Oakland Women's Strike, March 2017 | Foto: Peg Hunter | CC BY-NC 2.0

War da was? Sexismus in der Wissenschaft

Es ist keine bahnbrechende Neuigkeit, dass Frauen es manchmal etwas schwerer haben in der Wissenschaft, wie auch in vielen anderen Bereichen des Berufslebens. Jahrzehntelang wurde über alltäglichen Sexismus und offene und verdeckte Benachteiligung von Frauen debattiert und darüber, wie man dies abbauen könne. Und ist nicht auch viel passiert? Schaut man sich die Zahlen an, lässt sich zweifelsfrei zeigen, dass der Anteil an Frauen in allen Bereichen der Wissenschaft zunimmt. Ist also eigentlich alles gut? Nicht so ganz, denn alte Rollenerwartungen funktionieren noch immer ausgesprochen gut.

Zahlenmäßig sieht es also gut aus, das gilt in den Sozialwissenschaften zumal. Auf der Ebene der Promotionen haben wir bereits Parität erreicht bzw. überwiegt der Frauenanteil sogar, im Bereich der PostdoktorandInnen sehen wir immerhin einen Anstieg und selbst auf der ProfessorInnenebene lässt sich eine deutliche Zunahme des Frauenanteils aufzeigen.

Die gläserne Decke [1] ist – zumindest in den Sozialwissenschaften — durchlässig geworden. Neben diesen schnöden Zahlen lassen sich noch viele andere Bereiche nennen, in denen es signifikante Verbesserungen gegeben hat: Angebote zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf ebenso wie die Förderung der Gleichstellung gehören inzwischen zum Kernbestand der Kriterien für die (öffentliche) Vergabe von größeren Verbundprojekten und für Evaluierungen von Hochschulen und außeruniversitären Instituten. Das hat (mit) dafür gesorgt, dass an vielen Standorten mittlerweile deutlich mehr Betreuungsangebote für Kinder, Eltern-Kind-Räume und flexible Arbeitszeitmodelle eingerichtet wurden, die es gerade Müttern (aber auch Vätern) ermöglichen sollen, Kinder und Karriere zusammenzudenken. Arbeitssitzungen werden inzwischen immer öfter nach Kitaöffnungszeiten ausgerichtet.

Mentoring- und Coaching-Programme für weibliche Wissenschaftlerinnen bieten Unterstützung, die vermeintlich weiblichen Schwächen zu überwinden, wie ein zu geringes Selbstvertrauen in die eigenen Leistungen und zu große Zurückhaltung darin, sie zu demonstrieren. Neben den expliziten Regelungen zur Gleichstellung in Bewerbungsverfahren trägt das mit dazu bei, dass sich Frauen immer besser in Bewerbungsverfahren schlagen. Die jahrelangen Auseinandersetzungen und Forschungen zum gender gap und zu Alltagssexismus haben schließlich generell eine Sensibilisierung für Benachteiligung auf Basis des Geschlechts hervorgebracht, die sich zumindest in akademischen Kreisen selbst noch in Regeln für angemessenes Diskussionsverhalten niederschlägt. Kurzum: we have come a long way!

So weit, dass Frauen wie ich die meisten dieser Kämpfe gar nicht mehr mitbekommen, sondern nurmehr von ihnen profitiert haben und im Gestus der Selbstverständlichkeit gleiche Teilhaberechte und -chancen einfordern und nutzen. Das führt bisweilen dazu, dass wir die Gender-Frage für erledigt halten.

Also alles wunderbar? So ganz dann doch nicht. Zwar mögen wir bei den großen Trends Fortschritte gemacht haben, aber die alten Rollenerwartungen funktionieren noch immer, nur dass wir vielleicht nicht mehr darauf vorbereitet sind, wenn sie uns treffen. Zwei Beispiele aus meiner eigenen Erfahrung der letzten Zeit haben mich bewogen, diesen Beitrag zu schreiben:

Vor einigen Monaten war ich zu einer öffentlichen Veranstaltung eingeladen, in der es im Rahmen von Vorträgen und einer Diskussionsrunde um ein politisch aktuelles Thema in der Friedens- und Konfliktforschung ging. In der Diskussionsrunde zu einem der Vorträge bemerkte ich, dass die vorgestellten „Tatsachen“ kaum belegt seien und ich keine Studien kennen würde, die den angegebenen Zusammenhang stützen würden. Am Ende der Veranstaltung ging ich zu dem Kollegen, an den sich meine Kritik richtete, um ihm meine Punkte nochmals darzulegen und ihm zu sagen, dass es mir leid tue, dass ich dies öffentlich so deutlich gesagt hätte. Neben ihm stand ein älterer Mann aus dem Publikum, der mich daraufhin zurecht wies, dass es mir kaum zugestanden hätte, so mit dem „Herrn Professor“ zu sprechen. Diese Aggressivität würde mir als Frau ohnehin nicht stehen…

Nun könnte man ja meinen und so ordnete ich den Vorfall ein, dass ein gewisser Sexismus sicher noch in vielen Milieus anzutreffen sei, in denen ich nicht so viel unterwegs bin wie in der Wissenschaft selbst.

well….

Vor einigen Wochen war ich eingeladen, eine Keynote auf einer sicherheitspolitischen Tagung zu halten. Mein Thema war ein politisch notorisch heikles, nämlich die Privatisierung der inneren Sicherheit, zu der ich schon lange gearbeitet habe. Genauer ging es um die Diffusion von Verantwortung durch Privatisierung der inneren Sicherheit. Bei diesem Thema kann man eine kontroverse Diskussion erwarten und dies besonders, wenn (wie bei vielen sicherheitspolitischen Konferenzen) auch Vertreter der Sicherheitswirtschaft zugegen sind. So auch dieses Mal; auffällig war allerdings der Stil der Diskussion. Zunächst meldete sich ein Vertreter der Sicherheitswirtschaft zu Wort, der ganz offenkundig nicht mit meiner Darstellung einverstanden war und mir (O-Ton) vorwarf, das Thema ganz offensichtlich zu emotionaI anzugehen und daher vermutlich nicht zum gründlichen Recherchieren gekommen zu sein. Schon diese Bemerkung brachte mich in die Nähe erheiterter Fassungslosigkeit, aber es kam noch besser in Form des folgenden Kommentars aus dem Publikum: Die Einlassung begann damit, dass der Redner dem Publikum und mir zunächst mitteilte, dass er vor seinem Engagement in der Forschung LKW-Fahrer bei der Bundeswehr gewesen sei und daher wisse, wovon er rede, wenn er mir sage, dass die Privaten es halt einfach besser könnten. Die Bundeswehr habe zumindest die LKWs nicht reparieren können. Ich hätte da offensichtlich, so seine Schlussfolgerung, eine eher naive Haltung gegenüber dem Staat.

Ich weiß nicht, ob Sicherheitspolitik bzw. sicherheitspolitische Forschung in besonderer Weise von maskulinen Allmachtsvorstellungen durchzogen ist, aber Anwürfe von Emotionalität, mangelnder Recherche und Naivität innerhalb von geschätzten fünfzehn Minuten und das ohne ein einziges Sachargument – es sei denn, man zählt LKW fahren als empirisches Argument? Es hatte etwas von versteckter Kamera, nur dass niemand „reingefallen“ rief.

Mir ist in meiner gesamten Karriere noch nicht ein einziges Mal in so geballter, vor allem aber so unverblümter Form Sexismus begegnet. Sexismus, der noch dazu ganz gezielt eingesetzt wird, um missliebige Forschungsergebnisse zu diskreditieren. Hatte ich bis lang einfach Glück oder ist das ein neues Phänomen? Ist das ein Phänomen, das besonders die sicherheitspolitische Forschung betrifft, in der Vorstellungen von Maskulinität (mit der Figur des „Kriegers“) eventuell besonders wirkmächtig sind oder zeigt sich hier ein politischer Backlash, der die Gunst der Stunde von populistischen Kampfansagen wie etwa derjenigen von Frauke Petry an „political correctness“ dazu nutzt, dass Sexismus wieder offen geäußert wird, wo er vorher halbwegs effektiv unterdrückt wurde?

Ich weiß es nicht, aber ich weiß folgendes: ich bin Hochschullehrerin, leite ein respektables Forschungsinstitut und bin mit einem gesunden Selbstvertrauen und viel Humor gesegnet. Mich mag das also eher zu diesem Blogbeitrag und ein paar Anekdoten für den nächsten Tagungsempfang motivieren, aber wie wirkt das auf Nachwuchswissenschaftlerinnen, die sich erst noch beweisen müssen und wollen?

Ich glaube, wir können und sollten es uns nicht leisten, diese Generation den ganzen Mist nochmal erleben zu lassen, indem wir uns einfach schulterzuckend abwenden.


[1] Vgl. dazu den Aufsatz von Morrison, Ann M./White, Randall P./van Velsor, Ellen 1987: Breaking the Glass Ceiling: Can Women Reach the Top of America’s Largest Corporations? Reading, MA.

Nicole Deitelhoff
Nicole Deitelhoff ist Geschäftsführendes Vorstandsmitglied und forscht zu Internationalen Beziehungen und Theorien globaler Ordnungen, zur Privatisierung von Sicherheit, Internationalen Normen, Humanitärem Völkerrecht und Internationaler Strafgerichtsbarkeit.
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4 thoughts to “War da was? Sexismus in der Wissenschaft”

  1. Danke für den Beitrag – überfällig! Leider könnten wir viele Bücher voller Fallbeispiele zusammentragen. Ob die DFG das wohl finanzieren würde?

  2. Ich bin Nachwuchswissenschaftlerin, war auf der angesprochenen sicherheitspolitischen Tagung und angemessen schockiert von den Kommentaren (und dem extrem offensichtlichen und trotzdem völlig unbefangen vorgetragenen Sexismus).
    Als Forscherin in den Bereichen Sicherheitspolitik und Gender hat mir dies wieder einmal klar vor Augen geführt, dass es wichtig bleibt, uns zu solchen Vorkommnissen zu äußern und zu positionieren. Danke für den Beitrag!

  3. Vielen Dank für den Beitrag und ja man darf bei so etwas nicht schweigen! Ich frage mich allerdings, ob man diesen neu aufkeimenden Sexismus vielleicht in den allgemeinen Trend in der öffentlichen Debatte einsortieren kann: Verrohrung in der Sprache, Tendenz nur noch Informationen wahrzunehmen, die die eigene Meinung stützen, bekannter unter den Stichwörtern, Fake News, Filterbubble.

  4. Sehr geehrte Frau Deitelhoff,
    Mit Interesse las ich ihren Beitrag und reiste dabei durch meine Erinnerungen an 33 Jahre Erfahrungen im Wissenschaftsbetrieb (Chemie, physikalische Chemie und Medizin) auf der Suche nach ähnlichen Situationen. Durchaus sind mir darin Erlebnisse wiederbegegnet, die gut mit den Ihrigen zusammenpassen, die ich allerdings vom meiner männlichen Seite aus beobachtete und verarbeitete. Der Alltagssexismus ist unbestritten vorhanden.
    Gleichzeitig kamen mir aber auch Situationen in Erinnerung, bei denen Frauen gegenüber anderen (sowohl Männern wie Frauen) eine ebenso unsinnige autoritäre Verhaltensweise an den Tag legten. Die Kompetenz dazu nahmen sie sich oft aus ihren Titeln und Karrieredetails. Nun lag der Gedanke nahe, dass autoritäre Verhaltensweisen grundsätzlich etwas mit Egodefinition zu tun haben könnten. Wir alle definierten unser Ego und stellen es anderen gegenüber die wir auch noch mal beurteilen. Die Beiträge zur Egodefinition über das Geschlecht sind kulturell stark verwurzelt. In unsere bunten Kulturlandschaft scheinen diesbezüglich Gebiete unterschiedlicher Einfärbung zu existieren. Insgesamt hoffentlich verblassend.
    Aber letztlich scheint mir die Egodefinition selbst dem zugrunde zu liegen und darin das eigentliche Übel, da auf ihr Gesetzmäßigkeiten sozialer Dynamiken beruhen die uns vor große Probleme stellen. Ich habe wirklich die Hoffnung, dass sich Egodefinition bei einem wachsenden Bewusstsein um größere Zusammenhänge, sowohl in Hinsicht auf das gesamte Lebensgefüge wie auch auf das eigene zusammengesetzte Selbst, zunehmend auflösen. Sich stattdessen etwas bildet, indem wir uns begreifen als vernetzte Geschöpfe im lebendigen, im sozialen, im kulturellen. Das als Basis betrachten, von der aus wir als repräsentierende Personen beitragen und mitmachen an einer insgesamt positiven Menschheitsentwicklung.

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