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Frieden trotz Trump? Stand und Zukunft des Russland-Ukraine-Kriegs an seinem vierten Jahrestag

19. Februar 2026

Vor fast vier Jahren, am 24. Februar 2022, begann die russische Vollinvasion der Ukraine. Über diesen Zeitraum haben die USA diesen Krieg maßgeblich mitgeprägt. Unter Präsident Biden unterstützten sie die Ukraine umfangreich. Dies änderte sich radikal mit dem Amtsantritt von Donald J. Trump Anfang 2025. Dessen Politik wurde in Europa weitgehend als katastrophal und kontraproduktiv wahrgenommen. Folgend wird daher im Lichte friedens- und konfliktwissenschaftlicher Erkenntnisse gezeigt, wie sich die Trump-Politik auf das Kriegsgeschehen ausgewirkt hat und welche Friedensperspektiven sich daraus für das fünfte Kriegsjahr ergeben.

Viele Wege können zu Frieden führen. Im Falle des Russland-Ukraine-Kriegs sind drei davon für Politik und Wissenschaft besonders wichtig: Siegfrieden Ukraine, Siegfrieden Russland und Erschöpfungsfrieden.

Bei einem Siegfrieden zwingt eine Seite erfolgreich der anderen ihren Willen auf. Für die Ukraine würde ein Siegfrieden besonders die Wiedervereinigung mit dem eigenen Territorium bedeuten, für Russland mindestens eine ukrainische Anerkennung der Annexionen, Wehrlosigkeit gegen erneuten russischen Zwang, NATO-Ausschluss und politische Unterwürfigkeit.

Ein Siegfrieden entsteht entweder durch die Vernichtung gegnerischer Streitkräfte, weitreichende Eroberungen oder weil eine Seite die eigene Niederlage für unausweichlich hält und versucht, deren Effekte durch Verhandlungen und Zugeständnisse zu mindern.

Ein Erschöpfungsfrieden kann dagegen eintreten, wenn beide Parteien a) einen Militärsieg für unwahrscheinlich halten, b) in der Fortführung des Krieges große politische Kosten und Risiken sehen und c) es Alternativen zum Weiterkämpfen gibt, die für beide vergleichsweise attraktiv sind. In einer solchen Situation kann es passieren, dass beide Parteien aus eigenem Antrieb mehr und mehr auf Kampfhandlungen verzichten (der Krieg wird kalt). Alternativ könnten sie, unterstützt durch Mediation und Verhandlung, einen formalen Frieden schließen.

Trumps atlantische Beziehungen und der Krieg

Seit Sommer 2022 hofften viele im globalen Nordwesten, dass die Ukraine einen Militärsieg erringen könne – trotz vereinzelter skeptischer Stimmen, die auf verbleibende russische Eskalationspotenziale und gegenläufige Entscheidungstendenzen des russischen Regimes verwiesen (beispielsweise hier und hier). Insbesondere die USA unter der Biden-Regierung setzte auf einen ukrainischen Siegfrieden. In Europa schlossen sich Regierungen und Bevölkerungsmehrheiten dieser Hoffnung an.

Dieser transatlantische Konsens endete spätestens 2025. Neben dem Scheitern der ukrainischen Kursk-Offensive und russischen Gebietsgewinnen hängt dies insbesondere mit der neuen Trump-Regierung zusammen.

Wie manche vermutet hatten, versuchte die Trump-Regierung, Militär- und Wirtschaftshilfe an die Ukraine zu reduzieren und die Ukraine zu zwingen, das Ziel einer NATO-Mitgliedschaft aufzugeben und Russland Territorium zu überlassen – alles um einen schnellen Waffenstillstand zu erreichen und die Rolle der USA im Konflikt zu minimieren.

Gleichzeitig versuchte das Trump-Team, die Ukraine und Europa zu übervorteilen, indem es der Ukraine einen „Rohstoffdeal“ aufzwang, drakonische Zölle gegen EU- und NATO-Staaten einführte und ankündigte, der Ukraine keine Sicherheitsgarantien nach Waffenstillstand zuzusichern. Manchen erschien es, als würde Trump aktiv einen russischen Siegfrieden unterstützen.

Diese radikalen Kurswechsel stießen innerhalb der USA auf Widerstand in der Bevölkerung, im Parlament und im Staatsapparat. Beispielsweise stellte sich das US-Parlament im letzten „National Defense Authorization Act“ rhetorisch und auch mit neuen (obgleich geringen) Mitteln an die Seite der Ukraine und damit gegen den ursprünglichen Kurs der Trump-Regierung.

Auch die Europäer positionierten sich gegen Trump. Europäische Regierungen und Institutionen widersprachen Forderungen aus den USA und Russland an die Ukraine, die wohl massive Brüche des Völkerrechts, ukrainische Wehrlosigkeit und strategische Instabilität in Europa verursacht hätten. Auch intensivierten sie ihre schon vor Trump enorme Unterstützung für die Ukraine und verabschiedeten neue Sanktionen. Um die 2025 ausfallenden neuen Lieferaufträge durch die USA zu ersetzen, kamen sie vermehrt für US-amerikanische Waffenlieferungen auf (siehe Abbildung 1).

Gestapeltes Säulendiagramm zum Vergleich des Finanzierungsvolumens von Militärhilfe sowie finanzieller & humanitärer Hilfe von 2022 bis 2025. Es zeigt eine Verschiebung der Lasten von den USA hin zu Europa, wobei die US-Beiträge für 2025 fast vollständig wegfallen.
Abbildung 1: Jährliches Finanzierungsvolumen der Hilfen für die Ukraine durch Europa, USA und andere in realen Zahlen seit 2022. Quelle: Kiel Institut, Ukraine Support Tracker. Eigene Darstellung.

Friedensmacher oder Kriegstreiber?

Mit dem neuen Trump-Kurs und russischen Gebietsgewinnen mehrten sich 2025 Stimmen, die sagten, dass Russland einem Militärsieg immer näherkäme. Bei genauerem Hinsehen entpuppen sich jedoch die russischen Territorialgewinne als inkrementell, kostspielig, blutig erkauft und wenig relevant für die politische Gesamtsituation (vgl. Abbildung 2). Bei aller Brutalität und den enormen humanitären Schäden gerade für die Ukraine ist ein russischer Militärsieg weiter nicht absehbar.

 

Liniendiagramm zum Anteil des durch Russland kontrollierten ukrainischen Territoriums von Januar 2022 bis September 2025. Nach einem Peak von ca. 25 % im März 2022 stabilisiert sich der Wert ab Ende 2022 bei etwa 17–19 %
Abbildung 2: Verlauf russischer territorialer Kontrolle in der Ukraine seit Anfang 2022. Quelle: Daten des Institute for the Study of War, übernommen von Russia Matters. Eigene Darstellung.

Trump und sein Team nahmen fälschlicherweise an, dass die Ukraine unter US-amerikanischem Druck weitreichende Zugeständnisse machen würde. Diese Zugeständnisse, kombiniert mit der Aussicht auf bessere Beziehungen mit den USA, sollten dann Russland dazu bringen, seine Kriegsanstrengungen herunterzufahren und einen schnellen Frieden zu suchen.

Trump hatte ein schnelles Ende der Kämpfe versprochen. Stattdessen intensivierten 2025 sowohl die Ukraine als auch Russland ihre Kriegsbemühungen.

Auf russischer Seite lag das wohl hauptsächlich daran, dass angriffskriegsführende Staaten starke Anreize haben, Gewinne zu maximieren und zu sichern, wenn die Gegenseite und ihre Unterstützer zu wanken scheinen. Das galt wohl besonders für das russische Regime, dessen Risikobereitschaft seit Mitte der 2000er stetig und messbar gestiegen war.

Trump hatte hinreichend klar gemacht, dass er für einen schnellen Friedensschluss die Ukraine unter Druck setzen und Moskau belohnen wollte. In dieser Situation konnte das russische Regime durch andauernden Kriegsdruck einerseits Ziele durch andauernde Eroberungen realisieren und andererseits den Druck auf die USA und die Ukraine stetig weiter erhöhen – und beides brachte es seinen Maximalzielen näher.

Dazu kam erschwerend, dass Trumps Politik das „westliche Lager“ spaltete – aus vergangener Krisendiplomatie gegenüber Russland wissen wir aber, dass solche Uneinigkeit die eigenen Erfolgschancen sabotiert.

Auch der andauernde Widerstand der Ukraine hätte nicht überraschen sollen. Wenn für Gesellschaften Territorien Heimat und Identität bedeuten, sind sie zu enormen Opfern bereit, diese Gebiete zu verteidigen und wiederzuerlangen. Indem sie Kyjiw öffentlich drängte, ihr eigenes Territorium aufzugeben, befeuerte die Trump-Regierung, wohl unwillentlich, den ukrainischen Kampfwillen.

Auch ist es seit den 1990ern eine konfliktwissenschaftliche Binsenweisheit, dass Kriegsparteien Abkommen scheuen, wenn es keinen Grund gibt, anzunehmen, dass sich die andere Seite an sie halten wird. Die lange Weigerung der Trump-Regierung, der Ukraine robuste Sicherheitsgarantien zuzusichern, signalisierte an Kyiv, dass Ausharren derzeit besser als Nachgeben sein würde.

Orangene Hoffnungsschimmer?

Ein ukrainischer Siegfrieden ist selbst langfristig unwahrscheinlich. Das gilt aber auch für einen russischer Siegfrieden. Ein langes Weiterkämpfen ohne klares Ergebnis ist ein mögliches, wenn nicht gar wahrscheinliches Zukunftsszenario.

Trotz aller potenziellen Widrigkeiten spricht aber auf russischer, ukrainischer und US-amerikanischer Seite derzeit vieles für die Möglichkeit eines Erschöpfungsfriedens.

Entgegen seiner offiziellen Rhetorik zehrt der Krieg an den wirtschaftlichen und sozialen Pfeilern des russischen Regimes. Viele in Russland wären damit einverstanden, dass der Krieg mit einem russischen Rückzug aus der Ukraine endet, noch mehr wären für einen Waffenstillstand an den derzeitigen Frontlinien. Auch gelingt dem russischen Regime weiterhin kein militärischer Durchbruch. Ebenso scheiterten die wiederholten russischen Versuche, über die Trump’schen USA sowohl die Ukraine als auch Europa zu einem Kurswechsel zu zwingen.

Im Lichte dessen häufen sich die Zeichen, dass das russische Regime die eigenen Positionen überdenkt. Schon in dem gemeinhin als russlandfreundlich wahrgenommenen 28-Punkte-Papier, das Vertraute von Trump und Putin Ende 2025 aushandelten, fehlen zentrale russische Forderungen oder sind aufgeweicht, etwa in Sachen Annexionsanerkennungen oder ukrainische Truppenstärken. Auch hatte das russische Regime wohl schon 2024 (vor Trump II) eruiert, ob der Krieg an den derzeitigen Frontlinien eingefroren werden könnte.

Die Ukraine war schon vor Trumps Amtsantritt zu einem sofortigen Waffenstillstand bereit. Zwar beharrt sie weiterhin auf ihre territorialen Ansprüche und robusten Sicherheitsgarantien, hat aber mitunter wegen Trump Bereitschaft signalisiert, dass sie ohne NATO-Mitgliedschaft und unmittelbare Wiedervereinigung einem Waffenstillstand zustimmen könnte.

Obgleich die Trump-Regierung zumindest teilweise unberechenbar bleibt, häufen sich auch hier die Zeichen, dass sie im Laufe des letzten Kriegsjahres gelernt hat, wieder auf eine realistische Friedensstrategie zu setzen. Nach langem Tauziehen lieferte das Trump-Team die von der Vorgängerregierung schon zugesicherten Waffen. Auch ist es mehrmals von eigenen Positionen zurückgerudert. Beispielsweise schließen sich die USA nicht mehr selbst aus möglichen Sicherheitsgarantien für die Ukraine aus, haben neue Sanktionen gegen Russland initiiert und äußern sich deutlich skeptischer gegenüber den russischen Annexionen.

Was tun?

Zwar stehen die Zeichen gut für einen Erschöpfungsfrieden. Jedoch ist damit weder garantiert, dass er eintritt, noch dass er eine wünschenswerte Form annehmen wird. Wohl im Bereich des Möglichen liegt ein Waffenstillstand, der ukrainische Kerninteressen berücksichtigt, Grundzüge des Völkerrechts achtet, ein Minimum an Stabilität in Europa garantiert und den Weg ebnet für eine langfristige und gerechte Lösung des Russland-Ukraine-Konflikts. Um dies zu erreichen, sollten deutsche und europäische Bemühungen drei Maximen berücksichtigen.

1. Weiterkämpfen unattraktiv machen

Erst wenn das russische Regime glaubt, dass weiterer Militärdruck teuer und schmerzhaft bleibt und keine relevanten Erfolge zeitigen wird, wird es ernsthaft einen für die Ukraine und Europa akzeptablen Waffenstillstand erwägen. Hier sind strategische Geduld, ein langer Atem und ein beständiges Signalisieren von roten Linien unabdingbar.

2. Waffenstillstand attraktiv machen.

Da die Wahrscheinlichkeit eines Waffenstillstands steigt, wenn sich dadurch auch Vorteile für die Konfliktparteien relativ zum Weiterkämpfen ergeben, müssen Anreize maximiert werden, ohne dass damit eigene Kerninteressen und -werte aufgegeben werden.

Für die Ukraine beinhaltet das vor allem Selbstverteidigungsfähigkeit, robuste Sicherheitsgarantien und langfristige Unterstützung ihrer völkerrechtlichen Ansprüche, insbesondere auf ihr eigenes Territorium, sowie eine robuste Aufbauperspektive.

Auch für den Kreml könnten politisch realistische Zugeständnisse angeboten werden, die eine Waffenstillstandsbereitschaft Russlands erhöhen könnten. Dazu könnte beispielsweise eine ukrainische Selbstverpflichtung gehören, eine Wiedervereinigung nur friedlich anzustreben. Auch könnten die Ukraine und NATO-Staaten eine ukrainische Mitgliedschaft vorläufig ausschließen und Sanktionslinderung anbieten.

3. Langfristige Glaubwürdigkeit herstellen.

Die ersten beiden Ziele werden schwer bis unmöglich zu erreichen sein, wenn neben den USA auch noch Europa von beiden Konfliktparteien als wankelmütig und unzuverlässig wahrgenommen wird. Deutschland und Europa sollten einen klaren und konsistenten Kurs fahren, der auf breite gesellschaftliche Unterstützung bauen kann. Das erfordert klare und ehrliche Kommunikation nach innen und außen. Um glaubwürdig zu bleiben, darf sich dieser europäische Kurs auch nicht von den unter Trump so unstetigen USA abhängig machen.

Autor*in(nen)

Jonas J. Driedger

Jonas J. Driedger

Dr. Jonas J. Driedger ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Programmbereich „Internationale Sicherheit“ am PRIF sowie am Forschungszentrum Transformations of Political Violence (TraCe). Er forscht zu zwischenstaatlichen Kriegen, Abschreckung in den internationalen Beziehungen, Beziehungen zwischen Großmächten und ihren Nachbarstaaten sowie russischer und transatlantischer Sicherheits- und Verteidigungspolitik. // Dr Jonas J. Driedger is a Researcher at the Research Department “International Security” at PRIF and at the Research Center Transformations of Political Violence (TraCe). His research focuses on interstate wars, deterrence in international politics, relations between great powers and their neighboring states as well as Russian and transatlantic security and defense policy.