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Verhandlungen im Ukrainekrieg: Europa auf der Speisekarte

17. March 2026

Von Beginn an wird im russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine nicht nur gekämpft, sondern auch verhandelt. Europa blieb diplomatisch zurückhaltend. Mit US-Präsident Donald Trump schlüpften die USA in die Rolle des Power Mediators. Die Europäer versäumten es in dieser entscheidenden Wende, einen kohärenten diplomatischen Ansatz zu entwickeln und wirtschaftliche sowie strategische Verhandlungsmasse zu generieren. Deshalb müssen sie am Katzentisch Platz nehmen und dabei zusehen, wie ihre Interessen verspeist werden.

Seit vier Jahren tobt der russische Angriffskrieg in der Ukraine. Genauso lange laufen diplomatische Bemühungen, seine Auswirkungen oder sogar Dauer zu begrenzen. Die Annahme, dass (direkte) Verhandlungen keinen Erfolg versprechen und der Krieg auf dem Schlachtfeld entschieden werden müsse,1 entkräftet sich, wenn man die diplomatischen Prozesse der vergangenen vier Jahre anhand von Konzepten der Verhandlungsforschung analysiert2 und das Zusammenspiel von Konfliktdynamik und Verhandlungsbemühungen im Verlauf des Krieges rekonstruiert. 

Ära Biden: Diplomatische Eindämmung des Krieges 

Die Verhandlungen über die Beendigung der russischen Vollinvasion in den ersten Monaten blieben nicht ohne Grund erfolglos. Die Ende April 2022 diskutierten Zwischenergebnisse enthielten drastische Konzessionen der Ukraine und entsprachen nicht ihrer damaligen Stärke auf dem Schlachtfeld. Nach Abbruch der Verhandlungen und mit der Unterstützung des Westens konnte Kyjiw große Teile seines Territoriums im Süden und Nordosten zurückerobern, einschließlich der wichtigen Städte Cherson und Charkiw. Zwar spielte Diplomatie auch im weiteren Verlauf des Krieges immer wieder eine Rolle. Jedoch ging es dabei meist um die Eindämmung seiner Auswirkungen, nicht um seine Beendigung. So trug der von der Türkei vermittelte Getreidedeal dazu bei, eine Welternährungskrise vorzubeugen.3 Diplomatische Initiativen ermöglichten außerdem die Überwachung des von Russland besetzten Atomkraftwerks Saporischschja durch die IAEA4 sowie den wiederholten Austausch von Gefangenen. Sie halfen nicht zuletzt auch dabei, die russischen nuklearen Drohungen einzuhegen.5 

Die ersten drei Kriegsjahre fielen in die Regierungszeit von US-Präsident Joe Biden. Die Strategie des westlichen Bündnisses kombinierte im Wesentlichen zwei Elemente: Eine graduell zunehmende Unterstützung der Ukraine mit Waffen, Geld und Aufklärung auf der einen Seite und ein sorgsames Eskalationsmanagement, damit der Krieg nicht horizontal (über die Grenzen des Landes hinaus) oder vertikal (durch den Einsatz von Massenvernichtungswaffen) eskaliert.6

Ära Trump: Vermittlung mit Druck und Anreizen 

Durch die Amtsübernahme von Donald Trump am 20. Januar 2025 veränderten sich die strategischen Rahmenbedingungen im Ukrainekrieg grundlegend. Die neue US-Administration beendete die Parteinahme für das angegriffene Land, reduzierte die Unterstützung drastisch und trieb Verhandlungen über einen Waffenstillstand und perspektivisch Frieden voran. Mit Trump schlüpften die USA in die Rolle des Power-Mediators,7 der kraft seiner Ressourcen Druck und Anreize generiert und damit die Kriegsparteien an den Verhandlungstisch drängt. 

Dabei konzentrierte sich der Druck zunächst vor allem auf die Ukraine bis hin zur Erpressung. Nach dem Eklat im Oval Office im Februar 2025 stellte Washington für einige Tage die Unterstützung des angegriffenen Landes vollständigen ein, bis Selenskyj auf den von Trump eingeschlagenen Verhandlungskurs einschwenkte. Durch eine verschärfte Sanktionierung russischen Öls nahmen die USA später aber auch Russland zunehmend in die Mangel. Mit Sekundärsanktionen auf importierende Länder und Abstrafung der beiden größten russischen Ölfirmen gelang es, Lieferungen nach China und Indien bis zum Beginn des Irankrieges Anfang 2026 zu reduzieren.8 

Indes lockte das Weiße Haus den Kreml wirtschaftlich mit der Aussicht auf Sanktionserlass, einer Wiedereingliederung in die Weltwirtschaft und großvolumigen Rohstoffabkommen im Falle eines Friedensschlusses. Noch wichtiger für Putin waren allerdings wohl die Angebote Washingtons hinsichtlich der künftigen strategischen Beziehungen – der Ausschluss einer NATO-Mitgliedschaft für die Ukraine, eine Wiederaufnahme des strategischen Dialogs und die Neuordnung der europäischen Sicherheitspolitik. 

Wenngleich weniger vorteilhaft, wurde auch Kyjiw mit Anreizen bedacht. Wirtschaftlich steht ein zwar ausbeuterischer, aber dennoch profitabler Rohstoffdeal im Angebot. Darüber hinaus hätte die Präsenz US-amerikanischer Unternehmen und Investitionen in der Ukraine eine abschreckende Wirkung für Russland und böte dem angegriffenen Land somit eine moderate Rückversicherung. 

Zeitstrahl: Wichtige diplomatische Etappen zwischen Donald Trumps
Amtsantritt im Januar 2025 und August 2025 (chronologisch):
18.2.2025 – Riad
Erstes Gipfeltreffen russ. und US-Delegationen
zur Wiederherstellung der bilateralen Beziehungen,
zuvor: Ausschluss NATO-Beitritt der Ukraine
28.2.2025 – Washington
Treffen Trump-Selenskyj im Weißen Haus
Eklat, vorübergehende Einstellung der US-Unterstützung,
Selenskyj lenkt ein
März 2025
Scheitern mehrerer Anläufe für Waffenruhe
wegen russ. Widerstands
2. Juni 2025 – Istanbul
Treffen russ. und ukrainische Unterhändler:
Einigung auf Gefangenenaustausch
Anfang August 2025
US-Sekundärsanktionen gegen Indien
18. August 2025 – Anchorage, Alaska
Erste direkte Gespräche zwischen Trump und Putin
USA signalisieren Bereitschaft zu Sicherheitsgarantien, UKR
und EU akzeptieren Frontverlauf als Ausgangspunkt,
weiter keine Waffenruhe.

Zeitstrahl: Wichtige diplomatische Etappen zwischen Donald Trumps Amtsantritt im Januar 2025 und August 2025

Anchorage als wichtige Zwischenetappe 

Im August 2025 kamen der amerikanische und russische Präsident erstmals seit Beginn der Invasion zu direkten Verhandlungen in Anchorage (Alaska) zusammen. Zuvor hatten sich die Europäer darauf konzentriert, die ukrainische Verhandlungsposition zu stärken und eine größere Berücksichtigung ihrer Interessen durch die USA zu erreichen. Dass sich Washington im Kontext des bilateralen Spitzengipfel in Anchorage zu weitergehenden Sicherheitsgarantien bereit erklärte, kann als Erfolg dieser Bemühungen gedeutet werden. Moskau wiederum billigte diese Entwicklung stillschweigend. Im Gegenzug akzeptierten die Ukraine und Europäer, die bis dahin offiziell zu keinen territorialen Zugeständnissen bereit waren, den aktuellen Frontverlauf als Ausgangspunkt für die Klärung territorialer Fragen. 

Mit der Forderung eines sofortigen Waffenstillstands aber konnten sich die USA, die Ukraine und die Koalition der Willigen nicht gegen Russland durchsetzen. Stattdessen intensivierten sich die Kampfhandlungen mit massiven russischen Angriffen auf zivile Ziele und Infrastruktur. Der Ukraine – zur Fortsetzung der Kampfhandlungen gezwungen – gelangen erfolgreiche Angriffe auf strategische militärische Ziele und die russische Ölwirtschaft. Auch die Verhandlungsaktivitäten blieben auf hohem Niveau. Beide Kriegsparteien nutzten konsequent militärische wie diplomatische Hebel, um ihre Interessen und Kriegsziele zu verteidigen. 

Konturierung einer möglichen Einigung durch Pendeldiplomatie 

Das von Steve Witkoff und Jared Kushner angeführte US-Verhandlungsteam bewegte sich weiter hin und her zwischen Moskau, Kyjiw, Washington, New York, Paris und Berlin. Dabei hatten sie immer neue, vor allem wirtschaftliche und strategische, Verhandlungsmasse im Gepäck. Als Zwischenergebnis dieser Pendeldiplomatie erregte im November 2025 der US 28-Punkte-Friedensplan9 öffentliche Aufmerksamkeit und Kritik (er sei zu pro-russisch). Kyjiw und seine europäischen Partner bildeten innerhalb des westlichen Bündnisses eine eigene Verhandlungsfront und erreichten substanzielle Änderungen. Konvertiert zu einem ausgeglicheneren 20-Punkte-Plan10 diente er als weitere Verhandlungsgrundlage. 

Zur Absicherung eines Friedens gelang in Mar-a-Lago im Dezember 2025 ein wichtiger Durchbruch mit der Einigung zwischen den USA und der Ukraine zu militärischen Sicherheitsgarantien. In Davos unterzeichneten Trump und Selenskyj daraufhin eine Vereinbarung, die mutmaßlich 15 Jahre umfasst und eine US-geführte Monitoring-Mission in der Ukraine beinhaltet.11 Finnland, das eine lange Grenze zu Russland hat, stellte sich gegen eine Formulierung von Sicherheitsgarantien, die NATO Artikel V zu sehr gleichen würde.12 Im Falle eines Wideraufflammens von Kämpfen fürchten sie eine Ausweitung des Krieges auf das eigene Territorium. In welchem Maße sich die Europäer über Waffenlieferungen und -finanzierung hinaus an den Sicherheitsgarantien beteiligen, ist noch offen. Ob auch französische und britische Schutztruppen vor Ort stationiert werden,13 bleibt unklar. Deutschland und andere Staaten zeigen sich bereit, von Nachbarländern der Ukraine aus im Ernstfall Beistand zu leisten.14 

Europäer bleiben diplomatisch zurückhaltend 

Über das Lobbying für ukrainische Positionen in Bezug auf Sicherheitsgarantien und Territorialfragen hinaus sind keine substanziellen diplomatischen Aktivitäten Europas bekannt. In europäischen Hauptstädten scheute man lang den direkten Austausch mit Putin. Es war (innen)politisch weniger riskant, auf Verhandlungsaktivitäten der Trump-Administration abwertend zu reagieren,15 als selbst diplomatisch in die Initiative gehen und mit dem Feind zu verhandeln. So plädierten Präsident Macron und Ministerpräsidentin Meloni erst Ende 2025 für einen diplomatischen Kurswechsel und direkte Gespräche mit Moskau.16 Bundeskanzler Merz dagegen lehnte dies noch im Januar 2026 ab.17 Durch Zögern und Uneinigkeit hat sich Europa diplomatisch ins Abseits manövriert – und endete am Katzentisch. Dabei haben die Europäer wirtschaftlich und strategisch nicht weniger zu bieten als die USA und hätten so das Kosten-Nutzen-Kalkül des Kremls zu ihren Gunsten und zum Vorteil der Ukraine manipulieren können.18 Dazu hätte z.B. die Aussicht auf eine Neuordnung der europäischen Sicherheitsarchitektur durch eine grundlegende, auf staatliche Sicherheitsinteressen konzentrierte OSZE-Reform gehören können. Um über eine Reduzierung russischer substrategischer nuklearer Fähigkeiten zu verhandeln, hätte Deutschland Bereitschaft zum Verzicht auf die Stationierung strategisch relevanter amerikanischer Mittelstreckensysteme signalisieren können. Die Europäische Union wiederum hätte ihre Sanktionspolitik ähnlich wie die USA mit einer Perspektive für eine konditionierte Wiederbelebung von Handelsbeziehungen flankieren können. 

Die eigenen Möglichkeiten, Anreize für eine Einigung zu setzen, blieben ungenutzt. Die Europäer beschränkten sich darauf, Druck auszuüben (Sanktionierung Russlands und militärische Unterstützung der Ukraine) und schöpften somit nur aus jenem Handlungsrepertoire, in dem sie eher schwach sind. Dieser strategische Fehler ist vor allem für die deutsche Diplomatie ein historisches Versagen, das Europa teuer zu stehen kommen kann. 

Wichtige Ereignisse in der Diplomatie zwischen November 2025-Februar 2026 (in chronologischer Reihenfolge): November 2025
US-28-Punkte Friedensplan
Nachverhandlungen durch Europäer und UKR auf 20-Punkte
28. Dezember 2025 – Mar-a-Lago (Florida)
Trump und Selenskyj vereinbaren US-Sicherheitsgarantien
22. Januar 2026 – Davos
Finalisierung der US-Sicherheitsgarantien
durch Trump und Selenskyj
23.-24. Januar 2026 – Abu Dhabi
Erstes trilaterales Treffen (UKR, RUS, USA)
Schwerpunkt: militärische Fragen
17.-18. Februar 2026 – Genf
Zweites trilaterales Treffen
Schwerpunkt: territoriale Fragen

Zeitstrahl: Wichtige diplomatische Etappen seit November 2025 (Stand:13. März 2026)

Europa als strategischer Verlierer 

Nach den ersten direkten Verhandlungen zwischen ukrainischen, russischen und amerikanischen Vertretern in Abu Dhabi und in Genf scheinen die meisten Fragen geklärt. Mögliche Parameter einer Beendigung des Ukrainekrieges und eines Friedensabkommens zeichnen sich immer deutlicher ab. Sollte es nicht an den letzten noch kritischen Territorialfragen scheitern, wird Russland – gemessen an seinen anfänglichen Kriegszielen – nicht als Sieger aus dem Schlachtfeld hervorgehen. Vielmehr hat sich die Ukraine als souveräner Staat behauptet und den eigenen nationalen Zusammenhalt – trotz herber Gebietsverluste – nach innen und außen gestählt. 

Doch auf strategischer Ebene, d.h. in Bezug auf Europa und die USA, würde Putin gewinnen. Russland hat im Verlauf des Ukrainekrieges seine nukleare Eskalationsdominanz auf dem Kontinent ausbauen können, u.a. durch die Entwicklung und Demonstration neuer Hyperschallträgersysteme und Marschflugkörper sowie die Stationierung russischer Nuklearwaffen in Belarus.19 Zugleich nutzte Putin die Gunst der Stunde, den Rückzug der USA aus der konventionellen Verteidigung Europas voranzutreiben. Die im Januar verabschiedete US-Verteidigungsstrategie20 bekennt sich explizit zu diesem Ziel und wurde ebenso wieder der daraufhin eingeleitete Transfer zweier amerikanischer Streitkräftekommandostellen auf europäische Befehlshaber im Februar21 während der trilateralen Verhandlungen öffentlich bekannt gegeben.  

Damit würde Europa als strategischer Verlierer aus dem Krieg hervorgehen. Nicht wegen der Skrupellosigkeit von Putin oder Trump. Sondern weil es sich weigerte, selbst für seine Interessen gegenüber dem Gegner einzustehen und sie in Verhandlungen zu verteidigen. Wer aber nicht mit am Tisch sitzt, steht auf der Speisekarte.


Download (pdf): Hach, Sascha (2026): Verhandlungen im Ukrainekrieg. Europa auf der SpeisekartePRIF Spotlight 5/2026Frankfurt/M. 

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Author(s)

Sascha Hach

Sascha Hach

Dr. Sascha Hach ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am PRIF und arbeitet zu Europäischer Sicherheit, Rüstungskontrolle und Vereinte Nationen. Er ist Teil der Forschungsgruppe „PATTERN“ sowie der „Arms Control Negotioation Academy (ACONA)“. // Dr. Sascha Hach is a Researcher at PRIF and his interests include European Security, arms control and the United Nations. He is part of the research group “PATTERN” and the “Arms Control Negotiation Academy (ACONA)”.