Erfolgreicher Atomwaffentest der "Ivy Mike" der USA am 1.11.1952 im Eniwetok-Atoll im Pazifischen Ozean. | Photo: CTBTO/Flickr | CC BY 2.0

Kein Grund zum Feiern: 75 Jahre Atomwaffentests

75 Jahre ist es her, dass die erste funktionsfähige Atomwaffe in New Mexico, USA, zur Explosion gebracht wurde. Seitdem wurden mehr als 2.000 Atomwaffentests durchgeführt; das Gros durch die Sowjetunion und die USA. Erst durch Moratorien der Atomwaffenstaaten und der Verhandlung eines Vertrags über das umfassende Verbot von Atomtests 1994, wurden die Tests eingeschränkt und eine robuste Teststoppnorm entwickelt. Doch diese gerät, wie auch andere Normen im Bereich der nuklearen Rüstungskontrolle, in Gefahr ausgehöhlt zu werden, da in den USA Diskussionen um die Wiederaufnahme von Atomwaffentests aufbranden. Das könnte weitreichende negative Auswirkungen haben: eine Schwächung des Nuklearen Nichtverbreitungsvertrags und eine Ankurbelung nuklearer Test- und Rüstungsdynamiken.

Als die USA am 16. Juli 1945 ihre erste Atomwaffe in einer Wüste in New Mexico, USA, zündeten, soll sich der „Vater“ der Atombombe, J. Robert Oppenheimer, beim Anblick der gewaltigen Pilzwolke an einen Ausspruch aus einem Hindu-Kanon erinnert haben: “Now I am become Death, the destroyer of worlds.” Diese Weissagung bestätigte sich nicht viel später, als US-Bomber zwei Atombomben auf die japanischen Städte Nagasaki und Hiroshima abwarfen und diese damit dem Erdboden gleichmachten.

Grafik: eigene Darstellung; Quellen: Arms Control Association, CTBTO.

Seither hat nicht nur die Anzahl an Atomwaffentests zugenommen, sondern auch die Zahl der Staaten, die diese Tests durchführen: seit 1945 über 2.000 Tests durch acht Staaten. Die Atomwaffentests hatten verheerende Folgen für die Umwelt und die Gesundheit der in den Testgebieten lebenden Bevölkerung. Die Gebiete wurden über Generationen hinweg radioaktiv verseucht und Menschen in betroffenen Regionen müssen noch heute mit erhöhter Anfälligkeit für verschiedene Erkrankungen kämpfen. Auch aus diesem Grund wurde bereits in den fünfziger Jahren über ein allgemeines nukleares Testverbot diskutiert, das allerdings vor dem Hintergrund des Kalten Krieges lange nicht zustande kam. Erst Ende des Jahrtausends konnte der Umfassende Atomwaffenteststoppvertrag (Comprehensive Test Ban Treaty, CTBT) auf den Weg gebracht werden. Trotz eines internationalen Konsens, der Atomwaffentests als bedenklich brandmarkt, und der weithin bekannten Gefahren, sind in den USA seit Mai diesen Jahres Diskussionen aufgebrandet, Atomwaffentests wieder aufzunehmen – mit Folgen für die internationale Sicherheit, den Nuklearen Nichtverbreitungsvertrag (NVV) und natürlich für die Umwelt und Gesundheit betroffener Menschen.

Grafik: eigene Darstellung; Quelle: Arms Control Association.
Grafik: eigene Darstellung; Quelle: Arms Control Association.

(Un)Sinn von Atomwaffentests

Militärisch gesehen erfüll(t)en Atomwaffentests durchaus einen Zweck. Sie dienten dazu, Waffendesigns zu verbessern – beispielsweise um zu vermeiden, dass nur ein Teil des spaltbaren Materials explodiert, wie im Fall der Bomben von Nagasaki und Hiroshima. Atomwaffentests wurden auch durchgeführt, um neues Material oder neue Waffentypen zu testen, die Sprengkraft zu erhöhen und  die Wirkung der Waffen auf unterschiedliche Umgebungen zu ergründen. Doch sind Atomwaffentests militärisch heute noch sinnvoll? Die großen Atommächte, allen voran die USA, haben durch ihre Tests bereits ein enormes Datenvolumen gesammelt, das als Grundlage für Computersimulationen dient. Zudem führen die Atommächte nach wie vor sogenannte „subkritische“ Tests durch, d.h. Atomwaffentests ohne kritische Masse an spaltbarem Material. Die virtuellen und subkritischen Tests zielen insbesondere darauf ab, die Sicherheit vorhandener nuklearer Arsenale zu überprüfen und die Eigenschaften von spaltbarem Material zu erforschen. Natürlich können diese Tests die Realität nur zu einem gewissen Grad simulieren, und neue Atomwaffentypen können so nicht entwickelt werden. Doch können so die verheerenden Auswirkungen auf Umwelt und Gesundheit vermieden werden, die mit ausgewachsenen nuklearen Explosionen verbunden sind. Zumindest zur Instandhaltung der nuklearen Arsenale sind derzeit keine vollwertigen Atomwaffentests erforderlich.

Atomwaffentests haben jedoch nie nur einem rein militärischen Zweck gedient, sondern hatten schon immer eine zusätzliche politische Dimension. In den sechziger Jahren übertrumpften sich die USA und die Sowjetunion mit immer wirkmächtigeren Atomwaffen, um ihre militärische Überlegenheit zu demonstrieren. Höhepunkt dieses Wettstreits war 1961 die Detonation der sowjetischen „Zarenbombe“ mit einer Sprengkraft von 50 Megatonnen TNT-Äquivalent – das 3.800-fache der Hiroshima-Bombe. Darüber hinaus wurde (und wird) ein erfolgreicher Atomwaffentest immer noch als „Eintrittskarte“ in den Club der Atomwaffenmächte gesehen. Die öffentlichkeitswirksame Zurschaustellung des Bildes einer Pilzwolke soll(te) die überlegenen technologischen Fähigkeiten eines Staates zeigen (durch die Beherrschung einer überlegenen Technologie). Zugleich soll(te) damit signalisiert werden, dass ein Staat fortan immun gegen „nukleare Erpressung“ durch andere Staaten sei. Dieser Art von sicherheitspolitischem signalling konnte durch die Aushandlung des Umfassenden Vertrages zum Verbot von Atomwaffentests (zumindest in gewissem Umfang) Einhalt geboten werden.

Eine kurze Geschichte des Atomwaffenteststopps

Mit dem Ende des Kalten Krieges ergab sich eine einmalige Gelegenheit, einen international gültigen Atomwaffenteststopp zu verhandeln. 1991 erklärte zuerst die Sowjetunion ein Teststoppmoratorium, gefolgt von den USA und Großbritannien. Zusätzlich starteten ab 1994 in der Genfer Abrüstungskonferenz Verhandlungen über den Umfassenden Atomwaffenteststoppvertrag (CTBT), der 1996 zur Unterschrift freigegeben wurde; umfassend, da er jede Art von Atomwaffentest verbietet, ob atmosphärisch, unterirdisch, oder unter Wasser (CTBT Art. 1). Die Entwicklung des CTBTs war stets eng mit dem Nuklearen Nichtverbreitungsvertrag (NVV), dem zentralen Vertragswerk der nuklearen multilateralen Abrüstung und Rüstungskontrolle, verbunden. So benennt schon der 1968 ausgehandelte NVV in seiner Präambel die Beendigung aller Atomwaffentests als wichtigen Schritt zu einer atomwaffenfreien Welt. Und die Verhandlung eines umfassenden Teststopps war, als Beleg für die Abrüstungsbemühungen der Atommächte, eine der Voraussetzungen für die breite Zustimmung zur unbegrenzten Verlängerung des NVVs (1995).

StaatenUnterschriftRatifizierung
China24-09-1996
Deutschland24-09-199613-07-1998
Frankreich24-09-199606-04-1998
Großbritannien24-09-199606-04-1998
Indien
Iran24-09-1996
Israel25-09-1996
Nordkorea
Pakistan
Russland24-09-199630-06-2000
USA24-09-1996

Doch auch nach über 25 Jahren ist der CTBT noch nicht in Kraft getreten. Bis heute fehlen dem Vertrag sieben Ratifizierungen, um internationale Gültigkeit zu erlangen, darunter, besonders brisant, die der USA und Chinas. Beide Staaten verweisen jeweils auf die andere Seite, um die eigene Weigerungshaltung zu legitimieren und verhindern so die baldige Ratifizierung des Vertrages. Nichtsdestotrotz hat der CTBT eine robuste Teststoppnorm etabliert. Eine Interimsorganisation, die CTBTO (Comprehensive Nuclear-Test-Ban Treaty Organization), hat in den letzten Jahren ein flächendeckendes und technologisch hochentwickeltes Netz an Messstationen (300 Messstationen in über 80 Staaten) aufgebaut. Das Verifikationssystem des CTBTs hat so beispielsweise zur erfolgreichen Aufdeckung der nordkoreanischen Atomwaffentests beigetragen. Die bis dato anerkannten Atomwaffenstaaten haben seit den neunziger Jahren keinen Atomwaffentest mehr durchgeführt, und Atomwaffentests durch andere Staaten – Indien, Pakistan und Nordkorea – wurden auf das Schärfste verurteilt und sanktioniert.

Trump spielt mit dem Feuer

Die USA hatten von Beginn an ein gespaltenes Verhältnis zum CTBT und der damit implizierten Teststoppnorm. Bereits unter US-Präsident Clinton blockierten sich der Präsident und der Senat gegenseitig und verhinderten so eine Ratifizierung des CTBT (hauptsächlich aufgrund innenpolitischer Querelen). Dennoch war die Wiederaufnahme von Atomwaffentests lange Zeit kein Thema, zu sehr fühlte man sich doch an die Teststoppnorm gebunden und zu wenig schien die Zeit reif für neue Tests. Unter Trump scheint sich dies geändert zu haben. Mitte Mai diesen Jahres diskutierte die Trump-Administration erstmals über eine Wiederaufnahme von Atomwaffentests – eine Reaktion auf die Vorwürfe im jährlichen Bericht der USA über die Einhaltung von Abkommen und Verpflichtungen zu Rüstungskontrolle, Nichtverbreitung und Abrüstung, nach denen Russland und China unterirdische Tests mit Atombomben sehr geringer Sprengkraft durchführen würden. Beweise für die Anschuldigungen werden in dem Bericht nicht vorgebracht, und eine Fehleinschätzung wäre durchaus möglich – schon in der Vergangenheit stellte sich ein angeblicher russischer Atomwaffentest als Erdbeben heraus.

Es gibt zwei Möglichkeiten, die Diskussion über eine Wiederaufnahme der Tests zu deuten. Beide Varianten wären gefährlich und könnten nach hinten losgehen. Zum einen könnten die USA tatsächlich glauben, dass neue Atomwaffentests ihnen strategische Vorteile verschaffen könnten. In diesem Fall wären die USA naiv anzunehmen, dass ein solch offensichtlicher Normbruch keine Kettenreaktion auslösen würde. Sollten die USA wieder vollwertige Atomwaffentests durchführen, würden zumindest China und Russland nachziehen, wahrscheinlich aber auch Indien, Pakistan und Nordkorea (und im schlimmsten Fall auch andere bisher nicht nuklear-bewaffnete Staaten). Damit würden die USA ihren bisherigen technologischen Vorsprung (und dadurch auch einen strategischen Vorteil) verspielen. Denn gemessen an der Zahl der Atomwaffentests und den daraus gewonnen Daten, sind die USA allen anderen Staaten weit überlegen. Weitaus wahrscheinlicher ist, dass das Ganze nur ein politisches Manöver ist, um Druck auf China und Russland aufzubauen. Diese zweite Variante entspräche ganz dem diplomatischen Stil von Donald Trump: Druck und Dominanz aufbauen, um möglichst viel aus einem „Deal“ herauszuholen. In diesem Fall wohl mit der Absicht, Chinas Widerstand gegen trilaterale Rüstungskontrollgespräche zu brechen und weitreichende Konzessionen von Russland und China zu erlangen. Dass diese Strategie in der Vergangenheit nicht funktioniert hat, und das Manöver einerseits leicht zu durchschauen ist, andererseits gefährliche Folgen haben könnte, wird von der US-Regierung offenbar ignoriert.

Gefährlicher Wellenschlag – über die USA hinaus

Die Debatte um neue Atomwaffentests schlägt  bereits innenpolitische Wellen in den USA. So hat ein Subkomitee des US-Senats im National Defense Authorization Acts 2021 Gelder für eine schnelle Wiederaufnahme von Atomwaffentests vorgesehen, sollten diese „notwendig“ sein. Doch dagegen regt sich Widerstand und andere Politiker*innen versuchen bereits die Finanzierung von Atomwaffentests grundsätzlich zu verbieten.

Aus gutem Grund: das Aufkündigen des Teststoppmoratoriums oder ein „Austritt“ aus dem CTBT durch die USA würde verheerende Signale senden. Abgesehen von den Test- und Rüstungsdynamiken, die dadurch angestoßen werden könnten, könnte ein Austritt der USA aus dem CTBT die finanzielle Zukunft des Verifikationsregimes und der Messstationen gefährden. Des Weiteren signalisieren reale Atomwaffentests, dass der generelle Einsatz von Atomwaffen in Betracht gezogen wird. Dies reiht sich ein in andere beunruhigende Entwicklungen, wie der Aufkündigung nuklearer Rüstungskontrollverträge, wie des INF-Vertrages (Intermediate-Range Nuclear Forces Treaty), der Entwicklung „kleinerer“ (low-yield) Atomwaffen oder der Absenkung der Schwelle zum Ersteinsatz von Atomwaffen, wie jüngst durch die Nukleardoktrinen der USA und Russlands impliziert.

Neben den militärischen und strategischen Konsequenzen hätte eine Schwächung der Teststoppnorm zudem konkrete Auswirkungen auf den NVV und auf weitere Abrüstungsbemühungen. Mit einer Aufkündigung des Testmoratoriums würde die Trump-Administration einmal mehr zeigen, dass nukleare Abrüstung kein Thema für sie ist. Eine solche Aktion würde die Frustration vieler Nichtatomwaffenstaaten weiter verstärken, und dies zu einem Zeitpunkt, wo der NVV und seine Prinzipien bereits unter Druck stehen. Letztendlich könnte eine Schwächung der Teststoppnorm auch zu einer Schwächung des (fragiler werdenden) Konsenses zur nuklearen Abrüstung, nuklearen Nichtverbreitung und zum nuklearen Tabu (der Tradition des Nicht-Einsatzes von Atomwaffen) führen – durch die mögliche Entwicklung neuer Waffentypen, durch das Signal an Nichtnuklearwaffenstaaten, dass Atomwaffentests legitim seien, und durch die Senkung der Hemmschwelle für den Einsatz von Atomwaffen.

Schwierige Aussichten für die Teststoppnorm

Die Teststoppnorm und der CTBT befinden sich in einer heiklen Lage – und das, obwohl beide von einem breiten internationalen Konsens getragen werden. Eine Schwächung der Norm käme zu Lasten der internationalen Sicherheit, des nuklearen Nichtverbreitungsregimes, der Umwelt und der globalen Gesundheit. Die Initiative der Trump-Administration zur Wiederaufnahme von Atomwaffentests in den USA ist daher so unnötig wie gefährlich. Zwar ist die Initiative, wie auch andere außen- und sicherheitspolitische Entscheidungen Trumps, in den USA durchaus umstritten. Doch Donald Trump hat in den letzten Jahren schon oft seine Entschlossenheit unter Beweis gestellt, entgegen der Meinung von Expert*innen zu handeln. Sollte er mit dem Teststoppmoratorium der USA genauso verfahren, wie mit anderen Rüstungskontrollverträgen wie dem Open Skies– oder dem INF-Vertrag, sind die Aussichten schlecht. Umso wichtiger ist eine konsequente Stärkung der Teststoppnorm: die konsequente Verurteilung und Sanktionierung von Atomwaffentests, sowie die Verhinderung einer weiteren Schwächung des CTBTs und der technischen Ausstattung seiner Messstationen. Der CTBT hat in den letzten Jahren gezeigt, dass sein Verifikationssystem funktioniert, ohne dass der Vertrag formal in Kraft getreten ist. Diese Arbeit muss fortgeführt werden, damit auch in Zukunft jede Art von Atomwaffentest aufgedeckt werden kann. Dabei ist dem CTBT ein breites Bündnis an Staaten sicher – immerhin stehen mit Frankreich und Großbritannien sogar Atommächte hinter dem so wichtigen Vertrag.

Jana Baldus

Jana Baldus

Jana Baldus ist wissenschaftliche Mitarbeiterin und Doktorandin der HSFK im Programmbereich Internationale Sicherheit. Ihre Forschungsschwerpunkte sind nukleare Abrüstung und Rüstungskontrolle.

Jana Baldus

Jana Baldus ist wissenschaftliche Mitarbeiterin und Doktorandin der HSFK im Programmbereich Internationale Sicherheit. Ihre Forschungsschwerpunkte sind nukleare Abrüstung und Rüstungskontrolle.

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