Digitale Gaming-Räume und insbesondere Gaming- und Gaming-nahe Plattformen werden inzwischen nicht nur für Diskussionen über Videospiele genutzt. Da sich auf diesen Plattformen Millionen von Nutzer*innen tummeln, die diesen Diskursen ausgesetzt sind, sind digitale Gaming-Räume immer wichtiger für gesellschaftliche Diskurs- und individuelle Meinungsbildungsprozesse. Dabei zeigt sich eine Überrepräsentation populistischer und rechtsradikaler Inhalte. Unter Umständen beeinflussen diese sogar reale politische Entscheidungen – denn auch aktuelle (welt-)politische Themen und politische Ereignisse wie die Bundestagswahl werden dort verhandelt.
Auch wenn die Einzelheiten über politische Inhalte in der Gaming-Welt noch nicht hinreichend erforscht sind, ist es bereits jetzt unstrittig, dass insbesondere auf Gaming- und Gaming-nahen Plattformen politische Themen verstärkt diskutiert werden. Der Begriff „Gaming- und Gaming-nahe Plattformen“ beschreibt digitale Plattformen, die entweder (ursprünglich) für Gamer geschaffen wurden und/oder auf denen sich eine große Anzahl an Gaming-Inhalten finden lässt bzw. die von Gaming Communities genutzt werden. Dies umfasst beispielsweise Kommunikationsplattformen wie Discord, Vertriebsplattformen für digitale Spiele wie Steam oder Modifikationen von Spielen wie Mod DB, Spieleentwicklungsplattformen wie Roblox oder Streaming-Plattformen wie Twitch. Dieser Beitrag zeigt an Kurzerhebungen auf Steam, Roblox und Twitch beispielhaft, wie politische Themen und Ereignisse wie die Bundestagswahl auf diesen Plattformen diskutiert werden.
Steam
Steam erlaubt es, alle auf der Plattform vorhandenen Foren gleichzeitig zu durchsuchen, was vor allem für englischsprachige Schlagworte einen schnellen und unkomplizierten Überblick ermöglicht. Unsere Suche ergab fast 720.000 Treffer zum Stichwort „politic” – um sowohl political als auch politics und verwandte Begriffe gleichzeitig zu erheben. Offenbar gab es in den letzten Monaten einen eklatanten Anstieg an politischen Diskussionen auf Steam: Eine Suche des gleichen Begriffs im Juni 2024 ergab nur etwa 70.000 Treffer und allein in den 24 Stunden zwischen dem 31. Januar und dem 1. Februar 2025 wurden über 600 neue Posts mit diesem Stichwort veröffentlicht. Dieser Anstieg korreliert mit der Wahl in den USA im November 2024. So ergab unsere Suche beispielsweise fast 130.000 Treffer zum Stichwort „election”, über 205.000 Treffer zu „Trump” und fast 70.000 Treffer zu „Harris.” Auch aktuelle (welt-)politische Themen werden in den englischsprachigen Steam-Foren eingehend diskutiert, z.B. in Diskussions-Threads mit Titeln wie „Which side of the Gaza war are you on and why?” oder „Canada vs USA trade war.”
Um die Suche nach Inhalten zur Bundestagswahl besser eingrenzen zu können, haben wir außerdem Zahlen im Deutschen Forum auf Steam erhoben, das zum Zeitpunkt der Erhebung Anfang Februar 2024 etwa 260 Diskussions-Threads enthielt. Das Stichwort „Politik” brachte in diesem Forum 1600 Treffer, das Wort „Wahl” über 2300. Auch Parteipolitik wird dort diskutiert: So ergab die Suche nach SPD etwas über 1300 Treffer, nach FDP etwas über 1000, Grüne circa 530 Treffer, CDU wurde in etwa 600 Posts erwähnt und AfD in über 2300. BSW war mit 170 Treffern die mit Abstand am wenigsten diskutierte Partei und für Die Linke konnten keine verlässlichen Zahlen erhoben werden, da die Suchfunktion auch die Worte (Web-)Link sowie links als Richtungsanweisung ausgibt. Im Gegensatz zur Stichwortsuche im englischsprachigen Forum, war die Suche nach Namen einzelner Politiker*innen im deutschen Forum vergleichsweise unergiebig.
Zum Zeitpunkt der Erhebung wurde im Deutschen Forum vor allem über die AfD diskutiert. Dabei zeigten sich teilweise hitzige Diskussionen und ein großes Meinungsspektrum: So war der Diskussions-Thread „Nur noch AfD”, erstellt Anfang 2025, mit über 600 Posts sehr aktiv. Doch auch Threads mit Titeln wie „AFD-Verbot Thema im Bundestag“ oder „Nur nicht blau”, deren Ersteller*innen der AfD offensichtlich kritisch gegenüberstehen, zeigten ein hohes Maß an Aktivität Anfang Februar.
Ähnlich wie im englischsprachigen Forum scheinen politische Diskussionen auch im deutschen Forum in jüngster Zeit zugenommen zu haben, insbesondere Diskussionen über Parteipolitik. So stammt der erste Beitrag zur AfD zwar aus dem Jahr 2014, doch die überwiegende Mehrheit der Inhalte wurde erst vor kurzem verfasst – viele sogar erst in den letzten Wochen. Auch der erst Ende Januar eröffnete Diskussionsstrang „Raus mit der Politik aus dem deutschen Forum!” mit der Beschreibung „Würde ich richtig gut finden, mal wieder entspannt hier reinschauen zu können, ohne überall nur Propaganda zu lesen”, legt diese Vermutung nahe.
Roblox
Inhalte auf der Online-Spieleplattform Roblox sind nur begrenzt durchsuchbar und Diskussionsinhalte in Gruppen können nicht nach Schlagworten gefiltert werden. Die automatisierte Zensur, die Begriffe oder ganze Posts unkenntlich macht, erschwert die Einordnung von Inhalten zusätzlich. Bezüge zur Bundespolitik lassen sich daher vor allem dort identifizieren, wo diese bereits in den Namen von Profilen, Gruppen, Gegenständen oder Spielinhalten enthalten sind.
Tatsächlich ließen sich keine Gruppen finden, die sich explizit der Bundestagswahl widmen. Allerdings finden sich einige Gruppen, die sich direkt auf Parteien beziehen. Darunter sind alle Parteien mit einem relevanten zu erwartenden Stimmenanteil bei der Bundestagswahl, mit Ausnahme des Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW). Hinzu kommen vereinzelte Kleinstparteien wie Die Rechte. Dass zu jeder Partei nur ein bis drei Gruppen existieren, dürfte auch am vergleichsweise jungen Alter der User der Plattform liegen. Rund 60 % der User sind unter 18 Jahre alt. 42 % der User sind unter 13 Jahre alt.
Dieses junge Alter macht sich auch in der Kommunikation bemerkbar. Unter den politisch interessierten User*innen finden sich wiederholt Verweise darauf, dass diese noch nicht im Wahlalter angelangt sind, ihre Reichweite aber dennoch für Wahlwerbung nutzen wollen. Diese politischen Äußerungen sind jedoch allgemeiner Natur und beziehen sich nicht auf aktuelle Ereignisse, wie die Bundestagswahl. Direkte Aufrufe zur politischen Agitation fanden sich ausschließlich in der einzigen gefundenen Gruppe zur Partei Die Linke und in verschiedenen Gruppen zur AfD: In der Gruppe Die Linke wurde dazu aufgerufen, diverse rechte Gruppen aufzusuchen und dort „ANTIFA!“ in die Kommentarspalte zu schreiben. User*innen aus Gruppen zur AfD suchen wiederum gezielt linke und grüne Gruppen auf, um dort AfD-Wahlwerbung zu platzieren und auf ihre eigenen Gruppen zu verweisen.
In Gruppen zur FDP, den Grünen oder der SPD finden sich hingegen kaum politische Äußerungen, die über eine kurze Beschreibung der politischen Ausrichtung der Partei in der Selbstbeschreibung der jeweiligen Gruppe hinausreichen. Dies liegt auch daran, dass viele Parteigruppen vorrangig zu Rollenspielzwecken existieren und zu Teilen von Spielinhalten werden, in denen die User*innen selbst die Rolle von Parteimitgliedern einnehmen. Doch auch die Gruppen, die sich stärker der Politik verschreiben, nutzen spielerische Funktionen der Plattform. So ist es möglich, Partnerschaften zwischen Gruppen einzugehen. Dabei können „Verbündete“ und „Feinde“ festgelegt werden, die dann über Verlinkungen erreichbar sind. Auf diese Weise werden letztlich selbst politische Gegner beworben. Dies schließt an die spielerisch wirkenden Agitationsversuche an. Auch Kritik an politischen Ausrichtungen, artikuliert in den Kommentarspalten, wirkt häufig kindlich. Sie wird in der Regel durch Provokation der kritisierten Position getragen.
Die meisten Gruppen verfügen über nur wenige Mitglieder – in der Regel unter 20 und häufig im einstelligen Bereich. Gruppen mit Bezug zur AfD bilden jedoch eine Ausnahme: Sie stellen nicht nur den mit Abstand höchsten Anteil aller Parteigruppen. Sie verfügen auch zum Teil über mehr als 100 Mitglieder. Hinzu kommt eine ganze Reihe von Deutschland-Gruppen, die sich bereits in ihrer Selbstbeschreibung positiv auf die AfD beziehen. Auch ist die AfD die einzige Partei, zu der sich einige Marktplatzartikel finden, mit denen Avatare auf der Plattform gestaltet werden können. Darunter vor allem Shirts mit AfD-Schriftzügen. Allerdings fällt auf, dass viele Inhalte von denselben Personen stammen. Auch mehrere AfD-Gruppen wurden von denselben User*innen erstellt.
So spielerisch das Verhalten der User auch wirken mag, kommt es dabei häufig zu Grenzüberschreitungen. Innerhalb der AfD-Gruppen werden Naziparolen oder offene rassistische Beleidigungen artikuliert. Auch die Namen der User*innen bestehen zum Teil bereits aus rechtsextremen Codes oder offenen Mordaufrufen, beispielsweise gegen LGBTIQ+. Einige Gruppen bestehen vor allem zu dem Zweck, gezielte Stürme auf Roblox-Spiele (sogenannte „Erlebnisse“), Gruppen oder Discord-Chat-Server politischer Gegner zu koordinieren. Viele der Gruppen verlinken auf eigene Discord-Server. Es ist davon auszugehen, dass die überwiegende Zahl politischer Gespräche dort stattfinden, da die Inhalte dort geringerer Zensur unterworfen sind und teilweise privater vonstattengehen können.
Twitch
Auf der Streaming-Plattform Twitch lassen sich diverse Kategorien ausmachen, die einerseits nach Spielen und andererseits nach Themen differenziert sind. Von Relevanz für die vorliegende Analyse ist die Kategorie „Politik“, die eine Vielzahl an Kanälen mit dem Hashtag #politik umfasst. Zum Zeitpunkt der Analyse belief sich die Anzahl der Follower*innen dieser Kategorie auf knapp 269.510, wobei davon auszugehen ist, dass die tatsächliche Anzahl an Nutzer*innen, die sich politische Inhalte auf Twitch anschauen, um ein Vielfaches höher ist.
Einige der Kanäle streamen politische Veranstaltungen, wie zum Beispiel Bundestagsdebatten oder einzelne Reden verschiedener politischer Akteur*innen und kommentieren diese ungefiltert mit teilweise starken Meinungen. So wurde die US-Wahl im letzten Jahr nicht nur von einzelnen Streamer*innen aufgegriffen, die entweder republikanische oder demokratische Positionen hatten, sondern auch Politiker*innen selbst sind hier aktiv. Ein Beispiel ist der Twitch-Account von Donald J. Trump mit über 300.000 Follower*innen. Im deutschen Wahlkampf nutzt der grüne Spitzenkandidat die Plattform und stand im Livestream mit dem Streamer HandofBlood (1,3 Mio. Follower*innen) Frage und Antwort.
Die Bemühungen der Content Moderation auf Twitch sind spätestens seit dem live gestreamten antisemitischen Attentat auf die Synagoge in Halle 2019 gestiegen und führende extrem rechte Kader wurden von der Plattform verbannt. Dennoch sind antidemokratische Streamer*innen, Kanäle und Netzwerke zu beobachten. Hier sind lose Netzwerke aktiv, die sich gegenseitig referenzieren und ähnliche Inhalte teilen. Das wohl follower*innenstärkste Netzwerk beinhaltet ein Sammelsurium aus konservativen und extrem Rechten Akteur*innen, mit Kanälen, die stellenweise über 200.000 Follower*innen innehaben und Ironie sowie dog-whistling Elemente nutzen, um rassistische Äußerungen zu teilen. Dabei haben sie zum Teil hohe Anschlussfähigkeit an den Mainstream, da sie sich Elementen der Gaming-Kultur bedienen und die politische Dimension der Streams zweitrangig erscheinen lassen.
Dieses Netzwerk tritt immer wieder populistisch in Erscheinung und zeigt Unterstützung für die AfD-Spitzenkandidatin Alice Weidel sowie die migrationsfeindlichen Positionen des BSW. In den Kommentarspalten zeigen sich dann vermehrt rechtsradikale Kommentare. Events wie das live übertragene Gespräch zwischen Alice Weidel und Elon Musk, in welchem ein geschichtsrevisionistisches Bild gezeichnet wurde, waren bei diesen Streamer*innen beliebt und wurden teilweise mit deutscher Übersetzung übertragen. Auch die Bundestagsdebatte zum migrationsfeindlichen 5-Punkte-Plan der CDU, welcher einen Tabubruch in der Zusammenarbeit mit der AfD signalisierte, wurde massenhaft gestreamt und kommentiert. Mindestens 50 Streamer*innen übertrugen diese Debatte live und eine Vielzahl eben jener Streamer*innen bejubelte die Abstimmung. In den Kommentarspalten fanden sich zudem offen rechtsextreme und xenophobe Kommentare.
Ebenfalls zu beobachten sind Kanäle, die spezifisch parteipolitische Agenden betreiben und Wahlslogans etc. in ihren Influencer-Persönlichkeiten/Avataren implementiert haben. Dabei ist auch hier ein Übergewicht rechtspopulistischer Tendenzen zu beobachten.
Fazit
Digitale Gaming-Räume, insbesondere Gaming-nahe Plattformen, sind inzwischen zu wichtigen politischen Diskursräumen geworden, in denen sich Millionen von Nutzer*innen zu nationalen wie internationalen politischen Ereignissen, Wahlen und Parteien austauschen. Dabei ist ein starkes Übergewicht rechtspopulistischer Inhalte zu beobachten. Die Plattformen sind nicht nur Schauplatz politischen Austauschs: Die hier stattfindenden Diskussionen können auch auf Meinungsbildungsprozesse und gegebenenfalls sogar auf politische Realitäten einwirken. Deshalb müssen Gaming- und Gaming-nahe Plattformen als wichtige Austragungsorte politischer und gesamtgesellschaftlicher Auseinandersetzungen wahrgenommen und von demokratischen Akteur*innen als solche anerkannt werden.