum Beispiel nach Wegen gesucht werden, wie Verteidigungsf\u00e4higkeit so gestaltet werden kann, dass sie eindeutig defensiv bleibt und nicht als Vorbereitung auf einen Angriff interpretiert werden kann. Konzepte aus der Friedensforschung der 1980er-Jahre wie strukturelle Nichtangriffsf\u00e4higkeit k\u00f6nnen hier wichtige Ankn\u00fcpfungspunkte sein.<a href=\"https:\/\/www.prif.org\/spotlight0426-fn\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><sup>18<\/sup><\/a> Und das gilt nicht nur f\u00fcr milit\u00e4rische Fragen, sondern ebenso f\u00fcr den Umgang mit wirtschaftlicher Verflechtung und strategischer Autonomie. Auch hier stellt sich die Frage, wie Ma\u00dfnahmen so gestaltet werden k\u00f6nnen, dass sie Vorsorge erm\u00f6glichen, ohne als Angriff auf die wirtschaftliche Sicherheit anderer verstanden zu werden und Eskalationsdynamiken zu verst\u00e4rken.<\/p>\n<p>Das hei\u00dft nicht, dass das Streben nach Verteidigungsf\u00e4higkeit und der R\u00fcckbau von Verflechtung an und f\u00fcr sich verh\u00e4ngnisvolle Wege sind. Es geht auch nicht darum, eine Politik des \u201eSowohl-als-auch\u201c zu betreiben, die vage versucht, Autonomie und Verflechtung unter einen Hut zu bringen. Es bedeutet vielmehr, die Risiken der eigenen Strategie konkret zu benennen und nach ebenso konkreten Wegen zu suchen, sie zu minimieren. Dazu z\u00e4hlen nicht nur die hier diskutierten sicherheitspolitischen Eskalationsrisiken, sondern auch die gesellschaftlichen und \u00f6kologischen Kosten beider Ans\u00e4tze \u2013 etwa wachsende soziale Ungleichheiten oder die dramatische \u00dcbernutzung nat\u00fcrlicher Lebensgrundlagen.<\/p>\n<p>Insgesamt erfordern beide Strategien ein Bewusstsein f\u00fcr die Spannungen und Zielkonflikte, die sie erzeugen. Das verlangt denen, die politische Entscheidungen treffen, wie auch der politischen \u00d6ffentlichkeit Offenheit ab: die Bereitschaft, Ambivalenz auszuhalten und die Hoffnung auf klare Eindeutigkeit aufzugeben.<\/p>\n<p>Das ist nicht unm\u00f6glich. Europa hat beispielsweise gelernt in der Volksrepublik China sowohl einen potentiellen Partner als auch einen Wettbewerber und strategischen Rivalen zu sehen und ist damit schon weiter als so manche in der US-Administration. Genauso wird Europa auch lernen m\u00fcssen, zum Beispiel in den USA nicht nur den Partner, sondern auch einen potentiellen Konkurrenten zu erkennen.<\/p>\n<p>All das macht Politik nicht einfacher. Aber es bietet die beste Hoffnung eine destruktive Spirale der Machtpolitik zu verhindern, bevor sie die Welt in die n\u00e4chste gro\u00dfe Krise st\u00fcrzt.<\/p>\n<hr \/>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-15308 alignleft\" src=\"https:\/\/blog.prif.org\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Spotlight-4-2026-Cover-kl.jpg\" alt=\"Cover PRIF Spotlight 4\/2026\" width=\"200\" height=\"277\" \/> Download (pdf): <a href=\"https:\/\/www.prif.org\/fileadmin\/Daten\/Publikationen\/PRIF_Spotlights\/2026\/PRIF_Spotlight_4_2026_barrierefrei.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><span class=\"s_autoren\">Peters, Dirk<\/span>\u00a0(<span class=\"s_publikationsjahr\">2026<\/span>):\u00a0<span class=\"s_titel\">Sicherheit, die uns unsicher macht: Die neue Selbstverst\u00e4ndlichkeit der Machtpolitik<\/span>,\u00a0<span class=\"s_reihentitel\">PRIF Spotlight<\/span>\u00a0<span class=\"s_reihennummer\">4\/2026<\/span>,\u00a0<span class=\"s_erscheinungsort\">Frankfurt\/M.<\/span>\u00a0<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.prif.org\/spotlight0426-fn\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Zu den Fu\u00dfnoten<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<hr \/>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach Jahren der Globalisierung scheint die Welt in die Logik der Macht zur\u00fcckzufallen. Die Kritik an \u201enaiver\u201c Globalisierungspolitik hat Hochkonjunktur. Zunehmend wird auf n\u00fcchterne Machtpolitik gesetzt, auf Unabh\u00e4ngigkeit und milit\u00e4rische St\u00e4rke statt auf Vernetzung und internationale Organisation. Doch die Hinwendung zur Machtpolitik droht die Fehler der Globalisierungspolitik unter anderen Vorzeichen zu wiederholen. 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