Bild von Vladimir Putin mit dem Brettspiel "Risiko!"
Bild von Vladimir Putin mit dem Brettspiel "Risiko!" | Foto: Nicola Quirico/Wikimedia Commons | CC BY-SA 4.0

Was jeder zur Risikobereitschaft des Putin-Regimes wissen sollte

Schon kurz nach Beginn der Invasion der Ukraine Anfang 2022 stellte sich heraus, dass das Putin-Regime seine Ziele nicht erreichen und einen enormen Preis für den Krieg zahlen würde. Hatte sich das Putin-Regime einfach komplett verkalkuliert oder war es gewillt, die Risiken der Invasion bewusst einzugehen? Die letztere These wird durch einen kürzlich erschienenen, frei zugänglichen Artikel von Jonas J. Driedger belegt. Die Studie zeigt, wie die steigende Risikobereitschaft des Putin-Regimes seit den mit-2000ern die militärischen Aggressionen Russlands gegen Georgien (2008), die Krim (2014), den Donbass (2014-2022) und gegen die ganze Ukraine (2022) maßgeblich beeinflusst hat.

Russland hatte die Ukraine schon 2014 angegriffen. Damals war die Ukraine in politischem Aufruhr, ihre Streitkräfte waren schlecht ausgebildet und ausgerüstet. Quasi niemand außerhalb des Kremls erwartete, dass Russland die Krim annektieren und einen Hybridkrieg im Donbass anzetteln würde. Weder die NATO noch die EU konnten schnell und effektiv auf die rasanten Ereignisse reagieren. Aber zu Beginn des Jahres 2022 war all das anders: Die ukrainischen Streitkräfte waren gewarnt und gut vorbereitet und Verlautbarungen aus dem Westen hatten deutlich gemacht, dass eine Invasion extreme Sanktionen und weitere Waffenlieferungen an die Ukraine zur Folge hätte. Das Putin-Regime hatte also schon vor der Invasion zahlreiche Hinweise darauf, dass ein Angriff fehlschlagen und enorm viele negative Konsequenzen zeitigen könnte.

Steigende Risikobereitschaft seit 2008

Aber warum entschied sich der Kreml dennoch zum Angriff? Eine kürzlich erschienene Studie zeigt ein Kernelement der Invasionsentscheidung auf: Anfang 2022 war das Putin-Regime mehr als je zuvor bereit, Risiken für das eigene politische Überleben, für den russischen Staat und für die Bürger:innen Russlands einzugehen, um seine Ziele zu erreichen. Dies zeigt sich durch eine vergleichende Analyse der 2022-Invasion mit anderen russischen Offensivoperationen. Beispielsweise bemühte sich der Kreml 2022 nicht um einen glaubhaften legitimen Vorwand für die Invasion. Dies verursachte eine historisch beispiellos scharfe Reaktion mächtiger NATO-Mitgliedsstaaten, da die russische Invasion zahlreiche internationale Abkommen brach und die Sicherheit östlicher Mitgliedsstaaten weiter in Frage stellte.

Das war 2008 noch anders. In diesem Jahr führte Russland einen kurzen und siegreichen Angriffskrieg gegen Georgien, konnte aber den Krieg deutlich glaubwürdiger als eine humanitäre und defensive Operation verkaufen, da georgische Truppen vorher sezessionistische Gebiete auf georgischem Territorium beschossen und dabei auch dort stationierte russische Truppen getroffen hatte. Das Regime war 2022 auch gewillter, zur Erlangung der Kriegsziele Widerstand aus der russischen Bevölkerung in Kauf zu nehmen. Umfragen im Jahre 2021 hatten ergeben, dass viele Russ:innen besorgt waren, dass sie oder ihre Angehörigen in einem hypothetischen Konflikt mit der Ukraine ums Leben kommen könnten. Und dennoch befahl das Regime fast 200,000 jungen Russen, die ukrainische Grenze zu überqueren, ihr Leben zu riskieren und, in vielen Fällen, zu verlieren.

Auch das war nicht immer so. Als 2014 Russland durch die implizite Androhung von Blutvergießen die Krim-Annexion vollzog, hielt es den Einsatz russischer Truppen vor der eigenen Bevölkerung geheim, um sich im Falle einer Eskalation gegebenenfalls zurückziehen zu können und weniger Unmut in der eigenen Bevölkerung zu riskieren. Auch war das Regime im Jahre 2022 deutlich gewillter, das Risiko einzugehen, sich aus dem Konflikt nicht mehr rausziehen zu können. Prominente russische Politiker, einschließlich Putin, betonten wiederholt bei Invasionsbeginn, dass die Ukraine durch die Operation vollständig „demilitarisiert“ und „denazifiziert“ werden sollte. Das machte die Glaubwürdigkeit der russischen Führung von einem totalen Sieg abhängig.

Hiermit verfolgte das Regime eine deutlich risikoreichere Politik als im von 2014 bis 2021 in Deutschland gern als „Krieg in der Ukraine“ bezeichneten Donbass-Konflikt. Obgleich es alle wichtigen Akteure zumindest indirekt kontrollierte, verneinte Russland konsistent seine eigene Rolle in diesem Konflikt. Das Regime bemerkte, dass ambitionierte Kriegsziele wie eine ukrainische Verfassungsänderung zur Verstetigung russischen Einflusses über die ukrainische Politik oder ein pro-russisches „Neurussland“ (Новороссия) auf ukrainischem Territorium nicht ohne erneute Militäreskalation zu erreichen war. Daraufhin gab sich das Regime damit zufrieden, durch eine „Einfrierung“ des Konflikts und die deutlich kleineren Marionettenrepubliken Donbass und Luhansk seinen Einfluss auf die Ukraine zu sichern.

Studie zur Bedeutung von Riskoakzeptanz

Diese Ergebnisse entspringen einer umfassenden Analyse aller Militäroperationen, die Russland unter dem Putin-Regime gegen andere souveräne Staaten durchgeführt hat. Risikoakzeptanz wird dabei durch Hinweise auf Entscheidungen mit Kosten-Nutzen-Abwägung ermittelt: Wenn zum Beispiel öffentlich verfügbare Informationen suggerieren, dass eine bestimmte Maßnahme geeignet ist, Risiken zu vermindern (wie die Verwendung von nur wenigen und nicht-uniformierten Truppen), aber gleichzeitig die evidenten Kriegsziele und die Kampfraft schwächt, ist dies ein Hinweis auf Risikoaversion. Hierdurch wird auch kontrolliert, ob eine vermeintlich risikoakzeptante Entscheidung tatsächlich wegen mangelnder Information, dass ein Risiko bestehen könnte, getroffen wurde. Als Quellen nutzt der Artikel offizielle politische Dokumente, Reden, Fachliteratur und Interviews mit Menschen in Kiew, Moskau, Brüssel und Washington, DC, die Einsicht in den russischen Politikprozess hatten.

Über den konkreten Fall hinaus schärfen diese Überlegungen das Verständnis der Bedeutung von Risikoakzeptanz bei Entscheidungen über Krieg und Frieden. Erstens entwickelt die Studie theoretische und methodologische Hinweise für die Analyse von Risikoakzeptanz in anderen Fällen. Damit trägt sie zum besseren Verständnis anderer historischer Fälle von Kriegen und Kriegsgefahr bei und unterstützt die Weiterentwicklung von Theorien zum Verhältnis von Risikoakzeptanz und Krieg. Zweitens wird durch den Befund, dass sich die Risikoakzeptanz eines Regimes über Jahrzehnte hinweg deutlich gewandelt hat, eine weit verbreitete und oft auch theoretisch maßgebliche Annahme in Frage gestellt – nämlich dass Entscheidungsträger:innen allgemein risikoavers oder risikoneutral sind. Drittens unterstützen die Ergebnisse die These, dass Entscheidungsträger:innen nicht nutzenmaximierend handeln, sondern versuchen, wahrgenommene Verluste rückgängig zu machen, selbst wenn solcherart gefärbte Entscheidungen ihnen unterm Strich nicht zum Vorteil gereichen. Solche der prospect theory von Kahnemann und Tversky entlehnten Argumente sind hochrelevant für die Friedens- und Kriegsforschung. Gerade Russland hat unter Putin all seine offensiven Militäroperationen nur gegen jene Staaten durchgeführt, deren politische Orientierung sich von Russland weg und zum Westen hin entwickelte.

Russische Führung schreckt vor bestimmten Schritten zurück

Die Studie trägt darüber hinaus zum besseren Verständnis der aktuellen russischen Politik bei. Erstens ist steigende Risikoakzeptanz bei der russischen Elite auch jenseits von Offensivkriegen evident. Zum Beispiel: Russische Versuche, demokratische Wahlprozesse in anderen Ländern zu beeinflussen, sind über Zeit intensiver geworden und haben sich gegen immer mächtigere Staaten gerichtet, wie ein Vergleich russischer Einmischung in die Präsidentschaftswahlen in der Ukraine 2004-2005 sowie den US-Präsidentschaftswahlen 2016 zeigt.

Zweitens, da der Artikel eine stetig steigende Risikoakzeptanz schon seit den mit-2000ern feststellt, sollte auch nicht angenommen werden, dass die 2022-Invasion und die aktuelle russische Kriegspolitik nur das Ergebnis kurzfristiger Faktoren ist. Beispiele für wohl ebenfalls relevante langfristige Entwicklungen sind etwa die zunehmende Unterwanderung formell demokratischer und freiheitlicher Institutionen in Russland oder die zunehmende Westorientierung jener osteuropäischen Staaten, die vermehrt in das russische Fadenkreuz gekommen sind.

Drittens geben die Ergebnisse der Studie auch Grund zur Hoffnung. Obgleich Risikoakzeptanz vor und nach Beginn der 2022-Invasion gestiegen ist, gibt es Hinweise, dass die russische Führung immer noch vor bestimmten Schritten zurückschreckt. Beispielsweise hatte die russische Führung vor der Invasion keine Mobilisierung ausgerufen und mit weniger Soldaten angegriffen, als dies in den Augen vieler Militärexpert:innen angemessen gewesen wäre. Das ist ein Hinweis darauf, dass die russische Führung Unzufriedenheit in der russischen Bevölkerung minimieren wollte. Zwar rief der Kreml im Herbst dann eine offizielle Mobilisierung aus, aber eben auch nur eine teilweise. All dies lässt darauf schließen, dass das Putin-Regime mit den richtigen Mitteln auch weiterhin vor bestimmten Schritten abgeschreckt werden kann und dass Verhandlungen nicht von vorneherein dem Untergang geweiht sind.

Jonas J. Driedger

Jonas J. Driedger

Dr. Jonas J. Driedger ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Programmbereich „Internationale Sicherheit“ an der HSFK sowie am Forschungszentrum Transformations of Political Violence (TraCe). Er forscht zu zwischenstaatlichen Kriegen, Abschreckung in den internationalen Beziehungen, Beziehungen zwischen Großmächten und ihren Nachbarstaaten sowie russischer und transatlantischer Sicherheits- und Verteidigungspolitik. // Dr Jonas J. Driedger is a Researcher at the Research Department “International Security” at PRIF and at the Research Center Transformations of Political Violence (TraCe). His research focuses on interstate wars, deterrence in international politics, relations between great powers and their neighboring states as well as Russian and transatlantic security and defense policy.

Jonas J. Driedger

Dr. Jonas J. Driedger ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Programmbereich „Internationale Sicherheit“ an der HSFK sowie am Forschungszentrum Transformations of Political Violence (TraCe). Er forscht zu zwischenstaatlichen Kriegen, Abschreckung in den internationalen Beziehungen, Beziehungen zwischen Großmächten und ihren Nachbarstaaten sowie russischer und transatlantischer Sicherheits- und Verteidigungspolitik. // Dr Jonas J. Driedger is a Researcher at the Research Department “International Security” at PRIF and at the Research Center Transformations of Political Violence (TraCe). His research focuses on interstate wars, deterrence in international politics, relations between great powers and their neighboring states as well as Russian and transatlantic security and defense policy.

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