Harald Müller und Nicole Deitelhoff
Harald Müller, ehemaliger Leiter der HSFK, zusammen mit Nicole Deitelhoff, die das Amt 2016 von ihm übernahm.

Podcast #004 // 50 Jahre HSFK – Über Mut, Neugierde und die Lust zu streiten

Harald Müller stand 20 Jahre an der Spitze der HSFK, bevor Nicole Deitelhoff im Jahr 2016 das Ruder übernahm. Zum Anlass des 50. Jubiläums der HSFK haben wir ein Interview mit dem ehemaligen und der aktuellen Leiterin der Institution geführt. Im Podcast sprechen beide über erste Eindrücke, die Verbindung von Wissenschaft und Praxis und die Frage, was die HSFK seit 50 Jahren ausmacht.

 

Kurzversion des Interviews (in dieser Fassung erschienen im HSFK-Jubiläumsmagazin):

Über Mut, Neugierde und die Lust zu streiten

Herr Müller, Sie haben die HSFK drei Jahre nach ihrer Gründung 1973 als Student erstmals betreten. Was war Ihr erster Eindruck?

Harald Müller: Der erste Eindruck war überwältigend, denn man ging damals direkt durch die Eingangstür in die Bibliothek. Eine Riesensammlung an einschlägigen Büchern, die Vielfalt des Angebots war einfach magisch. Und mein Gefühl war: Da will ich hin. Als ich im August 1976 Mitarbeiter wurde, hatte die HSFK erhebliche innere Konflikte zwischen Professoren und den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, zwischen „Linken“ und „Konservativen“. Das waren Nachwehen der 68er-Bewegung. Die HSFK hatte jahrelang um Anerkennung zu kämpfen, vor allem in der konservativen Öffentlichkeit. Damals stellte die CDU-Fraktion im Hessischen Landtag jährlich einen Antrag auf Kürzung des HSFK-Haushalts um eine Million DM. Das hätte für das Institut das Ende bedeutet.

Nicole, du bist 2001 als Stipendiatin an die HSFK gekommen. Wie war denn dein erster Eindruck?

Nicole Deitelhoff: Als ich an die HSFK gekommen bin, war für mich das Institut eigentlich ein Buch mit sieben Siegeln. Ich kannte überhaupt niemanden außer Harald Müller. Für mich hat sich das Institut vor allem durch ganz kurze Wege ausgezeichnet. Alle Kollegen waren immer direkt ansprechbar, unglaublich hilfsbereit. Das war fantastisch.

2001 war auch das Jahr des Anschlags vom 11. September. Herr Müller, wie groß war der Einfluss dieses Ereignisses auf die Entwicklung der HSFK?

Harald Müller: Es gab natürlich die unmittelbare Anforderung an uns, Orientierungswissen für die Öffentlichkeit zu liefern. Die Medien rannten uns die Bude ein. Wir haben die Merkmale der Anschläge mit vorherigen Aktionen von Al Qaida verglichen und dann noch am selben Tag in den Medien vertreten, dass Osama Bin Laden deren Urheber sei. Wir waren unter den Ersten, die diese Diagnose gestellt haben. Wir waren nassforsch, aber trafen letzten Endes ins Schwarze. Das brachte uns natürlich Anerkennung ein. Terrorismus wurde zwar nicht zu unserem Kernthema, allerdings hatte 9/11 noch eine andere Folge: Der Irak-Krieg wurde einer unserer zentralen Forschungsgegenstände, mit dem wir beweisen konnten, dass wir mit unserem Forschungsprogramm über das ambivalente Verhältnis von Demokratie und Frieden im Zentrum der Zeit standen.

Sie haben die HSFK über zwanzig Jahre geleitet. Was waren Ihre größten Erfolge?

Harald Müller: Dass es uns gelungen ist, Theorie und Praxis zu verbinden, und zwar nahezu in der Tätigkeit jedes einzelnen Wissenschaftlers und jeder einzelnen Wissenschaftlerin. Zweitens, dass unsere wissenschaftliche Exzellenz mittlerweile dreimal zertifiziert worden ist vom Wissenschaftsrat und von der Leibniz-Gemeinschaft. Drittens die Förderung des Nachwuchses und die erfolgreiche Frauenförderung. Wir haben jetzt eine Chefin, wir haben so viele Frauen im Vorstand wie Männer, wir haben eine große Zahl an Mitarbeiterinnen und mehr Doktorandinnen als Doktoranden, wenn ich das richtig sehe. Ich bin viertens stolz auf die finanzielle Konsolidierung und fünftens nicht zuletzt auf zwei erfolgreiche Generationswechsel an der Spitze. Man weiß, dass zwei friedliche Führungswechsel in einer Demokratie als Indikator ihrer Stabilität gelten. Dieses Institut ist stabil. Und es hat gezeigt, dass jeder Mensch und jede Art von Leitung auch ersetzbar sind.

Nicole, du hast das Ruder 2016 übernommen. Wie blickst du auf die bisherigen vier Jahre zurück?

Nicole Deitelhoff: Naja, es war lange nicht klar, ob wirklich jeder ersetzbar ist, aber nach vier Jahren sind die schlimmsten Klippen umschifft. Nein, es waren vier sicherlich ungeheuer anstrengende, aber auch wirklich inspirierende Jahre. Neuerungen führen natürlich auch zu Konflikten, wir diskutieren auch heute noch über neue Themen und neue Strukturen. Die HSFK war eben immer ein dynamisches Institut – das bleibt so und das macht uns schließlich erfolgreich.

Wohin soll es denn in den nächsten Jahren gehen aus deiner Sicht?

Nicole Deitelhoff: Wir haben uns in den letzten Jahren durchaus in der Breite unserer Themen weiterentwickelt, das muss man jetzt erst einmal konsolidieren. Wir haben uns im Bereich Terrorismusforschung spezialisiert, die Radikalisierungs- und Extremismusforschung an die HSFK geholt, auch Polarisierung und gesellschaftlichen Zusammenhalt stärker als in den 90er und 2000ern Jahren in den Fokus gerückt und dafür Anerkennung erhalten. In Zukunft möchte ich das, was wir traditionell immer schon sehr stark gemacht haben – also grenzüberschreitende Konflikte, internationale Konfliktlagen, Rüstungskontrolle – enger verzahnen mit unseren neuen Stärken im innergesellschaftlichen Forschungsgebiet. Aber wenn ihr mich danach fragt, wie ich mir die HSFK in fünf Jahren vorstelle: Diejenigen, die sich mit Friedensund Konfliktforschung im engeren Sinne beschäftigt haben, wussten immer, dass die HSFK ein fantastisches Institut mit toller Forschung ist. Aber an allen außerhalb dieses Felds ist die HSFK einfach so vorbeigelaufen. Und das möchte ich gerne ändern, sodass wir in Zukunft nicht mehr nur ein Institut für Kenner sind, sondern ein Institut, das man kennt.

Was wären denn mögliche Instrumente dafür?

Nicole Deitelhoff: Das eine ist, dass wir uns bemühen, in unserer Stadt, in unserer Region aktiv zu sein und Angebote zu machen für die Stadtgesellschaft. Im Frühjahr war da etwa unser Ausstellungsprojekt „Making Crises Visible“, bei dem wir mit vielen Partnern in der Region zusammengearbeitet und einen Teil unserer Forschung begehbar, anfassbar, sichtbar gemacht haben. Zu sehen war die Ausstellung im Senckenberg Museum. Aber auch in Konfliktlagen wie dem extremistischen Anschlag von Halle müssen wir mit unserer Expertise bereitstehen und helfen. Wir haben beispielsweise der Stadt Hanau angeboten, dass unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Schulen und Vereine gehen oder auch für Diskussionsveranstaltungen zur Aufklärung bereitstehen. Damit möchten wir unserer gesellschaftlichen Verantwortung nachkommen.

Eine wesentliche Aufgabe der HSFK ist die Politikberatung. Was letzten Endes zu bestimmten politischen Entscheidungen geführt hat, wissen wir in den meisten Fällen aber nicht. Herr Müller, können Sie von einem Fall berichten, bei dem Sie sicher sind, dass unser Beitrag wesentlichen Einfluss hatte?

Harald Müller: Also ich denke am nächsten kommt man da in dem erstaunlichen Jahr 1989. Es begann damit, dass die NATO neue Kurzstreckenraketen nach Europa bringen wollte, auch nach Deutschland. Im Frühjahr war in Moskau schon der Pulverdampf eines Militärcoups zu riechen, Gorbatschow wackelte. Und einer der wesentlichen Momente, die dieses Wackeln ausgelöst hatte, war dieser geplante NATO-Beschluss, weil damit in den Augen der Hardliner die ganze Gorbatschow-Politik gescheitert wäre. Man sah auch im Auswärtigen Amt die Gefahr, dass der Entspannungsprozess zusammenbricht, und suchte nach Argumenten, um diesen NATOBeschluss zu verhindern. Das Kanzleramt war unentschlossen, Kohl war sehr NATO-treu. Wir bekamen einen Anruf aus Genschers Büro, ob wir sehr schnell eine Studie machen könnten, die verständlich darlegt, warum dieser Beschluss nicht getroffen werden sollte. Und wir machten das, ich glaube, innerhalb von zehn oder vierzehn Tagen. Genscher nahm das, brachte es zusammen mit anderen Vorlagen und marschierte ins Kanzleramt. Und das Ergebnis des Gesprächs war, dass Kohl davon überzeugt war, dass dieser Beschluss jetzt so nicht gefasst werden sollte. Kohl hatte innerhalb der NATO einen enormen Einfluss und konnte sehr gut mit dem US-Präsidenten Bush. Er brachte es fertig, Bush und Thatcher davon zu überzeugen, diesen Beschluss auf unbestimmte Zeit zu verschieben.

Das ist jetzt natürlich schwer zu toppen für dich, Nicole.

Nicole Deitelhoff: (lacht) Ich wollte gerade sagen: Alles was ich jetzt beisteuern könnte, klingt daneben völlig profan. Ich glaube aber, dass es sich auch durchaus auszahlt, dass wir in den letzten Jahren auf die Trainingsebene gesetzt haben. Beispielsweise werden aus unserem Projekt „Salafismus in Deutschland“ unsere Videos, die einzelne Aspekte von Radikalisierungsprozessen darstellen, inzwischen in der Ausbildung der Polizei in Baden-Württemberg eingesetzt. Ein anderes Beispiel ist, dass wir jedes Jahr die politikwissenschaftliche Ausbildung der angehenden Diplomatinnen und Diplomaten im Auswärtigen Dienst machen und dort das, was wir hier an Erkenntnissen in der Forschung gewonnen haben, direkt in Praxismodule umsetzen.

Nicole, was macht denn die HSFK aus deiner Sicht besonders? Gibt es so etwas wie eine spezifische DNA der HSFK?

Nicole Deitelhoff: Ja, aus meiner Sicht ist das so. Die Grenzen zwischen Forschung, Forschungsunterstützung und Verwaltung wurden hier nie besonders scharf gezogen. Wir diskutieren immer sehr rege miteinander und streiten auch schon mal. Das ist etwas, das die HSFK bis heute auszeichnet. Sie ist insgesamt einfach extrem neugierig, was einem fast schon auf die Nerven geht (lacht). Außerdem haben die Kolleginnen und Kollegen einen Blick für das Wesentliche. Man diskutiert gerne über alles, man streitet auch gerne über alles, aber am Ende des Tages geht es ums Wesentliche. Und dann wird sich eben nicht mehr an den kleinen Details aufgehalten, sondern dann haben alle das Große und Ganze im Blick. Und das ist etwas, das die HSFK meines Erachtens zu einem ganz besonderen Institut macht.

Harald Müller: Ich sehe das ganz ähnlich. Die HSFK unterscheidet sich von fast allen Leibniz-Instituten und anderen Instituten dadurch, dass sie nicht ihrem Direktor gehört. Sondern dass es eine weitgehende Partizipation der Mitarbeiterschaft auch an wesentlichen Entscheidungen des Instituts gibt. Dass der Forschungsrat nicht einfach eine Institution ist, die abnickt, sondern die wesentliche Fragen der Institutspolitik mitdiskutiert und mit beeinflusst.

Herr Müller, was wünschen sie der HSFK für die nächsten fünfzig Jahre?

Harald Müller: Ich bin Emeritus. Und ein Emeritus hat weder das Recht noch die Pflicht, Visionen zu haben. Das war mein Job, solange ich dieses Institut zu leiten hatte. Jetzt ist die Vision als Recht und als Pflicht in der Hand von Nicole. Und mein Privileg ist es, von der Seitenlinie mit ständiger Sympathie der Umsetzung ihrer Vision zuzusehen.

Nicole Deitelhoff: Solange das nicht wie in der Muppet-Show ist, wo dann die älteren Herren oben in der Loge sitzen, find ich das ja eigentlich auch ein ganz schönes Bild. Nein, wenn ich über die nächsten fünfzig Jahre nachdenke, möchte ich auch keine großen Visionen entwickeln, sondern vielleicht eher ein paar Charaktereigenschaften hervorheben, von denen ich hoffe, dass sie die fünfzig Jahre begleiten werden. Und das sind Mut und Abenteuerlust. Die HSFK hat den Mut gehabt, von einem kleinen Landesinstitut in die Liste der Leibniz-Gemeinschaft einzutreten. Das war wirklich mutig. Und das war natürlich Ernst-Otto Czempiel, aber vor allem Harald Müller zu verdanken. Wer weiß, was in zehn, in zwanzig Jahren anliegt, aber diesen Mut, dieses persönliche Engagement, das wünsche ich der HSFK auch für die nächsten fünfzig Jahre.


Nicole Deitelhoff ist Geschäftsführendes Vorstandsmitglied der HSFK und Leiterin der Programmbereiche „Internationale Institutionen“ und „Transnationale Politik“. Sie forscht zu Kontestation und Krisen von Institutionen und Normen, politischer Herrschaft, Opposition und Dissidenz sowie Demokratie und Zusammenhalt.

 

 


Prof. Dr. Harald Müller leitete die HSFK von 1996-2015 und ist emeritierter Professor für Internationale Beziehungen (Goethe-Universität Frankfurt). Er forscht zu internationaler Sicherheitspolitik, Rüstungskontrolle/Abrüstung, deutscher und amerikanischer Außen- und Sicherheitspolitik sowie zu Theorien der internationalen Beziehungen.

 


Dieses Interview ist Teil unseres Jubiläumsmagazins zum 50-jährigen Bestehen der HSFK. Das Magazin steht hier zum kostenlosen Download bereit (pdf, 5,42 MB).

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PRIF Redaktion

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Für diesen Beitrag ist die Abteilung Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des Peace Research Institute Frankfurt (PRIF) verantwortlich. Kontakt: Tel.: 069 - 959104-13, Mail: redaktion@hsfk.de

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