The Sinai desert in Egypt | Photo: Marc Ryckaert | CC BY 3.0

Beduinen im Sinai: Verbündete im Kampf gegen den „Islamischen Staat“?

Während viele Augen auf die militärischen Erfolge gegen den „Islamischen Staat“ im Irak gerichtet sind, kämpfen Ableger der Organisation in anderen Teilen der Region weiterhin erbittert, etwa im nord-östlichen Sinai. Dort strebt der IS-Ableger „Wilayat Sinai“ mit lokaler beduinischer Unterstützung danach, eine Provinz des „Islamischen Staates“ zu errichten und liefert sich dabei ausgedehnte Gefechte mit den staatlichen Sicherheitskräften. Seit Anfang dieses Jahres haben sich jedoch einige beduinische Stämme auch auf Seiten der Regierungskräfte in den Konflikt eingemischt, was die ambivalente Beziehung zwischen den lokalen Beduinen und dem „Islamischen Staat“ veranschaulicht.

Der „Islamische Staat“ im Sinai

Ursprünglich 2011 unter dem Namen „Ansar Bait al-Maqdis“ gegründet und vor allem gegen Israel gerichtet, wandte sich die jihadistische Organisation 2013 nach dem Militärcoup gegen Präsident Mursi verstärkt auch gegen innerägyptische Ziele, Sicherheitskräfte und das Militär. 2014 erklärte die Gruppe ihre Loyalität zum „Islamischen Staat“, benannte sich in „Wilayat Sinai“ (wörtlich „Provinz Sinai“) um, und erweiterte ihre Operationen unter anderem auf koptische Christen. Langfristig versuchen die Jihadisten den Norden des Sinai unter ihre Kontrolle zu bringen, der durch die umfangreichen Militäroperationen zunehmend einem Kriegsgebiet ähnelt. Die prekäre Sicherheitslage und die Einrichtung eines Sperrgebietes für Journalisten erschweren dabei Einblicke in die Situation vor Ort erheblich. Den vorhandenen Berichten zufolge stammt ein Großteil der Mitglieder aus der lokalen beduinischen Bevölkerung. Viele Führungspositionen des „Wilayat Sinai“ sind mit Mitgliedern aus den Stämmen Sawarka oder Tarabin besetzt, weswegen die Haltung der Sinai-Beduinen von entscheidender Bedeutung für den Konflikt ist.

Sinai-Beduinen zwischen Marginalisierung und Illegalität

Der Sinai ist eine strategisch wichtige, aber ökonomisch schwache Region, in der die ägyptische Politik vor allem von Sicherheitserwägungen bestimmt wird, während dringend notwendige Investitionen in Infrastruktur und Wirtschaft weitestgehend vernachlässigt wurden. Zwar entwickelte sich im Süden der Halbinsel eine blühende Tourismusindustrie, von dieser profitierten aber vor allem Investoren und Arbeiter aus dem Nildelta, weniger die Bevölkerungsgruppe der Beduinenstämme. Die etwa 300.000 Beduinen, organisiert in mehr als 20 Stämmen, stellen ungefähr 70 Prozent der Bevölkerung des Sinai und sind damit lokal in der Mehrheit, haben jedoch nur wenig Einfluss auf die gesamt-ägyptische Politik. Stattdessen versuchen die Stämme, ihre Autonomie und Autorität auf lokaler Ebene auszubauen und gegenüber dem ägyptischen Staat durchzusetzen. Dabei führen hartnäckige Vorurteile zu Ausgrenzungen in Bildungswesen und Arbeitswelt. Beispielsweise werden Beduinen weder in Militär noch in der Polizei angestellt, die einige der wichtigsten Arbeitsgeber in der Region sind. Hieraus resultieren extrem hohe Arbeitslosenzahlen, die in einzelnen Gebieten des Sinai bis zu 90 Prozent der Beduinen ohne reguläre Arbeit ausweisen. Diese Spaltung hat zudem Spannungen zwischen staatlichen Sicherheitsorganen und der Bevölkerung zur Folge, die auch immer wieder bei brutalen Sicherheitsoperationen zum Vorschein treten.

Angesichts dieser strukturellen Probleme wenden sich viele Beduinen der informellen Wirtschaft zu, insbesondere dem Schmuggel von Waren in den Gaza Streifen. Vornehmlich durch immer neu entstehende Tunnel werden Waffen, Drogen, Menschen oder Luxusgüter von Netzwerken über die Grenzen gebracht, und generieren dabei eine wirtschaftliche Basis für die gesamte Region. Selbst umfangreiche Aktionen der israelischen und ägyptischen Armee vermochten das Geschäft bisher nicht langfristig zu unterbinden, auch wenn das derzeitige Volumen deutlich unter den zwischenzeitlich von Experten geschätzten 700 – 1000 Millionen US-Dollar liegen dürfte. Auf verschiedenen Ebenen war dabei immer wieder die Zusammenarbeit zwischen Beduinenstämmen und den Jihadisten festzustellen, ob direkt durch die Bereitstellung von Waffen und den Zugang zu den Schmuggelnetzwerken, oder indirekt durch die Gewährung von Schutz für radikalisierte Stammesmitglieder und Weigerungen zur Kooperation mit den Sicherheitsorganen. Gleichzeitig sind viele Beduinen sehr kritisch gegenüber dem ägyptischen Staat, dessen Aktionen gegen Schmuggel und Terrorismus häufig vor allem die lokale Bevölkerung treffen. Aufgrund dieser Umstände wurde der Sinai sowohl in den Medien als auch in der Fachliteratur immer wieder als idealer Nährboden für jihadistische Akteure identifiziert.

Widerstand der Stammesstrukturen

Es gab jedoch in den vergangenen Jahren auch Anzeichen dafür, dass sich in den Stämmen durchaus eine ablehnende Haltung gegen das „Wilayat Sinai“ entwickelt hat, welche teilweise in direkten, bewaffneten Konfrontationen mündete. So werden immer wieder Stammesmitglieder vom „Islamischen Staat“ entführt oder umgebracht, entweder wegen ihrer Kritik am Einfluss der Jihadisten, in einigen Fällen aber auch aufgrund der Praktizierung des Sufismus. Diese in Ägypten verbreitete, mystische Interpretation des Islam steht im Widerspruch zur salafistischen Lehre des „Islamischen Staates“. Gleichzeitig kollidiert die religiöse Herrschaftsvorstellung des „Wilayat“ mit den historisch begründeten politischen Führungsansprüchen durch die Stämme und ihre Oberhäupter.

Als Reaktion auf die Destabilisierung durch den IS trafen sich bereits 2015 zahlreiche Stämme und beschlossen einige Anweisungen für den Umgang mit radikalisierten Stammesmitgliedern, etwa die Verstoßung oder die Aufhebung von Stammesschutz im Falle einer Mitgliedschaft im „Wilayat Sinai“. Der Einfluss dieser Beschlüsse blieb jedoch fraglich, zumal viele der unterzeichnenden Stämme aus dem nicht vom IS kontrollierten Süden des Sinais stammten.

Im Frühjahr dieses Jahres scheint es nun endgültig zum Ende der Tolerierung zwischen den Stämmen des Nordsinai und den Terroristen gekommen zu sein. So wurden wiederholt Schmuggeloperationen der Beduinen direkt von den Jihadisten attackiert, etwa im Mai 2017, als ein LKW mit Zigaretten und Haschisch unter Verweis auf die Scharia angezündet wurde. Im selben Monat kam es zu ausgedehnten bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen Stammesmitgliedern und Jihadisten, nachdem die Beduinen unter der Führung der wichtigen Stämme Tarabin und Ramailat zur Gründung einer Stammesallianz gegen den „Islamischen Staat“ aufgerufen hatten. Dabei agierten die Beduinen sogar in Kooperation mit Regierungstruppen und erhielten offenbar Ausrüstung für den Kampf, was angesichts der langen konfliktreichen Geschichte zwischen den Akteuren überrascht. Neben zahlreichen Toten durch Gefechte kam es in den vergangenen Monaten zudem zu schwerwiegenden Gräueltaten auf beiden Seiten. Abgesehen von diesen direkten Aktionen ist davon auszugehen, dass langfristig vor allem die Weitergabe von Informationen an die Sicherheitsorgane von hohem taktischen Wert im Kampf gegen den „Islamischen Staat“ sein werden.

Stämme und der Islamische Staat – zwischen Kooperation und Konflikt

Dass sich Kooperation und Konflikt zwischen Stammesstrukturen und dem IS abwechseln, ist dabei nichts Neues, wie ein Blick auf den Irak verrät. Dort wechselten Stämme in den vergangenen Jahren häufig zwischen einer strategischen Partnerschaft mit den aufständischen Jihadisten, von der sie sich mehr Autonomie gegenüber der Zentralregierung versprachen, und der Bekämpfung eben dieser Strukturen, etwa in der “Anbar Awakening” Kampagne 2006. Die Islamisten schalteten ihrerseits immer wieder gezielt kritische kritische Stammesführer aus, machten aber auch Zusagen und versprachen beispielsweise die “Widerherstellung von rechtmäßigen Eigentum” an die Stämme. Eine ähnliche Situation lässt sich nun auch im Sinai feststellen.

Möglicherweise stehen die ideologischen Ziele des IS in diesem Fall aber einer langfristigen strategischen Partnerschaft im Wege. Der Anspruch auf absolute Kontrolle im Herrschaftsgebiet des „Islamischen Staates“ steht im krassen Widerspruch zum Autonomiebestreben der Beduinenstämme. Zugleich kollidieren die Einschnitte im Schmuggel, ob durch erhobene Zölle oder religiös bedingte Verbote von bestimmten Gütern, direkt mit der primären Einkommensquelle eines Großteils der Stammesmitglieder. Genauso wenig sind die Stämme offenbar bereit, die andauernden Entführungen und Hinrichtungen zu tolerieren, weshalb nun sogar mit den unpopulären Sicherheitsorganen kooperiert wird.

Die Stämme als Schlüsselfaktor

Insgesamt wirft die momentane Zuspitzung einen Schatten auf die Zukunftsaussichten des IS- Ablegers in Ägypten. Obwohl die gegenwärtig eskalierende Gewalt im Nordsinai durchaus für die operationelle Kompetenz der Organisation spricht, stellt die Zusammenarbeit der Beduinen mit den historisch verhassten ägyptischen Sicherheitsorganen den Anspruch des „Wilayat Sinai“, tatsächlich effektive Kontrolle über Gebiete im Sinai auszuüben, in Frage. Von der Einrichtung islamischer Gerichte, einer eigenen Verwaltungsstruktur oder auch nur einem Gewaltmonopol ist der IS im Sinai immer noch weit entfernt.

Eine dauerhafte Auseinandersetzung sowohl mit den Sicherheitskräften als auch mit der lokalen Bevölkerung kann sich das „Wilayat Sinai“ nicht leisten. Die momentane Situation ist allerdings bisher nur eine temporäre Zuspitzung, der eine lange Geschichte von Duldung und sogar Kooperation zwischen Beduinen und Jihadisten vorausgeht. Solange die sozio-ökonomische Situation der Bevölkerung im Sinai von allgegenwärtiger Diskriminierung und Marginalisierung geprägt ist, sind weiterhin weite Teile der beduinischen Bevölkerung von den Einkommen der Schattenökonomie abhängig und stehen damit im direkten Konflikt mit den Zielen der ägyptischen Regierung. Andauernde, mit harter Hand geführte Sicherheitsoperationen der ägyptischen Armee verstärken diesen Konflikt zwischen der lokalen Bevölkerung und der Regierung weiter. Die potentiell wechselhafte Rolle von Beduinen zwischen Kooperation und Konflikt mit den Jihadisten bleibt daher weiterhin ein Schlüsselfaktor für die Stabilität in der Region.


Weiterführende Literatur: Dentice, Guiseppe 2016: Insurgency or Terrorism? A New Front in Sinai, in: Varvelli, Arturo (Hrsg.): Jihadist Hotbeds. Understanding Local Radicalization Processes, Mailand, 121-141.

Jakob Tiemann

Jakob Tiemann

Jakob Tiemann war zwischen Mai und August 2017 Praktikant im Programmbereich Innerstaatliche Konflikte der HSFK. Er studiert Politikwissenschaft an der Friedrich-Schiller Universität Jena und hat dort seine Masterarbeit zum Phänomen der "Foreign Fighters" verfasst.
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Jakob Tiemann war zwischen Mai und August 2017 Praktikant im Programmbereich Innerstaatliche Konflikte der HSFK. Er studiert Politikwissenschaft an der Friedrich-Schiller Universität Jena und hat dort seine Masterarbeit zum Phänomen der "Foreign Fighters" verfasst.

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