Zerstörte Gebäude in im Zentrum von Homs, Syrien | Photo: Chaoyue 超越 PAN 潘 | Free use

Krieg der Bilder – wie das syrische Regime den Bürgerkrieg im Fernsehen weiterführt

Bewaffnete Konflikte werden nicht nur durch Waffengewalt ausgetragen, sondern auch im gesellschaftlichen Diskurs. Diesen zu manipulieren und in die politisch erwünschte Richtung zu lenken, ist das Ziel von Propaganda. Film und Fernsehen spielen dabei eine zentrale Rolle, wie zahlreiche Beispiele aus dem Nationalsozialismus und anderen Kontexten zeigen. Im Gegensatz zu Dokumentationen und Nachrichten dienen Spielfilme und Serien in erster Linie der Unterhaltung. In Diktaturen erfüllen diese jedoch oft auch einen propagandistischen Zweck – starke Bilder, eine interessante Storyline und hochkarätige Schauspieler*innen treffen auf polarisierte Darstellungen eines Gegenstandes. Diese Mischung macht die Filme umso wirkmächtiger, wie ich im Folgenden anhand von einigen syrischen Produktionen zeigen möchte.

Obwohl die heimische Wirtschaft schon seit einigen Jahren durch den Krieg und seine Folgen am Boden liegt, investiert das syrische Regime nicht unwesentliche Ressourcen in Kino- und TV-Produktionen. Hierdurch wird deutlich, wie wichtig die Filme und Serien für die Meinungsbildung in dem polarisierten Konflikt sind. Dies ist umso mehr der Fall, als dass das syrische Regime und seine Verbündeten den Krieg größtenteils militärisch gewonnen haben. Bis auf die Provinz Idlib und Teile des Nordens ist das Land durch eine Mischung aus militärischen Siegen und sogenannten reconciliation agreements wieder unter der nominellen Kontrolle des Regimes. Die Filme und Serien können als Teil des Bestrebens verstanden werden, den Krieg auch diskursiv zu gewinnen.

Kino- und vor allem Fernsehfilme und -serien sind ein ideales Mittel, um breite Teile der syrischen Bevölkerung im In- und Ausland zu erreichen. Besonders im Ramadan sind eigens für den Anlass produzierte Serien in mehrheitlich muslimischen Ländern fester Bestandteil des Alltags. Darüber hinaus werden die Kinofilme auch auf Filmfestivals in der Region gezeigt, erreichen also nicht nur Syrerinnen und Syrer. Alle Filme werden von staatlichen Institutionen oder staatsnahen Firmen finanziert und produziert, und müssen durch die strenge Zensur der Abteilung für Überwachung und intellektuelle Bewertung. Alle Produktionen folgen also der offiziellen Linie des syrischen Regimes.

Zuletzt hat die syrische Nationale Filmstiftung mehrere der neueren Produktionen auf der online Plattform vimeo unter dem Motto „Das Kino in deinem Zuhause“ verfügbar gemacht, um die Ausgangssperren in der Corona-Krise zu erleichtern. Umso mehr lohnt ein Blick auf die politischen Botschaften, die die Produktionen den Zuschauer*innen senden.

Verdrehung der Tatsachen des Kriegsgeschehens

Seit Beginn des Konfliktes versucht das syrische Regime, ein Gegennarrativ zu den Ereignissen zu schaffen, die das Land 2011 in einen brutalen Bürgerkrieg gestürzt haben, und sein Bestreben im Kampf gegen Akteure darzustellen, die es von Anfang an als „Terroristen“ bezeichnet hat.

Vor 2011 war es verboten, öffentlich über religiöse Zugehörigkeiten und Identitäten zu sprechen, geschweige denn diese in Filmen oder Serien zu thematisieren. In den TV- und Kino-Produktionen nach 2011 wurde dies möglich, jedoch nicht als freier gesellschaftlicher Diskurs, sondern um politische Zwecke zu erfüllen: einerseits dient es der Dämonisierung der Opposition, die auf islamistische Terroristen reduziert wurde. Durch Sprache und Verhalten wird das klare Feindbild von fremden Extremisten gezeichnet, die entweder aus dem Ausland oder aus einer anderen Region stammen, und alles Nationale mit Füßen treten. Andererseits soll es den religiösen Minderheiten signalisieren, dass nur das syrische Regime sie beschützen kann. Die Handlung in den Kinofilmen ist demenentsprechend ähnlich: Islamistische Extremisten belagern (wie in Der Regen von Homs), oder kontrollieren ein Wohnviertel, deren Bewohner*innen ihnen als Geiseln dienen (wie in Der Pfad des Himmels). Den bösen, dummen und gemeinen Terroristen, die klassisches Arabisch sprechen, und alles Syrische verachten, steht ein christlicher (wie in Der Regen von Homs) oder alawitischer Held (wie in Der Pfad des Himmels) gegenüber, dessen Religionszugehörigkeit harmonisch mit seiner nationalen Identität verknüpft ist. So wird eine doppelte Nachricht gesendet: eine an die „westliche“ Welt, der gegenüber der Konflikt als Vernichtungskrieg gegen Christen und andere religiöse Minderheiten dargestellt wird, und die zweite an alle syrischen Minderheiten im In- und Ausland, was sie erwartet, wenn sie sich gegen das Regime stellen. Die Filme sollen somit ängstigen und terrorisieren, auch wenn sie teilweise lustig und leichtfüßig daherkommen, wie Der Regen von Homs. Dies ist eine durchaus bekannte Strategie des syrischen Regimes, das eine lange Geschichte der Manipulation von Religion seit Hafez al-Assad aufweisen kann.

Neben dieser vereinfachten und verkürzten Darstellung des Konfliktes als „Religionskrieg“, gibt es noch weitere Kritikpunkte. Erstens wird suggeriert, dass Städte wie Homs von den Terroristen, und nicht hauptsächlich von Bomben der syrischen (und später russischen) Luftwaffe zerstört wurden. Wenn überhaupt, so wird das weitverbreitete Plündern der verlassenen Häuser als Einzeltat durch Shabiha, also irreguläre Milizen, die für das syrische Regime kämpfen, und für viele Menschenrechtsverletzungen verantwortlich sind, dargestellt. Die Armee hingegen gilt als heldenhafter Retter des Landes. Tatsächlich aber wurden diese Plünderungen durch Angehörige der syrischen Armee und der Sicherheitskräfte so systematisch durchgeführt, dass dafür ein neues Wort geprägt wurde: ta’fish, was wörtlich so viel bedeutet wie „sich mit Möbeln und Einrichtungsgegenständen ausstatten“. In der Serie Sichere Distanz, die letztes Jahr während des Ramadan lief, und von den Alltagsproblemen verschiedener sozialer Schichten in Damaskus in der Spätphase des Krieges handelt, wird das Verschwinden von Zivilisten thematisiert. Eine Mutter verflucht und schlägt ihren oppositionellen Sohn und beschuldigt ihn, ihren zweiten Sohn getäuscht, und zur Teilnahme an Demonstrationen überredet zu haben, was zu seinem Verschwinden führte. Obwohl nicht direkt ausgesprochen, ist klar, dass der Opposition die Schuld dafür gegeben wird. Seit Jahren verweisen allerdings syrische und internationale Organisationen auf die massenhaften Verhaftungen, Folter und Exekutionen von Zivilist*innen hauptsächlich durch Angehörige der syrischen Sicherheitskräfte.

In den Filmen Der Regen von Homs und Der Pfad des Himmels wird zudem suggeriert, dass die belagerten Zivilist*innen ihre Wohnviertel nicht verlassen können, weil Terroristen sie daran hindern. Der Hauptgrund, warum die meisten Zivilist*innen trotz Zerstörung und des Mangels an Waren des täglichen Bedarfes blieben, war jedoch, dass sie ihre Häuser aus Angst vor Plünderungen und Zerstörung, und der Ungewissheit einer Rückkehr, nicht zurücklassen wollten. Dazu kam die Angst vor den Scharfschützen des Regimes und der Verhaftung durch die Sicherheitskräfte. So werden zum Beispiel in dem Film Der Pfad des Himmels das allgemein bekannte Bild der zerstörten Busse, die Zivilist*innen als Schutz vor Scharfschützen dienten, als Barrikaden und „Höhlen“ der Terroristen dargestellt.

Die Serie Sichere Distanz geht inhaltlich noch weiter. Sie beschränkt sich nicht darauf, die Opposition für die Zerstörung Syriens verantwortlich zu machen, sondern versucht, ihr nachweislich vom Regime begangene Verbrechen wie den Gebrauch von Giftgas in die Schuhe zu schieben. So wird in der ersten Episode dargestellt, wie Terroristen einen Anschlag mit chemischen Waffen planen, eine klare Anspielung auf den Chemiewaffen-Angriff in Ostghouta von August 2013, der auf das Konto des syrischen Regimes geht.

Das Kriegsgeschehen als Filmkulisse

Ein weiteres Problem ist ethischer Natur (und hat zugleich auch eine politische Aussage): die zerstörten Städte und Häuser, und die zurückgelassenen Besitztümer der Vertriebenen werden als Drehorte und Requisiten für TV- und Kino-Produktionen genutzt. Wie ein Betroffener aus dem Dorf al-Zara in der Provinz Homs berichtete, wurden sogar einige Häuser während des Drehs noch weiter zerstört. Parallel dazu werden die Überlebenden und Vertriebenen systematisch durch neue Gesetze, die den Wiederaufbau in Syrien ankurbeln sollen, an der Rückkehr gehindert. Man kann darüber streiten, ob es schlimmer ist, diese Orte zu verwenden, um historische Tatsachen zu verdrehen, oder diese Orte der Zerstörung und systematischen Vertreibung überhaupt als Drehorte zu verwenden. Fest steht jedoch, dass es eine klare Aussage hat, wenn ein Film an einem Ort wie Zabadani gedreht wird (wie der Film Die Nabelschnur), einer Stadt, die jahrelang von Regimetruppen und der libanesischen Hezbollah belagert, und deren Bewohner systematisch ausgehungert wurden. Obwohl große Teile des Landes zerstört sind, wurde ein besonders symbolträchtiger Ort wie Zabadani für die Dreharbeiten ausgesucht. Dies kann somit als Zurschaustellung der Stärke des Regimes und der Abschreckung und Einschüchterung zukünftiger Rebellionen interpretiert werden.

Gegen dieses Phänomen regt sich jedoch zunehmend internationaler Protest. Letztes Jahr haben syrische Filmschaffende im Ausland eine Petition gestartet, die sich gegen die Nutzung der zerstörten Orte und Häuser als Drehorte für Filme, „die die dort begangenen Verbrechen verwässern und ihre Täter ignorieren“, ausspricht. Diese Petition erreichte zum Beispiel, dass einige regionale Filmfestivals den Film Die Nabelschnur aus dem Programm nahmen.

Es geht jedoch auch noch pietätsloser: In der Ramadan-Comedy-Serie „Kontak“ aus dem Jahr 2019, was im syrischen Dialekt so viel wie elektrischer Funke bedeutet, werden die Opfer des Chemiewaffen-Angriffs in Ostghouta von August 2013 in einer Folge verhöhnt, indem suggeriert wird, dass dieser von den Weißhelmen, einer Gruppe von freiwilligen Ersthelfer*innen, inszeniert wurde. Diese Darstellung ist anschlussfähig an die von russischen Medien unterstützte Desinformations-Kampagne gegen die Weißhelme. Die Folge hat jedoch so viel Protest in den sozialen Medien ausgelöst, dass sich eine der Hauptdarstellerinnen genötigt sah, zumindest eine halbherzige Entschuldigung von sich zu geben. Was die Menschen auch in Regimegebieten so verärgerte, war nicht die Verdrehung der Tatsachen als solche, sondern die Darstellung der Ereignisse als Komödie.

In der diesjährigen Ramadan-Serie Interview mit Herrn Adam wurde das Foto der 24-jährigen Rehab al-Alawi, die in einem Regime-Gefängnis zu Tode gefoltert wurde, verwendet, um einen fiktiven Mord an einer Frau darzustellen. Die Aufnahme stammt aus dem Fotoarchiv des desertierten Fotografen der syrischen Militärpolizei „Caesar“. Wie auch bei dem vorher problematisierten Filmdreh in Zabadani ist es schwer vorstellbar, dass die Entscheidung, die Aufnahme zu verwenden, zufällig erfolgte. Auch dieses „filmische Mittel“ hat international für Entsetzen gesorgt.

Grenzen der Propaganda

Durch Propaganda sollen Denken, Handeln und Fühlen von Menschen in eine bestimmte Richtung gelenkt werden. Spielfilme und Serien spielen dabei eine zentrale Rolle, da sie Unterhaltung und polarisierte oder falsche Darstellungen eines Gegenstandes miteinander verbinden. Da das Fernsehen eine ausgeprägte meinungsbildende Funktion für die syrische Gesellschaft hat, ist von einer starken Wirkung auszugehen. Fernsehserien gehören zum täglichen Leben dazu. Oft werden die Inhalte, Themen und Charaktere der Serien zum Gesprächsthema, vor allem zwischen Jugendlichen, und in den letzten Jahren ist es häufig vorgekommen, dass junge Leute Figuren aus den Serien imitieren. Zudem ist auch vorstellbar, dass die Attraktivität dieser Sendungen nach Jahren des Krieges, der Zerstörung, und des Leids noch einmal zugenommen hat, da sie eine Flucht aus dem Alltag ermöglichen. Da viele der Kinoproduktionen der letzten Jahre im Internet mit englischen Untertiteln zu finden sind, erreichen sie neben der Diaspora auch Menschen, die mit Syrien sonst nicht viel zu tun haben, und damit eine ganz bestimmte, und häufig falsch wiedergegebene und instrumentalisierte Darstellung der Ereignisse präsentiert bekommen. Obwohl es natürlich keine Nutzungsstudien gibt, kann man sicherlich von einem effektiven Einsatz der Filme und Serien zu propagandistischen Zwecken sprechen.

Es zeigen sich jedoch auch die Grenzen des Mach- und Sagbaren sogar für eine Diktatur wie die syrische. Hier geht es eher um die Art der Darstellung, als den Inhalt. Die Nutzung zerstörter Städte als Filmkulisse, um historische Tatsachen zu verdrehen, die Darstellung des Kriegsgeschehens als Komödie, und die Verwendung von Bildern von Folteropfern in einer fiktiven Darstellung hat auch in Syrien – innerhalb der begrenzten Möglichkeiten, die soziale Medien bieten – für Entrüstung gesorgt.

Regine Schwab

Regine Schwab

Regine Schwab ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Programmbereich „Transnationale Politik" an der HSFK. Zu ihren Forschungsinteressen gehören Syrien und der Nahe Osten, Politische Gewalt und Rebellengruppen.

Regine Schwab

Regine Schwab ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Programmbereich „Transnationale Politik" an der HSFK. Zu ihren Forschungsinteressen gehören Syrien und der Nahe Osten, Politische Gewalt und Rebellengruppen.

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