Holocaust-Mahnmal in Berlin | Foto: metropolis magazine | CC BY 2.0

„Die Deutschen werden den Juden Auschwitz nie verzeihen“ (Zvi Rex) – Sekundärer Antisemitismus in Deutschland

Antisemitismus ist ein viel diskutiertes Thema in den unterschiedlichen Medien in Deutschland. Ob es sich um die Echo-Auszeichnung von Kollegah und Farid Bang handelt, die mit teils antisemitischen Songtexten und Musikvideos in Erscheinung treten, oder um das Video eines Israelis, auf dem er aufgrund seiner Kippa beschimpft und mit einem Gürtel angegriffen wird. Aber auch Aussagen von Parteimitgliedern der „Alternative für Deutschland“ (AfD) schockieren die Öffentlichkeit. Der Antisemitismus in der deutschen Gesellschaft zeigt sich allerdings in vielen verschiedenen Formen, auch weit ab von politisch motivierter Gewalt und antisemitischem Rap. Laut langjährigen Studien ist die weitverbreitetste Form des Antisemitismus der sogenannte Sekundäre Antisemitismus, ein Antisemitismus der sich in allen Teilen der deutschen Gesellschaft finden lässt.

Antisemitismus als Schuldabwehr

Die zentralen Merkmale des Sekundären Antisemitismus sind die Mechanismen der Schuld- und Erinnerungsabwehr. Diese Ausprägung des Antisemitismus entstand laut dem Politikwissenschaftler Samuel Salzborn zufolge nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges in Deutschland und Österreich und zeichnet sich dadurch aus, dass sie „nicht trotz Auschwitz, sondern wegen Auschwitz“ in Erscheinung trat. Dabei geht es um Abwehr und Verdrängung der eigenen (Mit-)Schuld an den deutschen Verbrechen während des Nationalsozialismus und um die Ablösung der NS-Geschichte von der eigenen Vergangenheit. Ziel des Sekundären Antisemitismus ist nach der Psychologin Birgit Rommelspracher, „[d]ie Verbrechen des Nationalsozialismus zu vergessen und sich auch all der damit verbundenen Gefühle zu entledigen.“ Daher beginnt der sekundäre Antisemitismus „mit der Verdrängung der eigenen Vergangenheit und ist gleichzeitig eine Folge davon“.

Die Ursache dieser Form des Antisemitismus ist die Verdrängung eines kollektiven Schuld- und Schamgefühls, die alle Deutschen betrifft, die sich nicht im Widerstand gegen das nationalsozialistische Regime zwischen 1933-1945 befanden. Diese Gefühle von Scham und kollektiver Schuld wurden in weiten Teilen der Bevölkerung nicht bewusst wahrgenommen, sondern verdrängt. Es war für die Mehrheit der Bevölkerung leichter, sich selbst als Opfer des Nationalsozialismus zu sehen, über die Vergangenheit zu schweigen und die Erinnerung  abzuwehren. Dieses Verhalten hatte für alle weiteren Generationen die Folge, dass die Kinder und Enkelkinder der Täterinnen und Täter in einem moralischen Zwiespalt aufwuchsen: Entweder sie zeigten Empathie für die Opfer und konfrontieren die Eltern und Großeltern mit ihrer Schuld und liefen somit Gefahr, die Beziehung zu gefährden – oder sie schwiegen. Man spricht laut dem Historiker Dan Diner in diesem Zusammenhang auch von der „Komplizenschaft der Generationen“. Diese unaufgearbeiteten Gefühle von Schuld und Scham führen bis heute zu dem Wunsch, die Verantwortung und Erinnerung abzuwehren, vom eigenen Ich abzuspalten und zu verdrängen.

Die Aggression, die jemand in Verbindung mit Schamgefühlen empfindet, wird entweder internalisiert oder externalisiert und auf die Opfer projiziert. Anstatt Empathie mit den Opfern und deren Nachkommen zu zeigen, werden die Täterinnen und Täter verteidigt und die Verbrechen stellenweise relativiert. Das kann auf vielerlei Weise passieren, wie durch eine sogenannte Täter-Opfer-Umkehr. In diesem Falle werden „die Deutschen selbst [als] Opfer, als verführte Masse, die unter Zwang stand“, gesehen. Die Tatsache, dass auch deutsche Bürgerinnen und Bürger schwere Opfer im Zweiten Weltkrieg erlitten haben, birgt dann die Gefahr einer Gleichsetzung mit den Opfern der Shoa, wodurch die Schuld der deutschen Täterinnen und Täter in den Hintergrund rückt.

 

Schlussstrich

Eine weitere Ursache für den Sekundären Antisemitismus ist der Wunsch nach einer positiven deutschen Identität. So schreibt Dan Diner, dass nur Ausschwitz den Deutschen im Weg steht, um sich wieder auf eine positive kollektive Identität beziehen zu können.

In diesem Kontext kann auch der Wunsch vieler Deutscher verstanden werden, einen sogenannten Schlussstrich unter die deutsche NS-Vergangenheit ziehen zu wollen. Ziel ist es dabei sich von jeder Verantwortung loszusagen, um sich wieder positiv mit der deutschen Nation identifizieren zu können. Ein weiterer Grund für die Forderung eines Schlussstriches können laut Philologin und Psychologin Monika Schwarz-Friesel auch klassische antisemitische Motive sein. Dazu zähle etwa die Ansicht, dass man die Erinnerung an die Shoa nur instrumentalisiere, „um über moralischen Druck Geld zu erpressen.“ Dabei lässt sich das antisemitische Motiv des „gierigen Juden“, der aus jeder Situation einen Nutzen zieht, auch im Sekundären Antisemitismus wiederfinden.

Der Wunsch, mit der negativen deutschen Vergangenheit endgültig abzuschließen, ist ein bekanntes und andauerndes Phänomen. So stimmten 1991 60 Prozent der befragten Deutschen der Aussage zu, einen Schlussstrich unter die deutsche Vergangenheit setzen zu wollen. 2013 waren es 55 Prozent.

Im aktuellen politischen Diskurs positionieren sich alle etablierten Parteien im Bundestag offiziell gegen Schlussstrichforderungen, nur die 2017 eingezogene Alternative für Deutschland (AfD) bildet in diesem Zusammenhang eine Ausnahme. So fallen Mitglieder der Partei auf Bundes- wie auf Länderebene immer wieder durch stark antisemitische Äußerungen auf. Der Partei- und Fraktionsvorsitzende Alexander Gauland bedient den Wunsch nach einem positiven deutschen Nationalgefühl. So sagte er über die deutsche nationalsozialistische Vergangenheit, „Hitler und die Nationalsozialisten sind nur ein Vogelschiss in über 1000 Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte“ und relativierte damit die Shoa und die Verbrechen des deutschen Nationalsozialismus. Auch Björn Höckes Aussage über das Holocaustdenkmal, wonach es ein „Denkmal der Schande“ sei, ist der offenkundige Versuch, die nationalsozialistischen Verbrechen zwischen 1933 und 1945 zu verharmlosen und dem systematischen Mord an Juden ihre Singularität abzusprechen. Durch solche rechtsextremen Bekenntnisse  verschieben sich die Grenzen des Sagbaren. Dass solche Aussagen in weiten Teilen der Bevölkerung durchaus anschlussfähig sind, belegen empirischen Daten aus Umfragen. So stimmen, laut einer Umfrage der Friedrich-Ebert-Stiftung von 2014, 55 Prozent der Befragten der Aussage zu, sich darüber zu ärgeren, „dass den Deutschen auch heute noch die Verbrechen an den Juden vorgehalten werden.“ Des Weiteren befürworten 24 Prozent der Befragten 2016 die Aussage,„[w]as der Staat Israel heute mit den Palästinensern macht, ist im Prinzip auch nichts anderes als das, was die Nazis im Dritten Reich mit den Juden gemacht haben.“

 

Doppelte Standards

Das Messen mit doppelten Standards ist auch ein weiteres Merkmal des Sekundären Antisemitismus. Auch hier ist es dem Politikwissenschaftler Lars Rensmann zufolge das Ziel des Sekundären Antisemitismus, die Schuld abzuwehren, indem man auf die mutmaßliche Schuld anderer und im Besonderen auf die mutmaßliche Schuld des Staates Israels verweist. So werden an den Staat Israel im Hinblick auf den Konflikt mit Palästinenser*innen und seinen arabischen Nachbarstaaten andere Maßstäbe gesetzt, als an andere Konfliktparteien oder andere Staaten in ähnlichen Konfliktsituationen, so der Historiker Wolfgang Benz.

Israel wird laut Politikwissenschaftler und Philosophen Pierre-André Taguieff „Imperialismus“ vorgeworfen und als „Apartheidsstaat“ bezeichnet, der aus rassistischen Motiven seine Minderheiten unterdrückt. Dieses Element des Sekundären Antisemitismus kann als eine Strategie der Entlastung verstanden werden, da die eigene Schuld leichter zu bewältigen ist, indem man die Opfer der Shoa in Form von Israel selbst der Täterschaft bezichtigt. Auch hier kommt es wieder zu einer Täter-Opfer-Umkehr. Laut einer 2016 veröffentlichten Studie der Amadeu Antonio Stiftung stimmen 40 Prozent der befragten Deutschen dieser Aussage zu: „Bei der Politik, die Israel macht, kann ich gut verstehen, dass man etwas gegen Juden hat“. Unterstützt wird dieser Blick auf Israel auch durch weite Teile der Medien, in denen Israel dämonisiert wird. So wurde Israel beispielsweise für die Wasserversorgung in der Region angegriffen. Dabei wurde laut dem Bericht mit der falschen Information gearbeitet, die auch durch den Tagesschau-Nachrichtensprecher Jan Hofer in seiner Anmoderation wiedergegeben wurde: Israel würde die ohnehin knappe Ressource Wasser „streng rationieren“. Bewusste Auslassungen wie etwa, dass Israel ungefähr ein Drittel mehr Wasser in die palästinensischen Gebiete pumpt, als in den „Osloer Verträgen“ festgelegt ist, oder dass Lieferungen von in Israel geklärtem Wasser für die Landwirtschaft von offizieller palästinensischer Seite abgelehnt werden führen dazu, dass diese kontroversen Themen nicht umfassend und sondern einseitig zu diskutiert werden.

Die Amadeu Antonio Stiftung schlussfolgert: „Gerade subtile Formen des Antisemitismus stellen eine Gefahr für die demokratischen Werte und das gesellschaftliche Zusammenleben dar.“ Es reicht nicht aus, dass die deutsche Gesellschaft hin und wieder über den Antisemitismus beispielsweise von Menschen mit Flucht- und Migrationshintergrund diskutiert, oder sich über provokative Aussagen von AfD-Mitgliedern empört und die Auszeichnung von antisemitischen Rap kritisiert. Es braucht Selbstreflexion und Mut, um sich auch dem Antisemitismus in der Mitte der Gesellschaft zu stellen.

Anja Siegel

Anja Siegel hat International Studies/Peace and Conflict Studies an der Goethe-Universität Frankfurt mit Schwerpunkt Terrorismusforschung studiert. An der HSFK war sie als Praktikantin im Projekt „Gesellschaft Extrem: Radikalisierung und De-Radikalisierung“ tätig.

Anja Siegel

Anja Siegel hat International Studies/Peace and Conflict Studies an der Goethe-Universität Frankfurt mit Schwerpunkt Terrorismusforschung studiert. An der HSFK war sie als Praktikantin im Projekt „Gesellschaft Extrem: Radikalisierung und De-Radikalisierung“ tätig.

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