14. Dezember 1995: Die Präsidenten von Serbien, Slobodan Milošević (links), Kroatien, Franjo Tuđman (Mitte), und Bosnien-Herzegowina, Alija Izetbegović (rechts), unterzeichnen das in Dayton ausgehandelte Friedensabkommen für Bosnien und Herzegowina. | Foto: Central Intelligence Agency, William J. Clinton Presidential Library, Lizenz: public domain der USA

Bürgerkriege beenden. Militärische Siege und Friedensabkommen im Vergleich

„Es gibt keine militärische Lösung des Konflikts“, heißt es gerne in der internationalen Diplomatie. Anders sehen das nicht nur die Taliban in Afghanistan oder die Regierung Aserbaidschans, die im Herbst 2020 im Konflikt um Berg-Karabach triumphierte. In Studien zum Wiederausbruch von Bürgerkriegen dominiert der Befund, dass militärische Siege besser als Friedensabkommen für dauerhaften Frieden sorgen. Sind Friedensverträge nur die zweitbeste Weise, einen Bürgerkrieg zu beenden?

Viele Bürgerkriege brechen innerhalb weniger Jahre wieder aus, und erneut eskalierte Konflikte stellen einen großen Teil des derzeitigen Kriegsgeschehens. Viele Merkmale eines Bürgerkrieges und der von ihm betroffenen Gesellschaft entziehen sich dem direkten Zugriff seitens der Konfliktparteien und externen Akteure, die die verfeindeten Seiten zum Niederlegen der Waffen bewegen wollen. Das gilt etwa für die Beziehung der Streitparteien in der Vergangenheit oder das Wohlstandsniveau. Anders verhält es sich mit der Form der Kriegsbeendigung. Es liegt bei den Beteiligten, ob der Krieg mit einem militärischen Sieg, Friedensabkommen, auf militärische Fragen beschränkten Waffenstillstand oder dadurch endet, dass die Gewalt unter den Schwellenwert bewaffneter Konflikte rutscht. Die Forschung konzentriert sich auf die beiden prominentesten Formen der Kriegsbeendigung – militärische Siege und Friedensverträge. Die meisten empirischen Studien kommen zum Schluss, dass militärische Siege besser als Friedensabkommen einen Rückfall in den Bürgerkrieg verhindern.1 Würde die Krisendiplomatie diesem Befund folgen und andere Erwägungen beiseitelassen, müsste sie auf den militärischen Sieg einer Konfliktpartei hinarbeiten. Die Daten aus einem PRIF-Projekt zu Nachbürgerkriegsgesellschaften seit 19902 erlauben aber eine andere Folgerung. Friedensabkommen sind militärischen Siegen mindestens ebenbürtig darin, dauerhaft einen weiteren Bürgerkrieg zu verhindern. Zudem laufen viele Erklärungsversuche für die vermeintliche Überlegenheit von militärischen Siegen ins Leere.

Stabiler Frieden nach militärischen Siegen und Friedensabkommen

Florian Ranft und der Autor untersuchen alle der 48 Bürgerkriege, die zwischen 1990 und 2009 endeten und in denen jeweils mindestens 1.000 Menschen durch Kämpfe oder Angriffe auf Zivilpersonen ums Leben gekommen sind. Anders als viele frühere Analysen beschränken wir uns auf die Zeit nach dem Ost-West-Konflikt, da sich seither das Bürgerkriegsgeschehen und der Umgang externer Mächte mit solchen Konflikten stark verändert haben, was sich in kürzeren Bürgerkriegen und mehr Friedensabkommen niedergeschlagen hat.3 Von 1946 bis 1989 wurden die meisten Bürgerkriege durch militärische Siege beendet; seit 1990 dominieren Kriegsbeendigungen durch Friedensabkommen. Alle Bürgerkriege nach 1945 einzubeziehen, würde daher Fälle aus zwei unterschiedlichen Epochen miteinander vermengen und so Fehlschlüsse zu den gegenwärtigen Dynamiken von Bürgerkriegen riskieren.

Die Zeit nach den jeweiligen Bürgerkriegen verfolgen wir bis zum Wiederausbruch des Krieges, längstens aber bis Ende 2012, falls der Frieden bis dahin erhalten blieb. Die Frage scheint unverfänglich, ob ein Bürgerkrieg mit einem militärischen Sieg, Friedensvertrag, Waffenstillstand oder mit „geringer Aktivität“ endete, einem Andauern der Gewalt unterhalb des Schwellenwerts für bewaffnete Konflikte. Doch in vielen Fällen besteht darüber kein Konsens. Daher setzen wir auf eine zweifache Analyse, einmal mit den Daten zum Kriegsende vom Uppsala Conflict Data Program (UCDP), dem führenden Datenanbieter zum Konfliktgeschehen seit 1989, und einmal mit der Einschätzung zur Form der Kriegsbeendigung, die in der Fallliteratur zum jeweiligen Konflikt vorherrscht.

Wie die Abbildung zeigt, brachen Bürgerkriege nach Kriegsbeendigungen durch „geringe Aktivität“ oder ein Waffenstillstandsabkommen viel häufiger wieder aus als nach militärischen Siegen oder Friedensverträgen. Friedensabkommen weisen eine etwas geringere Rückfallquote als militärische Siege auf. Das Schaubild berücksichtigt allerdings nur, ob die Bürgerkriege bis Ende 2012 überhaupt wiederausgebrochen sind. Manche Kriege endeten 1990, andere erst 2009; manche Kriege brachen nach wenig mehr als einem Jahr wieder aus, andere erst nach fünf oder mehr Jahren. Es greift daher zu kurz, nur die Rückfallquoten zu ermitteln.

Zur skizzierten Datenstruktur passt eine „Überlebensdaueranalyse“. Endete beispielsweise ein Krieg 2008 und blieb der Frieden bis Ende 2012 erhalten, berücksichtigt diese Methode nur diese Jahre, ohne anzunehmen, der Frieden habe auch danach überdauert. Im Falle eines Wiederausbruchs wertet sie den Zeitraum bis dahin aus und geht so über die simple Information hinaus, ob es überhaupt zum Rückfall in den Bürgerkrieg kam.

Daten: eigene Zusammenstellung.

Die Überlebensdaueranalyse zeigt Folgendes: Im Vergleich zu Kriegsbeendigungen durch einen Waffenstillstand oder „geringe Aktivität“ senkten militärische Siege die Wahrscheinlichkeit eines Wiederausbruchs um 42% bis 93%. Die Effektrichtung erweist sich als stabil, aber die Effektgröße variiert mit dem jeweiligen Modell. Unterschiedliche Modelle ergeben sich unter anderem aus der Datenquelle für die Form der Kriegsbeendigung und einem unterschiedlichen Mix einbezogener Einflussgrößen jenseits des Kriegsendes. Die genannten Zahlen sehen nach einem starken Argument zugunsten militärischer Siege aus. Doch es zeigt sich auch: Im Vergleich zu Kriegsbeendigungen durch einen Waffenstillstand oder „geringe Aktivität“ reduzierten Friedensabkommen die Wahrscheinlichkeit eines Rückfalls in den Bürgerkrieg um 77% bis 94%. Nach Friedensabkommen erwies sich der Frieden als ähnlich dauerhaft wie nach militärischen Siegen, in den meisten Modellen sogar als noch stabiler.

Kräfteverhältnis der Konfliktparteien

Die meisten Erklärungen für den vermeintlich stärkeren friedensfördernden Effekt von militärischen Siegen umfassen zwei Teile. Der erste Teil behauptet einen substantiellen Unterschied zwischen Siegen und Friedensabkommen mit Blick auf eine bestimmte Größe, etwa die Verteilung militärischer Macht zwischen den Konfliktparteien nach dem Krieg. Der zweite Teil geht davon aus, dass diese Differenz die Chancen auf dauerhaften Frieden prägt. Nur wenn sich beide Teile bestätigen, erweist sich ein Erklärungsversuch als tauglich.

Einem Erklärungsversuch zufolge führen militärische Siege zu einem dauerhaften Frieden, indem sie die organisatorischen Fähigkeiten der unterlegenen Seite zerstören. Nach einem ausgehandelten Kriegsende hingegen seien alle Konfliktparteien in der Lage, ihr militärisches Potenzial aufrechtzuerhalten.4 Wir prüfen daher, ob nach dem Krieg beide Seiten dauerhaft über eigene Streitkräfte verfügten. War das der Fall, zeigte sich eine vielfach erhöhte Wahrscheinlichkeit eines Rückfalls in den Bürgerkrieg. Zudem behielten beide Konfliktparteien nach Friedensabkommen häufiger eigene Streitkräfte als nach militärischen Siegen. Diese Differenz war aber statistisch nicht signifikant.

Eine andere Erklärung beschränkt sich nicht auf die Verfügbarkeit eigener Streitkräfte, sondern nimmt das militärische Kräfteverhältnis systematischer in den Blick. Als Ursache für Kriege gilt, dass die beteiligten Seiten von unterschiedlichen Erwartungen ausgehen, wer von ihnen einen Waffengang gewinnen würde. Je ausgeglichener das Kräfteverhältnis, desto mehr divergierten die Erwartungen und desto größer sei die Kriegsgefahr.5 Endet ein Bürgerkrieg mit dem klaren militärischen Sieg einer Seite, hätten für lange Zeit die Beteiligten übereinstimmende Einschätzungen des Machtungleichgewichts, was den Frieden stabilisiere.6 Um das militärische Kräfteverhältnis zu ermitteln, berücksichtigen wir eine Vielzahl von Größen und nehmen an, dass militärische Fähigkeiten vor allem auf Umfang und Ausrüstung von Streitkräften und der Kontrolle von Territorium basieren. Bei einem asymmetrischen militärischen Kräfteverhältnis zeigte sich tatsächlich eine geringere Wahrscheinlichkeit eines Wiederausbruchs des Bürgerkrieges. Zudem trat ein solches Ungleichgewicht nach militärischen Siegen häufiger auf als nach Friedensabkommen.

Juan Manuel Santos Calderón (rechts), Präsident von Kolumbien, überreicht UN-Generalsekretär Ban Ki-moon am 26.9.2016 einen Stift, der dem Stift ähnelt, der zur Unterzeichnung des kolumbianischen Friedensabkommens verwendet wurde. Die Stifte sind aus recycelten Kugeln hergestellt und tragen die Aufschrift: „Kugeln haben unsere Vergangenheit geschrieben. Bildung unsere Zukunft.“ | Foto: UN Photo/Rick Bajornas, Lizenz: CC BY-NC-ND 2.0

Laut früheren Studien legen Siege nicht nur militärische Asymmetrien offen, sondern vertiefen diese nach dem Krieg noch, was den Frieden stabilisiere.7 Zwar stellt unsere Analyse nach militärischen Siegen häufiger ein wachsendes Ungleichgewicht fest als nach Friedensabkommen. Allerdings trat dieser Unterschied nur mit den UCDP-Daten für die Form der Kriegsbeendigung auf. Zudem zeigt sich kein klarer Zusammenhang zwischen einer nach dem Krieg zunehmenden militärischen Asymmetrie und einem länger anhaltenden Frieden.

Manche sehen in Machtverschiebungen eine Gefahr für den Frieden. Wer von einem deutlichen Zuwachs seiner relativen Macht profitiere, könne der anderen Seite nicht garantieren, seine stärkere Position nicht auszunutzen. Daher mache es eine große Verschiebung im Kräfteverhältnis wahrscheinlicher, dass Verhandlungen scheitern und es erneut zum Krieg kommt.8  Wie unser Vergleich ermittelt, verschob sich das militärische Kräfteverhältnis nach Friedensabkommen häufiger als nach Siegen. Jedoch gingen diese Verschiebungen nicht mit einer erhöhten Wahrscheinlichkeit eines weiteren Bürgerkrieges einher.

Effektives Regieren

Wie frühere Studien darlegen, führten militärische Siege zu effektiveren Regierungen, die eher für das Überleben des Friedens erforderliche Strukturreformen anpackten. Im Gegensatz dazu verschaffe eine ausgehandelte Regelung allen Konfliktparteien Veto-Positionen, die effektives Regieren verhinderten und so den Frieden destabilisierten.9 Wir prüften dies mit den Daten zur „government effectiveness“ in den Worldwide Governance Indicators.10 Eine effektivere Regierung ging in der Tat mit einer stark gesenkten Wahrscheinlichkeit eines Rückfalls in den Bürgerkrieg einher. Doch arbeiteten nach militärischen Siegen Regierungen nicht effektiver als nach Friedensabkommen.

Signalwirkung von Siegen

Zugunsten von militärischen Siegen wird auch argumentiert, sie stabilisierten den Frieden, indem sie andere potenzielle Kriegsparteien abschreckten. Siege führten diesen vor Augen, dass sie es mit einer starken und entschlossenen Regierung zu tun bekämen. Friedensverträge signalisierten hingegen, dass sich Rebellion auszahle, was unbeteiligte Gruppen dazu ermutige, zu den Waffen zu greifen.11 Wir prüfen daher, wie oft es zu einem neuen Bürgerkrieg zwischen der Regierung und einer Konfliktpartei kam, die mit dem vorherigen Krieg nichts zu tun hatte. Nach keinem einzigen Friedensabkommen gab es einen Krieg in neuer Konstellation, wohl aber nach einigen militärischen Siegen.

Frieden schaffen mit den Waffen des Kompromisses

Eine Konfliktpartei wünscht sich den eigenen militärischen Sieg und sieht in der Regel ein Friedensabkommen als allenfalls zweitbeste Option. Folgt man dem gängigen Befund, stellen sich Friedensabkommen auch solchen als zweitbeste Option dar, die von außen die Konfliktparteien zur Beendigung des Krieges bringen wollen. In dieser Sicht sollten Friedensverträge nur angestrebt werden, wenn der militärische Sieg einer Seite in absehbarer Zeit unmöglich erscheint oder unerwünscht ist, etwa weil er die Aggression der siegreichen Konfliktpartei belohnen oder Nachbarländer destabilisieren würde. Im Lichte unserer Studie bieten Friedensabkommen mehr als eine Notlösung. Auf eine Kompromissregelung können sich in vielen Fällen die maßgeblichen externen Akteure leichter einigen als darauf, eine Konfliktpartei militärisch gewinnen zu lassen oder dieser zum Sieg zu verhelfen. Einen Bürgerkrieg vorzeitig durch ein Friedensabkommen zu beenden, erfolgt im Allgemeinen nicht zum Preis der erhöhten Wahrscheinlichkeit eines schnellen Wiederausbruchs. Einen Krieg bis zum Sieg einer Seite oder bis zur Erschöpfung aller Beteiligten ausbluten zu lassen, ist nicht geboten, um ein dauerhaftes Ende der militärischen Gewalt zu gewährleisten.


Download (pdf): Gromes, Thorsten (2022): Bürgerkriege beenden. Militärische Siege und Friedensabkommen im Vergleich, PRIF Spotlight 3/2022, Frankfurt/M.

Anhang

Thorsten Gromes
Dr. Thorsten Gromes ist wissenschaftlicher Mitarbeiter der HSFK im Programmbereich Innerstaatliche Konflikte. Seine Forschung konzentriert sich auf Nachbürgerkriegsgesellschaften und sogenannte humanitäre militärische Interventionen. // Dr Thorsten Gromes is a Senior Researcher at PRIF in the Research Department “Intrastate Conflicts.” His research focuses on post-civil war societies and so-called humanitarian military interventions.

Thorsten Gromes

Dr. Thorsten Gromes ist wissenschaftlicher Mitarbeiter der HSFK im Programmbereich Innerstaatliche Konflikte. Seine Forschung konzentriert sich auf Nachbürgerkriegsgesellschaften und sogenannte humanitäre militärische Interventionen. // Dr Thorsten Gromes is a Senior Researcher at PRIF in the Research Department “Intrastate Conflicts.” His research focuses on post-civil war societies and so-called humanitarian military interventions.

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