Gleiche Hitze, ungleiche Reaktion: Verknüpfte Meinungs- und Klimadaten für eine gezieltere Politikberatung
Wirksame Klima- und Umweltpolitik hängt wesentlich von der Akzeptanz in der Bevölkerung ab. Gleichzeitig sorgen sich viele Menschen darum, dass eine ambitionierte Klimapolitik den gesellschaftlichen Frieden gefährdet.1 Um politische Maßnahmen gezielter kommunizieren zu können, brauchen Politik, Behörden und organisierte Zivilgesellschaft Daten aus der Wissenschaft, die die örtliche Klimabelastung mit subjektivem Erleben und politischen Einstellungen verbinden. Dieses Spotlight zeigt am Beispiel von Hitzebelastung, warum Datenverknüpfungen sinnvoll sind, was dabei methodisch zu beachten ist, welche Hindernisse bestehen – und warum es sich trotzdem lohnt.
Steigt die psychische Belastung bei Menschen, die in Stadtteilen mit wenig Grünfläche und hoher Hitzeexposition leben? Verändert anhaltende Hitzebelastung die Risikowahrnehmung und die Bereitschaft, Klimaschutzmaßnahmen zu unterstützen? Erleben unterschiedliche Gruppen (z.B. ältere Menschen, Kinder, Vorerkrankte, Geringverdienende) Hitzewellen anders als die Gesamtbevölkerung? Mit welchen Konsequenzen für den gesellschaftlichen Zusammenhalt?
Die Antwort auf all diese Fragen setzt zweierlei voraus: verlässliche Daten darüber, wo und wie intensiv Hitze auftritt, und Informationen darüber, was diese Belastung mit den Menschen vor Ort tatsächlich macht. Klimadaten können die erste Frage beantworten und Informationen zur Anzahl der Hitzetage, Tropennächte und städtischen Wärmeinseln geben. Umfragen erschließen das subjektive Wohlbefinden, Gesundheitswahrnehmung, Einstellungen zu klimapolitischen Maßnahmen und politisches Verhalten. Um zu verstehen, wie sich Umweltbedingungen auf die Menschen vor Ort auswirken, und um darauf basierend effektiv Klimapolitik zu kommunizieren, braucht es sowohl qualitativ hochwertige Klima- als auch Befragungsdaten2 und man muss wissen, wie man diese sinnvoll verknüpft. Hitze eignet sich hier als Beispiel für Extremwetter, da Hitzewellen in der Regel große Gebiete und damit eine Vielzahl von Menschen gleichzeitig treffen, weitere Ereignisse (z.B. Dürren, Starkregen) nach sich ziehen können und Sterberaten erhöhen. Gleichzeitig sind aber Menschen mit variierender Intensität von der Hitze betroffen (z.B. je nach Wohnsituation oder Grünflächenzugang). Klimadaten allein zeigen, wo es heiß wird, aber nicht, wie unterschiedlich Menschen darauf reagieren und wen politische Maßnahmen und Kommunikation deshalb gezielt erreichen müssten.
Intuitiv aber fehlbar: Vergleiche zwischen Gemeinden
Der naheliegendste Weg, Klima- und Umfragedaten beim Thema Hitze zu verbinden, ist der regionale Vergleich: Man nimmt die durchschnittliche Anzahl der Hitzetage in einer Gemeinde und untersucht, ob die Bevölkerung dort im Schnitt schlechtere Gesundheitswerte oder eine höhere Klimabetroffenheit angibt als an einem anderen Ort. Dieser Ansatz ist intuitiv, hat aber zwei Schwächen.
Erstens fehlen auf Gemeindeebene oft die nötigen Fallzahlen aus Umfragen: Deutschland hat über 10.000 Gemeinden. Um für jede einzelne Region belastbare Aussagen zur individuellen Hitzebetroffenheit treffen zu können, bräuchte man in jeder Gemeinde jeweils ausreichend viele Befragte. Umfragen sind aber in der Regel darauf ausgerichtet, repräsentative Aussagen für die gesamte Bevölkerung zu ermöglichen. Gerade die für Klimapolitik relevante Fragen zum subjektiven Erleben von Hitzebelastung und gewünschte politische Konsequenzen lassen sich darum auf diesem Weg oft schlicht nicht messen.
Zweitens droht der sogenannte ökologische Fehlschluss: Ob Personen nach der Erfahrung einer Hitzewelle glauben, vom Klimawandel betroffen zu sein, kann u.a. von ihrer bisherigen Einstellung abhängen. Eine Studie zeigt, dass skeptische und politisch weiter rechts stehende Personen eher von zukünftiger Klimawandel-Betroffenheit ausgehen, nachdem sie eine Hitzewelle erlebt haben. Bei Personen, die dies bereits akzeptiert haben, verändert sich dagegen kaum etwas.3 Auf Gemeindeebene können diese unterschiedlichen Reaktionen unsichtbar werden und gemeinsam den Anschein eines schwachen oder gar ausbleibenden Effekts erzeugen. Der ökologische Fehlschluss bestünde darin, aus diesem Befund zu folgern, dass individuelle Einstellungen von Erfahrungen mit Extremwetterereignissen größtenteils unbeeinflusst blieben. Solche Ergebnisse hängen zudem oft von Fragenformulierung und Studienkontext ab.

Vorteile der Datenverknüpfung
Die Alternative zu regionalen Vergleichen ist die Verknüpfung auf Individualebene. Befragte Personen können z.B. durch die Angabe der Postleitzahl ihres Wohnorts räumlich verortet werden. Für diesen Standort können anschließend Klima- und Umweltdaten verknüpft werden: die Anzahl der Hitzetage und Tropennächte, der lokale Versiegelungsgrad oder die Entfernung zur nächsten Grünfläche. Damit entstehen Datensätze, die lokale Betroffenheit (Klimadaten) mit individuellem Erleben und Verhalten (Umfragedaten) verbinden, um herauszufinden, wie Hitze das Leben und die Einstellungen der Menschen tatsächlich beeinflusst.4
Dieser Ansatz hat den Vorteil, dass er keine hohen Fallzahlen für jede Gemeinde benötigt, und den ökologischen Fehlschluss vermeidet. Erste Studien illustrieren sein Potenzial: Wer an Orten wohnt, an denen z.B. mehr Hitzetage auftreten, nimmt lokale Wetterveränderungen häufiger wahr, was langfristig zu einer Änderung der Meinung zum Klimawandel führen kann.5 Das Erleben von Temperaturanomalien und Hitzephasen kann zudem Sorgen über Umweltveränderungen und die Wahlwahrscheinlichkeit für eine Grüne Partei erhöhen.6 Doch selbst wenn sich die Einstellung zum Klimawandel ändert, hat dies nicht zwangsläufig Auswirkungen auf das Verhalten: Energiesparen, nachhaltiges Einkaufen oder Mobilität ändern sich nicht aufgrund der Erfahrung mit Extremwetter.7 Für subjektives Wohlbefinden zeigt sich, dass steigende Temperaturen Stress und Erschöpfung sowie negative Gefühle erhöhen – insbesondere bei älteren Menschen.8 Zudem senkt jeder zusätzliche extreme Hitzetag im Monat die Lebenszufriedenheit älterer Erwachsener aufgrund schlechterer Gesundheit und eingeschränkter sozialer Aktivität.9
Die Befunde zeigen: Extreme Hitze kann Wohlbefinden, Einstellungen und politisches Verhalten beeinflussen, dies aber nicht zwingend gleichmäßig, bei allen, dauerhaft oder auf eine Weise, die die Akzeptanz klimapolitischer Maßnahmen fördert. Insbesondere für die Politikberatung bieten verknüpfte Daten darum entscheidende Erkenntnisse: nicht nur wie stark Hitze örtlich auftritt, sondern auch wo konkret, bei wem und wie sie wirkt. Daran können sich politische Maßnahmen, vor allem deren Kommunikation, gezielt ausrichten und so dazu beitragen, gesellschaftliche Polarisierung abzufedern statt sie zu verschärfen.
Voraussetzungen gelingender Datenverknüpfung
Damit Datenverknüpfung diesen Mehrwert tatsächlich liefert, muss sie methodisch sauber umgesetzt sein und einige Punkte beachten:
Datenschutz und Datenzugang. Wohnortdaten von Befragten sind hochsensibel, daher unterliegt ihre Erhebung und Verarbeitung strengen Regeln nach der Datenschutz-Grundverordnung10 (z.B. technische Zugangsbeschränkungen, Antragsverfahren). Forschungsdatenzentren11 und Datenarchive12 können Datenerhebungsprojekte und Datennutzende in diesen Fragen beraten und die notwendige Infrastruktur für die datenschutzkonforme und langfristige Bereitstellung der Daten bieten.
Messgenauigkeit. Auch in einer stark betroffenen Gemeinde ist nicht jeder Mensch gleich exponiert. Wer in einem schlecht gedämmten Altbau im dicht bebauten Innenstadtbereich wohnt, erlebt eine Hitzewelle völlig anders als jemand, der in derselben Gemeinde in einem Neubau mit Garten lebt. Ebenso kann sich die Hitzebelastung am Arbeitsplatz von der am Wohnort unterscheiden. Selbst fein aufgelöste Klimadaten können diese kleinräumige Heterogenität der tatsächlich erlebten Belastungen nur annäherungsweise abbilden. In der Umfrage selbst sollten daher, abhängig vom Forschungsziel, ausreichend Informationen erhoben werden, um individuelle Belastung und subjektives Erleben angemessen zu erfassen, etwa durch Fragen zur Wohn- und Arbeitssituation oder zum Pendelverhalten.
Regionale Datenlücken. Nicht überall, wo Umweltbedingungen für Forschung und Politik relevant sind, werden auch Daten erhoben. Die Verteilung der Stichprobe einer Befragung bestimmt, welche Kontexte überhaupt untersucht werden können und wo blinde Flecken bestehen bleiben. Besonders problematisch ist das in dünn besiedelten oder wirtschaftlich benachteiligten Regionen, also häufig genau dort, wo Klimamaßnahmen besonders dringlich wären. Tritt dort plötzlich ein Extremwetterereignis auf, wurden in der Regel keine Einstellungen vor dem Ereignis erhoben. Die Umsetzbarkeit kausaler (Ursache-Wirkung-) Forschungsdesigns ist so durch Zufall bestimmt oder wiederum ausschließlich mit den oben besprochenen Aggregatdaten möglich. Bewusste Investitionen in gezieltes „Geosampling“ – die systematische Erhebung von Stichproben in besonders relevanten Gebieten – könnten hier mehr Klarheit schaffen.
Die Komplexität von Einflussfaktoren. Die räumliche Klimaexposition ist nur einer von vielen Faktoren, die Einstellungen und Verhalten prägen. Lokale Medienberichterstattung über Hitzeereignisse, Diskussionen in sozialen Netzwerken oder die sozioökonomische Lage eines Haushalts können die Wahrnehmung von Hitzebelastung ebenso beeinflussen wie die tatsächlich gemessene Temperatur. Das verweist auf eine grundlegende Spannung: Temperaturwerte und subjektiv erlebte Betroffenheit können erheblich voneinander abweichen. Auch hier könnten seitens der Umfragebögen einige dieser Zusatzfaktoren mit abgebildet werden. Wer nur die Klimadaten betrachtet, übersieht möglicherweise, warum manche Menschen trotz hoher Hitzebelastung keine Gefahr wahrnehmen und andere trotz vergleichsweise moderater Belastung stark alarmiert sind.
Datenverknüpfung in der Politikberatung
Trotz dieser Herausforderungen bietet die Verknüpfung von Klimadaten und Umfragen gerade für die Politikberatung einen hohen Mehrwert. Wissen über den Klimawandel allein führt nämlich nicht automatisch zu einer Veränderung der Wahrnehmung oder des Verhaltens in der breiten Öffentlichkeit. Dies ist aber eine Voraussetzung für politische Reformen, die ambitioniert sind und zugleich Akzeptanz in der Bevölkerung finden. Klimapolitik hat sich in jüngerer Vergangenheit zu einem politisch aufgeladenen Feld entwickelt und wird von einigen Akteur*innen und in Teilen der Bevölkerung als bevormundend und einschränkend wahrgenommen, gerade dort, wo die Maßnahmen und ihre Zielsetzung nicht mit den Wahrnehmungen und Überzeugungen der Bürger*innen übereinstimmen. Anderen Teilen gehen die bisherigen Maßnahmen nicht weit und nicht schnell genug. Zudem gibt es zwischen diversen Gruppen signifikante Unterschiede sowohl auf internationaler (z.B. Globaler Norden vs. Globaler Süden13) als auch auf nationaler Ebene (z.B. einkommensschwache vs. -starke Haushalte14) bezüglich Verursachung, Betroffenheit, Kosten und Anpassungsmöglichkeiten. Es handelt sich also um ein politisch äußerst umstrittenes Feld, für das zugleich klare wissenschaftliche Evidenz für Reformen besteht, Letztere aber noch gezielter vermittelt werden müssen.
Datenverknüpfung kann einen Beitrag dazu leisten, die Polarisierung von Klimapolitik abzufedern: Sie ermöglicht es politischen Akteuren, zielgenauer und zielgruppengerechter gerade mit von Umweltkrisen betroffenen Gruppen zu kommunizieren und diese für die aus wissenschaftlicher Perspektive notwendigen gesellschaftlichen Veränderungen zu gewinnen. Diese gezielte Kommunikation erfordert eine Zielgruppenorientierung, die über das Entwickeln alternativer Vermittlungsformate hinausgeht, und stattdessen in der Präsentation von Wissen, Analysen und Lösungen an den Wissens- und Erfahrungsstand unterschiedlicher Gruppen ansetzt. Dies ist eine Aufgabe, bei der Akteure aus Wissenschaft und Politik im Sinne einer evidenzbasierten politischen Kommunikation eng zusammenarbeiten sollten.15 Diese Art der Wissenschaftskommunikation muss sich durch einen hohen Transparenzanspruch gegen den erwartbaren Vorwurf immunisieren, manipulativ und politisiert zu sein. Nicht nur die Komplexität und Unsicherheit in der Datenverknüpfung müssen kommuniziert werden, sondern auch die daraus abgeleitete Strategie der zielgruppenorientierten Ansprache. Hierfür sind Standards für die politische Kommunikation aus der Wissenschaft über die Politik in die Gesellschaft zu entwickeln, die in dieser Form bislang nicht existieren, über die aber in der Debatte über Wissenschaftskommunikation in Krisen spätestens seit der Corona-Pandemie lebhaft diskutiert wird.16
Download (pdf): Stroppe, Anne-Kathrin; Brockmeier-Large, Sarah; Eder, Christina; Jansen, Henrike; Katsanidou, Alexia; Kroll, Stefan; von Vultejus, Alexandra (2026): Gleiche Hitze, ungleiche Reaktion. Verknüpfte Meinungs- und Klimadaten für eine gezieltere Politikberatung, PRIF Spotlight, 11, Frankfurt/M. DOI: 10.48809/prifspot2611
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