Start einer Hwasong-14 Interkontinentalrakete in Nordkorea im Juli 2017 | Foto: dpa

„Fire and fury“: Die Krise um das nordkoreanische Atomprogramm spitzt sich weiter zu

Die Situation rund um das nordkoreanische Nuklearwaffenprogramm spitzt sich durch den jüngsten Austausch verbaler Drohungen zwischen Nordkorea und den USA weiter zu. Das Land ist seinem Ziel, eine nukleare Drohkapazität gegenüber den USA aufzubauen, deutlich nähergekommen. Präsident Trumps heftige Reaktionen mögen einerseits von Hilflosigkeit zeugen und begründeten Anlass zur Besorgnis geben, andererseits kann dieses unkonventionelle Verhalten im Rahmen einer vernünftigen Gesamtstrategie den Konflikt durchaus verändern. Fraglich ist allerdings, ob die US-Regierung zu einer solchen Gesamtstrategie angesichts der Probleme im Weißen Haus überhaupt fähig ist. Das gilt erst recht für das Krisenmanagement.

Zu einer  nuklearen Drohkapazität gehören im Grunde fünf Dinge: Erstens natürlich  der atomare Sprengsatz selbst, zweitens Trägersysteme, also ballistische Raketen, die amerikanisches Territorium erreichen und Bevölkerungszentren gefährden können, drittens muss der atomare Sprengsatz „miniaturisiert“ werden, damit er mit seiner Größe und seinem Gewicht auf eine Rakete passt, viertens brauchen die miniaturisierten Sprengköpfe auf den Raketen einen ausreichend starken Hitzeschild, sodass sie auch die letzte Flugphase, den Wiedereintritt aus dem Weltall in die Atmosphäre, überstehen, und fünftens müsste sichergestellt sein, dass das relativ kleine nukleare Raketenarsenal nicht vollständig durch einen konventionellen oder nuklearen Erstschlag der USA zerstört werden kann. Vier der fünf genannten Voraussetzungen scheint Nordkorea nun gemeistert zu haben.

Die Atombombe

Aufgrund seiner mittlerweile fünf Nuklearwaffentests, die Nordkorea zwischen 2006 und 2016 durchgeführt hat, ist das Land dem Club der Nuklearmächte zuzurechnen. Schätzungen, die auf der Menge an verfügbarem Spaltmaterial basieren, gehen von 20 (Albright & Kelleher-Vergantini, Hecker) bis 60 Sprengköpfen (US-Geheimdienst) aus, über die das Land verfügen dürfte. Hinzu könnten jährlich bis zu 12 weitere Sprengköpfe kommen, wenn die jüngsten Einschätzungen der US-Geheimdienste zutreffen. Die Sprengkraft des letzten Tests vom 9. September 2016 wurde auf etwa 15-20 Kilotonnen TNT geschätzt und besitzt damit die Stärke der Hiroshima-Bombe. Mit weiteren Nuklearwaffentests ist zu rechnen, da Nordkorea auch nach einer Wasserstoffbombe strebt, die eine weitaus höhere Sprengkraft hat.

Trägersysteme

Mit zwei Raketentests im Juli von Varianten der Hwasong-14/KN-20 hat Nordkorea demonstriert, dass es nun auch über Trägersysteme mit interkontinentaler Reichweite von bis zu 10.400 km verfügt und damit wichtige amerikanischen Metropolen einschließlich New York und Chicago gefährden könnte. Die tatsächliche Reichweite der Hwasong-14 lässt sich noch nicht sicher einschätzen, da die genaue Nutzlast dieser Raketentypen noch nicht bekannt ist. Dass es dem Land so schnell gelang, Interkontinentalraketen zu testen, hat viele Analysten überrascht. Für Präsident Trump stellte dies eine rote Linie dar, twitterte er doch im Januar:

 

Miniaturisierte Sprengköpfe

Einschätzungen, inwiefern Nordkorea seine Sprengköpfe hinreichend miniaturisieren kann, sodass sie klein genug sind, um in die Trägersysteme zu passen, und leicht genug, um weit genug transportiert werden zu können, gehen auseinander. Analysten des amerikanischen Militärgeheimdienstes gehen jedoch davon aus, dass das Land auch diesen Meilenstein auf dem Weg zur gesicherten Drohkapazität bereits hinter sich gelassen hat. Doch selbst wenn Nordkorea tatsächlich die Miniaturisierung gemeistert haben sollte, ist es unwahrscheinlich, dass es alle nuklearen Sprengsätze entsprechend umgerüstet hat. Die Zahl eventuell verfügbarer miniaturisierter Sprengsätze dürfte daher sehr klein sein.

Wiedereintrittsfähigkeit

Probleme dürfte Nordkorea nach wie vor mit dem Wiedereintritt seiner Raketen in die Atmosphäre haben. Interkontinentalraketen treten auf ihrem Flug zunächst aus der Atmosphäre aus und verbringen einen Großteil des Flugs im Weltall. Beim Wiedereintritt in die Atmosphäre entsteht eine derartige Hitze, dass der Sprengkopf durch einen Hitzeschild vor dem Verglühen bewahrt werden muss. Hieran scheint es bei den nordkoreanischen Interkontinentalraketen zwar noch zu hapern, allerdings behauptet das Regime, beim Test Anfang Juli erfolgreich einen Kohlefaserschild eingesetzt zu haben.

Zweitschlagfähigkeit

Um über eine Drohkapazität gegenüber den USA und damit letztlich eine Lebensversicherung für das Regime zu verfügen, braucht Nordkorea Gewissheit, dass sein nukleares Raketenarsenal nicht durch einen konventionellen oder nuklearen Erstschlag der USA ausgeschaltet werden kann. Ferner muss sichergestellt sein, dass nicht alle Raketen während des Flugs vom amerikanischen Raketenabwehrschirm ausgeschaltet werden würden. Nordkorea scheint beide Voraussetzungen erfüllen zu können. Zum einen verfügt es über mobile Raketenabschussrampen, die es dem Regime erlauben, seine Raketen in den Bergen und Wäldern zu verstecken und somit vor einem amerikanischen Erstschlag zu bewahren. Außerdem hat Nordkorea im August 2016 auch erfolgreich eine U-Boot-gestützte Rakete (Pukguksong-1/KN-11 SLBM) mit einer Reichweite von 1.000 km getestet. Zwar besitzt das Land dafür bisher nur ein Test-U-Boot mit einem Starttubus, eine U-Boot-gestützte Abschreckungskapazität könnte langfristig jedoch die Überlebensfähigkeit des nordkoreanischen Nukleararsenals deutlich erhöhen. Darüber hinaus ist das Regime dabei, seine Kurz- und Mittelstreckenraketen von Flüssigtreibstoff auf Feststofftriebwerke umzustellen, was ihren Schutz und ihre operative Flexibilität deutlich verbessert. Diese Raketen können zwar nicht Kontinentalamerika erreichen, dienen aber der Abschreckung, indem sie die Verbündeten Südkorea und Japan, die dort stationierten US-Truppen sowie die Pazifikinsel Guam – amerikanisches Territorium und strategischer Militärstützpunkt – bedrohen. Zum anderen wird das amerikanische Raketenabwehrsystem, dessen Abfangraketen in Alaska und Kalifornien stationiert sind, nach wie vor von so großen technischen Schwierigkeiten geplagt, dass sich die USA nicht ausreichend darauf verlassen können, eine nordkoreanische Interkontinentalrakete – ganz zu schweigen von einer Salve – sicher abfangen zu können.

Somit scheint Nordkorea also bereits heute über mindestens vier der fünf genannten Fähigkeiten zu verfügen, die es für eine gesicherte Drohkapazität gegenüber den USA benötigt – beziehungsweise präziser: Das Regime hat nukleare Sprengköpfe und verfügt über Interkontinentalraketen. Die Sprengköpfe scheinen hinreichend miniaturisiert werden zu können, sodass sie auf die Trägersysteme passen und von diesen weit genug verbracht werden können, um amerikanische Metropolen zu bedrohen. Aufgrund der mobilen Abschussrampen dürfte es den USA nicht gelingen, bei einem Erstschlag alle Sprengköpfe auszuschalten.

Dass alle diese Fähigkeiten noch mehr oder weniger rudimentär sind – Nordkorea verfügt vermutlich noch nicht über thermonukleare Sprengköpfe und die Interkontinentalraketen sind alles andere als zuverlässig und zielgenau – sollte keinen Anlass zum Zurücklehnen geben: Erstens gewinnt das nordkoreanische Regime durch kontinuierliches Testen von Sprengköpfen und Raketen Erkenntnisse, die es rapide in die Verbesserung seiner Fähigkeiten umsetzt, zweitens sorgen selbst rudimentäre Fähigkeiten für ausreichend Unsicherheit bei amerikanischen Militärplanern hinsichtlich der Frage, ob Nordkorea im Falle eines amerikanischen Angriffs wirklich keine einzige Nuklearrakete ins Ziel bringt.

„Fire and fury“ – die amerikanische Drohkulisse

Vor diesem Hintergrund geben jüngste Drohungen seitens der amerikanischen Administration in Richtung Kim Jong-un gravierenden Anlass zur Besorgnis. Zunächst äußerte CIA-Direktor Mike Pompeo Ende Juli, dass es gelte, Strategien zu entwickeln, die Kim Jong-un von seinem nuklearen Arsenal „separieren“. Dann berichtete der einflussreiche republikanische Senator Lindsey Graham, Trump habe ihm gesagt, es werde Krieg geben, wenn Nordkorea das Testen von Raketen nicht einstellt. Schließlich verkündete Trump vorgestern, nordkoreanische Drohungen „will be met with fire and fury like the world has never seen.”


via Associated Press


Dass sich ein amerikanischer Präsident auf die üblichen verbalen Drohungen Nordkoreas einlässt und verbal derart die Lage eskaliert, ist absolut ungewöhnlich und – zusammengenommen mit den Äußerungen von CIA-Direktor Pompeo und Senator Graham – eine neue Situation für das nordkoreanische Regime.

Eines kann man kann der Trump-Administration nicht vorwerfen, untätig zu sein. Nordkoreas Nuklearambitionen genießen eindeutig höchste Priorität. Die Administration scheint alle Register zu ziehen, die zur Verfügung stehen. In der Hoffnung, China könnte seine Hebel einsetzen, um Nordkorea am weiteren Testen von Sprengköpfen und Raketen zu hindern, wird Peking wechselweise umgarnt oder ermahnt. Einerseits wird dem nordkoreanischen Regime Zuckerbrot in unterschiedlicher Form angeboten: (unspezifische) Gesprächsangebote, Versicherungen, Nordkorea sei kein Feind der USA und man strebe keinen Sturz des Regimes an, sowie ein südkoreanischer Friedensplan. Andererseits wird mit der Peitsche gedroht: strategische US-Bomber überfliegen die koreanische Halbinsel, gemeinsame (Raketen-)Manöver mit Südkorea werden abgehalten, Flugzeugträger in die Region verlegt und amerikanische sowie südkoreanische Spezialeinheiten trainieren Enthauptungsschläge und die Eroberung und Sicherung militärischer Massenvernichtungsmittel in Nordkorea. Schließlich ist es den USA vergangene Woche anlässlich des ersten erfolgreichen Tests einer nordkoreanischen Interkontinentalrakete (4. Juli) gelungen, im UN-Sicherheitsrat eine einstimmige Resolution herbeizuführen. Resolution 2371 verschärft die Sanktionen gegenüber Nordkorea weiter, verzichtet jedoch auf die von den USA angestrebten sekundären Sanktionen gegen chinesische Banken und Öllieferungen.

Es kristallisiert sich zunehmend eine Art „Good Cop, Bad Cop“-Ansatz heraus: Außenminister Rex Tillerson strebt seit seiner Amtsübernahme Verhandlungen an (was auch China befürwortet) und ist um rhetorische Deeskalation bemüht. Insbesondere Trump hat durch seine spontane und nicht zuvor mit seinen Beratern abgesprochene Drohung eskaliert. Er konterkariert damit seine früheren Zusicherungen, keinen Regimechange in Nordkorea zu wollen und gefährdet zugleich den bisher von der US-Regierung eingeleiteten Ansatz, zumal er noch nicht einmal die Wirkungen der jüngsten UN-Sanktionen abwartet. Auch wenn Verteidigungsminister Jim Mattis im Nachhinein betont hat, dass die USA nur auf einen Angriff reagieren, baut er sowohl verbal als auch militärisch weiter Druck auf. Sollte jetzt Mattis zusätzliche militärische Aktivitäten gegen Nordkorea anordnen, kommt diesen nach der Drohung von Trump eine höhere und für Nordkorea nur schwer zu kalkulierende Eskalationswirkung zu. Zugleich sind nun die Bemühungen um Deeskalation von Tillerson ungleich schwieriger.

Angesichts der anhaltenden Probleme in der US-Administration ist unklar, wer in Washington jetzt die Fäden für die weitere Politik gegenüber Nordkorea in Händen hält, wie man Donald Trump in berechenbarerer Weise als bisher darin einbindet und wie man vor allen Dingen glaubwürdig und verlässlich die Krise meistert. Die USA sind mit diesem Präsidenten nach außen hin kein wirklich berechenbarer Akteur mehr und es ist angesichts dieser Lage unklar, wie sich diese Krise weiter entwickeln wird. Das wird auch weitreichende Folgen für die USA und ihre Allianzen haben.

Die genannten Maßnahmen werden das nordkoreanische Regime nicht davon abbringen, sein Nuklear- und Raketenprogramm weiter voranzutreiben. Die Zeiten, in denen das Regime sein Nuklearprogramm als Verhandlungsmasse gesehen hat, die es gegen Nahrungsmittellieferungen oder Friedensverhandlungen mit Südkorea eintauschen würde, scheinen vorbei zu sein. Angesichts der US-Interventionen im Irak, in Libyen und dem möglichen Schicksal des Irandeals, der derzeit von Trump ins Visier genommen wird, wird eine gesicherte nukleare Drohkapazität gegenüber den USA als einzige Sicherheitsgarantie für das eigene Überleben angesehen. Geht man jedoch davon aus, dass dies der ultimative Zweck des nordkoreanischen Programms ist, dann kann gefolgert werden, dass Nordkorea nur dann Gebrauch von seinem nuklearen Arsenal machen würde, wenn es einen unmittelbar bevorstehenden Angriff – entweder auf sein Nukleararsenal und/oder das Regime in Form eines Enthauptungsschlags – fürchtet. Folglich gibt es keine kurz- oder mittelfristige „Lösung“ der koreanischen Nuklearkrise. Vielmehr gilt es zunächst, die Krise zu managen und den Druck auf das Regime bei Bedarf nur soweit zu erhöhen, dass der Kessel nicht platzt. Deshalb bedarf es weder fire noch fury, sondern eines kühlen Kopfes – auch wenn dies angesichts anhaltender Provokationen des nordkoreanischen Regimes schwerfallen mag.

Hans-Joachim Schmidt
Hans-Joachim Schmidt ist wissenschaftlicher Mitarbeiter der HSFK im Programmbereich Internationale Sicherheit. Seine Forschungsschwerpunkte sind Nordkorea und konventionelle Rüstungskontrolle in Europa.
Hans-Joachim Schmidt
Hans-Joachim Schmidt ist wissenschaftlicher Mitarbeiter der HSFK im Programmbereich Internationale Sicherheit. Seine Forschungsschwerpunkte sind Nordkorea und konventionelle Rüstungskontrolle in Europa.

Hans-Joachim Schmidt

Hans-Joachim Schmidt ist wissenschaftlicher Mitarbeiter der HSFK im Programmbereich Internationale Sicherheit. Seine Forschungsschwerpunkte sind Nordkorea und konventionelle Rüstungskontrolle in Europa.

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