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Zum Tag der Verschwundenen: Unsichtbarkeit als Form politischer Gewalt

30. August 2025

Zum Internationalen Tag der Opfer von Verschwindenlassen wird an Menschen erinnert, die durch staatliche oder politische Gewalt entführt und ihrem Umfeld entzogen wurden. Dieses „Verschwindenlassen“ ist eine besonders drastische Form unsichtbar gemachter Gewalt: Betroffene verschwinden aus dem öffentlichen Raum und zugleich aus der öffentlichen Wahrnehmung. Doch auch jenseits solcher extremen Fälle wirkt Gewalt häufig im Verborgenen – in Strukturen, die Marginalisierung und Ausschluss hervorbringen, oder in subtilen Formen von Bedrohung, die nicht als Gewalt anerkannt werden. Ein neues Working Paper des Forschungszentrums TraCe widmet sich diesen Dynamiken der (Un)Sichtbarkeit von Gewalt aus wissenschaftlicher und künstlerischer Perspektive. 

Zum Tag der Opfer des Verschwindenlassens wird der Menschen gedacht, die spurlos verschwunden sind und zugleich an alle erinnert, die von dieser besonders extremen Form von Gewalt betroffen sind. Mit ihrer Resolution A/RES/65/209 hat die UN-Generalversammlung 2010 ihre Besorgnis über die Zunahme der gewaltsamen Praxis des Verschwindenlassens zum Ausdruck gebracht, die Internationale Konvention zum Schutz aller Personen vor dem Verschwindenlassen begrüßt und den 30. August per Beschluss zum Internationalen Tag der Opfer von Verschwindenlassen erklärt. Die Konvention trat bereits am 23. Dezember 2010 in Kraft. 

Das „Verschwindenlassen“ ist ein eindrückliches Beispiel dafür, wie Gewalt im Verborgenen, fast unsichtbar, wirkt: Opfer werden nicht nur körperlich aus ihrem Umfeld gerissen, sondern auch aus Wahrnehmung, Erinnerung und Öffentlichkeit ausgeschlossen. Typische Formen des Verschwindenlassens sind staatliche oder nichtstaatliche Festnahmen, Inhaftierungen und Entführungen. Ebenso wird zunehmend über Schikanierung, Misshandlung und Einschüchterung von Zeug*innen und Angehörigen berichtet. 

Seit 2011 wird der Internationale Tag der Opfer des Verschwindenlassens („International Day of the Victims of Enforced Disappearances”) jährlich begangen. Häufig stehen hinter dem gewaltsamen Verschwinden tief verwurzelte Strukturen der Marginalisierung und systemische Gewalt, die bestimmte Gruppen besonders verwundbar machen. Diese Dynamik verweist auf eine generelle Tendenz von Gewaltformen, in spezifischen Konstellationen verborgen zu bleiben – sei es durch institutionelles Schweigen, mediale Auslassung oder gesellschaftliche Ignoranz. 

Auch das kürzlich erschienene Working Paper des Forschungszentrums „Transformations of Political Violence“ (TraCe) setzt sich mit der (Un)Sichtbarkeit von politischer Gewalt hinsichtlich ihrer Mechanismen, medialen Rezeption und wissenschaftlichen Analysierbarkeit auseinander. Der Gedenktag wird hier als Anlass genommen, das Working Paper vorzustellen.  

Welche Mechanismen bestimmen die Sichtbarkeit oder Unsichtbarkeit von Gewalt?

Welche Mechanismen bestimmen die Sichtbarkeit oder Unsichtbarkeit von Gewalt? In welchen Kontexten wird Gewalt dokumentiert, instrumentalisiert oder zensiert, und wie lässt sie sich wissenschaftlich untersuchen? 

Mit diesen Fragen setzen sich Forscher*innen des interdisziplinären Forschungszentrums „Transformations of Political Violence“ (TraCe) und die Kunsthallendirektorin Nadia Ismail in einem aktuellen Working Paper auseinander. In der KUNSTHALLE GIESSEN entstand in Kooperation mit TraCe im Jahr 2025 die Ausstellung „(Un)Sichtbarkeit von Gewalt“, die Zugang zu künstlerischen Perspektiven auf Gewalt bietet. Die Gruppenausstellung, kuratiert von Theresa Deichert, Dr. Larissa-Diana Fuhrmann und Dr. Nadia Ismail, geht auf ein Dialogpanel in der Kunsthalle zurück, das den Auftakt zur Jahreskonferenz von TraCe im Jahr 2024 bildete. 

Das Working Paper umfasst Beiträge, die sich aus unterschiedlichen disziplinären Perspektiven mit Gewalt und ihrer (Un)Sichtbarkeit auseinandersetzen – bezogen auf Erscheinungsformen, geografische Kontexte sowie historische und aktuelle Bedingungen. Die Texte treten in einen Dialog mit den künstlerischen Positionen der Ausstellung, indem sie teilweise deren Themen aufgreifen und durch eigene Beispiele sowie theoretische und empirische Einblicke weiterdenken. Die Beiträge stehen jeweils für sich; ihre Reihenfolge ist nicht bindend. In ihrer offenen Form bricht die Publikation mit dem üblichen Charakter der TraCe Working Paper-Reihe.  

Gewalt sichtbar machen: Mehr als ein analytischer Prozess

Gewalt kann verstanden werden als „Einsatz physischer oder psychischer Mittel, um einer anderen Person gegen ihren Willen a) Schaden zuzufügen, b) sie dem eigenen Willen zu unterwerfen (sie zu beherrschen) oder c) der solchermaßen ausgeübten Gewalt durch Gegengewalt zu begegnen“. Gewalt kann sich demnach in verschiedenen Formen manifestieren: von direkter physischer und psychischer Gewalt über subtilere sprachliche Gewalt bis hin zu strukturellen Gewaltverhältnissen, die in gesellschaftlichen Ordnungen verankert sind und sich oft gerade durch ihre Unsichtbarkeit stabilisieren. Der schier endlose Komplex der (Un)Sichtbarkeit von Gewalt wird im Working Paper in Auszügen vorgestellt. In ihrer Verschiedenheit sowohl im Sprachstil als auch in der Herangehensweise spiegeln die Beiträge die Vielfalt der disziplinären Perspektiven wider und zeigen, wie Gewalt erforscht werden kann. 

Einige legen den Fokus auf Gewalt, die als überwiegend unsichtbar beschrieben wird. Andere zeigen, wie Gewalt vielfältige Wege aus der Unsichtbarkeit findet. Dies geschieht durch das Engagement von Menschen, die sich nicht mit der Unsichtbarkeit, dem Nicht-Hinsehen-Wollen und dem Schweigen zufriedengeben und Gewalt auch für andere nachvollziehbar und sichtbar machen wollen. Kunst spielt hier eine besondere Rolle: Durch das Subtile, manchmal erst auf den zweiten Blick Erkennbare, durch Symbole und Abstraktion, wird im öffentlichen Raum die Aufmerksamkeit auf sonst unsichtbare Gewalt gelenkt. Kunst hat die Fähigkeit, Gewaltphänomene in einer Weise darzustellen, die über rein dokumentarische oder analytische Zugänge hinausgeht. Sie wirkt affektiv und kann komplexe politische Situationen und gesellschaftliche Dynamiken symbolisch verdichten.  

Gewaltformen und ihre Unsichtbarkeit – drei exemplarische Beiträge

Laura Guntrum, Verena Lasso Mena und Jonas Wolff analysieren im Beitrag „Von Mord bis Doxxing: Gewalt gegen soziale Aktivist*innen bleibt allzu häufig unsichtbar“ sowohl physische Angriffe, schleichende Belastungen wie Hitze, Krankheiten oder Wasserknappheit als auch digitale Bedrohungen wie Doxxing – und zeigen, wie politische Gewalt im Globalen Süden institutionell, medial und gesellschaftlich unsichtbar bleibt. Auch das gewaltsame Verschwindenlassen wird thematisiert. Eine Praxis, die aus lateinamerikanischen Militärdiktaturen bekannt, aber immer noch allzu präsent ist: „Für die Opfer und ihre Angehörigen könnte diese Gewaltform nicht sichtbarer sein, ist ihr faktisches Ergebnis doch in aller Regel der Tod. Zugleich bleibt der Tod – und damit die Gewalt – mit den Opfern aber im Unklaren, Ungewissen, damit Unsichtbaren. Die so mühsame wie schmerzvolle Arbeit von Familienangehörigen und Nichtregierungsorganisationen, die sich auf die Suche nach den Verschwundengelassenen machen, spiegelt deshalb auch die Bemühung, diese Gewalt sichtbar zu machen“, schreiben die Autor*innen. 

Sabine Mannitz untersucht in „Gewalt gegen indigene Frauen und Mädchen: Wege aus der Unsichtbarkeit in Kanada“ historische und gegenwärtige Strukturen, die zur Marginalisierung und Gewalt gegen indigene Frauen und Mädchen führen. Sie beleuchtet außerdem, wie künstlerische Interventionen im öffentlichen Raum dazu beitragen, diese Gewalt sichtbar zu machen. „Eine Nationale Untersuchungskommission dokumentierte 2016–2019 durch Befragungen von Familienangehörigen und Überlebenden, dass indigene Frauen, Mädchen und geschlechtsdiverse Personen in Kanada überproportional häufig verschwinden oder Opfer tödlicher Gewalt werden; genaue Zahlen sind jedoch kaum rückwirkend ermittelbar (National Inquiry into Missing and Murdered Indigenous Women and Girls 2019). Wegen tiefen Misstrauens in staatliche Ermittlungsbehörden wurden viele Fälle nie gemeldet.“ In einem Beitrag auf PRIF Blog von 2024 schreibt die Autorin außerdem: „Während Politik und Justiz am Gedenktag daran erinnert werden, Rechte und Gerechtigkeit zu gewährleisten, sollte auch ein weiterer wichtiger Faktor für Veränderungen Beachtung finden: Das kollektive Bild der indigenen Bevölkerung muss dekolonialisiert werden, um die systemischen Strukturen der Gewalt zu transformieren.“ Mittels roter Handabdrücke, Bändern, Schleifen und vor allem Kleidern wird auf das Verschwinden durch künstlerische Interventionen im öffentlichen Raum hingewiesen. 

Larissa-Diana Fuhrmann richtet mit „Sudan: Mediale Zensur und Künstlerische Sichtbarmachung von Gewalt“ den Fokus auf den Krieg im Sudan – eine der weltweit größten humanitären Katastrophen, die in Forschung und Öffentlichkeit weitgehend unbeachtet bleibt. Sie analysiert die Mechanismen medialer Unsichtbarmachung staatlicher Gewalt und zeigt, wie Künstler*innen kreativen Strategien entwickeln, um dieser Unsichtbarkeit zu begegnen. Schon vor dem Krieg im Sudan verschwanden Menschen im Land. Betroffen waren und sind vor allem Oppositionelle, Aktivist*innen, Journalist*innen sowie Angehörige besonders verletzlicher Gruppen wie wohnungslose Menschen oder mehrfach Vertriebene. Mit künstlerischen Mitteln wurde trotz Zensur immer wieder auf ihr Schicksal aufmerksam gemacht. So visualisiert Salah Elmur in Missing and Lost People’s Day (2021) Vermisste und jene, die nach ihnen suchen, in einem einzigen Bild. Assil Diab verwandelte mit ihren Martyrs Graffitis über Jahre die Wände von Familienhäusern in Khartum in lebendige Gedenkstätten. Und die Malerin Amna Elhassan setzte in der Frankfurter Kunsthalle Schirn im Monumentalformat ein Zeichen des Gedenkens für die Verschwundenen und Getöteten des Massakers in Khartum. Diese Werke verbinden auf eindrückliche Weise persönliches Leid mit kollektiver Erinnerung – künstlerische Stimmen gegen das Vergessen. 

Fazit

Das Working Paper versteht sich als Einladung zur Diskussion – außerhalb und innerhalb akademischer Räume. Denn Gewalt ist kein isoliertes Phänomen. Sie durchzieht aktuelle Konflikte, Kriege, erzwungene Migration, Rassismus, Geschlechterverhältnisse sowie digitale Räume. Das Working Paper soll die Komplexität von Gewalt sichtbar machen und die Lesenden für die Vielschichtigkeit von Gewalt – auch in aktuellen Kriegen und den dazugehörigen politischen Debatten – sensibilisieren. Die Autor*innen möchten Impulse für die aktuelle Gewaltforschung geben und zugleich aufzeigen, wie wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Gewalt auch außerhalb universitärer Räume zugänglich und relevant sein kann. Der Fokus auf die Dimension der (Un)Sichtbarkeit bietet eine gemeinsame Klammer für die Beiträge. Er eröffnet neue Perspektiven und Erkenntnisse – gerade, weil er an viele bestehende Forschungsansätze anschlussfähig ist. Zugleich macht dieser Blickwinkel deutlich, wie Gewalt auch dort wirksam ist, wo sie nicht sofort sichtbar oder sprachlich fassbar wird. 

Die einzelnen Beiträge im Working Paper bilden ein Mosaik verschiedener Fälle und Geschichten. Sie zeigen, wie komplex der Zwischenraum von Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit von Gewalt sein kann. Im Verschwindenlassen verdichten sich diese Dynamiken exemplarisch: Jeder verschwundene Mensch steht für die Verflechtung von Gewalt und Unsichtbarkeit; für die Hinterbliebenen bleibt die Lücke, die das Fehlen eines Menschen reißt, dauerhaft präsent.

Disclaimer: Dieser Artikel erweitert und ergänzt die Einleitung des TraCe Working Paper No. 6 „(Un)Sichtbarkeit Politischer Gewalt“.

Autor*in(nen)

Tina Cramer

Tina Cramer

Tina Cramer ist Referentin für Wissens­transfer und stellvertretende Koordinatorin im hessischen Forschungs­verbund Trans­formations of Political Violence (TraCe). Sie interessiert sich für Wissenschafts­kommunikation (und deren Erforschung) mit Fokus auf dem Dialog mit Jugend­lichen, Zivil­gesellschaft und Politik. // Tina Cramer is Know­ledge Transfer Officer and Deputy Coordinator at the Hessian research center Trans­formations of Political Vio­lence (TraCe). She is interested in science commu­nication (and its research) with a focus on dialogue with young audiences, civil society, and poli­tics.
Larissa-Diana Fuhrmann

Larissa-Diana Fuhrmann

Larissa-Diana Fuhrmann arbeitet seit Sommer 2023 am PRIF als Teil des Programmbereichs „Glokale Verflechtungen“ mit ihrem Projekt „Konflikt und Kunst: Das transformative Potenzial ästhetischer Praktiken“. Sie interessiert sich für theoretische und künstlerische Auseinandersetzungen mit politischer Gewalt, wobei sie sich auf dekoloniale Perspektiven konzentriert und die Produktion und den Transfer von Wissen in akademischen und künstlerischen Kontexten kritisch hinterfragt. // Larissa-Diana Fuhrmann works at PRIF since summer 2023 as part of the research department “Glocal Junctions” with her project “Conflict and Art: The Transformative Potential of Aesthetic Practices”. She is interested in theoretical and artistic engagements with political violence, focusing on decolonial perspectives and critically questioning the production and transfer of knowledge in academic and artistic contexts.