Auch Einzeltäter sind in soziale Zusammenhänge eingebunden
Auch Einzeltäter sind in soziale Zusammenhänge eingebunden | Photo: pxhere.com | CC0

Persönlichkeit oder Gruppe: Wo liegen die Wurzeln extremistischer Radikalisierung?

Diese oder ähnliche Fragen werden nach gewaltsamen Vorfällen häufig zuerst in den Medien aufgeworfen. Was wissen wir über den Täter? Was war das für eine Person? Die Öffentlichkeit hat ein großes Bedürfnis zu verstehen, warum sich gerade eine bestimmte Person radikalisiert hat. Auch der Prävention oder der Justiz würden eindeutige Antworten sehr weiterhelfen. Leider ist die Frage nach den individuellen Faktoren kompliziert und kann eher in die Irre führen. Wir blenden den Einfluss der Umwelt aus, wenn wir eine Ursache ‚in der Person‘ finden, vielleicht eine psychische Störung oder Krankheit. Die Forschung zeichnet ein anderes Bild.

Wenn ein terroristischer Anschlag passiert, insbesondere durch Einzeltäter, fragen sich nicht nur Menschen im Alltag oder Journalisten, sondern auch Sicherheitskräfte und Forschung, wie sehr die Tat auf individuelle Persönlichkeitsmerkmale, eventuell eine Psychopathie oder Störungen in der Biografie der Täterinnen oder Täter zurückgehen. Was war das für eine Person? Gibt es Hinweise auf eine ‚Störung‘, Krankheit, auf Fehlentwicklungen in der Kindheit? Oder geht die Tat doch eher auf den Einfluss durch Gruppen, Ideologien oder die gesellschaftlichen Umstände, Persönlichkeit oder Umweltbedingungen zurück? Dann wäre die Erklärung komplizierter. Im Alltag suchen Menschen eine Antwort, um Sicherheit zu gewinnen. Für Gerichte ist die Frage entscheidend, wenn es um die Schuldzuschreibung geht, und für die Prävention ist sie wichtig, um die richtigen Wurzeln der Radikalisierung zu bearbeiten.

Person oder Umwelt, was ist entscheidender? Die Frage ist falsch. Weder allein die Persönlichkeit, noch allein die sozialen Umstände erklären die Radikalisierung von Menschen in extremistischen Milieus oder gar zur ideologisch motivierten Gewalt. Wir müssen den Blick nicht auf den Faktor ‚Person‘ oder ‚Umwelt‘ richten, selbst wenn uns nur der eine oder andere Faktor interessiert, sondern auf die Wechselwirkung von individuellen und gesellschaftlichen Faktoren. Um Radikalisierungen zu erklären, müssen wir den Blick auf den Lebensverlauf, die Biografie von Menschen in bestimmten sozialen Umwelten richten. In welchen Umwelten wachsen Personen so auf, dass sie anfällig für extremistische Ideologien und Gruppen werden?

Wichtige Erklärungsfaktoren

In unseren bisherigen biografischen Analysen einzelner Täterinnen und Täter sowie auch in der Auswertung von Gruppen, die Anschläge verüben wollten oder sie verübt haben, zeigen sich in den Gruppendynamiken und Biografien solche Wechselwirkungen.

  • Erstens können wir keine eindeutige Persönlichkeitsstruktur identifizieren, die hinreichend die Radikalisierung erklärt. Es gibt Täterinnen und Täter mit psychischen Erkrankungen und gutachterlich festgestellten Pathologien, aber selbst diese verweisen darauf, wie sehr die Persönlichkeitsentwicklung von sozialen Umwelten geprägt ist.
  • Zweitens werden selbst Täterinnen und Täter, die alleine extremistische Taten beabsichtigen oder begehen, von ihren sozialen Umwelten geprägt und beeinflusst. Die Prägung findet statt, indem sie im Vor- oder Umfeld extremistische Gruppen ihre sozialen Bedürfnisse besser befriedigen als ihre sozialen Herkunftsumwelten, wie die Familie, Bekannten- und Freundeskreise. Viele terroristische Biografien weisen belastende und unverarbeitete Krisenerfahrungen auf, die sie durch die Hinwendung zu ideologisch extremen Gruppen und Versprechungen der Gruppen zu bewältigen suchen.
  • Drittens stellen wir immer wieder fest, wie sehr soziale Netzwerke die Persönlichkeit und Identität der Täterinnen und Täter der frühen Vergangenheit, die in Europa einen Anschlag verüben wollten oder verübt haben, prägten. Auch die Dschihadisten, die ausgereist sind nach Syrien oder Waziristan, reisten häufig in Kleingruppen von zwei bis vier Personen. Während der Ausreise haben sich die Gruppen massiv beeinflusst, ebenso wie viele von außen gesteuert wurden.
  • Viertens ist Radikalisierung als ein Prozess der Hinwendung zu einem ideologisierten und terroristischen sozialen Umfeld zu verstehen. Er führt durch eine von den Bezugsgruppen geforderten und individuell vollzogenen Distanzierung von Familie und Freunden zu einer Veränderung der Persönlichkeit. Die Terrorgruppe und ihre Ideologie verändern die Individuen. Damit wird die Frage, wie sich Persönlichkeiten in extremistischen Milieus verändern, viel entscheidender als die Frage nach Persönlichkeitsfaktoren.
  • Fünftens heißt das nicht, Persönlichkeitsfaktoren spielten im Vorfeld keine Rolle. Gewalterfahrungen, kritische Lebensereignisse, wie der Tod von wichtigen Familienmitgliedern, Missachtungserfahrungen und Situationen, in denen Personen scheitern und dies nicht erklären können, öffnen die Tür für den sozialen Einfluss. Terroristische Gruppen sind erfolgreich darin, anfällige Personen aufzuspüren.

Terror für die Gemeinschaft

Der Blick auf die einzelnen Täterinnen und Täter ist trotz der Bedeutung von Wechselwirkungen zwischen Persönlichkeit und Umwelt wichtig und stellt Forschung wie Prävention und Intervention vor bedeutende Fragen. Wir beobachten, wie vermehrt einzelne Individuen Anschläge in Europa verüben. Die Axtattacke in einer Regionalbahn bei Würzburg, die Messerattacke auf einen Polizisten im Hannoveraner Hauptbahnhof oder der Anschlag auf den Berliner Breitscheidplatz sind nur die jüngsten Beispiele einer Vielzahl von Terroranschlägen Einzelner im Namen einer dschihadistischen Ideologie in Deutschland. Einzeltaten sind ein Rollenmuster geworden, ein Terrorskript. Insbesondere dschihadistische Terrorgruppen rufen zu Einzeltaten auf, versuchen Druck auf einzelne auszuüben und heiligen sie. Die Bezeichnung „einsame Wölfe“ ist deshalb falsch. Sie verstellt den Blick für die sozialen Einflüsse auf die Personen und der Vergleich mit Wölfen hinkt, weil ein willenloses Rudelverhalten suggeriert wird. Personen, die einzelne Taten begehen, haben in der Regel bereits länger Kontakt zu extremistischen Milieus. Auch wenn sie sich teilweise von diesen Milieus abwenden und später alleine agieren, erhalten sie dort ihre Erziehung, Ideologie und werden mit einer neuen Identität ausgestattet. Radikalisierung ist ein sukzessiver Prozess des Identitätswechsels, der bewusst, aber auch unbewusst stattfinden kann. In den angeführten terroristischen Anschlägen ist er gewissermaßen ein Prozess der Sozialisation zum Terror. Die in Deutschland inhaftierte Sauerland-Gruppe, die in 2007 enttarnt wurde, oder die Essener Jugendgruppe, die im April 2016 einen Anschlag auf einen Sikh-Tempel verübte, zeugen ebenfalls davon. In beiden Fällen waren die Individuen durch die Gruppe geprägt, erzeugte die Gruppendynamik die Radikalisierung, die letztendlich eine Abschottung von der Außenwelt darstellt. Dabei kann es passieren, dass selbst in extremistischen Gruppen einzelne Mitglieder nicht funktionieren: sie sind zu radikal, sie sind psychologisch auffällig und stellen ein Risiko dar, die Gruppe kann ihre Bedürfnisse nicht erfüllen, oder einzelne Mitglieder bewegen sich zwischen Gruppen.

In diesen Fällen kann es vorkommen, dass Einzelne beginnen, die Befriedigung ihrer ideologischen und identitären Ansprüche in übergeordneten, ihrer Meinung nach noch höherstehenden Gruppen, zu suchen. Sie adaptieren übersteigerte Bilder einer globalen Gemeinschaft, wie die „Umma“ des Islam, oder im Fall des Rechtsextremismus des „Abendlandes“, welche unterdrückt und entrechtet werden. Sie entwickeln eine emotionale Bindung zu ‚weltumspannenden‘ Gruppen, die gepaart ist mit Ideologien der Unterdrückung, Entrechtung und Missachtung wie Bedrohung. Um einer stabilen und überbordenden Ungerechtigkeit gegenüber der Gruppe entgegenzutreten, werden Gewaltabsichten und später Tatplanungen immer wichtiger. Der norwegische Rechtsterrorist Anders Breivik inszenierte sich als Ritter, der im Krieg für das Abendland gegen den Islam zog. Dabei kann die extremistische Ideologie als Handlungsskript für den Einzelnen dienen, auch weil sie klare Feindbilder definiert. Wahnhafte oder psychotische Zustände, die teilweise auch durch exzessiven Drogenkonsum erzeugt werden, können solche Vorstellungen zwar verstärken sind in der Regel aber nicht ihr Urheber.

Radikalisierte Gegenkulturen

Bei der Betrachtung individueller Radikalisierungsprozesse müssen wir also zwingend nach den sozialen Umwelten der Täterinnen und Täter suchen, auch wenn wir uns für die Persönlichkeit interessieren. Erst der Kontext macht das Individuum zu einer radikalisierten Person in einer Gruppe. Individuelle Dispositionen und Persönlichkeitsstörungen können zwar eine Rolle spielen, jedoch sind die empirischen Befunde dafür relativ gering. Das soziale Umfeld und die Bedingungen, in denen Individuen aufwachsen, sowie ungelöste Wertkonflikte, Sozialisationsaufgaben und kritische Lebensereignisse haben einen entscheidenderen Einfluss auf die Radikalisierung als bestimmte Persönlichkeitszüge. Extremistische Gruppen bieten ihren Mitgliedern Zugehörigkeit, eine sinnstiftende Tätigkeit und Vertrauen. Diese können zum einen individuelle Bedürfnisse befriedigen und zum anderen bei der Bewältigung individueller Problemlagen und defizitärer Sozialisationserfahrungen beitragen. Extremistische Gruppen können als Sozialisationsnische für junge Menschen dienen, die ihnen bei der Bewältigung von Entwicklungsaufgaben helfen. Vor allem in der Jugendphase bzw. dem Übergang von der Jugend zum ‚Erwachsensein‘ ist von Unsicherheiten und Neuorientierungen geprägt, der Entwicklung stabiler sozialer Netzwerke, die sinnvoll für das Selbstbild sind. Die Gesellschaft gibt der Jugend ja geradezu die Aufgabe: Suche und finde Dich selbst. Das allerdings macht eben auch einzelne junge Menschen anfällig dafür, eine schnelle, enge und sinnstiftende Identität in realen oder virtuellen extremistischen Gruppen zu finden, zumal, wenn diese Identifikationsangebote machen und anfälligen Jugendlichen suggerieren können, dass sie ihre Bedürfnisse besser befriedigen und Missachtungserlebnisse besser ausgleichen können.

Extremistische Ideologien und Denkmuster, sind zwar relativ statisch in Bezug auf die Definition der Bezugsgruppe (Ingroup), sie entwickeln sich aber weiter. Sie wirken gleichzeitig zu gesellschaftlichen Normalisierungsprozessen sowie üblichen Jugendkulturen, passen ihre Feindbilder geschickt in solche ‚normalen‘ Jugendkulturen ein und an. Das Bild des sogenannten ‚Pop-Jihad‘ verdichtet das. Extremistische Ideologien wirken als Gegenkulturen und dienen ebenso wie andere der Auflehnung gegen das ‚Establishment‘, ‚die breite Masse‘ wie auch die ‚Elterngeneration‘. Die Extremkulturen haben jugendkulturelle, stilistische und äußerliche Merkmale, wie sie andere Jugendkulturen auch haben. Rechtsextreme Jugendkulturen adaptieren Elemente der Punkkultur, wie dschihadistische Jugendkulturen Musikszenen imitieren. Antiimperialistische Ideologien, die zuvor linken Aktivisten und Aktivistinnen vorbehalten waren, werden an dschihadistische wie rechtsextreme Milieus angepasst und damit attraktiv für die Rekrutierung ahnungsloser anderer. Das Extreme wird cool, ein Gegentrend und verschafft Selbstwert wie Differenz. Sie bieten Identität und Bindung.

Dies ist davon abhängig, wie sie zugleich Grenzen zu Fremdgruppen (Outgroups) ziehen können. Eine absolute Wertevorstellung und eine starke IngroupOutgroup-Grenzziehung helfen auf der einen Seite, Individuen an die Gruppe zu binden und auf der anderen Seite, die Outgroup so abzuwerten und zu entmenschlichen, dass die Gewalt legitim erscheint. Gewalt kann wichtig werden für den Zusammenhalt wie die Identität. Das ist dann gefährlich, zumal Gewalt in der extremistischen Ideologie schon angelegt ist, was Anhängerinnen und Anhängern extremistischer Gruppen zu Beginn weniger bewusst ist bzw. unterschätzt wird. Gewalt wird zum Erlebnis, zum Ausdruck von Macht und zum Kitt und erscheint im Prozess der Radikalisierung immer wesentlicher wie legitimer.

Fragen wir also noch einmal danach, wie wichtig die Persönlichkeit und Umwelt für die Radikalisierung sind, dann macht die Forschung immer deutlicher: nicht das eine oder andere ist wichtig, sondern die gegenseitige Beeinflussung. Radikalisierung im Bereich des Extremismus ist Persönlichkeitsveränderung durch die Einbindung in extremistische Lebenswelten und eine zunehmende Abkehr von nicht-extremistischen Lebensumwelten. Insofern könnten wir den Blick auf eine Sozialisation im Extremismus richten. Das fällt schwer, weil wir Begriffe wie Sozialisation und Identitätsentwicklung nicht belasten möchten. Aber es fordert uns auch dazu heraus, zu fragen, was extremistische Milieus anbieten oder bewältigen, was die ‚normalen Umwelten‘ nicht tun oder können. Es fordert zudem dazu heraus, unsere eigenen Normen und ihre Bindekraft zu hinterfragen: Vorurteile, Missachtungen und Diskriminierungen von Gruppen können Radikalisierungen von jenen beschleunigen, die darunter leiden und den Heilsbildern extremistischer Gruppen Glauben schenken. Sie erzeugen verletzliche Persönlichkeiten und dafür scheinen extremistische Gruppen teilweise ein gutes Gespür zu haben. Sie holen Menschen ab, wo wir sie im Stich lassen.

Andreas Zick

Andreas Zick

Andreas Zick ist Direktor des »Instituts für Interdisziplinäre Konflikt und Gewaltforschung« sowie Professor für Sozialisation und Konfliktforschung an der Fakultät für Erziehungswissenschaft der Universität Bielefeld. Seine Forschungsinteressen umfassen Konflikte zwischen Gruppen sowie Analysen von Beeinflussungen durch Vorurteile und Diskriminierung, Akkulturation, Rechtsextremismus, Gewalt und Radikalisierung.
Fabian Srowig

Fabian Srowig

Fabian Srowig hält einen B.A. in Soziologie und studiert Soziologie im Master. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung an der Universität Bielefeld, seine Forschungsinteressen widmen sich der Kriminologie, Sozialisationstheorie, Jugendgewalt und Radikalisierung.

Andreas Zick

Andreas Zick ist Direktor des »Instituts für Interdisziplinäre Konflikt und Gewaltforschung« sowie Professor für Sozialisation und Konfliktforschung an der Fakultät für Erziehungswissenschaft der Universität Bielefeld. Seine Forschungsinteressen umfassen Konflikte zwischen Gruppen sowie Analysen von Beeinflussungen durch Vorurteile und Diskriminierung, Akkulturation, Rechtsextremismus, Gewalt und Radikalisierung.

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