PRIF Spotlight 8/2020 Cover
Um die Wirksamkeit vielfältiger Maßnahmen zu bewerten, bedarf es maßgeschneiderter Evaluationsdesigns. | Grafik: HSFK

Evaluation in der Extremismusprävention – Chancen einer vielfältigen Landschaft nutzen

Die Extremismusprävention in Deutschland ist breit aufgestellt, mit einer Vielzahl von Akteur.innen, Ansätzen und Maßnahmen. Diese Vielfalt ist eine zentrale Stärke. Zugleich stellt sie die Qualitätssicherung, beispielsweise in Form einer Evaluation, vor große Herausforderungen, da sie vielfältige Perspektiven vereinigen muss. Evaluierung kann die Wirkung einer Präventionsmaßnahme ermitteln, fokussiert aber oft auch das Management innerhalb einer Maßnahme. In jedem Fall unterstützt Evaluierung die Weiterentwicklung von Maßnahmen auf wissenschaftlicher Grundlage. Dies gelingt jedoch nur, wenn Evaluierte und Evaluierende über ein gemeinsames Problem- und Zielverständnis verfügen, das sowohl die Bedürfnisse der Praxis als auch wissenschaftliche Kriterien einschließt.


PrEval – Evaluationsdesigns für PräventionsmaßnahmenPrEVal Logo ist ein Projekt zur Entwicklung innovativer Evaluationsdesigns in der deutschen Extremismusprävention. Zwischenergebnisse werden mit der Öffentlichkeit unter anderem in PRIF-Spotlights und -Reporten sowie auf der Projektwebsite geteilt. Das vorliegende Spotlight macht hierzu den Auftakt.


Eine Vielzahl von Akteurinnen und Akteuren aus Zivilgesellschaft, Forschung und Behörden engagiert sich in der Extremismusprävention in Deutschland. Präventionsarbeit reicht von Maßnahmen der politischen Bildung bis zur Kriminalprävention und bewegt sich zwischen staatlichen und zivilgesellschaftlichen Strukturen. Die Frage nach der Wirksamkeit von Maßnahmen erfährt in der Öffentlichkeit hohe Aufmerksamkeit, vor allem in der gesellschaftlichen Aufarbeitung von extremistischen Straftaten. Neben Debatten um Radikalisierungsursachen und Mobilisierungsdynamiken richtet sich der politische Fokus zunehmend darauf, welche Präventionsmaßnahmen sich bewährt haben und wie interne und externe Steuerungsprozesse solcher Maßnahmen weiterentwickelt werden können. Evaluierung bietet Antworten auf diese Fragen und ist somit zentral, um Extremismen effektiv zu begegnen und der öffentlichen Finanzierung von Präventionsmaßnahmen Rechnung zu tragen. Wie bereits im PRIF Spotlight 5/19 vorgezeichnet, sollten Qualitätssicherung und Evaluierung schon während der Planung und Durchführung von Präventionsprogrammen berücksichtigt werden. Dazu ist es nötig, die immer zahlreicheren Maßnahmenpakete in der Extremismusprävention mit ausreichenden Ressourcen für die Qualitätssicherung auszustatten.

Die vermittelnde Funktion der Wissenschaft

Die Vielfalt in der Prävention und Evaluation erfordert es, die Rollen der politischen, zivilgesellschaftlichen und wissenschaftlichen Akteur.innen voneinander abzugrenzen, aber auch Überschneidungen zu identifizieren. Institutionen auf Bundes-, Landes- und Kommunalebene fungieren als Mittelgeber und dadurch als Katalysatoren für Präventionsschwerpunkte im Feld. Gleichzeitig können sie selbst als Maßnahmenträger sowie als qualitätssichernde Instanzen auftreten. Daneben führt ein breites Spektrum zivilgesellschaftlicher Organisationen Präventionsmaßnahmen durch. Diese Maßnahmen richten sich an die breite Bevölkerung, an radikalisierungsgefährdete oder an bereits radikalisierte Personen. Sie reichen von allgemeiner politischer Bildung bis hin zur individualisierten Arbeit mit betroffenen Personen und beinhalten eine Vielzahl von Zugängen, z.B. Einzelgespräche, webbasierte Formate, Workshops oder Lernmaterialien.

Zivilgesellschaftliche Projektträger verfügen über umfassende Erfahrungen mit der Umsetzung und den Auswirkungen von Evaluationsmaßnahmen. Sie halten ein großes Wissen über die Bedarfe und notwendigen Ressourcen im Feld bereit, welches für das Design von Evaluation genutzt werden sollte. Die Funktion der unabhängigen Qualitätssicherung liegt in der Regel bei externen Evaluierenden aus der Wissenschaft. In einigen Fällen nehmen aber auch die Projektträger selbst eine evaluatorische Rolle ein. Externe Evaluierende bringen zum einen ihre Forschungsexpertise ein und nehmen zum anderen die Erfahrungen aus der Fachpraxis auf. So entstehen im Idealfall passgenaue Evaluationsdesigns für eine bestimmte Präventionsmaßnahme, die den methodischen Standards der Evaluationsforschung entsprechen und die als Ausgangspunkt dazu dienen, die wissenschaftlichen Erkenntnisse über Evaluation zu erweitern. Darüber hinaus vermitteln Forschende häufig zwischen den Akteur.innen und bauen Brücken.

Abb. 1: Zusammenspiel und Wechselwirkungen aller Beteiligten in der Extremismusprävention.
Abb. 1: Zusammenspiel und Wechselwirkungen aller Beteiligten in der Extremismusprävention.

Diese vermittelnde Funktion der Wissenschaft ist häufig nötig, weil die diversen Akteursgruppen trotz des gemeinsamen Interesses an effektiver Prävention teils sehr unterschiedliche Prioritäten in Bezug auf die Evaluation setzen. So werden unterschiedliche Fragestellungen (z.B. ob oder wie eine Maßnahme funktioniert) als zentral angesehen. Diese sind wiederum nicht immer einfach zu beantworten, da Maßnahmen neben der Extremismusprävention weitere Ziele haben können, z.B. einen generellen Aggressionsabbau bei Maßnahmen im Strafvollzug. Ebenso darf die Evaluation die Präventionsarbeit selbst nicht torpedieren, z.B. dazu führen, dass sich Klient.innen in ihrer Privatsphäre verletzt fühlen. Hinzu kommen knappe Mittel und unterschiedliche Sichtweisen darauf, welche finanziellen und zeitlichen Ressourcen eine sinnvolle Evaluation erfordert. Die unterschiedlichen Professionen der beteiligten Personen (Rechts- und Sozialwissenschaften, Psychologie, Pädagogik, soziale Arbeit, sicherheitsbehördliche Kontexte etc.) fokussieren zudem auf unterschiedliche theoretische und methodische Ansätze. So entsteht ein Spannungsfeld zwischen dem gemeinsamen Ziel der Qualitätssicherung einerseits und der Vielfalt in der Landschaft andererseits. Gleichzeitig birgt die Bandbreite an Perspektiven und Expertisen jedoch großes Potenzial, um diese Herausforderung erfolgreich zu bewältigen. Welche Rahmenbedingungen können helfen, dieses Potenzial nutzbar zu machen?

Rahmenbedingungen erfolgreicher Evaluation

Hierzu ist es wichtig, einen stetigen und vertraulichen Austausch zwischen den an der Evaluation Beteiligten zu gewährleisten. Nur so kann ein gegenseitiges Verständnis von wissenschaftlichen und praktischen Erwartungen an Evaluation entstehen, aus dem sich eine gemeinsame Perspektive entwickeln kann. Es geht darum, nicht nur zum Beginn und zum Ende einer Präventionsmaßnahme die Frage nach der Evaluation zu stellen, sondern auch in der Phase der Durchführung den Dialog zwischen Evaluierten und Evaluierenden aufrechtzuerhalten. Stärker als bisher sollte daher auch den Evaluierungen Raum gegeben werden, die eine Anpassung und Verbesserung während der Laufzeit der Maßnahme erlauben. Primäre Aufgabe jeder Evaluation ist es, Präventionsziele und gemeinsame zentrale Begriffe auszuhandeln. Dabei sollte man über reine Wirkungsfragen hinausgehen, so dass nicht nur beantwortet wird, ob und wie eine Maßnahme wirkt, sondern auch, unter welchen Umständen sie eine Wirkung entfalten kann und wie „Wirkung“ konzeptualisiert ist.

Des Weiteren ist das Rollenverständnis der beteiligten Akteurinnen und Akteure zu klären. Hier sollte festgestellt werden, wie sie bei der Fragen-, Design- und Methodenauswahl mitwirken und welche Aufgaben sie übernehmen können. Hat eine beteiligte Person beispielsweise eine anleitende Rolle inne und wenn ja, was bedeutet das für die Zusammenarbeit? Ist die Rollenverteilung geklärt, stellt sich die Frage, welche Ziele der Evaluierung erreicht werden sollen. Dafür muss geklärt werden, welcher Erkenntnisgewinn angestrebt wird und auf welchem Wege dieser für welches Zielpublikum mit welchem Verwendungszweck zur Verfügung gestellt werden soll. Gleichzeitig müssen die Ansprüche an die Evaluation realistisch bleiben. Daraus ergibt sich die Auswahl der Forschungsfrage(n). Untrennbar verknüpft mit der Forschungsfrage sind Forschungsdesign und -methoden. Aufgrund der oben umrissenen vielfältigen Ziele sowohl einer Präventionsmaßnahme als auch einer Evaluierung erfordert dieser letztgenannte Schritt ein hohes Maß an methodischer und paradigmatischer Flexibilität.

Für die Zusammenarbeit der unterschiedlichen Akteurinnen und Akteure empfiehlt es sich grundsätzlich, eine Kommunikation zu etablieren, die auf Transparenz und gegenseitiger Akzeptanz aufbaut. Diese betrifft insbesondere ein gemeinsames Verständnis über die wissenschaftliche Belastbarkeit und den Nutzen von Evaluationsergebnissen sowie realistische Erwartungen an die Durchführbarkeit von Evaluationsmaßnahmen. Von zentraler Bedeutung ist dabei, die Expertisen und Sichtweisen der jeweils anderen „Parteien“ in diesem Aushandlungsprozess zu würdigen. Dies umfasst die operative Realität der Maßnahme, in welche die Trägerseite Einblicke geben kann, sowie die methodischen Anforderungen einer wissenschaftlichen Begleitung. Etablierte Modelle wie das Logische Modell oder die realist evaluation berücksichtigen und formalisieren diese Art der Zusammenarbeit bereits (siehe auch PRIF Report 11/2018). Der Pluralismus von Zielen und Methoden sollte in der deutschen Präventionslandschaft weiter verstärkt werden.

Fazit

Wissenschaftliche Begleitung in Form von Evaluation unterstützt die Weiterentwicklung bestehender Ansätze und Maßnahmen der Extremismusprävention in Deutschland. Die Vielfalt der Akteur.innen, Ansätze und Maßnahmen ist ein Strukturmerkmal des Feldes, welches auch durch multiperspektivische und –methodische Evaluationskonzeptionen zum Ausdruck kommen sollte. Entscheidend dafür, diese Herausforderungen zu meistern und Innovationen im Feld der Evaluation hervorzubringen, sind unter anderem eine enge und partnerschaftliche Kooperation aller Akteur.innen, die Verständigung auf gemeinsame Ziele – insbesondere die Förderung der Vereinbarkeit von Bedürfnissen der Praxis mit wissenschaftlichen Evaluationskriterien – und ausreichende Ressourcenausstattung.


PRIF Spotlight 8/2020 CoverDownload (pdf): Junk, Julian/Klöckner, Mona/Kroll, Stefan/Leimbach, Katharina/Schlicht-Schmälzle, Raphaela/Tultschinetski, Sina (2020): Evaluation in der Extremismusprävention. Chancen einer vielfältigen Landschaft nutzen, PRIF Spotlight 8/2020, Frankfurt/M.

 

 

 

 


PrEval Autor.innen-Team
PrEval – Evaluationsdesigns für Präventionsmaßnahmen ist ein Projekt zur Entwicklung innovativer Evaluationsdesigns in der deutschen Extremismusprävention. Zum Autor.innen-Team zählen: Dr. Julian Junk (Projektleiter), Mona Klöckner, Dr. Stefan Kroll, Katharina Leimbach, Dr. Raphaela Schlicht-Schmälzle, Sina Tultschinetski

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PrEval – Evaluationsdesigns für Präventionsmaßnahmen ist ein Projekt zur Entwicklung innovativer Evaluationsdesigns in der deutschen Extremismusprävention. Zum Autor.innen-Team zählen: Dr. Julian Junk (Projektleiter), Mona Klöckner, Dr. Stefan Kroll, Katharina Leimbach, Dr. Raphaela Schlicht-Schmälzle, Sina Tultschinetski

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