In Roland Emmerichs Version des Klimawandels wird New York City zur Stadt aus Eis. Foto: 21st Century Fox.

The Day After Tomorrow – der Klimawandel als existentielle Bedrohung

In The Day After Tomorrow (2004, Regie: Roland Emmerich), dem „Cli-Fi“-Blockbuster schlechthin, wird die Klimakrise konsequent zu Ende gedacht, allerdings unter umgekehrten Vorzeichen: Die Erderwärmung führt zum Stillstand des Golfstroms. Das löst anfangs Extremwetterereignisse, später schließlich eine Eiszeit aus. Im Fokus der Handlung stehen dabei weniger die Millionen fliehender und erfrierender Menschen, sondern der Klimawissenschaftler Jack Hall, der durch den Schnee stapft, um seinen Sohn zu finden. Warum sich der Film trotzdem für eine Diskussion zum Klimawandel eignet, sagt uns Christina Kohler.


Im Film spielt sich ein für uns derzeit unglaubliches Klimaszenario ab: Die durch die Erderwärmung schmelzenden Polkappen bringen den Golfstrom zum Erliegen, wodurch es auf der Nordhalbkugel zu einer Eiszeit kommt. Wie realistisch ist dieses Szenario?

Christina Kohler: Der Grundgedanke, dass der Klimawandel Einfluss auf den Golfstrom nimmt, ist erst einmal nicht falsch. Der Golfstrom ist Teil eines globalen ozeanischen Stromsystems, das alle Ozeane miteinander verbindet. Dieses System ist extrem komplex und unterliegt durch verschiedenste Einflussfaktoren immer wieder Schwankungen, die sich von Woche zu Woche, von Monat zu Monat verändern. Wenn es, wie der Film am Anfang zeigt, zu einem Schmelzen von Eisbergen kommt und dadurch mehr Süßwasser als gewöhnlich in den Golfstrom gelangt, wird das natürlich Einfluss auf dieses System nehmen. Für die Wissenschaft ist es aber derzeit noch schwierig, langfristige Voraussagen zu treffen, wie dieser Einfluss genau aussieht, also ob bzw. wann der Golfstrom dadurch abreißen könnte. Es gibt aktuelle Studien, die einen Temperaturabfall von 3°C in Europa prognostizieren, sollte der Golfstrom tatsächlich abreißen. Die Folge wäre keine Eiszeit wie im Film, aber es hätte enorme Folgen für unser Leben und die Biodiversität unserer Erde.

In kurzen, aber einprägsamen Szenen wird gezeigt, wie US-Amerikanerinnen und Amerikaner auf der Flucht vor dem Eis versuchen, illegal über die Grenze nach Mexiko zu fliehen. Die Szenen ähneln den Nachrichtenbildern von Geflüchteten aus dem Jahr 2015. In welchem Ausmaß erleben wir Flucht und Migration aufgrund von Klimaveränderungen schon heute?

Christina Kohler: Unsere bisherigen Daten zeigen, dass derartige Szenen, in denen Menschen ausschließlich aufgrund von Klimaereignissen über Staatsgrenzen hinweg migrieren, tatsächlich noch Dystopie sind. Von klimabedingten Veränderungen betroffene Menschen wandern heute normalerweise nur innerhalb von Ländern, und hier oft vom Land in die Stadt. Sie wandern nur kurz, um dann schnellstmöglich zurück nach Hause zu kommen – beispielsweise, wenn eine Überschwemmung oder eine Dürre schließlich vorübergegangen ist. Die sogenannten „Klimamigranten“ oder „Umweltflüchtlinge“, von denen immer wieder in den Medien berichtet wird, gibt es so (noch) nicht. Denn die Entscheidung einer Person, über Staatsgrenzen hinweg zu migrieren, basiert zumindest unseren Daten nach immer auf mehreren Gründen. Ich selbst habe beispielsweise Interviews mit Geflüchteten aus Syrien geführt, die wegen der Dürre auf dem Land, aber auch wegen des Krieges nach Deutschland geflohen sind. Klima ist also ein Faktor unter vielen, der Menschen zur Flucht bringen kann. Nur wenn man alle Faktoren in ihrem Zusammenspiel analysiert, kann man in der Folge auch effektive Hilfsmaßnahmen entwickeln, um Menschen zu unterstützen, die die Folgen des Klimawandels als existenzielle Bedrohung wahrnehmen.

Im Film sorgt ein Klimaforscher durch schnelles Handeln und engagierten Einsatz dafür, dass zumindest noch ein paar Menschen ihr Leben retten können, statt zu erfrieren. Brauchen wir derzeit mehr entschlossene Helden und Heldinnen in der Klimaforschung?

Christina Kohler: Was wir auf alle Fälle gerade im Bereich des Klimawandels brauchen, sind Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die sich in der Politikberatung engagieren, die ihre Ergebnisse also kommunizieren und engen Kontakt zur Politik suchen. Das gehört für viele, gerade auch hier an der HSFK, schon zum Tagesgeschäft, ist in vielen Instituten aber noch ausbaufähig. Was wir aber nicht brauchen, sind Expertinnen und Experten, die in der Öffentlichkeit sagen, dass es die eine Theorie oder die eine Lösung in Bezug auf den Klimawandel gibt. Es gibt nicht die eine wissenschaftliche Wahrheit, auch nicht beim Klimawandel. Gerade hier müssen wir genau auf die komplexen und vielschichtigen Details schauen, noch viel mehr Fragen stellen und zugeben, dass noch einiges ungeklärt ist. Wir verändern die Welt nicht, indem wir Heldinnen oder Helden spielen, sondern indem wir unsere Gedanken und Ergebnisse zur Diskussion stellen. Insofern ist die Darstellung der Wissenschaft im Film eher kontraproduktiv – sie weckt falsche Erwartungen und zeichnet ein falsches Bild unserer Arbeit.

Ganz grundsätzlich: Ist der Film geeignet, sich zum Klimawandel zu informieren?

Christina Kohler: Ich denke, dass der Film gut genug ist, um einen Ausgangspunkt für eine Diskussion zum Klimawandel zu haben. Klar, es ist ein Hollywood-Film, der den Klimawandel oberflächlich betrachtet. Er fordert aber auch zum Denken auf und lädt ein, weiter zu recherchieren. Was die Darstellung des Klimawandels als Gefahr für die Menschheit angeht, bin ich zwiegespalten: Einerseits ist es gut, dass der Klimawandel als Auslöser der Katastrophe gezeigt wird und als etwas Bedrohliches ins popkulturelle Gedächtnis eingeht. Andererseits ist der Wandel im Film derart schnell, dass niemand mehr Zeit hat, sich aktiv gegen den Klimawandel zu engagieren. Im Film haben die Menschen keine Handlungsoptionen mehr, die wir aber gerade tatsächlich noch haben. Jede und jeder von uns kann jederzeit etwas gegen den Klimawandel tun. Eine solche Botschaft wäre mir lieber gewesen.


Christina Kohler ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der HSFK. Ihre Forschung konzentriert sich auf die Wechselwirkungen zwischen globalen Umweltveränderungen und Frieden, Konflikten und Sicherheit. Dazu gehören die Zusammenhänge zwischen klimabedingter Ressourcenknappheit, Frieden und Konflikt sowie klimabedingter Migration.

 


Dieser Beitrag ist Teil unseres Jubiläumsmagazins zum 50-jährigen Bestehen der HSFK. Das Magazin steht hier zum kostenlosen Download bereit (pdf, 5,42 MB).

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PRIF Redaktion

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Für diesen Beitrag ist die Abteilung Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des Peace Research Institute Frankfurt (PRIF) verantwortlich. Kontakt: Tel.: 069 - 959104-13, Mail: redaktion@hsfk.de

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