Nach Bürgerkriegen den Frieden wahren: Was verhindert den Rückfall in die Gewalt?
Die Welt wäre weit friedlicher, würden sich viele bereits beendete Bürgerkriege nicht ein weiteres Mal entzünden. Seit geraumer Zeit machen Bürgerkriege einen Großteil des Konfliktgeschehens aus, und bei vielen von ihnen handelt es sich um wiederausgebrochene Kriege. Das wirft die Frage auf, welche Faktoren den Frieden stabilisieren oder eine erneute Eskalation begünstigen. Dem ging ein PRIF-Projekt zu 48 beendeten Bürgerkriegen in allen Teilen der Welt nach. Innerhalb weniger Jahre erlebten 17 von diesen einen Rückfall in kriegerische Gewalt.
Was bietet gute Aussichten, den Wiederausbruch von Bürgerkriegen zu verhindern? In der Forschung finden sich dazu zwei entgegengesetzte Ratschläge. Der eine sieht dauerhaften Frieden durch militärische Siege gewährleistet, der andere durch politischen Kompromiss. In der einen Sicht soll die Nachkriegsordnung den Interessen vor allem einer Seite dienen, in der anderen muss sie zentrale Anliegen aller Konfliktparteien berücksichtigen. Wie das eine Lager betont, diene es dem Frieden, wenn eine Seite durch ihre militärische Niederlage Chancen auf Wiederaufnahme der Kämpfe einbüßt.1 Der Triumph auf dem Schlachtfeld beseitige Unklarheit über das militärische Kräfteverhältnis. Das sichere den Frieden, da ein Konflikt gerade dann eskaliere, wenn die Streitparteien ihre relative militärische Stärke unterschiedlich einschätzen.2 Zudem führe ein militärischer Sieg zu einer effektiveren Nachkriegsregierung, die leichter strukturelle Reformen voranbringe, die ein dauerhafter Frieden brauche.3 Träfen diese Annahmen zu, müsste vor allem nach einem Friedensabkommen mit Machtteilung zwischen den Konfliktparteien ein neuer Krieg drohen. Dem widersprechen jedoch die Befunde des konkurrierenden Lagers. Es erklärt seine Ergebnisse damit, dass ein solches Friedensabkommen beiden Seiten Vorteile biete und so deren Bereitschaft senke, den Krieg wiederaufzunehmen.4
Kräfteverhältnis und Kompromisse
Ich prüfte, ob trotz aller Unterschiede beide Ansätze richtig liegen könnten. Sie wären miteinander vereinbar, sollte Frieden dann erhalten bleiben, wenn das Ausmaß politischer Kompromisse zwischen den Konfliktparteien ihrem militärischen Kräfteverhältnis entspricht: Nach Friedensabkommen mit Machtteilung spiegeln viele politische Kompromisse das militärische Gleichgewicht wider, während nach militärischen Siegen die politischen Interessen der militärisch überlegenen Seite vorherrschen. Umgekehrt sollte sich der Frieden als prekär erweisen, wenn das Ausmaß politischer Kompromisse von der Verteilung militärischer Macht abweicht. Die Seite, die weniger politische Vorteile hat, als es ihrer relativen militärischen Stärke entsprechen würde, will den Status quo verändern, was den Frieden bis hin zum erneuten Krieg destabilisieren kann. Wie eine quantitative und qualitative Analyse ergab, lässt sich die Instabilität von Frieden immerhin zum Teil damit erklären, dass militärisches Kräfteverhältnis und Ausmaß politischer Kompromisse auseinanderklaffen. Allerdings ist es nicht hinreichend für anhaltenden Frieden, politische Vorteile so zu verteilen, dass sie annähernd der relativen militärischen Macht entsprechen.
Friedensabkommen nicht nur zweitbeste Chance auf stabilen Frieden
Diese Befunde zur Nachkriegsordnung motivierten dazu, eine neue Perspektive zu wählen und zu ermitteln, ob, wie oft behauptet, militärische Siege tatsächlich besser als Friedensabkommen für stabilen Frieden sorgen. Wie eine quantitative Analyse herausarbeitete, zeigt sich nach einem Friedensabkommen der Frieden mindestens genauso so stabil wie nach einem militärischen Sieg. Beide Formen der Kriegsbeendigung verhindern deutlich zuverlässiger einen Wiederausbruch als andere, darunter Verträge, die nur einen Waffenstillstand schließen, aber keine politischen Streitfragen klären.
Die Projektdaten erlaubten es, auch die Erklärungen für den vermeintlichen Vorteil militärischer Siege gegenüber Friedensabkommen zu überprüfen. All diese Erklärungen behaupten, dass sich Siege und Friedensabkommen hinsichtlich bestimmter Faktoren unterscheiden und diese Faktoren die Chance auf stabilen Frieden prägen. Beispielsweise sollen Siege zu effektiveren Nachkriegsregierungen führen. Wie sich herausstellte, liegen die meisten dieser Erklärungen falsch. Entweder fehlte schon die angenommene Differenz zwischen militärischen Siegen und Friedensabkommen oder, falls es sie doch gab, wirkte sie sich nicht wie erwartet auf die Stabilität des Friedens aus.5
Labiler Frieden nach Waffenstillstandsabkommen
Besonders häufig brechen diejenigen Bürgerkriege wieder aus, die mit einem Waffenstillstand enden, dem kein umfassenderes Abkommen folgt. Von den 48 untersuchten Kriegen eskalierte nur etwa jeder siebte erneut, falls er mit einem Friedensvertrag endete. Ging hingegen der Krieg mit einem Abkommen zu Ende, das nur militärische Fragen regelte, aber nicht die tieferliegenden politischen Streitpunkte, kam es in jedem zweiten Fall zum Wiederausbruch. Tschetschenien zählt zu den prominenten Beispielen.
Mein Projekt setzte abermals auf einen Mix aus quantitativen und qualitativen Methoden, um zu ergründen, warum nach bloßen Waffenstillständen labilerer Frieden herrscht als nach Friedensabkommen. Bestenfalls teilweise lässt sich dieser Unterschied damit erklären, dass Bürgerkriege, die mit einem solchen Waffenstillstand enden, mehr ungünstige Konfliktmerkmale aufweisen als Fälle mit einem Friedensabkommen. Solche Merkmale sind Streitparteien, die sich entlang ethnischer Linien definieren, eine längere Kriegsdauer, mehr Konflikttote und ein militärisches Gleichgewicht am Ende der Kämpfe. Auch gab es nach bloßen Waffenstillständen eine geringere Bereitschaft, Friedenstruppen zu entsenden und finanzielle Hilfe zu leisten. Zudem klafften nach Waffenstillständen das militärische Kräfteverhältnis und die Verteilung politischer Vorteile häufiger auseinander als nach Friedensabkommen. Des Weiteren bot eine Kriegsbeendigung durch einen Waffenstillstand den Konfliktparteien mehr Gelegenheit, die Kämpfe wiederaufzunehmen. Faktoren dieser Gelegenheit standen im Fokus einer weiteren Teilanalyse. Zu dieser später mehr.
Zum Erfolg friedenserhaltender Missionen
Friedenstruppen machen den Wiederausbruch eines bewaffneten Konflikts unwahrscheinlicher, so ein Befund, den Fachleute für einen der bewährtesten der Forschung zu Sicherheit und Frieden halten.6 Allerdings schaffen es nicht alle friedenserhaltenden Missionen, tatsächlich den Frieden zu sichern. Nach den 48 Bürgerkriegen gab es in 22 Fällen eine Friedenstruppe. In 15 blieb der Frieden bestehen, darunter in Guatemala, in sieben kollabierte er, etwa in Angola. Es drängte sich eine Analyse dazu auf, unter welchen Bedingungen Friedenstruppen erfolgreich sind oder daran scheitern, den Wiederausbruch des Krieges zu verhindern.
Folgt man prominenten Papieren der Vereinten Nationen, hängt der Erfolg von Friedensmissionen vor allem von deren Profil ab, während Merkmale des Konflikts nachrangig sind.7 Ich kam zu einem anderen Ergebnis: Mit einer Ausnahme wiesen alle Fälle, in denen der Frieden erhalten blieb, keine oder nur eine der folgenden ungünstigen Kontextbedingungen auf: ein ethnischer Konflikt, eine hohe Konfliktintensität, ein militärisches Gleichgewicht am Ende des Bürgerkrieges und ein Kriegsende weder durch einen militärischen Sieg noch durch ein Friedensabkommen. Ethnische Konflikte sind dauerhafter als andere Konfliktarten.8 Konflikte mit vielen Todesopfern vertiefen das Misstrauen zwischen den Streitparteien, zerstören zivile Einkommensquellen und erleichtern es, Menschen für bewaffnete Formationen zu rekrutieren.9 Endet der Krieg mit einem militärischen Gleichgewicht, hoffen beide Seiten, den nächsten Krieg gewinnen zu können und sind daher eher bereit, eine solche Eskalation zu riskieren.10 Die Nachteile bloßer Waffenstillstände kamen bereits zur Sprache. Ebenfalls mit einer Ausnahme brach der Frieden trotz der Präsenz von Friedenstruppen zusammen, wenn ungünstige Konfliktmerkmale dominierten.11
Gelegenheit macht nicht immer Kriege
Die Literatur zu Bürgerkriegen diskutiert die These, die militärische und finanzielle Machbarkeit von Rebellion entscheide über den Ausbruch und Wiederausbruch solcher Gewalt.12 Wo immer ein Aufstand möglich sei, würde er sich ereignen.13 Die Gelegenheit zur Wiederaufnahme der Gewalt gilt hier als hinreichende Bedingung für eine erneute Eskalation. Meine Daten zu Nachkriegsordnungen eigneten sich gut dazu, diese Annahme zu prüfen. Das Projekt schaute auf vier Faktoren der Machbarkeit:
- Offensichtlich können die Konfliktparteien erneut Krieg führen, solange sie jeweils über eigene Streitkräfte verfügen.
- Friedenstruppen sollen es erschweren, wieder zur Gewalt zu greifen.
- Kontrollieren beide Seiten Territorium, können sie jeweils daraus Ressourcen ziehen, mit denen sie bewaffnete Kräfte aufstellen oder aufrechterhalten.
- Nach längeren Bürgerkriegen sind mehr Waffen im Umlauf, mehr Menschen verfügen über militärisches Training, und Gewalt ist tiefer in den sozialen Strukturen verankert.14
Wie sich zeigte, nutzen die Konfliktparteien eben nicht jede Gelegenheit zum erneuten Krieg. In zehn Fällen waren alle vier Faktoren der Machbarkeit gegeben, und selbst hier kam es nur in fünf innerhalb von sieben Jahren zu einem Wiederausbruch, etwa in Äthiopien und Sri Lanka. Große Gelegenheit erwies sich zwar nicht als hinreichend für eine erneute Eskalation, doch war ein Wiederausbruch umso wahrscheinlicher, je mehr Faktoren der Machbarkeit vorlagen. Dieser Unterschied erreichte statistische Signifikanz. Aufschlussreich ist der Blick in die Fälle mit anhaltendem Frieden trotz großer Gelegenheit zur Eskalation. Hier halfen Größen, den Frieden zu stabilisieren, die mit Machbarkeit gar nicht oder nicht eindeutig zusammenhängen, so Machtteilung und politischer Kompromiss.
Die These, der Wiederausbruch von Bürgerkriegen folge aus der Machbarkeit eines bewaffneten Aufstands, weist ein weiteres Problem auf: Die Verantwortung für stabilen Frieden liegt nicht allein bei der Seite, die einst rebellierte. Auch die Regierung kann einen Krieg erneut beginnen, wie unter anderem das Beispiel Kroatien 1995 illustriert.15
Das Buch basiert auf der Habilitationsschrift des Autors und ist gedruckt und elektronisch erhältlich. Es schließt ein Projekt ab, das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert wurde.
Folgerungen für die Friedenspolitik
Erhält eine Konfliktpartei weit weniger politische Vorteile, als es ihrer relativen militärischen Macht entspricht, dann besitzt sie Anreize und oft auch Mittel, die Nachkriegsordnung zu attackieren. Friedensprozesse sollten daher eine solche Diskrepanz möglichst vermeiden. Gelingt dies nicht, braucht es besonders große Anstrengungen, den Frieden zu sichern.
Da militärische Siege und Friedensabkommen gleichermaßen effektiv zu stabilem Frieden führen, gibt es verschiedene Konstellationen mit einem weniger scharfen Zielkonflikt zwischen dauerhaftem Frieden und gerechtem Frieden. Friedensabkommen bieten sich an, wenn beide Seiten die Interessen bedeutsamer Teile der Bevölkerung vertreten und keine der anderen ihren Willen militärisch aufzwingen kann. Verteilen sich Schuld am Kriegsausbruch und für Gewalt gegen Zivilpersonen sehr ungleich auf die Konfliktparteien, kann der Sieg der weniger brutal agierenden Seite angemessener sein als ein Friedensabkommen, das den Aggressor mit Zugeständnissen belohnen würde. Lässt sich ein solcher Sieg gar nicht oder nur zu einem zu hohen Preis erreichen, ist ein Friedensabkommen dem Triumph des Aggressors vorzuziehen.
Wollen die Konfliktparteien nur einen Waffenstillstand vereinbaren, sollten die Friedensbemühungen nicht nachlassen, denn gibt es kein weitergehendes Abkommen, erweist sich der Frieden als besonders prekär.
Friedenstruppen steigern die Chance darauf, einen neuen Krieg zu verhindern. Allerdings gilt es vor ihrer Entsendung zu beachten, wie sehr ihre Erfolgsaussichten von den Merkmalen des Konflikts abhängen.
Über die Dauer des Friedens entscheidet nicht allein die Gelegenheit zur erneuten Rebellion. Nach Bürgerkriegen ohne Sieger kommt es daher darauf an, die politischen Anliegen aller Konfliktparteien zu berücksichtigen.
Download (pdf): Gromes, Thorsten (2026): Nach Bürgerkriegen den Frieden wahren: Was verhindert den Rückfall in die Gewalt?, PRIF Spotlight, 2, Frankfurt/M.
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