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Jenseits der Zapfsäule: Wie der Krieg am Persischen Golf eine Energie- und Rohstoffkrise zugleich ist

12. March 2026

Der US-amerikanisch-israelische Krieg gegen Iran weitet sich mittlerweile zu einem regionalen Krieg aus und die Schließung der Straße von Hormus könnte die größte Ölangebotskrise seit Generationen bedeuten. Die deutsche mediale Debatte kam bisher kaum über einen Fokus auf Preise an deutschen Tankstellen hinaus. Dabei sind die Staaten am Persischen Golf bedeutende Produzenten von wichtigen Ausgangstoffen der chemischen Industrie sowie der Düngemittelherstellung. Entsprechend steht derzeit nicht nur die Weltwirtschaft unter Druck, sondern auch die weltweite Chipherstellung sowie die Ernährungssicherheit in weiten Teilen Asiens auf dem Spiel.

Seit mehr als einer Woche ist die Meerenge der Straße von Hormus durch Iran effektiv geschlossen – durch dieses Nadelöhr der globalen Schifffahrt werden etwa 20 Prozent des täglichen weltweiten Mineralölverbrauchs transportiert. Die Deutsche Rohstoffagentur (DERA) spricht demnach auch von der „bedeutendste[n] Bedrohung der weltweiten Energieversorgungssicherheit der jüngeren Geschichte.“ Je nachdem wie lange die Blockade noch anhält, könnte der Ölpreisschock deutlich stärker für die Weltwirtschaft sein als beispielsweise während der Weltfinanzkrise von 2008 und dem russischen Einmarsch in die Ukraine 2022. Global könnte dies eine erneute Rezession zur Folge haben und bei gleichzeitig hoher Preisinflation zu einer schwer zu entrinnenden Stagflation führen.

Gingen Präsident Trump und der internationale Ölhandel zunächst von einer nur kurzen Störung aus, eskalierte die existentiell bedrohte iranische Führung militärisch und spielte mit der Straße von Hormus ihren strategisch größten Trumpf aus: Es liegt nun allein in Teherans Händen, wann die Straße wieder normal – und ohne Preisaufschläge für Risikoversicherungen – passierbar sein wird.  Zwei vernachlässigte Aspekte sind an dieser Krise besonders hervorzuheben: Erstens sind es vor allem asiatische Länder, die von der Eskalation des Kriegs und den dadurch resultierenden Ausfall von Öl und Flüssigerdgas (LNG oder liquefied natural gas) und entsprechend steigenden Rohstoffpreisen aus der Golfregion betroffen sind. Zweitens beeinflusst die gegenwärtige Situation am Golf nicht nur Energieströme, sondern auch den Export kritischer Rohstoffe aus der petrochemischen Industrie von der Chipherstellung bis hin zu Düngemitteln, durch welche indirekt die Ernährungssicherheit in weiten Teilen Südasiens bedroht werden könnte.

Abhängigkeiten in Asien

Südkorea beispielsweise importiert 70,7 Prozent seines Rohöls und 20,4 Prozent seines gesamten Flüssigerdgasbedarfs aus dem Persischen Golf. Die weltweit führende südkoreanische Halbleiterproduktion bezieht zudem über 90 Prozent des Rohstoffes Helium aus Katar. Entsprechend unter Druck stehen derzeit die Börsenkurse in Seoul und Tokio. Die philippinische Regierung hat zudem als öffentlichkeitswirksame Energiesparmaßnahme die 4-Tage-Woche für den öffentlichen Sektor eingeführt.

Indien könnte eine andauernde Energiekrise inmitten einer baldigen Hitzeperiode treffen: Gerade in heißen Tropennächten nimmt die Elektrizitätsnachfrage deutlich zu und sie wird in der Regel durch Gaskraftwerke gedeckt. Sollte dies aufgrund erhöhter Gaspreise nicht möglich sein, droht der Einsatz von Kohlekraftwerken mit der Folge von lokalen Schadstoffen in der Luft und mehr CO2-Emissionen in der Atmosphäre. Ob die Stromnachfrage auch zu einem beschleunigten Ausbau von Solarkapazitäten in Asien führen wird, bleibt abzuwarten – durch den Preisverfall chinesischer Module in den letzten Jahren sind Solarpanele überall in der Region bereits kräftig zugebaut worden.

Petrochemische Nebenprodukte und kritische Rohstoffe

Um selbst weniger abhängig vom Rohölexport zu werden, haben viele Golfstaaten in den letzten Jahrzehnten in große petrochemische Industriekomplexe, Häfen und Exportterminals, sowie Forschungszentren investiert. Hier lassen sich aus Rohöl Produkte mit höherer Wertschöpfung herstellen: Kunststoffe, Spezialchemikalien und maßgeblich auch Kunstdünger. Durch den Fokus auf vier der wichtigsten lokal produzierten Rohstoffe (Aluminium, Schwefel, Ammoniak und Helium) lässt sich die gegenwärtige Energiekrise noch deutlicher als tiefgreifende Rohstoffkrise veranschaulichen.

So sind die Staaten am Persischen Golf laut DERA zusammen für ungefähr 9 Prozent der globalen Aluminiumproduktion verantwortlich, wobei 18 Prozent der Importe in die Europäische Union aus der Region kommen: „Selbst kurze Lieferunterbrechungen dürften zu spürbaren Auswirkungen in Europa führen.“ Aluminium ist eines der am häufigsten genutzten Metalle überhaupt, so z.B. im Maschinenbau, der Bauindustrie wie auch der Elektrotechnik. Aluminium selbst ist kein Produkt der Petrochemie, die Herstellung von Aluminium bedarf aber enormer Mengen von Elektrizität, welche durch Erdgaskraftwerke bereitgestellt wird. Maßgeblich ist Aluminium auch in „Grünen Technologien“ wie z.B. Solar- und Windkraftwerke, Batterien und in Stromübertragungsnetzen.

Schwefel als Ausgangsstoff für Schwefelsäure ist ein weiterer wichtiger Rohstoff aus der petrochemischen Industrie, von dem rund 24 Prozent der globalen Produktion aus dem Persischen Golf stammen. Laut dem Energie- und Rohstoffpreisanalysten Argus strömt sogar knapp die Hälfte des globalen Seehandels mit Schwefel durch die Straße von Hormus. Der Rohstoff wird durch die Entschwefelung von Öl und Gas gewonnen und wird bei der Düngemittelherstellung, aber auch beim Auslaugen von Metall-Erzen, als Bleisäurebatterie-Bestandteil oder als Zwischenprodukt bei der Herstellung zahlreicher anderer Verbindungen verwendet. Entsprechend wird befürchtet, dass eine Verknappung des Schwefelangebotes aus Nahost ebenso die Kupfer- und Kobaltproduktion in Zentralafrika wie auch die Nickelproduktion in Indonesien ausbremsen könnten. In China, welches knapp ein Viertel seines Schwefelbedarfs durch Importe aus dem Golf deckt, bestehen bereits Befürchtungen, dass der heimischen Düngemittelherstellung ein Engpass bevorsteht, was die landwirtschaftlichen Erträge schmälern und Lebensmittelpreise steigen lassen könnte.

Erdgas ist zudem auch der Ausgangsstoff für weitere wichtige Rohstoffe in der Düngerherstellung wie Urea oder Ammoniak.  Ungefähr 9 Prozent der weltweiten Ammoniakproduktion im Jahr 2024 kamen aus dem Iran, Oman, Katar und Saudi-Arabien. Asiatische Staaten wie Indien oder Thailand beziehen Urea oder Harnstoff zu 41 bzw. 71 Prozent aus dem Persischen Golf. Sollte die Straße von Hormus entsprechend längerfristig geschlossen sein, dürfte dies deutliche Preissteigerungen in regionalen Lebensmittelproduktionen und dadurch für die Ernährungssicherheit zur Folge haben.

Darüber hinaus gibt es petrochemische Produkte für Spezialanwendungen, die in großen Maßen am Golf produziert werden. Helium zum Beispiel ist ein wichtiger Rohstoff für medizinische Magnetresonanztomographie, Raumfahrtindustrie und Halbleiterherstellung. Der globale Heliummarkt ist dabei vergleichbar mit anderen kritischen Materialien wie Antimon oder Rhodium. Die Herstellung von Helium ist stark gekoppelt an Erdgasproduktion in einigen wenigen Regionen, u.a. in den USA und am Persischen Golf, wo die Heliumabscheidung vorteilhaft ist. Bei konstant steigender Nachfrage sprechen Experten allerdings schon seit vielen Jahre von einer Heliumknappheit.  Da Katar einer der weltweit größten Produzenten mit einem Anteil am Helium-Weltmarkt von 36 Prozent ist, dürfte der Heliumpreis so lange steigen, wie die Straße von Hormus gesperrt bleibt.

Energie- und Ernährungssicherheit ohne Petrochemie?

Die gegenwärtige Energie- und Rohstoffkrise zeigt die vielschichtigen Verknüpfungen zwischen Petrochemie, Energieströmen, Kriegswirren und Ernährungssicherheit auf drastische Weise auf. Dabei ist die Entstehung der Ammoniakherstellung durch das Haber-Bosch-Verfahren bereits eng mit Kriegswirtschaft und Seeblockaden verknüpft: Es wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts von Fritz Haber entwickelt und von Carl Bosch industriell umgesetzt, um aus Stickstoff und Wasserstoff Ammoniak herzustellen. Während des Ersten Weltkriegs ermöglichte dieses Verfahren dem Deutschen Kaiserreich trotz blockierter Rohstoffimporte weiterhin die Produktion von Kunstdünger und sicherte damit die landwirtschaftliche Versorgung. Gleichzeitig wurde das erzeugte Ammoniak auch zur Herstellung von Salpetersäure und damit zur Produktion von Sprengstoffen genutzt – das war das berühmte „Salpeterversprechen,“ das BASF dem Kriegsministerium 1914 gegeben hatte.

Es bleibt abzuwarten, welche technischen Entwicklungen der Zukunft in dieser Energiekrise ihren Anfang nehmen werden. Manche Hoffnungen ruhen hier auf Solartechnologie, welche derzeit ihren strategischen Wert für Energiesicherheit beweist und bereits heute den weltweit günstigsten Strom produziert. Die Rohstoffdimension des Krieges am Persischen Golf zeigt aber eine zusätzliche Herausforderung für den Weg in eine dekarbonisierte Welt jenseits petrochemischer Abhängigkeiten auf: Wie kann zukünftig die Ernährungssicherheit für die Weltbevölkerung ohne Kunstdünger aus der Öl- und Gasindustrie erreicht werden? Laut Welternährungsbericht litten im Jahr 2025 673 Millionen Menschen Hunger. Hauptgrund für diese Hungernotlage sind laut desselben Berichts wiederum Klimawandeleffeke sowie bewaffnete Konflikte.

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Patrick Flamm

Patrick Flamm

Dr. Patrick Flamm ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am PRIF im Programmbereich Internationale Sicherheit. Seine Forschung konzentriert sich auf das Verhältnis zwischen Umwelt, Frieden und Sicherheit im „Anthropozän“ sowie auf polare Geopolitik. // Dr. Patrick Flamm is a Senior Researcher at PRIF in the Research Department International Security. His research focuses on the relationship between the environment, peace and security in the “Anthropocene” as well as on polar geopolitics.
Lukas Wagner

Lukas Wagner

Dr. Lukas Wagner leitet die Arbeitsgruppe „Nachhaltig skalierbare Perowskit-Photovoltaik“ in der Physik-Fakultät an der Philipps-Universität Marburg. Er hat einen Hintergrund in der Materialforschung sowie Elektrotechnik.