Auf weißem Hintergrund mit einem orangefarbenen Dreieck auf der linken und einem blauen auf der rechten Seite sind im Comic-Stil eine Weltkugel, eine Glühbirne und eine Taube gezeichnet.
Der #PRIF@Schule_Preis zeichnet innovative und kreative Arbeiten und Projekte zu Themen der Friedens- und Konfliktforschung aus. | Grafik: Icons von Freepik via Flaticon

Demokratie und Konflikt: Politische Bildung an Schulen ermutigen

Was haben der Jemen, Venezuela, eine Schule in Äthiopien und ein jüdischer Friedhof in Weilburg gemeinsam? Hessische Schüler*innen haben zu diesen ganz unterschiedlichen Themen innovative und kreative Arbeiten und Projekte für den ersten #PRIF@Schule_Preis eingereicht. Der Preis will Schüler*innen motivieren, sich mit Themen der Friedens- und Konfliktforschung auseinanderzusetzen und sich gesellschaftlich und politisch zu engagieren. Wie das in gelungener Weise aussehen kann, will dieser Blog anhand der ausgezeichneten Arbeiten beleuchten.

Der #PRIF@Schule_Preis

Unter dem Rahmenthema „Demokratie und Konflikt“ wurde ­der #PRIF@Schule_Preis erstmalig für das Schuljahr 2021/22 ausgeschrieben. Die Idee eines Schulpreises, der einen Austausch über Themen der Friedens- und Konfliktforschung in hessischen Klassenzimmern fördert, wurde im Rahmen des seit 2020 bestehenden PRIF@Schule-Netzwerkes entwickelt.

Mit dem #PRIF@Schule_Preis soll das Interesse und Engagement von Schüler*innen an politischen Themen und ein Engagement in der politischen Bildung ermutigt, gefördert und ausgezeichnet werden. Der breit gewählte thematische Rahmen „Demokratie und Konflikt“ sollte es möglichst vielen Schüler*innen niedrigschwellig ermöglichen, kreative Ideen und Projekte zu entwickeln und einzureichen. Gleichzeitig sollte das Rahmenthema anschlussfähig für das Themenspektrum des schulischen Curriculums und die Lebenswelten der Schüler*innen sein.

Austausch zwischen Friedens- und Konfliktforschung und Schulen

Die HSFK verfolgt den Anspruch, mit allen Bereichen der Gesellschaft in einen Dialog über aktuelle Herausforderungen für Demokratien, Krisen, Konflikte und Möglichkeiten zu deren Überwindung zu treten, betonte Nicole Deitelhoff als Leiterin der HSFK und Juryvorsitzende in ihrer Eröffnung der Preisverleihung. Ein dialogischer Austausch dazu ist auch gerade an und mit Schulen relevant: In ihrer Forschung deckt die HSFK ein breites Spektrum an Themen ab, das auch für Schüler*innen und Lehrer*innen vielfältige Anknüpfungspunkte bietet. Sie kann relevantes Wissen und Expertise für Lehrer*innen und Schüler*innen zur Verfügung stellen, etwa durch Publikationen, Vorträge und die Teilnahme an Diskussionsrunden an Schulen oder auch durch ihre öffentlich zugängliche Bibliothek. Wissenschaftler*innen lernen aber auch von Lehrer*innen und Schüler*innen, welche Themen für sie von besonderer Relevanz sind, wie Konflikte wahrgenommen werden und auf welche Weise sie die Lebenswelt der Schüler*innen beeinflussen.

Politische Bildungsarbeit und Demokratiebildung sind Teil einer nachhaltigen Schulentwicklung, die Lernende „zu Perspektivwechsel, Empathie und Toleranz ebenso wie zu Kommunikation, Kollaboration, Kreativität und kritischem Denken“ befähigen, unterstreicht auch Klaus Schilling, Jurymitglied und Bundeskoordinator der UNESCO-Schulen. Auch Ansätze wie globales Lernen müssen an Schulen gestärkt werden, um Schüler*innen zu befähigen, als Bürger*innen etwa mit aktuellen wie auch zukünftigen, lokalen wie globalen Entwicklungen analytisch kompetent und zugleich handlungsfähig und gestärkt umzugehen. So ist auch für Klaus Schilling der #PRIF@Schule_Preis ein solches Instrument des Empowerments, um u.a. Friedens- und Demokratiebildung an Schulen voranzubringen.

Von Groß-Umstadt nach Äthiopien: Podcast für eine bessere Welt

Verschiedene politische Kontexte zweier Länder zu verstehen und zu vergleichen und dieses Wissen aufzubereiten und weiterzugeben ist der Schwerpunkt eines Projekts des Max-Planck-Gymnasiums Groß-Umstadt. Im Rahmen einer Arbeitsgemeinschaft entstand der Podcast „Eine Welt“, der die Partnerschaft zwischen dem Gymnasium und der Mekelle Adventist School in Mekelle (Nord-Äthiopien) begleitet. Die Schüler*innen setzen sich in der Recherche und Gestaltung intensiv mit den unterschiedlichen kulturellen und politischen Hintergründen in Deutschland und Äthiopien auseinander. In der ersten Episode berichten die Schüler*innen über eine im Schulkontext durchgeführte Spendenaktion mit dem Ziel, den Fernunterricht an der Partnerschule in der äthiopischen Krisenregion durch den Ankauf von Solarradios zu unterstützen.

Der Podcast fördert nicht nur ein größeres gegenseitiges Verständnis der Schüler*innen für unterschiedliche kulturelle und politische Kontexte, sondern gleichzeitig auch die Aneignung neuer Medienkompetenzen. Sie erproben mit dem Podcast ein zeitgemäßes Medium, um die behandelten Themen auch in eine breitere (schulische) Öffentlichkeit zu tragen. Dass sich jeder gegen Ungerechtigkeit und für eine bessere Welt engagieren kann und dieses Engagement gleichzeitig auch Spaß macht, betonten die beteiligten Schüler*innen in einer eigens für die Preisverleihung produzierten Folge des Podcasts zur Motivation hinter ihrer Projektarbeit. Katharina Iskandar, Jurymitglied und Redakteurin bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, würdigte das Engagement der Schüler*innen in ihrer Laudatio: „Wenn junge Menschen es schaffen, neben der Schule einen solchen Podcast auf die Beine zu stellen, muss es einem um die Zukunft des qualitativ hochwertigen Journalismus nicht bange sein.“

Vergangenheit und Gegenwart verbinden: Der jüdische Friedhof Weilburg

In einem Projekt einer elften Klasse des Gymnasiums Philippinum Weilburg steht das intensive und individuelle Auseinandersetzen mit deutscher Geschichte im Vordergrund und die Idee, (konfliktreiche) Geschichte durch Handeln erlebbar zu machen. Dabei geht es jedoch in der Perspektive der begleitenden Lehrkräfte nicht nur darum, historisches Fachwissen zu vermitteln, sondern auch „ein persönliches Bild der deutschen Vergangenheit“ zu entwickeln.

Die Schüler*innen besuchten im Rahmen des Projekts gemeinsam mit ihren Lehrkräften den naheliegenden jüdischen Friedhof und reinigten dort gemeinsam Grabsteine. Anschließend nahmen die Schüler*innen durch Briefe und mit Bildern der gereinigten Grabsteine Kontakt zu Nachfahren der jüdischen Familien auf, die heute in Deutschland, Israel und den USA leben.

Die Bedeutung einer Erinnerungskultur und eines kollektiven Gedächtnisses, die von grundlegender Bedeutung für sozialen Zusammenhalt, den Aufbau einer individuellen und kollektiven Identität und für die Gestaltung einer gerechten und gleichberechtigten Gesellschaft sind, hob Jurymitglied Paula Macedo Weiß, Präsidentin der Stiftung Museum Angewandte Kunst, Kuratorin und Autorin, in der Laudatio zu dem Projekt hervor. Ohne die Gräuel des Holocaust verharmlosen zu wollen, betonen die Schüler*innen, dass Menschen auch heute noch wegen ihrer Religion, ihres Aussehens oder anderer Merkmale benachteiligt oder ungerecht behandelt werden. Sie wollen dies aktiv ändern und sich für eine bessere Zukunft engagieren.

Ebenso wie der Podcast, der durch die Episodenstruktur Schüler*innen und Hörer*innen zum Verfolgen aktueller Entwicklungen in Deutschland und Mekelle einlädt, ist auch dieses Projekt auf einen nachhaltigen Austausch angelegt: Jedes Jahr besucht eine andere Gruppe von Schüler*innen den Friedhof, einen Ort der Erinnerung und des Gedenkens in unmittelbarer Nähe der Schule, der die Schüler*innen nicht nur an einen wichtigen Abschnitt deutscher Geschichte heranführt, sondern sie auch in Kontakt mit lokalen jüdischen Akteuren bringt, die das Projekt mitbegleiten.

Ausgezeichnete analytische Fähigkeiten: Hausarbeiten zu China, Jemen und Venezuela

Auch im klassischen schulischen Unterricht können Schüler*innen dazu ermutigt werden, sich eingehend mit aktuellen und hochpolitischen Konflikten sowie umstrittenen Themen der internationalen Beziehungen zu beschäftigen. So können sie sich beim Schreiben einer Hausarbeit ein methodisches Instrumentarium aneignen, mit dem sie auch andere Konflikte und zukünftige Entwicklungen analytisch kompetent erfassen können: Beim Verfassen beschäftigen sie sich intensiv mit unterschiedlichen Quellen, analysieren diese und entwickeln auf Basis ihres erworbenen Wissenstands eigene Positionen. Die erlernten Kompetenzen stärken die Schüler*innen über den Unterricht hinaus und ermöglichen es ihnen, sich aktiv in gesellschaftliche Debatten einzubringen. Im Rahmen des #PRIF@Schule_Preises waren für die Jury besonders drei Arbeiten von Schülern der Hohen Landesschule Hanau auszeichnungswürdig.

Für westliche Staaten und Unternehmen gehört China zu den wichtigsten Handelspartnern und Märkten. Gleichzeitig wird in den westlichen Öffentlichkeiten immer wieder Kritik an der Einhaltung menschenrechtlicher Standards durch das chinesische Regime laut, so etwa im Umgang mit der uighurischen Minderheit in der Provinz Xinjiang, die sich dort massiven Menschenrechtsverletzungen, wie etwa Verletzungen von Persönlichkeitsrechten, willkürlichen Inhaftierungen und Zwangsarbeit ausgesetzt sieht. Durch eine sehr gut aufbereitete Darstellung des Umgangs Chinas mit der uighurischen Minderheit im eigenen Land und Reaktionen westlicher Akteure darauf überzeugte die Hausarbeit von Leon Gutknecht die Jury. In der Arbeit problematisiert er die Rolle der Weltöffentlichkeit und arbeitet in seiner Untersuchung Konflikte und Dilemmata zwischen menschenrechtlichen Standards und der Verfolgung wirtschaftlicher Interessen heraus, denen sich westliche Regierungen und Unternehmen gegenüber sehen.

Der Konflikt im Jemen gehört zu einer ganzen Reihe von gewaltsam ausgetragenen Konflikten, die weder besondere politische noch öffentliche Aufmerksamkeit erhalten. Yunus Emre Cakmak geht in seiner Arbeit auf innovative Art und Weise der Frage nach, warum die andauernde Gewalt im Jemen in der deutschen Öffentlichkeit so wenig Beachtung findet. Neben einer ausführlichen Aufarbeitung des Konflikts führte er eine eigene Umfrage durch, die deutlich macht, wie wenig bekannt der Konflikt im Jemen ist. Er problematisiert den Umstand, dass die fehlende Betroffenheit durch einen Konflikt schnell dazu führt, dass dieser wenig Beachtung findet, sowie die Bedeutung von Medien für die Herstellung öffentlicher Aufmerksamkeit.

Der Abbau und Export natürlicher Ressourcen ist eine zentrale Einnahmequelle für ressourcenreiche Staaten im globalen Süden. Rohstoffreichtum hat sich für diese Staaten aber oft als Fluch (resource curse) mit zahlreichen negativen politischen und wirtschaftlichen Folgen erwiesen. Nico Dieter untersucht in seiner Arbeit die ambivalente Rolle von Rohstoffreichtum am Beispiel von Venezuela. Er analysiert die Rolle von Öleinnahmen für wirtschaftliche und politische Prozesse und arbeitet heraus, welche problematischen Folgen sich aus der Abhängigkeit des venezolanischen Staates von Öleinnahmen ergeben. Die Arbeit diskutiert aber auch mögliche Lösungsansätze am Beispiel von Norwegen, das als Musterbeispiel für einen verantwortlichen Umgang mit Einnahmen aus der Ölförderung gilt.

Politische Bildung und Engagement in Schulen weiter fördern

Der #PRIF@Schule_Preis soll zukünftig alle zwei Jahre ausgeschrieben werden. Ziel der nächsten Ausschreibung wird es sein, noch mehr hessische Schüler*innen und ihre betreuenden Lehrer*innen zu motivieren, ihre Arbeiten, Projekte und Ideen einzureichen, und gleichzeitig auch Schüler*innen verschiedener Schulformen anzusprechen.

Die Bandbreite der für den diesjährigen Schulpreis eingereichten Arbeiten zeigt, wie vielfältig die thematischen Interessen der hessischen Schüler*innen sind und wie globale, nationale und lokale Konflikte und Krisen ihre Lebenswelten beeinflussen. In ihren Arbeiten und Projekten haben die Schüler*innen sich nicht nur mit einem bestimmten Thema befasst, sondern auch analytische und methodische Kompetenzen erworben, die sie langfristig als engagierte Bürger*innen begleiten und stärken können. Der Preis kann als weiterer Anreiz dazu dienen, dass ein reflexives Lernen im Politikunterricht und darüber hinaus an hessischen Schulen unterstützt wird und Schüler*innen beispielsweise darin gefördert werden, ihren analytisch-kritischen Blick auf gesellschaftliche Entwicklungen zu entwickeln oder sich gesellschaftlich zu engagieren.

 

#PRIF@Schule_Preis 2021/22
Der #PRIF@Schule_Preis 2021/2022 wurde bei einer feierlichen Preisverleihung am 8. Juli 2022 überreicht. Die siebenköpfige Jury, die aus Vertreter*innen aus Wissenschaft, Bildung, Kultur, Medien und Schulen selbst besteht, entschied sich insgesamt zwei Gruppenprojekte und drei Hausarbeiten auszuzeichnen:

Kategorie Projekte

1. Platz: AG Eine Welt des Max-Planck-Gymnasiums Groß-Umstadt, „Podcast: Eine Welt – Partnerschaft zwischen Mekelle Adventist School, Äthiopien, und dem Max-Planck-Gymnasium, Groß-Umstadt, Deutschland“

1. Platz: Klasse 11c des Gymnasiums Philippinum Weilburg, „Regionale jüdische Geschichte erleben – Zivilgesellschaftliches Engagement zur Förderung gesellschaftlichen Friedens und interkultureller Verständigung“

Kategorie Hausarbeiten

1. Platz: Leon Gutknecht, „Chinas Umgang mit den Uiguren und entsprechende Reaktionen der Weltöffentlichkeit“

2. Platz: Nico Dieter, „Der Fall Venezuelas – Wie können Öleinnahmen nachhaltig genutzt werden?“

2. Platz: Yunus Emre Cakmak, „Jemen – Warum ist der Konflikt so unbekannt?“

Yvonne Blum

Yvonne Blum

Yvonne Blum ist Referentin für Wissenstransfer an der HSFK. Sie beschäftigt sich mit Konzepten und Formaten des dialogischen Austausches mit der Gesellschaft, mit Politikberatung und Politischer Bildung. // Yvonne Blum is a knowledge transfer officer at PRIF. Her interests lie in concepts of knowledge transfer and formats of dialogue with society, policy advice and civic education.
Melanie Coni-Zimmer
Melanie Coni-Zimmer ist Projektleiterin im Programmbereich „Internationale Institutionen“ an der HSFK. Sie forscht zur Rolle nichtstaatlicher Akteure in internationalen Organisationen, zu Peacebuilding und dem Nexus zwischen Entwicklung und Frieden. Seit 2015 ist sie Mitglied des Beirats der Bundesregierung Zivile Krisenprävention und Friedensförderung. // Melanie Coni-Zimmer is project leader in PRIF’s research department „International Institutions“. Her research focuses on the role of non-state actors in international organizations, peacebuilding and the conflict-development nexus. Since 2015 she is member of the Advisory Board for Civilian Crisis Prevention and Peace Consolidation of the German Federal Government. | Twitter: @MConiZimmer
Laura Friedrich

Laura Friedrich

Laura Friedrich ist Referentin für Wissenstransfer an der HSFK. Ihre Schwerpunkte liegen in der Konzeption und Betreuung von Transferformaten in den Bereichen Austausch mit der Gesellschaft, Politikberatung und Politische Bildung. // Laura Friedrich is a knowledge transfer officer at PRIF. Her focus lies on the conception and management of knowledge transfer activities that foster dialogue with society, policy advice and civic education.

Yvonne Blum

Yvonne Blum ist Referentin für Wissenstransfer an der HSFK. Sie beschäftigt sich mit Konzepten und Formaten des dialogischen Austausches mit der Gesellschaft, mit Politikberatung und Politischer Bildung. // Yvonne Blum is a knowledge transfer officer at PRIF. Her interests lie in concepts of knowledge transfer and formats of dialogue with society, policy advice and civic education.

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