Kachovka-Staudamm
Der Kachovka-Staudamm am Fluss Dnepr wurde am 6. Juni 2023 zerstört. | Foto: Липунов Дмитрий via wikimedia commons | Public Domain

Der dramatische Dammbruch von Kachovka und seine kurz- und langfristigen Folgen

Am Morgen des 6. Juni 2023 wurde gemeldet, dass der Kachovka-Staudamm zerstört wurde, und dass dadurch weite Gebiete flussabwärts, inklusive der Großstadt Cherson, durch eine Flutwelle bedroht werden würden. Der ukrainische Präsident Selensky macht für diese Katastrophe Russland, welches seit dem 24. Februar 2022 den Damm und das dazugehörige Wasserkraftwerk besetzt und kontrolliert hat, verantwortlich. Ob durch eine gezielte Sprengung oder durch grobe Fahrlässigkeit, der Dammbruch hat dramatische kurz- und langfristige Folgen für die Südukraine in Bezug auf Landwirtschaft, Wassersicherheit sowie auch den Schutz vor einem radioaktiven Unfall.

Der Damm war von vorherigen Gefechten bereits beschädigt, weswegen es zur Stunde noch nicht klar ist, ob der Damm von russischer Seite gezielt gesprengt wurde oder die Schäden grob fahrlässig nicht repariert sowie der Wasserstand des Stausees unzureichend reguliert wurde. Die ukrainische Seite warnte bereits seit vielen Monaten, dass Russland den Damm sprengen könnte, um ukrainische Truppenbewegungen durch Wasserfluten möglichst aufzuhalten sowie die Zivilbevölkerung zu terrorisieren.

Seit Invasionsbeginn Anfang 2022 kam es bereits zu mehreren gezielten Dammbrüchen und Überflutungen, so zum Beispiel im September, als russische Raketen den Damm am Inhulets-Fluss zerstörten, was zu Überflutungen führte und die Trinkwassersicherheit der Großstadt Kryvyi Rih gefährdete, welche ungefähr 650.000 Einwohner zählt. Ein gezielter Angriff auf das Wasserreservoir von Kachovka wäre in jedem Falle völkerrechtlich ein Verbrechen, da durch Art. 56 des 1. Zusatzprotokoll zu den Genfer Konventionen über den „Schutz von Anlagen und Einrichtungen, die gefährliche Kräfte enthalten“ Staudämme vor direkten Angriffen geschützt sind.

Kurzfristige Folgen des Kachovka-Dammbruchs

Der Dammbruch führt unmittelbar zu Überflutungen großer Gebiete flussabwärts, unter anderem der Großstadt Cherson. Mehrere Zehntausende Menschen sind so von den Wassermassen bedroht und werden derzeit evakuiert. Durch die Flutwasser wird es auch zu weitreichenden Verschmutzungen kommen, etwa durch Treibstoffe, Geröll und Bauschutt, Müll und Abwasser, sowie Schadstoffe aus Industrieanlagen oder aus militärischer Munition. Diese teils giftigen Verschmutzungen werden auch nach Ablaufen des Wassers Wohnungen, Häuser, Böden und Trinkwasser verunreinigen. Darüber könnten Minen vom schwer verminten Flussufer mit der Flutwelle fortgeschwemmt und unkontrolliert flussabwärts getragen werden.

Zusätzlich zum unmittelbaren menschlichen Leid werden durch den Dammbruch auch Tiere, Pflanzen und ganze Ökosysteme geschädigt oder zerstört. Am unteren Dnipro-Lauf befinden sich mehrere sogenannte Smaragd-Gebiete mit besonderem ökologischen Schutzinteresse. Der ablaufende Kachovka-Stausee selbst wird als Flusshabitat so nicht weiterbestehen können und freiliegende Sedimente könnten zu einer Verwehung von dort liegenden Schadstoffen führen. Der ukrainische Präsident Selensky spricht in diesem Zusammenhang deshalb auch von einem Fall von „brutalem Ökozid“, von einem massiven Umweltverbrechen, welches als Norm allerdings noch nicht als Teil des Völkerstrafrechts übernommen wurde.

Langfristige Folgen für die Wasser-, Energie- und Ernährungssicherheit

Der Kachovka-Dammbruch hat auch weitreichende Folge für die landwirtschaftliche Bewässerung in der trockenen Südukraine sowie für die Energieversorgung, einerseits direkt durch die Zerstörung des Kachovka-Wasserkraftwerks aber auch in Bezug auf Kühlwasser für das Atomkraftwerk Saporischschja. Für letzteres besteht laut der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA „kein unmittelbares Risiko.“ Das separate Kühlbecken auf dem Gelände des Atomkraftwerkes, welches noch für mehrere Monate Wasser zum Kühlen der Reaktoren, der Abklingbecken sowie der Dieselgeneratoren vorrätig hat, darf aber unter keinen Umständen beschädigt werden.

Ferner speiste das Wasser des Stausees ein großes Kanalsystem, durch das die Bewässerung landwirtschaftlicher Flächen und die Wasserversorgung privater Haushalte und von Industrieanlagen für bis zu 3 Millionen Menschen bereitgestellt wurde. Unter anderem wurde so zuletzt auch über den Nord-Krim-Kanal die von Russland illegal annektierte Krimhalbinsel mit Wasser versorgt. Was der Ausfall dieses Bewässerungssystems für die Südukraine in diesem Sommer bedeutet, lässt sich noch nicht absehen.

Unabhängig davon, ob der Dammbruch aufgrund von gezielter Sabotage oder durch grobe Fahrlässigkeit Russlands geschah, die kurz- wie langfristigen menschlichen, ökologischen und wirtschaftlichen Folgen sind dramatisch. Der Dammbruch reiht sich damit ein in eine Vielzahl von durch den russischen Angriffskrieg bedingten Umweltschäden, die eine schwere Hypothek für Menschen und Ökosysteme in der Südukraine darstellen. Die Ukraine wird vielfältige internationale Unterstützung brauchen, um einerseits unmittelbare Umweltschäden zu beseitigen, diese aber andererseits zu dokumentieren und Wasserinfrastrukturen wiederaufzubauen. Normalerweise wird die Umwelt als das „stille Opfer“ von Kriegen bezeichnet – der Dammbruch von Kachovka zeigt dabei dramatisch auf, wie menschliches Leid und Umweltzerstörung zusammenhängen.

Patrick Flamm

Patrick Flamm

Dr. Patrick Flamm ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am PRIF im Programmbereich „Internationale Sicherheit“. Seine Forschung konzentriert sich auf das Verhältnis zwischen Umwelt, Frieden und Sicherheit im „Anthropozän“ sowie auf polare Geopolitik. // Dr Patrick Flamm is a Senior Researcher at PRIF in the research department “International Security”. His research focuses on the relationship between the environment, peace and security in the “Anthropocene” as well as on polar geopolitics.

Patrick Flamm

Dr. Patrick Flamm ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am PRIF im Programmbereich „Internationale Sicherheit“. Seine Forschung konzentriert sich auf das Verhältnis zwischen Umwelt, Frieden und Sicherheit im „Anthropozän“ sowie auf polare Geopolitik. // Dr Patrick Flamm is a Senior Researcher at PRIF in the research department “International Security”. His research focuses on the relationship between the environment, peace and security in the “Anthropocene” as well as on polar geopolitics.

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