Erst bestäuben sie Pflanzen, dann töten sie Menschen: Bienendrohnen in Black Mirror. | Foto: Deven Dadbhawala | CC BY-NC-ND 2.0

Black Mirror: Hated in the Nation – Drohnenschwärme als Bienenersatz?

Die britische Anthologieserie Black Mirror erkundet in dystopischen Zukunftsvisionen, wohin unser technologischer Fortschritt führen könnte. Die Episode Hated in the Nation (S03E06, Charlie Brooker, 2016) spielt dabei in einer Welt, in der Bienen ausgestorben sind und von bienenähnlichen Minidrohnen ersetzt werden, um die Pflanzenbestäubung aufrecht zu erhalten. Ein Krimineller hackt diese Drohnen und ermordet mit ihnen Menschen. Was an diesem Szenario wirklich denkbar ist, erklärt uns Niklas Schörnig.


Die in der Episode eingesetzten Drohnen entsprechen in Design und Funktion ungefähr der Westlichen Honigbiene. Sie bestäuben Pflanzen und gehören jeweils einem Bienenstock an, in dem sie sich selbstständig „fortpflanzen“. Wie realistisch ist dieses Szenario?

Niklas Schörnig: Nach allem was öffentlich bekannt ist, und wir arbeiten ja nur mit öffentlich zugänglichen Informationen, ist das noch nicht möglich. Schon gar nicht in einem unkontrollierten Umfeld außerhalb eines Labors, wo Wind, Wetter und alle möglichen anderen schwer vorhersehbaren Faktoren eine wichtige Rolle spielen. Auf militärischer Seite besteht, soweit ich das sehen kann, aktuell auch kein Interesse an solch kleinen Drohnen, auch wenn an Unis an Drohnen gearbeitet wird, die durch Vögel oder Insekten inspiriert sind. Aber das ist meist noch experimentell. Was viel eher ein militärisches (aber auch ziviles) Thema ist, ist swarming, also die Selbstkoordination von großen Massen kleinerer oder mittelgroßer Drohnen. Das hat man ja schön in der Folge gesehen. Auch wenn man bei Schwärmen natürlich sofort an Insekten denkt – so weit ist die bekannte Forschung noch nicht, dass Insekten-große Drohnen verlässlich als so große Schwärme operieren. Mehr als 1000 deutlich größere Drohnen haben Schwärme aktuell nicht. Allerdings überbieten sich vor allem die USA und China immer wieder mit größeren Schwärmen.

Ein Krimineller hackt die Drohnen und programmiert sie derartig um, dass sie ausgewählte Menschen selbstständig töten können, indem sie durch den Gehörgang in deren Gehirn eindringen. Sind Drohnen tatsächlich hackbar und welche Gefahren gehen von kommerziellen Drohnen aus?

Niklas Schörnig: Prinzipiell ist jedes elektronische System hackbar, wenn es entsprechende Schwachstellen hat. Das gilt für Heimcomputer genauso wie für Drohnen oder Atomkraftwerke. Es gibt aber noch keinen bekannten Fall, in dem militärische Drohnen wirklich gehackt wurden. Und zumindest in Deutschland wurden zivile Drohnen noch nicht für Gewalttaten genutzt. Das heißt aber nicht, dass das nicht möglich wäre. International nutzen schon einige nichtstaatliche Gewaltakteure, z.B. die Hisbollah, die Hamas oder ISIS eigene, kommerziell verfügbare Drohnen. Die Huthi-Rebellen im Yemen behaupten, Drohnen selbst entwickelt zu haben, auch wenn da wahrscheinlich doch ein Staat dahinter steht. Der IS hat darüber hinaus inzwischen kommerzielle Drohnen militarisiert. Da werden Granaten an die Drohnen gehängt, die man per Fernauslösung im freien Fall abwerfen kann. Für amerikanische Truppen ist das eine ernstzunehmende Bedrohung geworden. Auch wenn das nicht mit jeder Drohne aus dem Supermarkt geht, ist es prinzipiell möglich. Sicherheitskräfte in Europa haben diese Gefahr auf dem Schirm, weshalb derzeit viel Geld in Drohnenabwehr investiert wird.

Im Film wird der Drohne eine starke Ambivalenz zugeschrieben: Als Bienenersatz wird sie zur Rettung der Menschheit. In den falschen Händen verkommt sie schließlich zur Mordwaffe. Derartig ambivalente Zuschreibungen finden sich auch immer wieder in Bezug auf Kampfdrohnen. Was ist deine Einschätzung – Ist die militärisch eingesetzte Kampfdrohne eher Segen oder Fluch?

Niklas Schörnig: Bereits 2012 habe ich zusammen mit Frank Sauer in einem Artikel argumentiert, dass Drohnen gerade für Demokratien eine besondere Anziehungskraft besitzen. Denn Demokratien sind in ganz besonderem Maß darauf bedacht, eigene Opfer in Konflikten zu minimieren, in denen es nicht um nationales Überleben und ganz fundamentale staatliche Interessen geht. Wenn also Bodentruppen bewaffnete Drohnen an die Seite gestellt werden, dann erhöht das den Schutz der Truppen erheblich. Und: Der Einsatz bewaffneter Drohnen im bewaffneten Konflikt ist völkerrechtlich zunächst nicht zu beanstanden.
Die Kritik an Kampfdrohnen, die du ansprichst, macht sich meist an den Praktiken der USA, den „gezielten Tötungen“ fest. Problematisch ist, dass die Drohnen in Szenarien eingesetzt werden, die völkerrechtliche Grauzonen oder sogar Verstöße sind. Dass Zivilpersonen, die sich aktiv an Kämpfen beteiligen, ein legitimes Ziel sind, ist zwar inzwischen anerkannt. Aber was, wenn er oder sie aufhört, sich zu beteiligen und die Waffe weglegt? Außerdem setzen die USA Drohnen gezielt gegen Aufständische, Kämpferinnen und Kämpfer und mutmaßliche Terroristinnen und Terroristen außerhalb von Zonen bewaffneter Konflikte ein. Aus Sicht der meisten europäischen Völkerrechtlerinnen und Völkerrechtler ist das illegal. Unter Präsident Obama wurden große Anstrengungen unternommen, für völkerrechtliche Legalität zu argumentieren und die eigenen Argumente für gezielte Tötungen rechtlich zu unterfüttern. Gerade die europäischen Staaten ducken sich allerdings vor diesem Diskurs weg.
Wichtig ist, an dieser Stelle zu betonen, dass sich all diese Argumente auf ferngesteuerte Drohnen beziehen, bei denen Menschen alle Entscheidungen treffen. Es geht also darum, menschliches Handeln rechtlich und moralisch zu bewerten.

Wenn man verfolgt, wie die Politik mit dem Thema Drohnen umgeht, könnte man es angesichts unzureichender Regulierungen ebenso wie in der Serie mit der Angst zu tun bekommen. Was muss an dieser Stelle in Zukunft passieren?

Niklas Schörnig: Bei den ferngesteuerten Drohnen ist der Geist schon aus der Flasche. Immer mehr Staaten beschaffen sich ferngesteuerte Kampfdrohnen, ein Verbot oder eine explizite Regulierung ist nicht in Sicht. Was noch möglich ist, wäre ein internationales Übereinkommen, das tödliche autonome Waffensysteme verbietet, also Systeme, die ohne menschlichen Eingriff Ziele auswählen und angreifen können. Hierzu wird seit ein paar Jahren in Genf im UN-Rahmen verhandelt. Ob so ein Verbot durchgesetzt werden kann, werden die kommenden ein bis zwei Jahre zeigen. Aber im Film war ja die Zweckentfremdung eines an sich ungefährlichen Systems das Problem. Meiner Einschätzung nach herrscht – ohne, dass ich das jetzt wirklich belegen kann – oft eine gewisse Sorglosigkeit für solche Gefahrenszenarien. Gerade hier wären strengere Sicherheitsregularien wichtig. Aber das ist natürlich ein schmaler Grat: Man darf bei neuen Technologien weder nur auf den Hype schauen noch sich durch mögliche Gefahren lähmen lassen. Das hat auch das US-Militär erkannt und z.B. ein Programm aufgelegt, das den Einsatz maschinellen Lernens sicherer machen soll. Das ist allerdings ein zweischneidiges Schwert, weil solche Programme auch den Einsatz autonomer Waffen erleichtern können. Dass aber mehr Wert und Augenmerk auf Sicherheit gelegt wird, ist richtig und wichtig.


Niklas Schörnig ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Programmbereich Internationale Sicherheit der HSFK. Er forscht zu militärischer Robotik, dem Wandel des Krieges, gezielten Tötungen, Rüstungskontrolle und australischer Außen- und Sicherheitspolitik.

 


Dieser Beitrag ist Teil unseres Jubiläumsmagazins zum 50-jährigen Bestehen der HSFK. Das Magazin steht hier zum kostenlosen Download bereit (pdf, 5,42 MB).

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PRIF Redaktion

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Für diesen Beitrag ist die Abteilung Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des Peace Research Institute Frankfurt (PRIF) verantwortlich. Kontakt: Tel.: 069 - 959104-13, Mail: redaktion@hsfk.de

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