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Irritierende ideologische Gemeinsamkeiten: Warum wir von Brücken-Dispositiven sprechen sollten

Im April 2018 wurde eine Razzia gegen die Gruppe „Nordadler“ durchgeführt. Diese war bewaffnet und plante eine völkische Siedlung. Dazu gehörten auch der selbsternannte „Nationalsozialist“ Wladislaw S., der wegen Beihilfe zur Planung eines terroristischen Anschlags 2017 verurteilt wurde – allerdings in einem Islamistenprozess – sowie der Neo-Nazi Sascha L., der später zum Islam konvertierte und im Namen des sogenannten Islamischen Staats (IS) Sprengstoffanschläge vorbereitete. Beide Männer teilten einen aggressiven Antisemitismus. Derartige Übertritte von der einen zur anderen (feindlichen) Gruppe mögen als Sonderfälle erscheinen, zeugen aber von funktionalen Ähnlichkeiten bestimmter ideologischer Elemente, die anhand des Konzepts der Brücken-Dispositive am besten analysiert werden können.

Eine begriffliche Suche

Obwohl erste Ansätze bestehen, hat die Forschung lange die gemeinsamen ideologischen Brücken vernachlässigt, die zwischen radikalisierten Gruppen verschiedener Couleur geschlagen werden. Es gibt eine Reihe von Elementen oder Teile verschiedener radikaler Ideologien (sogenannte „Ideologeme“), die Individuen immer wieder Übertritte aus dem einen ins andere Lager ermöglichen und strategische Allianzen erlauben. Es gibt unzählige Schlagwörter, die derlei Phänomene begrifflich zu fassen versuchen. Es ist die Rede von „Großerzählungen des Extremen“ (Jennifer Schellhöh u.a.), „kulturelle“ oder „flexible Codes“ (Shulamith Volkov und Michael Kiefer), vom „Klebstoff“ illiberaler Bewegungen (Paul Nolte), „Ideologiefragmenten“ (Andreas Zick u.a.) und von „komplementären Narrativen“ oder „rhetorischen Verbündeten“ (Julia Ebner). Die meisten dieser Begriffe bringen allerdings bestimmte Nachteile mit sich oder decken nur einen Teilbereich des Phänomens ab.

Denn es geht nicht nur um Konversionen, also um Übertritte von Einzelpersonen aus dem völkischen ins salafistische Lager oder von der anti-imperialistischen Linken in die Neue Rechte wie etwa jene des Compact-Herausgebers Jürgen Elsässer oder des Rappers Maks Damage. Diese Fälle lösen zwar häufig Irritationen aus, verweisen aber eigentlich darauf, dass vollkommen unterschiedlich erscheinende radikalisierte Gruppen auf ähnliche Narrative oder Symbole zurückgreifen – und dass, obwohl sie strukturell oder personell keine Berührungspunkte haben. Das bedeutet wiederum nicht, dass alle Gruppen von links über rechts bis islamistisch-dschihadistisch eigentlich Ausdruck eines gemeinsamen Phänomens wären – etwa eines allgemeinen Extremismus. Vielmehr werden die Ideologeme von den einzelnen Gruppen jeweils spezifisch aufgegriffen, angeeignet und genutzt. Die Herausforderung an dieser Stelle ist es also, einen Begriff zu finden, der der Gemeinsamkeit der ideologischen Strukturen gerecht wird, ohne die jeweiligen Spezifika glattzubügeln oder durch eine amorphe Abstraktion sein Analysepotenzial zu verspielen.

Großerzählung vs. ideologischer Flickenteppich

Der Begriff der „Großerzählungen des Extremen“ beispielsweise spricht das geschilderte Phänomen durchaus an. Die Autor*innen verstehen darunter „ein großes Narrativ, das uns verschiedene extremistische Ausprägungen als solche erst erkennen und verallgemeinern lässt und das Gemeinschaft und Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe symbolisiert“ (Schellhöh et al. 2018: 8). Diese Auffassung bringt aber mehrere Probleme mit sich. Zunächst läuft hier unter der Hand eine Vorstellung des „Extremismus“ mit, von der ich mich weiter oben bereits abgegrenzt habe. Weiterhin wird unterstellt, dass es sich um ein und dasselbe „große Narrativ“ handele, das als konsistente „Großerzählung“ das gemeinsame Wesen der unterschiedlichen „Extremismen“ ausmache. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass die von Jean-François Lyotard geprägte Semantik der Großerzählung erst dann populär wurde, als dieser den Untergang eben dieser großen Erzählungen diagnostizierte.

Es mag zunächst so aussehen, als würden die unterschiedlichen radikalen Narrative zwischen Gruppen geteilt und auch innerhalb einer Gruppe unhinterfragte Weltdeutungsmuster mit Totalitätsanspruch darstellen. Jedoch darf man diese Narrative nicht zu monolithisch denken. Denn sie sind nicht isoliert, sondern vielfältig miteinander verbunden – aber gerade nicht als ein konsistentes System, sondern vielmehr wie ein zusammengeschusterter, in sich widersprüchlicher und ständig bearbeiteter Flickenteppich. Dieser Flickenteppich stiftet zwar einen übergeordneten Zusammenhang; ihn „Großerzählung“ zu nennen, ist aber irreführend.

„Flexibler kultureller Code“

Daneben haben Michael Kiefer und davor Shulamith Volkov in Bezug auf den Antisemitismus das Konzept des flexiblen oder kulturellen Codes ins Gespräch gebracht. Ursprünglich wendete das Konzept sich gegen die Annahme eines „ewigen Antisemitismus“ und sollte erklären, wie der moderne Antisemitismus sich als eine eigene Form entwickeln konnte, ohne einfach bruchlos aus älteren Formen abgeleitet zu werden (Volkov). Kiefer hat in diesem Sinne mehrfach den islamischen Antisemitismus untersucht. Er kommt zu dem Schluss, dass es einen historischen islamischen Antisemitismus nicht gibt, sondern dass bestimmte Elemente des europäischen Antisemitismus in der jüngeren Zeit islamisch besetzt wurden. Man müsse daher von einem „islamisierten Antisemitismus“ sprechen, der den bisherigen Antisemitismus sozusagen mit islamischen Inhalten übercodiert. Dieses Konzept scheint der ständigen Bewegung im narrativen Geflecht besser gerecht zu werden. Es hat aber vor allem den Nachteil, einen etwas abstrakten Begriff des Kulturellen zu nutzen, der die Frage nicht recht beantwortet, womit wir es eigentlich zu tun haben.

Widerstand – ein Brückennarrativ?

 Etwas konkreter ist der Begriff des „Narrativs“, verstanden als identitätsstiftende Erzählung. Sowohl die Verschwörungstheorien, in denen sich eine generelle Skepsis gegenüber der Moderne und ihre universalistischen Werte äußert, als auch die Erzählungen vom Staatsnotstand, den korrupten Eliten und der Verpflichtung zum Widerstand sind narrativ strukturiert. Diese narrativen Strukturen sollen Wahrnehmungsmuster organisieren und dementsprechende Handlungsoptionen plausibel machen. Sie erfüllen damit eine radikalisierende Funktion in Bezug auf den inneren Zusammenhalt bestimmter Gruppen (etwa die selbsternannte „Bürgerwehr“ Freital). Nach außen hin können sich diese Gruppen wiederum öffnen, indem sie strategische Allianzen mit Verbündeten eingehen, die unter anderen Umständen eher als Feinde angesehen werden. In diesem doppelten Sinne könnte man von „Brücken-Narrativen“ sprechen.

Jenseits von Narrativen: Praktiken, Rituale, Architekturen, Gesetze

 Dennoch ist der Narrativ-Begriff etwas zu eng gefasst, weil er wie im Falle der Großerzählungen zu starke Konsistenzerwartungen schürt und sich wie der Begriff des kulturellen Codes hauptsächlich auf sprachlich verfasste Phänomene bezieht. Dabei können auch nicht-sprachliche Elemente in einem erweiterten Sinn mit ideologischen Bedeutungen aufgeladen sein. Was heißt das konkret? In den organisierten Patrouillen der selbsternannten Bürgerwehren und Scharia-Polizisten wird die Vorstellung in die Tat umgesetzt, ein höheres Gesetz (staatlich oder religiös) stellvertretend zu vollstrecken oder über seine Einhaltung zu wachen. Insofern sind dies praktische Elemente eines größeren ideologischen Zusammenhanges. In der Terrorismus-Forschung wird hier auch von Vigilantismus gesprochen. Dieser aus dem amerikanischen Raum stammende Begriff bezeichnet stellvertretendes gewalttätiges Handeln für den Staat, als der bessere Staat oder jenseits des Staates (Quent 2016). Dieses Handeln richtet sich, anders als im klassischen Terrorismus, dabei nicht gegen staatliche Institutionen oder Vertreter*innen, sondern gegen andere Bürger*innen. Ein anderes Beispiel für nicht-sprachliche Phänomene: Zu den völkisch codierten Männlichkeitskonstruktionen gehören nicht nur die Texte des amerikanischen White Supremacist Jack Donovan, sondern ebenso die brutalen Kämpfe oder die archaischen Tieropfer-Rituale unter den Angehörigen seines „Stammes“, „The Wolves of Vinland“. Auch diese spezifische Art, die Zusammenkunft von mehreren Menschen als „Stamm“ zu organisieren, sowie die architektonische Gestaltung des abgelegenen Ortes „Ulfheim“ mit seiner Wikinger-Halle und den entsprechenden germanischen Symbolen sind Teil des völkischen Männlichkeitskultes. Dies sind recht explizite Beispiele dafür, wie Praktiken, Rituale, soziale und räumliche Arrangements zum Teil eines ideologischen Zusammenhanges werden können, ohne im engeren Sinne sprachlich verfasst zu sein.

Auch Gesetze können Teil eines solchen ideologischen Netzwerkes sein: So zieht die Debatte um das Kopftuchverbot für Mädchen unter 14 Jahren verschiedene Diskurse wie Muslimfeindlichkeit, Anti-Liberalismus und Ultrakonservatismus am Beispiel einer vermeintlichen Frühsexualisierung von Kindern zusammen. Hier können wir derzeit beobachten, wie einerseits das Kopftuch, bisher als Zeichen von religiös-patriarchaler Unterdrückung oder freier Glaubensausübung umstritten, mit einer neuen Bedeutung belegt und zugleich zum Gegenstand eines juridischen Prozesses wird.

Wir sollten Brücken-Dispositive in den Blick nehmen

Um die ideologischen Verbindungen, Allianzen und Prozesse zwischen sich radikalisierenden Gruppen besser zu verstehen, müssen wir also auch nicht-sprachliche soziale Artefakte betrachten. Ein Vorschlag ist der Begriff des Dispositivs. Michel Foucault hat ihn als explizite Erweiterung seiner auf Sprache reduzierten Diskurstheorie entwickelt. Dementsprechend scheint er ideal geeignet, die Phänomene, die uns beschäftigen, zu erfassen. Er versteht unter „Dispositiv“

ein entschieden heterogenes Ensemble, das Diskurse, Institutionen, architekturale Einrichtungen, reglementierende Entscheidungen, Gesetze, administrative Maßnahmen, wissenschaftliche Aussagen, philosophische, moralische oder philanthropische Lehrsätze, kurz: Gesagtes ebensowohl wie Ungesagtes umfaßt. Soweit die Elemente des Dispositivs. Das Dispositiv selbst ist das Netz, das zwischen diesen Elementen geknüpft werden kann

Mit dem Dispositiv-Begriff lässt sich nun formulieren, dass sowohl die Praxis der Bürgerwehren (v.a. Männer, die sich zu einer vermeintlichen „Volksgemeinschaft“ zählen) als auch die Scharia-Polizisten (männliche islamische Fundamentalisten) ein und demselben Dispositiv angehören: dem vigilantistischen. Hier finden sich Vorstellungen über die Legitimität von Herrschaft, über die moralische und juristische Beurteilung des Verhaltens der unter dem (staatlichen oder religiösen) Recht Stehenden und über die gewaltsame oder friedliche stellvertretende Vollstreckung dieses „Gesetzes“. Das vigilantistische Dispositiv umfasst somit nicht nur diskursive Elemente, sondern auch Praktiken, Gesetze (etwa Art. 20, Abs. 4 GG zum „Widerstandsrecht“), Institutionen, Formen sozialer Gruppierungen und anderes mehr.

Gleichzeitig bilden sich von hier aus Brücken zu Verschwörungstheorien („der Große Austausch“), zu Dekadenznarrativen (der „verdorbene Westen“) oder zu Männlichkeits- und Weiblichkeitsvorstellungen (bei Jack Donovan das „Barbarentum“ als Selbstbehauptung völkisch codierter Männlichkeit wider die Dekadenz der großstädtischen liberalen Elite). Solche „Brückennarrative“ können also Teile eines umfassenderen Dispositivs sein. So lassen sich die vielfältigen ideologischen Verschachtelungen skizzieren und analysieren, ohne sie in eine monolithische „Großerzählung“ zu zwingen. Der Begriff der Brücken-Dispositive bringt die oftmals irritierenden ideologischen Gemeinsamkeiten radikalisierter Gruppen auf den Punkt. Genau deshalb sollten wir ihn nutzen.


  • Foucault, Michel (1978): Ein Spiel um die Psychoanalyse. Gespräch mit Angehörigen des Departement de Psychanalyse der Universität Paris/Vincennes. In: Foucault, Michel (Hrsg.): Dispositive der Macht. Über Sexualität, Wissen und Wahrheit. Berlin: Merve, S. 118-175.
  • Quent, Matthias (2016): Bürgerwehren. Berlin: Amadeu Antonio Stiftung.
  • Schellhöh, Jennifer; Reichertz, Jo; Heins, Volker M.; Armin Flender (2018): Großerzählungen des Extremen. Neue Rechte, Populismus, Islamismus, War on Terror. Bielefeld: Transcript.
David Meiering
David Meiering ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Berliner Institut für empirische Integrations- und Migrationsforschung (BIM) und am Institut für Sozialwissenschaften der Humboldt-Universität zu Berlin. Seine Forschungsschwerpunkte sind die "Neue Rechte", soziale Bewegungsforschung und politische Theorie.

David Meiering

David Meiering ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Berliner Institut für empirische Integrations- und Migrationsforschung (BIM) und am Institut für Sozialwissenschaften der Humboldt-Universität zu Berlin. Seine Forschungsschwerpunkte sind die "Neue Rechte", soziale Bewegungsforschung und politische Theorie.

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