Krieg und Frieden vorhersagen? Möglichkeiten und Grenzen wissenschaftlicher Prognosen zum Ukraine-Krieg und der Rolle Trumps
Politik muss die Zukunft vorhersagen. Genauer: Strategien zur Lösung schwerwiegender Probleme sollten auf umfassenden und wohldurchdachten Einschätzungen aufbauen – zur Wahrscheinlichkeit zukünftiger Entwicklungen, zu Risiken und zu Chancen. Zentral für solche Einschätzungen sind wissenschaftliche Analysen – auch und gerade bei politisch weitreichenden Phänomenen wie Krieg und Frieden. Dieses Spotlight zeigt daher am Beispiel vergangener Prognosen und Empfehlungen zum Russland-Ukraine-Krieg auf, wie Wissenschaft zur besseren geopolitischen Entscheidungsfindung beitragen kann, wo sie an Grenzen stößt und wo ihre Potenziale liegen.
Trump und Kriege haben eines gemeinsam – sie gelten gemeinhin als schwer berechenbar, aber auch folgenschwer. Daher ist es gerade für den Ukraine-Russland-Krieg und die Rolle Trumps für diesen Konflikt besonders wichtig, relevantes Wissen zu erzeugen, falsche Vorstellungen zu identifizieren und Wissensgrenzen zu bestimmen. Und hier ist die Friedens- und Konfliktwissenschaft besonders gefragt.
Friedens- und Konfliktforschung analysiert die Ursachen, Eigenschaften und Folgen von Krieg, Frieden und ähnlichen Phänomenen. Für die Politik kann Friedens- und Konfliktwissenschaft damit mitunter drei wichtige Funktionen ausüben:
Erstens kann sie relevantes Wissen schaffen und falsche Vorstellungen kritisieren („known knowns“, also bekannte Bekannte), indem sie in historischen Fällen Regelmäßigkeiten und Pfadabhängigkeiten identifiziert, die potenziell auf gegenwärtige und zukünftige Phänomene angewendet werden können.
Zweitens kann sie auf bekannte Unbekannte („known unknowns“) hinweisen, also auf Faktoren, deren potenzielle Relevanz bekannt ist, ohne dass gesichert ist, wie und wann das der Fall sein wird.
Drittens kann sie dafür sensibilisieren, dass in Konflikten sehr häufig unbekannte Unbekannte („unknown unknowns“) am Werk sind, also Faktoren, die das Kriegsgeschehen maßgeblich beeinflussen, jedoch nicht vorhergesehen wurden oder gar nicht vorhersehbar sind.
Im Folgenden illustriere ich Grenzen und Potenziale von wissenschaftsbasierten Vorhersagen geopolitischer Phänomene. Grundlage dafür sind Vorhersagen zum Verlauf des Russland-Ukraine-Kriegs im Jahr 2025 sowie Trumps Rolle darin, die ich dann den tatsächlichen Ereignissen gegenüberstelle.
Öffentlichkeitsgewandte Kommunikation von Wissenschaft findet häufig in Kurzformaten wie Blogs oder Interviews statt. Anders als in der Fachliteratur1 fehlt hier häufig der Platz, zu signalisieren, wo und wie genau solche Einlassungen auf wissenschaftlichen Erkenntnissen beruhen. Um Spekulation zu vermeiden, diskutiere ich hier daher nur meine eigenen Einschätzungen.2
Welche Politik würde die USA unter Trump verfolgen?
Mit Blick auf bekannte Bekannte hatte ich drei Erwartungen.
Erstens würde Trump versuchen die Wirtschafts- und Militärhilfe an die Ukraine einzuschränken. Zweitens würde er Druck auf Kyiv ausüben, Zugeständnisse in Territorialfragen und NATO-Anbindung zu machen, um schnell einen Waffenstillstand zu erreichen. Diese beiden Erwartungen speisten sich aus den Lehren von Trumps erster Amtszeit und seinen eigenen Verlautbarungen zum Konflikt vor der Wahl.
Drittens erwartete ich, dass dennoch die US-Politik unter Trump auch Elemente von vorherigen Regierungen tragen würde. Grund dafür war zum einen eine damals in der US-Bevölkerung verbreitete Wahrnehmung: Viele sahen die Ukraine als freiheitliche Demokratie im Kampf gegen einen übermächtig tyrannisch-imperialistischen Aggressor und fanden, dass „Deals“ mit schwächeren „Schurkenstaaten“ für die USA unziemlich sind. Auch ging ich davon aus, dass dadurch viele in der Demokratischen aber auch in der Republikanischen Partei sich Trumps Kurs widersetzen würden.
Die drei Erwartungen zeigen ein Grundproblem der Vorausschau: Wenn alle bekannten Pfadabhängigkeiten und Regelmäßigkeiten in dieselbe Richtung weisen, sind vergleichbar genaue und verlässliche Vorhersagen möglich. Häufig ist dies aber, wie hier, nicht der Fall. Seriöse Annahmen sollten daher die wahrscheinliche Wirkkraft individueller Faktoren ermessen. Wo dies nicht möglich ist, sollten Vorhersagen abgeschwächt, abstrakter gehalten oder gänzlich vermieden werden.
Im Falle der US-Osteuropapolitik sprachen aber diverse Gründe dafür, dass wir hier mehr Trump als traditionelle Politik sehen würden. Dazu zählten die enormen Machtmittel, die dem US-Präsidenten zur Verfügung stehen, und die in der Wissenschaft beobachtete Regelmäßigkeit, dass Normen zwar ein starker Wirkfaktor in den internationalen Beziehungen sind, von Individuen wie Trump aber schnell ignoriert werden können. Je näher die Wahl kam, desto mehr häuften sich die Indizien, dass Trump dies auch tun würde.
Rückblickend erfüllten sich die drei Erwartungen im Großen und Ganzen: Die Trump-Regierung versuchte, Militär- und Wirtschaftshilfe an Kyiv zu reduzieren und die Ukraine zu zwingen, das Ziel einer NATO-Mitgliedschaft aufzugeben und Russland Territorium zu überlassen – alles um einen schnellen Waffenstillstand zu erreichen und die Rolle der USA im Konflikt zu minimieren.
Auch wurden manche Trump’schen Politiken abgeschwächt. Nach langem Tauziehen lieferte das Trump-Team die von der Vorgängerregierung schon zugesicherten Waffen größtenteils.3 Auch ist es mehrmals von eigenen Positionen zurückgerudert. Beispielsweise schließen sich die USA nicht mehr selbst aus möglichen Sicherheitsgarantien für die Ukraine aus, haben neue Sanktionen gegen Russland initiiert und haben zentrale Territorialforderungen an die Ukraine zurückgenommen. Auch hat sich das US-Parlament im letzten „National Defense Authorization Act“ rhetorisch und auch mit neuen (obgleich geringen) Mitteln an die Seite der Ukraine und (obgleich diskret) gegen den Trump-Kurs gestellt.4
Ein weiterer Grund für die relative Abstraktheit der drei Vorhersagen war, dass mehrere bekannte Unbekannte die Vorausschau erschwerten. Darunter waren bereits existierende Hinweise auf Trumps Verachtung für die Meinung jener, die er nicht mag, seine Beeinflussbarkeit durch Schmeicheleien und Letzteindrücke, seine strategische Kurzsicht und Ungeduld sowie sein „transaktionaler Ansatz“ in allen Politikbereichen.5
Die Rückschau zeigt, dass diese Faktoren die US-Politik maßgeblich beeinflussten, ohne dass ich sie in dieser Form antizipiert hätte: vom der Ukraine aufgezwungenen „Rohstoffdeal“, dessen ursprüngliche Idee Trump wohl bei einem Golf-Gespräch kam, über den transatlantischen Sommerschock der Zölle bis hin zu Trumps Degradierung von Keith Kellogg. Letzterer, ein US-General der lange Trumps Vertrauen genoss, hatte 2024 eine politisch realistische Waffenstillstandstrategie ausgearbeitet,6 wurde dann aber schnell in die politische Bedeutungslosigkeit manövriert, mitunter wohl wegen Trumps persönlichen Vorurteilen und Charaktermerkmalen. Die Trump-Administration ignorierte Kernelemente des Plans und hat damit, wie unten ausgeführt, wohl unwissentlich den Krieg verlängert.
Wie würde der Krieg 2025 weiter verlaufen?
Wie würde sich eine US-Politik wie die oben skizzierte auf den Kriegsverlauf auswirken? Existierende Pfadabhängigkeiten und Regelmäßigkeiten legten meines Erachtens nahe, dass beide Konfliktparteien ihre Kriegsbemühungen verstärken würden.
Im Falle Russlands speiste sich diese Erwartung aus Studien, die zeigen, dass angriffskriegsführende Staaten starke Anreize haben, Gewinne zu maximieren und zu sichern, wenn die Gegenseite und ihre Unterstützer zu wanken scheinen.7 Die erwartete Trump-Politik erfüllte diese Bedingungen, da sie die Ukraine im Kampf gegen Russland schwächte, Druck zu Zugeständnissen machte und eine langfristige US-Unterstützung der Ukraine in Frage stellte. Im Falle des russischen Regimes gab es besondere Gründe anzunehmen, dass es in dieser Situation mit mehr Druck reagieren würde, da dessen Risikobereitschaft seit Mitte der 2000er stetig und messbar gestiegen war.8
Aber auch für die Ukraine waren im Falle der erwarteten Trump-Politik intensivierte Kriegsbemühungen aus diversen Gründen absehbar: Zum einen neigen Gesellschaften stark dazu, enorme Schäden und Risiken zu akzeptieren, wenn dies der Erhaltung und Wiedererlangung zentraler Interessen wie ideell wichtigem Territorium, nationaler Unabhängigkeit und nationaler Sicherheit dient.9 All diese Werte waren durch die Trump-Politik noch unmittelbarer bedroht als vorher.
Zweitens nutzen Staaten, wenn sie zentrale Interessen gefährdet sehen, häufig verbleibende Eskalationsmittel, um diese Interessen zu schützen, auch wenn dieser Mitteleinsatz ihnen anderweitig schadet.
Drittens wäre es unwahrscheinlich, dass die Ukraine Zugeständnisse an Russland machen würde, ohne dass dies mit starken Sicherheitsgarantien, idealerweise von den mächtigen USA einhergehen würde – es ist spätestens eine seit den 1990ern weit verbreitete Forschungseinsicht, dass Kriegsparteien Abkommen scheuen, wenn es keinen Grund gibt anzunehmen, dass sich die andere Seite an sie halten wird.10
Viertens wäre es wahrscheinlich, dass proukrainische Kräfte in den Vereinigten Staaten und Europa ihre Bemühungen verstärken und somit ukrainischen Entscheidungsträgern Hoffnung auf einen Politikwechsel geben würden, da in der Vergangenheit eine Verschlechterung der ukrainischen Position häufig mit einer Verstärkung westlicher Unterstützung einherging.11
Anders als im Falle der Vorausschau zur genauen US-Politik wiesen im Falle des Kriegsverlaufes alle bekannten Pfadabhängigkeiten und Regelmäßigkeiten in die gleiche Richtung. Daher konnte hier auch die konkretere und stärkere Erwartung kommuniziert werden, dass bestimmte Ansätze der USA wohl nicht zu einem schnellen Waffenstillstand führen würden. In der Tat weiteten beide Kriegsparteien ihre Anstrengungen auf verschiedenste Weisen aus. Dazu gehörten Schläge auf Energieinfrastruktur, Sabotage, erhöhte Beschaffungsbemühungen zur Kriegsfinanzierung und diplomatische Selbstpositionierung. Insgesamt veränderte sich das Verhältnis territorialer Kontrolle kaum (siehe Abbildung).
Aber auch im Falle des Kriegsverlaufs gab es bekannte Unbekannte. Unklar war mitunter, ob und wie genau Trump in seinem Vorgehen das „westliche Lager“ spalten und wie sich das auf den Kriegsverlauf auswirken würde. Aus vergangener Krisendiplomatie gegenüber Russland wissen wir, dass europäische und transatlantische Uneinigkeit die Erfolgschancen einer jedweden Russlandstrategie sabotiert.12 Hinweisen auf US-Unilateralismus wie in der ersten Trump-Amtszeit (etwa beim Abzug aus Afghanistan oder dem US-Ausstieg aus internationalen Vertragswerken) standen Pläne des damals Trump-Vertrauten Keith Kellogg entgegen, der für eine enge Abstimmung mit den Europäern plädierte.
Sokratische Demut und sokratischer Mut
Häufig ist auch nach sorgfältiger Sammlung relevanter Faktoren keine klare Vorhersage möglich. Oft sind zwar diverse Wirkmächte bekannt, aber es gestaltet sich unmöglich, mit hinreichender Sicherheit ihre relative Stärke zu ermessen. Auch überwiegen häufig die bekannten Unbekannten so stark, dass eine Projizierung anhand von bekannten Wirkmächten wenig mehr als Spekulation ist.
Gerade die Wissenschaft sollte in solchen Fällen sokratische Demut ausüben und einfordern. Das beinhaltet auch die Anerkennung von Wissenslücken und die Bekämpfung von Vorurteilen. Vermeintlich plausible und weit verbreitete Allgemeinplätze wie „Politik wird immer nur zwischen den Großmächten entschieden“ oder auch „Waffen können keine Kriege beenden“ entpuppen sich häufig als analytisch falsche und politisch gefährliche Heuristiken.13 Solche Konfliktmythen14 suggerieren, dass sie alles relevante Wissen zu konkreten politischen Fragen bereitstellen und diese damit vollständig beantworten. Gegen solche (Vor-)Urteile sind wissenschaftsbasierte Hinweise auf bekannte Unbekannte und die Möglichkeit von unbekannten Unbekannten besonders wichtig.

Abbildung: Verlauf russischer territorialer Kontrolle in der Ukraine seit Anfang 2022. Quelle: Daten des Institute for the Study of War, übernommen von Russia Matters.15 Eigene Darstellung.
Wissenschaftliche Ergebnisse werden typischerweise verlässlicher, je enger und schärfer der untersuchte Phänomenbereich definiert wird (etwa: „Unter welchen verallgemeinerbaren Bedingungen neigen Staaten dazu, vertraglich fixierten Waffenstillständen zuzustimmen?“). Politisch dringliche Fragen sind häufig breit und unscharf formuliert und betreffen mehrere Bereiche gleichzeitig (etwa: „Wie kann die Bundesregierung einen robusten Waffenstillstand zwischen Russland und der Ukraine herstellen, der unseren Werten und Interessen entspricht?“). Daher erfordert die Anwendung wissenschaftlicher Erkenntnis auf tagespolitische Fragen hohe Umsicht.
Positiv kann Wissenschaft auch durch kritische Erarbeitung und Anwendung relevanter bekannter Bekannter stark zu einem besseren Umgang mit andauernden Kriegen beitragen. Beispielsweise wurde, entgegen den oben ausgeführten Erwartungen, seit Trumps Amtsantritt häufig die These vertreten, dass unter Trumps Druck die Ukraine ohnehin nicht mehr weiterkämpfen könne und russische Forderungen ohnehin erfüllen müsse. Es wäre wohl desaströs gewesen, hätten 2025 die westeuropäischen Mittelmächte diese pessimistischen Annahmen geteilt. Dann hätten sie sich wohl Trump weniger stark widersetzt und die Ukraine weniger unterstützt. Und damit wäre wiederum die Wahrscheinlichkeit gestiegen, dass die Ukraine tatsächlich russischen Maximalforderungen hätte stattgeben müssen. Falsche Annahmen führen zu schlechter Politik. Und gegen beides helfen wissenschaftsbasierte Analysen.

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Jonas J. Driedger

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