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Alle krank? Die Psycho(patho)logie individueller Radikalisierung

Radikalität im Denken und Handeln tritt in vielen gesellschaftlichen Bereichen auf – bei Sport- und Ernährungsgewohnheiten ebenso wie bei politischen und religiösen Überzeugungen. Doch AusdauersportlerInnen oder Menschen mit veganem Lebensstil würden sicher die wenigsten als „krank“ bezeichnen, während islamistische oder rechtsextreme Radikalisierungsprozesse selten ohne entsprechende Zuschreibungen auskommen. Psychologisch betrachtet handelt es sich allerdings um ähnliche Vorgänge, solange Radikalität als natürliches Ergebnis eines Radikalisierungsprozesses verstanden wird. In allen Fällen wird dabei eine (zu) einfache Pathologisierung weder der Komplexität von Radikalisierungsprozessen noch der gesellschaftlichen Verantwortung im Umgang mit radikalen Einstellungen gerecht – und zwar unabhängig davon, ob diese nun eine Gewaltbereitschaft beinhalten oder nicht.

Gesund oder Krank? Psychologische Vulnerabilitäten

Die Frage danach, ob radikalisierten, extremistischen Einstellungen und – in seltenen Einzelfällen – auch darin begründeten Gewalttaten eine gestörte psychische Entwicklung zugrunde liegt, steht meist schnell im Raum. Dies ist vor allem deshalb eine intuitiv nachvollziehbare Hypothese, weil sich oftmals die eigenen politischen und/oder religiösen Einstellungen in der Eigenwahrnehmung im moderaten Mittelfeld bewegen; extremistische Handlungen liegen fern der eigenen Vorstellungskraft. Ergo, die Person, die etwa zu ideologisch motivierten (gewalttätigen) Handlungen in der Lage ist, muss krank sein. Besonders zugespitzt lässt sich diese Diskussion am Beispiel von Anders Breivik abbilden. Die Einschätzung zweier unabhängiger Sachverständigenbüros im Verfahren zu den beiden Attentaten in Oslo und auf Utoya bewegten sich zwischen jenen beiden Polen. Ein Gutachten pathologisiert seine rechtsextremen Radikalisierung als Symptom einer schizophrenen und somit schweren psychischen Erkrankung, die Breivik gleichzeitig jede strafrechtliche Verantwortung abspricht. Das andere Gutachten bewertet die Taten als Ergebnis einer politischen Radikalisierung auf Basis einer narzisstischen Persönlichkeit, die sich durch Empathiemangel und Erleben der eigenen Person als grandios auszeichnet.

An einem solchen Fall zeigt sich, dass selbst zwischen diagnostisch geschulten Expertinnen und Experten Uneinigkeit darüber bestehen kann, ob es sich bei Radikalisierungsprozessen nun um „kranke“, die internationalen Kriterien für eine Psychopathologie erfüllende Prozesse mit fehlendem Realitätsbezug handelt, oder ob diese durch normal-psychologische Prozesse ebenso zu erklären sind.

Dazu lohnt es sich, die am meisten verbreiteten individual-psychologischen Theorien und Annahmen zu Radikalisierungsprozessen genauer zu betrachten.

In der psychologischen Literatur wird kategorisch ausgeschlossen, dass es so etwas wie eine, zu extremistischen Überzeugungen oder gar terroristischen Gewalttaten neigende Persönlichkeit gibt. Vielmehr werden psychologische Vulnerabilitäten formuliert, welche die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass sich Personen extremistischen Überzeugungen anschließen. «Vulnerabilitäten» beschreiben dabei hier, ganz unabhängig von der Frage nach genetischem oder sozialisationsbedingten Ursprung, Persönlichkeitseigenschaften, kognitive Schemata und affektive Zustände, die bei Radikalisierungsprozessen eine Rolle spielen.

(Wahrgenommener) Bedeutungsverlust

Ein wichtiges psychologisches Grundkonzept, das bei Radikalisierungsprozessen eine Rolle spielt – und vielfach im Zusammenhang mit politischer und religiöser Radikalisierung untersucht wurde – ist das Bedürfnis nach klaren, abgeschlossenen Antworten, möglichst frei von Ambiguitäten und Unsicherheiten (das sogenannte need for closure). Finden sich Personen in Situationen wieder, in denen sie selbst wie auch ihre Stellung und Bedeutung in der Gesellschaft bedroht sind, in denen sie orientierungs- und hilflos sind, kann die Zuspitzung der eigenen Weltanschauung Entlastung liefern und Sicherheit geben. Durch die Annahme radikaler Einstellungen, die sich durch die Negierung von Differenzierungen und Nuancen, durch die eindeutig vorgenommene Einschätzung, was richtig und was falsch, wer gut und wer böse ist, auszeichnen, werden Ambiguitäten quasi vollständig ausgeschlossen. Beim Anschluss an eine radikale Gruppe haben gleichzeitig gruppendynamische Prozesse einen sekundären Mehrwert, in dem sie eine sichere, soziale Anbindung bieten.

In experimentellen Untersuchungen zeigte sich, dass – wenn man bei Personen Unsicherheit erzeugt – diese sich stärker mit stärkere sozialen Gruppen überhaupt, noch stärker aber mit radikalen statt mit moderat ausgerichteten Gruppen identifizieren. Und nicht nur das – auch eine höhere Identifikation mit der eigenen nationalen Identität wurde unter diesen Untersuchungsbedingungen deutlich.

Gefühlszustände als Katalysatoren für Entwicklungen radikaler Ansichten

In der psychologischen Trias – Gedanken, Gefühle und Verhalten – gelten des Weiteren die durch die kognitiven Bedrohungssituationen ausgelösten, keineswegs pathologisch zu bewertenden Gefühle, wie Ängste, Hilflosigkeit, Wut und Aggressionen als zentrale Elemente, Radikalisierungsprozesse wahrscheinlicher machen und als Katalysator für die Annahme radikaler Weltanschauungen zu wirken.

Zusätzlich spielen Gefühle bei Radikalisierungsprozessen dann eine besondere Rolle, wenn sie mit Moralvorstellungen verknüpft werden. Die Realität von Moralvorstellungen gestaltet sich in komplexen, diversen Gesellschaften durchaus heterogen, sodass Situationen oder Verhaltensweisen anderer Personen, die im eigenen moralischen Referenzsystem als verwerflich gelten, unangenehme emotionale Reaktionen hervorrufen: etwa Gefühle von Erniedrigung, Hass, Ärger, Wut und Verachtung. Solche Emotionen wiederum können Radikalisierungsprozesse befördern.

Der Grat zur terroristischen Gewalttat: Legitimation und Bereitschaft

Nun bedarf es mehr als „nur“ radikale und extreme Einstellungen, um zu einem terroristischen Attentäter zu werden – zu einer Person, die im öffentlichen Raum ein massives, politisch oder religiös extremistisch motiviertes Gewaltdelikt begeht. Es braucht in einem ersten Schritt das entscheidende Verständnis davon, dass die eigene Weltanschauung die Anwendung von Gewalt legitimiert. Mehr noch braucht es in Folge auch die eigene, persönliche Bereitschaft zu gewalttätigem Handeln.

Für diese beiden Aspekte wiederum sind andere psychologische Mechanismen relevant, als für die „bloße“ Aneignung radikaler, extremistischer Überzeugungen. Gewalt als Mittel zur Durchsetzung eigener Interessen, die fehlende Verankerung sozialer Werte und Normen sind typische Merkmale antisozialer Persönlichkeiten. Nicht umsonst finden sich bei Extremisten häufig Historien früherer Gewalttaten und Gefängnisaufenthalte. Aus denselben Gründen sehen sich Justizvollzugsanstalten in der besonderen Verantwortung, Programme zur Radikalisierungsprävention zu realisieren.

Eine weitere wichtige Voraussetzung dafür, eine zerstörerische Gewalttat zu begehen, ist auch ein Mangel an Empathie, welcher wiederum ein wichtiges Merkmal narzisstischer Persönlichkeiten ist. Es zeigt sich durch einen Mangel an Einfühlungsvermögen in die potentiellen Opfer, auch in die sekundär betroffenen, sowie ebenso an der Einsicht in das hervorgerufene Leid gepaart mit dem Erleben der eigenen Person als grandios.

Vorsicht vor der Vereinfachung durch Pathologisierung

Dass es sich bei der Suche nach individuellen Faktoren, die bei politischen oder religiösen Radikalisierungsprozessen eine Rolle spielen, durchaus um ein komplexes Vorhaben handelt, ist bekannt. Dass einseitige Bedingungsmodelle, welche Risikofaktoren entweder ausschließlich in der Person oder in der Umgebung verorten, weder die richtigen Fragen stellen, noch befriedigende Antworten liefern, ist deshalb augenscheinlich. Für die individual-psychologischen Prozesse, die für eine Radikalisierung von Werten und Einstellungen verantwortlich sind, ist es unabhängig von den – weitestgehend wissenschaftlich noch nicht beleuchteten – Wechselwirkungen mit Umweltfaktoren jedoch unabdingbar festzuhalten, dass sie keineswegs Abbild einer pathologischen psychischen Entwicklung sein müssen.

Jede Person, die (irgend)eine Radikalität in ihrem Denken und Handeln aufweist, als „krank“ zu etikettieren, würde schlussendlich lediglich eine Verschiebung der gesellschaftlichen Verantwortung für die Integration und Ausdifferenzierung von politischen wie religiösen Weltanschauungen auf den und die Einzelne bedeuten. Das wäre falsch.

Katharina Seewald

Katharina Seewald

Katharina Seewald ist wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Kriminologischen Dienst für den Berliner Justizvollzug und die Sozialen Dienste der Justiz und Lehrbeauftragte für Klinische Rechtspsychologie an der Freien Universität Berlin. Ihre Forschungsinteressen fokussieren Risikoprognosen und Behandlung im Strafvollzug mit besonderen Schwerpunkten auf Hoch-Risiko-Täter und radikalisierte Gefangene.
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Katharina Seewald ist wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Kriminologischen Dienst für den Berliner Justizvollzug und die Sozialen Dienste der Justiz und Lehrbeauftragte für Klinische Rechtspsychologie an der Freien Universität Berlin. Ihre Forschungsinteressen fokussieren Risikoprognosen und Behandlung im Strafvollzug mit besonderen Schwerpunkten auf Hoch-Risiko-Täter und radikalisierte Gefangene.

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