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Von Kugeln durchlöchertes Auto der haitianischen Polizei am 26.10.2004 in Port-au-Prince, Haiti. Im Hintergrund ein Tankwagen der UN, der von Anhängern Aristides angegriffen wird. Foto: © picture alliance / dpa | Orlando_Barria.

Von Regeln der Ausnahme: Wo humanitäre militärische Interventionen auftreten oder ausbleiben

20. Februar 2026

Sogenannte humanitäre militärische Interventionen verfolgen den erklärten Anspruch, Menschen im Zielland vor Gewalt zu schützen. Viele halten dieses Schutzverspechen für unglaubwürdig, erleben doch die meisten Konflikte keine humanitäre Intervention. Dieses Spotlight erörtert, wo solche Operationen stattfinden oder ausbleiben. Nähe zu westlichen Staaten und Vorkommen von Rohstoffen geben nicht den Ausschlag. Vielmehr treten humanitäre Interventionen verstärkt auf, wenn ein großer Interventionsbedarf, angezeigt durch hohe Opferzahlen, einhergeht mit plausiblen Chancen darauf, mit dem Eingreifen die Gewalt zu stoppen oder einzudämmen.

Bei einer humanitären militärischen Intervention schickt ein Staat, eine Koalition von Staaten oder eine internationale Organisation Truppen in einen Gewaltkonflikt im Ausland. Mit angedrohtem oder ausgeübtem Zwang sollen sie, so das erklärte Ziel, die Menschen im Zielland vor Kämpfen oder Übergriffen schützen. Zu den bekanntesten Fällen zählen Somalia und Kosovo in den 1990ern und Libyen 2011. Ein Blick auf das jüngste Konfliktgeschehen lässt den Ausnahmecharakter humanitärer Interventionen erkennen. Im aktuellen Konflikt im Sudan gibt es keine solche Intervention, und die Kriege in Äthiopien und im Jemen zogen ebenso wenig eine humanitäre Intervention auf sich. Angesichts der Schreckensbilanz dieser Konflikte kommt die Frage auf, warum hier eine humanitäre Intervention ausblieb. Auch der Krieg in Syrien zählte zu den verheerendsten Konflikten der jüngeren Vergangenheit. Hier gab es 2018 nach dem wiederholten Einsatz von Chemiewaffen punktuelle Luftangriffe, die sich als humanitäre Kurzintervention klassifizieren lassen, aber keine größer angelegte Operation, um den Krieg zu beenden.

Abbildung 1 auf der nächsten Seite setzt die Zahl humanitärer Interventionen ins Verhältnis zum Aufkommen „staatsbasierter“ bewaffneter Konflikte, bei denen es sich zumindest bei einer Konfliktpartei um einen staatlichen Akteur handelt. In keinem Jahr fanden mehr als acht humanitäre Interventionen statt, und durchweg lag der Anteil von bewaffneten Konflikten mit einem solchen Einsatz bei unter 20%.

Wie glaubwürdig ist das humanitäre Motiv?

Das seltene Auftreten humanitärer Interventionen wirft die Frage auf, wie glaubwürdig deren erklärte Ziele sein können, wenn die meisten Gewaltkonflikte kein solches Eingreifen erleben. Ob die behaupteten Motive der Intervenierenden als authentisch gelten, entscheidet mit über die Legitimität und Unterstützung und damit über die Erfolgschancen einer Mission.1

Eine Studie der Autoren dieses Spotlights führt das geringe Aufkommen humanitärer militärischer Interventionen darauf zurück, dass potenzielle Interventen den Bedarf des Eingreifens gegen die erwarteten Risiken und Erfolgschancen der Mission abwägen. Hingegen findet sie keine Anzeichen für eine erhöhte Wahrscheinlichkeit einer humanitären Intervention, wenn das Konfliktland über natürliche Ressourcen wie Öl oder Uran verfügt oder in geographischer Nähe zu westlichen Staaten liegt.

Diagramm mit zwei Graphen, die die Anzahl der 1. staatsbasierten Konflikte und 2. die Anzahl der Humanitären Interventionen von 1989 bis 2023 abbilden.
Unterschrift: Abbildung 1: Staatsbasierte Konflikte und humanitäre Interventionen seit 1989, Quellen: https://ucdp.uu.se/ und https://www.humanitarian-military-interventions.com.]

28 aus 314

Um Muster im Auftreten humanitärer Interventionen herauszuarbeiten, untersuchten wir 314 innerstaatliche bewaffnete Konflikte zwischen 1989 und 2022 mit Beteiligung eines staatlichen Akteurs.2 Zwischenstaatliche Konflikte blieben außen vor, weil es bei ihnen keine humanitären Interventionen gab. Das zeigt ein am PRIF erstellter Datensatz, auf den wir unsere Analyse stützen.3 Für den genannten Untersuchungszeitraum zählten wir 28 humanitäre Interventionen.4 Die Vereinten Nationen führten zehn davon, in acht Fällen waren andere internationale Organisationen der wichtigste Akteur, und nur zweimal intervenierte ein Staat allein. In elf humanitären Interventionen traten westliche Staaten, Koalitionen oder Organisationen als Protagonisten auf.

Die 314 bewaffneten Konflikte werteten wir mit einer quantitativen Methode aus, die darauf fokussiert, ob es im Laufe des Konflikts oder bis zum Ende des Untersuchungszeitraums zu einer humanitären Intervention kam, und falls ja, nach welcher Konfliktdauer sie erfolgte.

Interventionsbedarf

Spielt das Schutzmotiv tatsächlich eine Rolle, dann sollten Konflikte mit mehr Todesopfern eher zu humanitären Interventionen führen als weniger blutige Konflikte. In besonders intensiven Konflikten können solche Operationen einen größeren Unterschied machen. Auch heben sich große Gewaltlagen stärker vom sonstigen Konfliktgeschehen ab und gewinnen eher internationale Aufmerksamkeit, auch weil sie stärker ihre Nachbarschaft belasten. Wie unsere Studie ermittelte, macht eine höhere Zahl von Todesopfern eine humanitäre Intervention wahrscheinlicher, und dieser Effekt erreicht statistische Signifikanz.

Es liegt die Annahme nahe, dass sich die Zahl der Geflüchteten und Vertriebenen ebenso auf die Interventionsneigung auswirkt. Auch sie steht für das Ausmaß des Leids. Da jedoch Flucht und Vertreibung stark an das Ausmaß tödlicher Konfliktgewalt gekoppelt sind, konnten wir hier keinen statistisch signifikanten Effekt feststellen. Zudem beziehen sich Daten zu Geflüchteten und Vertriebenen auf das ganze Land und lassen sich nicht für die Konfliktregion aufschlüsseln.

Erfolgsaussichten

Haben potenzielle Eingreifende angesichts großen Leids vieler Menschen einen Bedarf für eine humanitäre Intervention ausgemacht, stellt sich ihnen die Frage der Chancen, mit einem Einsatz dazu beizutragen, die Gewalt zu beenden oder wenigstens einzudämmen. Zudem prägen befürchtete Kosten und Risiken die Bereitschaft zur humanitären Intervention. Ein solcher Einsatz verschlimmert womöglich noch die Lage der Menschen im Zielland, setzt die eigenen Truppen den Gefahren eines bewaffneten Konflikts aus, führt zu finanziellen Lasten und kann den Verantwortlichen politische Zustimmung und somit ihr Amt kosten.

Eine humanitäre Intervention steht vor größeren Risiken, wenn Drittstaaten Truppen im Konfliktland stationieren und dabei Ziele verfolgen, die der humanitären Intervention entgegenstehen. Die konkurrierende Intervention stärkt Akteure, die keine Deeskalation wollen, und würde den Handlungsspielraum der humanitär motivierten Eingreifenden einschränken. Entsprechend beobachten wir, dass eine Truppenstationierung durch Dritte eine humanitäre Intervention unwahrscheinlicher macht.

Ein größerer Umfang der Regierungsstreitkräfte im Konfliktland senkt ebenfalls die Wahrscheinlichkeit einer humanitären Intervention. Offenkundig zögern potenzielle Interventen umso mehr mit einem Eingreifen gegen die Regierung, je umfangreicher deren Streitkräfte sind. Diese Größe reduziert aber auch die Bereitschaft zu einer unparteiischen humanitären Intervention, da dann mehr Truppen zu stationieren wären, um sowohl die Regierung als auch die Rebellen im Zaum zu halten. Auch eine Intervention gegen die Aufständischen geht mit geringeren Erfolgsaussichten einher, wenn sich diese bereits gegen umfangreiche Regierungsstreitkräfte behaupten können.

Mit steigender Größe des Gebiets, in dem Kämpfe oder gezielte Angriffe auf Zivilpersonen stattfinden, schrumpft die Bereitschaft zu einer humanitären Intervention. Für die gleichen Erfolgschancen verlangt ein größeres Konfliktgebiet mehr Interventionstruppen. Daraus ergeben sich für Eingreifende höhere finanzielle Kosten und wachsende Risiken, eigene Truppen zu verlieren. Der negative Effekt des Konfliktgebiets auf die Wahrscheinlichkeit einer humanitären Intervention zeigt sich jedoch weniger robust als der einer konkurrierenden Intervention und der Größe der Regierungstruppen.

Interventionsbedarf und Erfolgsaussichten zusammengedacht

Humanitäre Interventionen gibt es allenfalls, wenn potenzielle Eingreifende einen Bedarf der Intervention und zugleich belastbare Chancen auf Erfolg sehen. Das mögen die Worte illustrieren, mit denen US-Präsident George Bush 1992 den Einsatz in Somalia rechtfertigte:

„Militärische Unterstützung ist notwendig, um die sichere Lieferung der lebensnotwendigen Nahrungsmittel für die Somalier zu gewährleisten … Die Menschen in Somalia, insbesondere die Kinder, brauchen unsere Hilfe. Wir können ihr Leid lindern … Wir werden unsere Mission erfüllen … Wir werden nicht scheitern.“5

Stimmt es, dass potenzielle Eingreifende den Bedarf an Intervention gegen die Schwierigkeit der Intervention abwägen, dann sollten humanitären Interventionen vor allem dort geschehen, wo blutige Konflikte mit für die Eingreifenden begrenzten Kosten und Risiken einhergehen. Tatsächlich fanden drei Viertel der humanitären Interventionen in solchen Konstellationen statt, darunter die Einsätze in Sierra Leone von 1997 bis 2001 und in Burundi in den 2000ern.

Was wir in unseren Daten auch sehen: Liegt bereits eine hohe Konfliktintensität vor, dann macht eine weitere Steigerung der Opferzahl eine Intervention nicht noch wahrscheinlicher. Das weist darauf hin, dass hier potenzielle Interventen Kosten und Risiken in den Blick nehmen. Bei zwei Konflikten mit gleicher Intensität ist eine humanitäre Intervention in dem Land wahrscheinlicher, wo es kleinere Regierungsstreitkräfte oder keine konkurrierende Intervention gibt.

DATENSATZ
Der PRIF-Datensatz zu humanitären militärischen Interventionen umfasst derzeit 43 dieser Einsätze seit 1946. Er beruht auf Fallbeschreibungen, die alle Kodierentscheidungen dokumentieren und sich über eine interaktive Weltkarte abrufen lassen: www.humanitarian-military-interventions.com. Die im September 2025 vom Sicherheitsrat der Vereinten Nationen autorisierte humanitäre Intervention in Haiti erfasst der Datensatz noch nicht.

Keine Muster ohne Wert

Humanitäre militärische Interventionen treten verstärkt dort auf, wo hoher Interventionsbedarf auf plausible Aussichten auf Erfolg trifft. In solchen Konstellationen kommt es nicht immer zu einer Intervention. Auch gibt es vereinzelt humanitäre Interventionen in Konflikten mit relativ wenigen Todesopfern, so in Ost-Timor 1999 oder Haiti 2004-2005, oder bei geringen Erfolgsaussichten. In einigen dieser Fälle führte ein vorheriges militärisches Engagement in der gleichen Konfliktregion zu einer ansonsten nicht zu erwartenden Interventionsbereitschaft, etwa in Bosnien-Herzegowina in den 1990ern oder gegen den Islamischen Staat im Irak 2014.

STUDIE
Die ausführliche Studie ist frei zugänglich unter: Gromes, Thorsten & Leonhard, Lucas Kori 2026: Saving strangers selectively: Conditions affecting the occurrence of humanitarian military interventions, International Peacekeeping, https://doi.org/10.1080/13533312.2025.2608853. Sie ist Teil eines Projekts zu Wirkungen humanitärer militärischer Interventionen, das von der Deutschen Stiftung Friedensforschung gefördert wird.

Im Lichte dieser Ergebnisse täte es der politischen Debatte über Für und Wider von humanitären Interventionen gut, sich weniger auf die verbreitete, aber empirisch nicht fundierte Erzählung zu fixieren, dass diese Einsätze vor allem dort erfolgten, wo die Eingreifenden sich Zugriff auf Rohstoffe sichern wollten.

Damit man unsere Befunde richtig einordnet: Bleibt bei einer humanitären Intervention die erhoffte Deeskalation des Konflikts aus, widerlegt das keineswegs die Relevanz der wahrgenommenen Erfolgsaussichten für den Entschluss zum Eingreifen. Selbstverständlich gibt es Fehlkalkulationen. Zudem hinterfragen die zugrunde gelegten Daten durchaus die bei einem Militäreinsatz vorgetragenen humanitären Motive. Der PRIF-Datensatz nutzt eine ganze Reihe von Prüfkriterien, die es verbieten, etwa den Angriff Russlands auf die Ukraine als humanitäre militärische Intervention einzustufen.

Die vorgestellten Ergebnisse zum Ausnahmecharakter humanitärer Interventionen sind relevant, weil der Erfolg einer Mission auch davon abhängt, für wie glaubwürdig die Eingreifenden wahrgenommen werden und wie sehr daher die Konfliktparteien und Dritte bereit sind, mit ihnen zu kooperieren. Die Regeln der Ausnahmen zu kennen, hilft darüber hinaus, Erfolg und Scheitern humanitärer militärischer Interventionen zu bilanzieren. Es führt zu irreführenden Befunden, vergleicht man Konflikte mit einer solchen Intervention einfach mit allen Konflikten ohne dieses Eingreifen. So zieht eine Studie zu humanitären Interventionen der USA, Frankreichs und Großbritanniens eine Bilanz des Scheiterns, ohne zu bedenken, dass sich diese Operationen ungleich über die Konflikte verteilen.6 Hingegen lässt sich der Effekt humanitärer Interventionen auf das Ausmaß der Gewalt besser einschätzen, wenn die Analyse unter anderem berücksichtigt, dass solche Einsätze verstärkt in Konflikten mit vielen Todesopfern erfolgen.


Cover der PDF- und Print- Version von Spotlight 01/2026Download (pdf): Gromes, Thorsten; Leonhard, Lucas Kori (2026): Von Regeln der Ausnahme: Wo humanitäre militärische Interventionen auftreten oder ausbleiben, PRIF Spotlight, 01/2026, Frankfurt / M.

Zu den Fußnoten.

 

Autor*in(nen)

Thorsten Gromes
Dr. habil. Thorsten Gromes ist Projektleiter und wissenschaftlicher Mitarbeiter am PRIF im Programmbereich „Innerstaatliche Konflikte“. Seine Forschung konzentriert sich auf Nachbürgerkriegsgesellschaften und sogenannte humanitäre militärische Interventionen. // Dr. habil Thorsten Gromes is a Project Leader and Senior Researcher at PRIF in the Research Department “Intrastate Conflict”. His research focuses on post-civil war societies and so-called humanitarian military interventions.
Lucas Kori Leonhard
Lucas Kori Leonhard ist Doctoral Researcher am PRIF im Programm­bereich Inner­staat­liche Konflikte. Seine Schwer­punkte liegen in entwicklungs­politischen Frage­stellungen der Friedens- und Konflikt­forschung und insbesondere der Anwendung quanti­tativer Methoden. // Lucas Kori Leonhard is a Doctoral Researcher at PRIF's Research Depart­ment Intra­state Conflicts. His focus is on develop­ment policy issues in peace and conflict studies and in particular the appli­cation of quanti­tative methods.