Frieden fängt bei uns an

2020 feiert das Leibniz-Institut Hessische Stiftung Friedens- und Konflikt­forschung (HSFK) sein 50-jähriges Bestehen. Im Oktober 1970 gegründet, ist die HSFK heute eines der führenden Friedens­forschungs­institute in Europa. Unser Motto für unser Jubiläum ist vieldeutig: „Frieden fängt bei uns an”. Etwa bei uns in der HSFK? Bei uns in Deutschland? Bei Ihnen und uns, bei dir und mir?

Wenn wir über Frieden sprechen, denken wir meist daran, bewaffnete Kriege oder Konflikte zu beenden oder zu verhindern. Wir erinnern uns an die Katastrophe zweier Weltkriege, an das „Niemals wieder“ der Vereinten Nationen als Reaktion auf den Zivilisationsbruch der Shoa, an Srebrenica und an Ruanda, und wir denken an die Ukraine, den Jemen, den Irak, Südsudan oder an Syrien, wo aktuell militärische Konflikte ausgetragen werden. Und so sehr diese Gräuel unser Bewusstsein von der Notwendigkeit das Friedens prägen, so lassen sie uns doch manchmal vergessen, dass Frieden nicht nur global gestiftet werden muss, im Fernen Osten, im globalen Süden, zwischen verfeindeten Staaten oder Allianzen. Frieden beginnt bei uns, in unserer Familie, vor unserer Haustür, mit unseren Nachbarn, in unseren Städten, in unserer Gesellschaft. Nur eine Gesellschaft, die in Frieden miteinander lebt, kann auch nach außen Frieden stiften.

Frieden beginnt aber nicht nur bei uns und im Kleinen, sondern er ist immer zugleich mit dem Frieden im Großen verknüpft. Die fortschreitende Globalisierung aller Lebensbereiche, bei all ihren positiven Effekten, sorgt dafür, dass wir in unserer Gesellschaft weder verschont bleiben von den Erschütterungen in anderen Teilen der Welt, seien es politische oder wirtschaftliche Krisen, seien es Naturkatastrophen, Pandemien oder Konflikte, noch dass wir uns von ihnen abschotten können: Nirgendwo bemerken wir das gegenwärtig deutlicher als an der Corona-Pandemie, die auf der ganzen Welt wütet, Volkswirtschaften in die Knie zwingt und auch bei uns im Frühjahr zu einem nahezu vollständigen Shutdown des öffentlichen Lebens geführt hat. Neben allen anderen direkten und indirekten Auswirkungen auf unser Institut führt die Pandemie ganz konkret dazu, dass wir unsere geplanten Jubiläumsfeierlichkeiten auf das Jahr 2021 verschieben müssen.

Die Effekte von Krisen bemerken wir teilweise in Reisewarnungen oder Lieferengpässen für Güter, in politischen Blockaden, steigenden Flüchtlingszahlen oder aber auch dadurch, dass Konflikte direkt in unsere Gesellschaften getragen werden. Terrorismus mag Begleiterscheinung globaler Konfliktkonstellationen sein, aber er manifestiert sich genauso im Herzen Europas, in Paris oder am Breitscheidplatz in Berlin. Auch der sogenannte Islamische Staat, der jahrelang den Nahen Osten tyrannisierte, wurde von ausreisenden Anhängerinnen und Anhängern aus Europa genährt. Terrorismus ist keine Einbahnstraße.

Auch im Kontext bewaffneter Konflikte, nämlich in der Rüstungskontrolle geht es zwar zunächst darum, die Großmächte dazu zu verpflichten, ihre Waffenarsenale zu verringern oder zumindest nicht weiter auszubauen, aber Rüstungskontrolle hängt genauso mit Kleinwaffen zusammen. Die Verfügbarkeit von und das Handeln mit Handfeuerwaffen muss drastisch eingeschränkt werden, damit nicht nur Konflikte im globalen Süden, sondern auch Amokläufe in den USA, aber auch bei uns, eingedämmt werden können.

Die Digitalisierung tut ein Übriges, um unsere Welt zu verkleinern: Schad-Software bedroht kritische Infrastrukturen wie die Energieversorgung oder Verkehrs und Transportsysteme. Waffen können inzwischen mit 3D-Druckern an jedem Ort der Welt gefertigt und verfügbar gemacht werden. Soziale Bots und Internet-Trolle beeinflussen die öffentliche Meinung und demokratische Wahlen mit dem Ziel, die freie Gesellschaft zu destabilisieren.

Unabhängig davon, wo Konflikte und Probleme auftreten: Sie sind oft direkt bei uns spürbar oder werden bei uns ausgetragen, aber nicht selten gehen sie auch von unserer eigenen Gesellschaft aus. Die Zunahme von Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus oder allgemein von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit und die damit einhergehenden Gewalttaten, die wir in vielen westlich-liberalen Staaten wie auch bei uns sehen, sind zwar im Kontext globaler Krisen und Konflikte zu sehen; aber sie sind nicht einfach nur eine Folge dieser Konflikte, sondern haben ihre Ursachen ebenso in unserer eigenen Gesellschaft. Umso bedeutsamer ist es, bei uns selber Frieden zu stiften durch die Verteidigung oder Herstellung der gesellschaftlichen Grundlagen von Frieden: Respekt und Toleranz im Miteinander einüben und pflegen, öffentliche Auseinandersetzungen über strittige Themen fördern und einfordern, wo sie zu erlahmen drohen, und eine Wirtschafts- und Wohlfahrtspolitik befördern, welche die natürlichen Lebensgrundlagen erhält und die Schwächsten schützt. Nur eine Gesellschaft, die in diesem Sinne friedensfähig ist, kann den Anfeindungen von außen und innen widerstehen, den diffusen Bedrohungen unserer Zeit begegnen und zum globalen Frieden beitragen.

 

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Nicole Deitelhoff
Nicole Deitelhoff ist Geschäftsführendes Vorstandsmitglied der HSFK und Leiterin der Programmbereiche „Internationale Institutionen“ und „Transnationale Politik“. Sie forscht zu Kontestation und Krisen von Institutionen und Normen, politischer Herrschaft, Opposition und Dissidenz sowie Demokratie und Zusammenhalt. // Nicole Deitelhoff is Executive Director at PRIF and head of PRIF’s research departments “International Institutions” and “Transnational Politics”. She conducts research on contestation and crises of international institutions and norms, political order, opposition and dissidence, democracy and societal cohesion.

Nicole Deitelhoff

Nicole Deitelhoff ist Geschäftsführendes Vorstandsmitglied der HSFK und Leiterin der Programmbereiche „Internationale Institutionen“ und „Transnationale Politik“. Sie forscht zu Kontestation und Krisen von Institutionen und Normen, politischer Herrschaft, Opposition und Dissidenz sowie Demokratie und Zusammenhalt. // Nicole Deitelhoff is Executive Director at PRIF and head of PRIF’s research departments “International Institutions” and “Transnational Politics”. She conducts research on contestation and crises of international institutions and norms, political order, opposition and dissidence, democracy and societal cohesion.